22. Juli 2011 – Oerlinghausen – JZO

Das Jugendzentrum Oerlinghausen hat in diesen Wochen seinen 35. Geburtstag gefeiert. Als wir am Freitag ankamen, humpelten einige noch vom Fußballturnier wenige Tage vorher. Nachdem wir für eine knappe Stunde selbst die Pille hin- und hergekickt haben, wussten wir, wie gefährlich das sein kann. Uns ist aber nichts passiert, außer der Erkenntnis, alt und schlapp geworden zu sein.

35, sow das JZO, sind wir noch lange nicht, aber die Jahre haben auch bei uns ihre Spuren hinterlassen. Also konzentrierten wir uns lieber auf das, was wir noch hinkriegen und stiegen als zweite von drei Bands auf die Bühne. Es war ein lustiger Abend, vor allem, weil Kollege Murphy von Glasnost AG alles gab, um  nicht nur seine Gitarre heulen zu lassen. Seine Band sei euch an dieser Stelle auch ans Herz gelegt.

Auf der schnellen Rückfahrt fiel uns zum ersten Mal seit langer Zeit wieder die krassen Lkw-Fahrer auf, die keine Lust hatten, normal zu fahren…

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Warum momentan alle mit Berlin Liebe machen wollen

Als Jeff Jarvis, Blogger und Journalismusprofessor, am Wochenende die Nachrichten schaute, wurde er wütend. Schuldenkrise, Streit zwischen Republikanern und Demokraten und keine Lösung für all die Probleme, die die ehemalige Superpower USA im Griff haben. Im Netz veröffentlichte er einen wütenden Protest voller Kraftausdrücke in Richtung Hauptstadt Washington.

Was dann passierte, sagt viel aus über das Internet und die Hypes, die wie Tsunamis durchs Netz rollen: Bei Twitter lässt sich ein bestimmtes Thema über sogenannte Hashtags kategorisieren. Der Protest in der arabischen Welt hatte einen eigenen Suchbegriff, wie auch die Fußballweltmeisterschaft der Frauen. Viele, die Jarvis bei Twitter folgten, und seine Hasstirade gegen die amerikanische Politik genauso empfanden, setzten also kurzerhand einen eigenen Hashtag für den Protest gegen den Stillstand: „fuckyouwashington“. Innerhalb weniger Stunden wurde es zu einem der meistgetwitterten Begriffe. Millionenfach unterstichen Linke wie Rechte in den USA im Netz ihre Botschaft an Washington, indem sie den Hashtag benutzten. Bei Twitter landete das Thema ganz oben, ein gutes Indiz für die Wichtigkeit von diskutierten Themen.

Jeff Jarvis war von dem vermeintlichen Erfolg völlig überrascht: „Das ist explodiert. Ich hätte das niemals vorhersehen können.“

Nun hat das Phänomen Deutschland erreicht. Kritik an der Bundesregierung, den schicken und hippen Menschen in der Hauptstadt oder einfach Hass auf Berlin – alle finden unter dem Begriff „fickdichberlin“ zusammen. Da ist es auch egal, ob man die Kanzlerin und ihre Minister meint oder einfach nur stänkern will. Am frühen Mittwochmorgen stand der Begriff schon unter den Top Drei bei Twitter und wird eifrig bei anderen sozialen Netzwerken wie Facebook diskutiert. Jetzt ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Thema auch in der realen Welt diskutiert wird und sich die ersten den Spruch auf T-Shirts oder Jutebeutel drucken lassen.

17. Juli 2011 – Neubrandenburg – AJZ

Ein bisschen aufgeregt ist Egge schon, als wir die letzten Kilometer zu dem Ort seiner Kindheit hinter uns legen. Jede Straße, jedes Haus kennt er auf dem Weg nach Eggesin. Hat zu jeder Kreuzung eine Geschichte. Ein wenig froh scheint er doch zu sein, dass Costa ihn so lange vollgelabert hat, sein altes Zuhause am nordöstlichen Zipfel Mecklenburgs zu besuchen. Als wir da sind zeigt er die Fußballspielplätze auf Supermarktdächern, die Knutschecken, den Sportplatz und die Wiese, auf der sein Haus stand, bevor es dem Rückbau zum Opfer fiel. Das Blaubeerenfest im Dorfzentrum lassen wir aus. Als einzige ohne Thor-Steinar-Jacke wären wir uns underdressed vorgekommen.

