++ Januar 2011 ++ Was hängen geblieben ist ++

Der Januar, ein Monat der Muße. Langsam kommt man wieder im Alltag an nach all den Fressorgien und Besinningseinlagen. Na ja. Haben wir nicht geschafft. Aber seht selbst. Was für im Januar 2011 gelernt haben:

– Herr der Ringe ist immer noch eine großartige Filmtriologie
– man kann den ganzen Neujahrstag damit füllen
– in der Directors Cut Version versteht man sogar die Elben
– Silvester nie auf dem Hamburger Kiez feiern
– lieber auf einem Dach in St. Georg
– die Eislaufbahn aus Kunststoffplatten mitten im hannoverschen
Einkaufszentrum fanden selbst Kinder langweilig
– Adoro-Musiker würden auch Slayer covern
– Tom Gerhardt hat mehr Falten als Mutter Teresa
– ja, er weiß, wie schlecht seine Filme sind
– Filme, die wir mal wieder gesehen haben und empfehlen können: Sieben Jahre in Tibet, Machete, Control
– die Buchverlegerin Dora Heldt heißt eigentlich Bärbel Schäfer
– sie hat ihr erstes Buch unter dem Pseudonym bei ihrem eigenen Verlag eingereicht, weil sie dem Klüngelvorwurf entgehen wollte
– früher wollte sie die Welt verändern, heute den Menschen Zerstreuung bieten
– Kalkofe und Wischmeyer wollten als Arschkrampen einst auch unterhalten
– heute sind sie live nur noch langweilig
– und ihre Ironie ist so verborgen, dass selbst Thor Steinar-Fans ins hannoversche Aegi kamen
– Juri Gagarin hat sich aufgelöst
– leider war es ausverkauft und Audiolith-Lars sagte an der Kasse:  „Jungs, kommt gegen 3 Uhr wieder“
– man findet nie um 3 Uhr vom Hamburger Berg zurück
– Raymund Kranleidis (oder so) Büroannekdötchen in Buchform sind so originell wie Bahngedichte oder Anglizesmenbashing, pardon, Anglizesmenanfeindungen
– Sängerin Nadin Marie Schmidt ist offensichtlich irre, hat aber eine Stimme, die fesselt & fasziniert
– Nouvelle Vague haben eines der besten Konzerte im Capitol gegeben in diesem Jahr, großartig
– auch toll: das Console-Album, Literaturquikie im Hamburger Feldstern, Ostseespaziergänge, Hotelbadezimmerflutungen, Frühstück im Gig, die Bar Natalie und Krüger in Berlin, Lindy-Hopp, Lied drei auf dem neuen Beatsteaks-Album
– Leipzig ist so eine geile Stadt: Essen im Cantona, Kunst schauen bei der alten Spinnerei, chillen im Clara Zetkin Park, feiern bei Feinkost, futtern beim Burgermeister, Bierchen im Schlechten Versteck, toll!
– mit Goldkind Lieder aufnehmen ist Trinkersport
– die hannoversche Faust hat endlich die Insolvenz hinter sich
– das hat noch nie ein Kulturzentrum in dieser Größe geschafft
– Oliver Dierssen hat mit „Faustus“ ein neues Buch draußen
– Radio- und Wochenschauprofi Fritzsche hat nu auch nen Satiregipfel
– … und redet schneller als Egge
– die Model-WG-Filiz war mal Miss Türkei & Miss Hameln und betreibt im Norden Hannovers ne Waschanlage
– und ist nett!
– der Sing Sing Klub im hannoverschen TAK-Keller tritt das Flockenpop-Erbe an
– Leinehertz hat von Alternativ auf Massentauglich umgestellt & damit auch die letzte Floraerblast entsorgt
– ein Boykott ist nicht die schlechteste Idee, Gruß an Heiko
– tatsächlich hat Egge ein gutes Heinz Rudolf Kunze-Interview führen können
– Lieblingsfrage: „Ist es eigentlich schlimm, wenn man irgendwann mehr als Privatmann wahrgenommen wird als als Musiker?“ Kunze: „Ich weiß, worauf sie hinaus wollen. Und ja, für die Bunte wurde ich erst durch die Scheidung bekannt.“ Egge: „und es stört sie nicht, wenn die Medien zur Hochzeit kommen?“ Kunze: „ich habe nicht vor, noch einmal zu heiraten.“
– Egge Lieblingsantwort aller Zeiten auf eine Neues-Album-Frage stammt von den Scorpions: „das geht Straight nach vorn. Das ist back to the roots. Das ist richtig Rock’n’Roll!“ danke, Klaus!
– Hören-Wettbewerb war seeehr lang (armer Moderator Tobi)
– gefallen haben: menina Loop, klämpner und Germaid
– auf der ABF zu moderieren ist so spannend wie eine Marktschreierausbildung
– Hubert Zitt ist Professor für Enterpriseantriebstechniken
– man kann damit einen Abschluss machen
– Spock hatte schon in den Sechziger Jahren Antimaterie, Kernfusionsreaktor und immer Recht
– Klaus Urban ist der derzeit beste Herzblutautor der Region Hannover
– er hat zu recht den letzten Poetry Slam gewonnen

