20. Dezember 2010 – Hannover – Nordstadt

So eine dicke Eisschicht habe ich noch nie in unserer Straße gesehen. Wie Stefan Niggemeier schon gestern in der FAS schrieb: Für die einen ist es das grosse Schneechaos, für die anderen der Winter. Während Staat, Wirtschaft und Weihnachtsgeschenkjäger scheinbar unvorbereitet durchdrehen, grüßen sich Nachbarn, helfen sich beim Schneeschippen und schieben sich gegenseitig die Autos aus den Parklücken. Ein Cafébetreiber verteilt Kekse und die Kinder kriegen Kakao geschenkt. Im Park wird Schneefussball gespielt und Skilanglauf gemacht. Für einen kurzen Moment ist alles still.

Im Fotoladen/Postshop/Geschenkeklitsche brodelt es. Manch einer steht bereits seit vierzig Minuten an, um schnell noch ein Weihnachtspäckchen abzugeben. Einer wird nervös. „Wenn ich nicht bald nach Hause gehe, war der Paketbote schon da, und dann kann ich wieder hierherkommen, um mein Päckchen abzuholen.“ Der minderjährige Praktikant hinterm Tresen macht indes „Deine Mutter“-Witze und ordnet seelenruhig seine Apps auf dem Telefon.

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13. Dezember 2010 – In den Medien

Hannover 96 gewinnt gegen Stuttgart und klettert kurz auf einen Champions-League-Platz. Der Nobelpreis geht an einen leeren Stuhl. Egge feiert seinen Geburtstag im Keller. Polizisten beenden entspannte Partys. Costa lernt, französische Zwiebelsuppe zu kochen. Politiker freuen sich über einen Pseudo-Erfolg in Cancun. In England protestieren Studenten gegen die endgültige Privatisierung der Hochschulbildung. In Stockholm explodiert ein Selbstmordattentäter und die FAZ lobt die Stadt als besten Ort, um sich auf das Fest einzustimmen. Michael Ballack schaut sich in der Leipziger Spinnerei moderne Kunst an. Die Guttenbergs reisen mit Kerner nach Afghanistan. Die Amazon-Webseite fällt aus. Und die Entschlüsslung des menschlichen Genoms ist ein Nachfolgeprojekt der Atombombenforschung. Es bleibt spannend…

02. Dezember 2010 – Auf den Gleisen in Ostdeutschland

Wir lieben es, mit der Bahn zu fahren. Und das ist jetzt kein schlecht gemachter Viral-PR-Scheiss. Wir kriegen auch kein Geld von der Bahn. Eher im Gegenteil: Das Geld, was wir dem Verkehrsbetrieb aus Berlin in den vergangenen Jahren in den Rachen geschoben haben, reicht sicherlich für ein eigenes Wilhelmshaven 21. Auch sind wir keine Freunde des typischen „Die Bahn ist scheisse“-Meckerns.

Denn eigentlich könnten wir richtig dankbar sein, dass wir jede Woche mindestens 300 Kilometer mit Zügen durch Deutschland rasen: Immer waren wir Teil der Geschichtsschreibung, die dann in den Medien zu Vulkan-Katastrophen, Jahrundert-Sommern oder Kälteeinbruch hochgejazzt wurden. Eine einfache Zugverspätung ist da lächerlich.

Auch wenn es sich dabei schneckenhaftes Fahren durch Ostdeutschland handelt. Um drei Stunden Warten in Sichtweite des Leipziger Bahnhofs. Um kurze Freude, wegen der Weiterfahrt, aber nur bis Leipzig / Halle Flughafen, damit „die Raucher eine kleine Erösung kriegen“, während draußen unerwartet 20 Zentimeter Neuschnee bei minus 13 Grad fällt, sich die Menschen vor dem Hauptbahnhof  um Taxis hauen (wirklich!) und der Ausruf „Der Zugtechniker bitte zum Lokführer“  beim Wettbewerb um den Spruch des Jahrhunderts locker „Ist hier irgendwo ein Arzt“ verdrängt. Immerhin ist das Bier in solchen Momenten kostenlos. Einen Antrag auf Reiserückerstattung haben wir trotzdem immer dabei.

November 2010 – Böser Winter

In Leipzig hat es diese Woche geschneit, das erste Mal in diesem Winter. Es ist kalt und nass und so schnell wieder dunkel. Meine italienische Mitbewohnerin sieht inzwischen aus wie kleine Wollknäuel, so viele Schichten Kleidung trägt die Sonnenverwöhnte inzwischen. Sie versteht aber inzwischen, warum die Deutschen so wetterfühlig sind und das auch ihr liebstes Gesprächsthema ist. Da hat sich das Auslandsjahr ja schonmal gelohnt…

Mich selbst hat der Winter bis jetzt noch nicht verprügelt, und das verdanke ich wohl unserem inoffziellem vierten Bandmitglied: dem Ingwer. Am Anfang schaute Egge schon komisch, als ich auf Tour immer wieder eine Knolle hervorzauberte, ein kleines Stück abbiss und leidlich genießend verzerrte. Inzwischen nimmt er manchmal selbst etwas. Vor allem, wenn wir wieder einmal früh morgens auf irgendeinem Bahnhof stehen, drölf Stunden geschlafen haben und uns alles andere als wie eine Band fühlen.

Über die einzelnen Wirkstoffe in dem Gelöt möchte ich mich an dieser Stelle gar nicht äußern, dafür reicht ja schon der Esopedia-Eintrag. Aber ich will mich, und das ganz ohne besonderen Anlass, dir danken, du toller Knolle!