In der Geschwister-Scholl-Straße wirbt die NPD für ihr Kinderfest. Am 4. September wird in Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Der Verfassungsschutz hat Angst, dass sich Neonazis und Linke vorher in einer „Spirale der Gewalt“ begegnen. Schon jetzt gibt es fast wöchentlich Anschläge. In Ueckermünde wird immer noch gekämpft. Wir fahren erstmal zum Strand.

Bis zum FKK-Strand sind es zwei Kilometer, und wir haben keine Badehose dabei. Doch die das Stettiner Haff schimmert so schön in der warmen Abendsonne, dass wir schnell unsere Klamotten abpulen und ins Wasser springen. Segelboote fahren elegant in den Hafen, ein paar Jugendliche hängen lässig auf ihren Luftmatratzen. Als wir halbnackt am Softeisstand vorbeigehen, tuscheln die Leute. „Hauptsache Sonnenbrille auf.“

Die Punks in der ersten Reihe wollen alles schneller, lauter und mit mehr Bass. Bevor sie von ihrer eigenen kleinen Party am Seeufer gekommen sind, haben sie unten noch alle Dosenbiere und Zigarettenstummel aufgesammelt. Jetzt singen sie in den Liedpausen, dass sie die „Innenstadt demolieren wollen“. Unser Gastgeber lässt auf einem LED-Schild „Beatproleten“ laufen. Die ganze Meute zeigt sich erstaunlich textsicher und fordert „Greatest Hits“ und „mäaaaa Varzärraaaa“. Wir gehen ins Bett, als wir nach East 17 keine Stimme mehr haben.

Veganes Curry, veganes Rührei, selbst gemachter Schnaps – die Verpflegung im AJZ steht unter dem Moto „Rocken ohne Knochen“. Das schaffen sie immer wieder gut, dass wir viel zu viel essen und mit voller Plauze auf der Bühne stehen. Und dann noch ein Obstteller als Gute-Nacht-Gruß. Das AJZ wäre die perfekte autonome Jugendherberge!

Eine Fähre trennt uns auf unserer Reise vor dem letzten Bundesland an diesem Wochenende. Neben uns stehen nur schlechtgelaunte Urlaubspapas mit zickigen Kindern und Norweger auf Wellness-Urlaub bei den Teutonen. Das Wendland empfängt uns sanft in Niedersachsen.

Der Soundtrack zum Untergang

Am Wochenende haben wir alles gegeben. Am Ende war die Gage vertrunken, Egge heiser und Carlos Spaßmobil hat etliche Kilometer hinter sich. Was bleibt sind diese Bilder im Schädel. Und die Musik. Ein Versuch der Rekonstruktion.

PS: Ja, das ist der offizielle Beweis dafür, dass zu viele Städte in zu wenig Tagen verrückt machen.

16. Juli 2011 – Ortwig – Fresh Air Festival

In Zeiten, in denen selbst Atomkraftwerke als klimafreundlich und umweltverträglich grüngewaschen werden, lässt sich manch einer einiges einfallen, um Geld mit dem schlechten Gewissen anderer zu verdienen.

Eine der neuesten und umstrittensten Methoden ist das unterirdische Speichern von Co2. Dabei wird beim Verfeuern der fossilen Brennstoffe das Kohlendioxid aus dem Rauchgas ausgeschieden und in unterirdischen, salzwasserführenden Gesteinsschichten gepumpt. Klingt erstmal grün, dass aber trotzdem weiter vor allem Braunkohle dafür abgebaut werden muss und verfeuert wird, ist den wenigsten klar. Auch weiß niemand, ob diese Form der Speicherung überhaupt sicher ist und nicht einfach mal so das Trinkwasser einer gesamten Region vergiftet.