Soweit. Danke für diesen Monat. Danke an die Multilayers,
Sprechstationies, Zuckermenschen & Hackenporschefahrer, Jenenser,
Inselplatzbewohner & Dresdenblockierer für die Gastfreundschaft. Danke
an die guten Menschen in Linden, Altona & Hohenfelde. Danke an das
Leben, das immer Haken schlägt, wenn man denkt, es kommt zur Ruhe*

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20. Dezember 2010 – Hannover – Nordstadt

So eine dicke Eisschicht habe ich noch nie in unserer Straße gesehen. Wie Stefan Niggemeier schon gestern in der FAS schrieb: Für die einen ist es das grosse Schneechaos, für die anderen der Winter. Während Staat, Wirtschaft und Weihnachtsgeschenkjäger scheinbar unvorbereitet durchdrehen, grüßen sich Nachbarn, helfen sich beim Schneeschippen und schieben sich gegenseitig die Autos aus den Parklücken. Ein Cafébetreiber verteilt Kekse und die Kinder kriegen Kakao geschenkt. Im Park wird Schneefussball gespielt und Skilanglauf gemacht. Für einen kurzen Moment ist alles still.

Im Fotoladen/Postshop/Geschenkeklitsche brodelt es. Manch einer steht bereits seit vierzig Minuten an, um schnell noch ein Weihnachtspäckchen abzugeben. Einer wird nervös. „Wenn ich nicht bald nach Hause gehe, war der Paketbote schon da, und dann kann ich wieder hierherkommen, um mein Päckchen abzuholen.“ Der minderjährige Praktikant hinterm Tresen macht indes „Deine Mutter“-Witze und ordnet seelenruhig seine Apps auf dem Telefon.

13. Dezember 2010 – In den Medien

Hannover 96 gewinnt gegen Stuttgart und klettert kurz auf einen Champions-League-Platz. Der Nobelpreis geht an einen leeren Stuhl. Egge feiert seinen Geburtstag im Keller. Polizisten beenden entspannte Partys. Costa lernt, französische Zwiebelsuppe zu kochen. Politiker freuen sich über einen Pseudo-Erfolg in Cancun. In England protestieren Studenten gegen die endgültige Privatisierung der Hochschulbildung. In Stockholm explodiert ein Selbstmordattentäter und die FAZ lobt die Stadt als besten Ort, um sich auf das Fest einzustimmen. Michael Ballack schaut sich in der Leipziger Spinnerei moderne Kunst an. Die Guttenbergs reisen mit Kerner nach Afghanistan. Die Amazon-Webseite fällt aus. Und die Entschlüsslung des menschlichen Genoms ist ein Nachfolgeprojekt der Atombombenforschung. Es bleibt spannend…

November 2010 – Böser Winter

In Leipzig hat es diese Woche geschneit, das erste Mal in diesem Winter. Es ist kalt und nass und so schnell wieder dunkel. Meine italienische Mitbewohnerin sieht inzwischen aus wie kleine Wollknäuel, so viele Schichten Kleidung trägt die Sonnenverwöhnte inzwischen. Sie versteht aber inzwischen, warum die Deutschen so wetterfühlig sind und das auch ihr liebstes Gesprächsthema ist. Da hat sich das Auslandsjahr ja schonmal gelohnt…