Da wir den Kampf gegen so ein Endlager in der schönen Brandenburger Provinz unterstützen wollen, fuhren wir an einem sonnigen Samstag nach Ortwig nahe der polnischen Grenze. Die Gegend wirkt wie ein zweites Wendland. Unglaublich schöne Landschaft, überall kleine Künstlerkommunen oder Ökobauernhöfe und sehr nette Menschen. Einige davon, die Bürgerinitiative CO2ntra Endlager, veranstaltete dort das Fresh Air Festival. An zwei Tagen spielten Bands und Liedermacher, wurde Kuchen gebacken und Eis gegessen, wurde einfach laut und friedlich gegen die Kommerzialisierung des Untergrunds auf Kosten der Ökologie und Gesundheit protestiert. Wir sind froh, dabei gewesen zu sein!

15. Juli 2011 – Leipzig – Feinkost

Ich mache auch was mit Medien. Das hätte fast jeder Gast sagen können, vor dem wir auf dem Leipziger Feinkost Gelände in der Südvorstadt spielten. Denn vor der Bühne stand mit den Leipziger Journalistikstudenten wohl ein Teil der zukünftigen Medienelite des Landes. Gut also, dass kein investigativer Reporter Fotos von der Semesterendparty gemacht hat.

Gut auch, dass das Semester vorbei war. Denn die meisten wirkten müde und erschöpft. Neben ihren Seminaren und Vorlesungen mussten sie sich in den vergangenen Monaten mit Gerüchten rumplagen, ihr Institut könne komplett umgebaut und vielleicht sogar geschlossen werden. Streits zwischen Lehrenden und Studenten und eine allgemein schlechte Stimmung zog sich so durch die Flure und demotivierte einige so weit, dass sie vorzeitig ihr Studium abbrachen. Nach dem Sommer werden außerdem mehrere Dozenten nicht wieder kommen. Ob aus der Journalistik aber letztendlich ein Lehrstuhl für Umwelt- und Gesundheitskommunikation wird, bleibt offen. Dass der Journalistennachwuchs aber tanzen mit singen kann, haben sie gezeigt. Es besteht weiter Hoffnung um die vierte Macht im Staat.

Wir haben jetzt übrigens ein neues Bandmitglied. Herr Holle ist ein besonders lautes Crashbecken, das sich darauf freut, immer wieder von Egge mit Sticks gehauen zu werden. Ein erster Schritt in Richtung organischer Sound. Demnächst machen wir nur noch Singer/Songwriter.

13. Juli 2011 – Hannover – Wenn Kerzen leuchten

Mit einem Knall ist alles dunkel. Auch das Handynetz geht aus. Wie auf einem Festival suche ich mein Kurbellicht und schaue nach draußen. Die ganze Straße ist dunkel, sogar die Lichtverschmutzung am Himmel ist weg. „Das ist das Ende der Welt.“ „Quatsch, die Atomindustrie will uns nur weißmachen, dass der Ausstieg ein Fehler war.“ Egal, wir gehen raus, bewaffnet mit Taschenlampe.

Die Kellnerin in einer Kneipe brüllt laut „Feierabend“, doch die Gäste zünden einfach ihre Kerzen und Zigaretten an. Bei so viel Dunkelheit stört sich niemand über das Rauchverbot.

Das Feuerwerk in den Herrenhäuser Gärten wirkt noch viel kräftiger als sonst. Gerade ist das „Kleine Fest im Großen Garten“ vorbei. Bunt scheint der Himmel, ein paar Leute auf der Straße haben schnell noch Knaller und Raketen von Silvester rausgekramt und machen mit.

Auf der Limmer Straße bricht ein spontaner Z0mbie-Walk los. Mit lauten „Gehirn“-Rufen troten ein paar in Richtung rollender Autos. Die Bierflasche aber immer noch fest in der Hand.

Irgendwo heulen die Sirenen, ein paar Jugendliche haben wohl einen Kiosk oder Supermarkt geplündert.

Wir gehen auf unseren Balkon und rücken zusammen, machen eine Kerze an und erzählen uns Gruselgeschichten.