Mich selbst hat der Winter bis jetzt noch nicht verprügelt, und das verdanke ich wohl unserem inoffziellem vierten Bandmitglied: dem Ingwer. Am Anfang schaute Egge schon komisch, als ich auf Tour immer wieder eine Knolle hervorzauberte, ein kleines Stück abbiss und leidlich genießend verzerrte. Inzwischen nimmt er manchmal selbst etwas. Vor allem, wenn wir wieder einmal früh morgens auf irgendeinem Bahnhof stehen, drölf Stunden geschlafen haben und uns alles andere als wie eine Band fühlen.

Über die einzelnen Wirkstoffe in dem Gelöt möchte ich mich an dieser Stelle gar nicht äußern, dafür reicht ja schon der Esopedia-Eintrag. Aber ich will mich, und das ganz ohne besonderen Anlass, dir danken, du toller Knolle!

20. Oktober 2010 – Geh-offline-Tag

Sie sagen, du solltest nicht so angepasst leben,
dafür hauen sie dir Pfefferspray ins Gesicht.

Sie sagen, du musst noch viel mehr lernen,
und lassen dich Studiengebühren zahlen.

Sie sagen, du solltest dich integrieren,
dabei leben sie weit weg von den Menschen.

Sie sagen, du solltest fünf Fremdsprachen kennen,
und selbst verstehen sie ihre eigene nicht einmal.

Sie sagen, du brauchst noch mehr Arbeitserfahrung,
doch niemand gibt dir einen Job.

Sie sagen, du solltest die Umwelt schützen,
und vergraben Strahlenmüll in der Natur.

Sie sagen, du solltest sparsam sein,
doch verschenken sie dein Geld an ihre Freunde.

Sie sagen, du solltest nach Hamburg gehen, nach Leipzig und Berlin,
dort ist die Szene, die Musik, die Party, das Leben, nur nicht dein Herz.

08. Oktober 2010 – Magdeburg – LIZ

Mehr als fünf Jahre ist es schon her, dass Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle verbrannt ist. Die Umstände sind bis heute ungeklärt, aber die Faktenlage höchst brisant. Damit sein Tod nicht in Vergessenheit gerät, hatte das Libertäre Zentrum in Magdeburg zu einem Infoabend mit anschließendem Konzert eingeladen. Wir durften dort spielen, gemeinsam mit den coolen Boys von Meier und Erdmann.

Es war das erste Konzert seit anderthalb Monaten, während unserer Spielpause hatte der Herbst die Bäume gefärbt und unsere Lebensmittelpunkte ein paar hundert Kilometer auseinander gerissen. Umso mehr freuten wir uns, dass vor der Bühne noch eine Menge Leute standen, die uns beim Quatschmachen zusehen wollten.

Das Libertäre Zentrum ist seit ein paar Monaten legal, die circa zwanzig Bewohner Besitzer ihres tollen Hauses. Draußen wachten zwei kräftige Jungs, weil der letzte Nazi-Angriff keine zwei Wochen her ist. Im Hof stand schon das Holz bereit, mit dem im Winter die Kessel beheizt werden. Einer erzählte von einem Besuch des SEKs bei ihm auf dem Bauwagenplatz und in der Küche brutzelten leckere Veggie-Burger in der Pfanne. Zwei Skins machten Pogo auf dem Perserteppich und hauten einen um, dem vor ein paar Tagen der Hund weggenommen wurde, und eine junge Dame war extra aus Leipzig gekommen und verbrachte die Nacht auf dem Bahnhof Magdeburg , wenige hundert Meter von der Truppe großer, kurzhaariger Männer, die auf ihren schwarzen Jacken dick „Sicherheit“ stehen haben. Nach dem Konzerten entschwanden wir in die Nacht, hörten laut alte Punk- und Technohits und landeten irgendwann in einer Kneipe, in der es nach vier Uhr noch Pommes gibt und der Besitzer weiß, was er bringen soll, wenn man „Lütje Lage“ bestellt.