23. April 2010 – Leipzig – Gieszer 16

Leipzig ist ein Lebewesen. Jedes Mal, wenn wir die Stadt besuchen – zuletzt Ende März – hat sich etwas verändert, wurde etwas dazugebaut, hingestellt, abgerissen, umgeplant, angemalt, weggelassen. Doch geschieht das auf dem ersten Blick nicht so radikal wie in Berlin, wo sich ganze Stadtteile binnen weniger Monate vom vermeintlichen Schmutz befreien und zum Knotenpunkt von jungem, urbanen Leben werden.

Natürlich sind die früher wilderen Stadtteile wie Südvorstadt oder Connewitz inzwischen aufgewertet und spiegeln eher den Wünschen moderner Stadtplanung wider, doch so ist das ja immer mit den Geheimtipps. Kaum sind sie welche, verlieren sie diesen Status auch schon wieder. Schönes zieht immer an, und wer wollte schon Menschen verbieten, schöne Musik, Essen, Kultur, Internetseiten, Städte, Festivals etc zu genießen. Dass die Entdecker und Pioniere gar nicht so begeistert sind, was aus ihrer heimlichen Liebe geworden ist, ist auch verständlich. Es scheint, als dürften die schönsten Dinge im Leben niemals allzu bekannt und zugänglich sein, sonst werden sie ausverkauft, verwässert, mißbraucht. Wirtschaftler nutzen das Prinzip gerne selbst, um mit künstlicher Verknappung Dinge mit Wert aufzuladen, die sonst eher nichts bedeuten.

Die Gieszer 16 ist definitiv seit Langem kein Geheimtipp mehr, steht das Projekt in Plagwitz inzwischen seit zehn Jahren für einen erfolgreichen Kampf für Freiräume in der Stadt. Früher besetzt, haben die Menschen, die hier wohnen, arbeiten, schaffen und leben das Gelände inzwischen gekauft. Eigentum verpflichtet, das mussten die Betreiber auch lernen. Wurde früher noch „illegal“ gefeiert, und das ohne Rücksicht auf Lautstärke, Trennung von Klos und Feuerschutz im Sinne des Gesetzgebers, meldet nun das Ordnungsamt Begehren an und fordert die Einhaltung seiner Standards und Regeln. Auch das liegt wohl in der Natur des Menschens: Zuerst kommen die Abenteuerer und Probierer, dann die Genießer und Interessierten, dann die Verkäufer und Halunken und zum Schluss die Verwalter.

ps. Egge hat 20 Mark gewonnen, weil er mit Costa gewettet hat, dass die Menge  ihn beim Stagediven von der Bühne zum Techniker zum Abklatschen trägt und wieder zurück. Dafür ist jetzt sein Knie blau. Das hat er davon…

pps. Mit dem Geld wollten wir eigentlich noch den Playback-Pantomimen Einen ausgeben, der vorher so herzzerreißend Depeche Mode gespielt hat. Er war aber irgendwann weg, und wir haben uns lieber zeigen lassen, dass Sachsen von oben wie eine Schnecke aussieht.

17. April 2010 – Frankfurt – Bett

„Irgendwer wird dem Vulkan auch die Schuld an der Finanzkrise und der katastrophalen Situation der Deutschen Bahn geben.“ In den wenigen Sekunden, die man mit wildfremden Menschen im Zugflur auf den Stopp wartet, entspinnen sich manchmal Gespräche, die besser von keinem Literaten erfunden werden könnten. Vielleicht sonst nur von Dittsche. An diesem Samstag im April, sonnig und wolkenlos, ließen sich problemlos drei Ereignisse miteinander kombinieren: Der Ausbruch des islandischen Vulkans nahe des Gletschers Eyjafjallajökull, dessen Aschewolke über Europa den Flugverkehr zum Erliegen gebracht hatte; der geplante Börsengang der Deutschen Bahn, der nicht nur in Berlin für Ausfall der S-Bahnen gesorgt hatte, sondern auch für zahlreiche kaputte ICEs, wovon einer an dem Tag eine Tür verlor. Und der Brand eines LKW unter einer Hamburger Zugtrasse, der den Bahnverkehr stark einschränkte – bestimmt wieder ein Anschlag Wilder auf die Bürgerlichkeit, wie sie es in Hamburg und Berlin in den vergangenen Monaten immer wieder gibt.

In Frankfurt, dieser idealen Stadt des Standortfaktors innerhalb der Globalisierung, bescherte uns diese drei Ereignisse den wohl schönsten Himmel ever, einen unglaublichen Sonnenuntergang und – wegen der Überlastung der Frankfurter Hotels – ein Doppelzimmer. In Frankfurt waren wir auf Einladung von Frank. Frank betreibt in seiner Stadt den Klub mit dem wohl tollsten Namen: Das Bett. Feierwütige freuen sich immer darüber, mit Sprüchen ihrem Lieblingsklub abzufeiern. „Wollen wir heute Abend gemeinsam ins Bett?“ „Neulich bin ich wieder einmal mit XY im Bett abgestürzt.“ „Ich habe das ganze Wochenende im Bett verbracht.“ Toll! Frank war auch einer der ersten Veranstalter, der uns vor Jahren die Chance gab, außerhalb des Poetry-Slam-Umfeldes aufzutreten. Dafür sind wir ihm dankbar und seiner tollen DJ-Tochter für die Musik.

Frankfurt ist also immer nett zu uns gewesen. Dazu gehört auch Marc, der beim örtlichen Bürgerradio X die Ausgehsendung „X wie raus“ macht und der uns dieses Mal wieder in seine Sendung einlud. Es ist schön, dass es immer noch solche Institutionen gibt, die das Leben in einer Stadt abseits von Kommerzradios einfängt. Das Interview mit uns gibt es hier zu hören.

Gefreut haben wir uns auch darüber, endlich Wolfgang vom „Alice Project“ kennenzulernen, für den wir vor Jahren unser Ton-Steine-Scherben-Cover einmal aufgenommen haben. Alice setzt sich für die objektive Aufklärung von Drogen und Lebensentwürfen ein und pendelt zwichen Kommerz-Rave, Goa-Partys und Festivals, um in kleinen, informativ geschriebenen Flugblättern über die Auswirkungen von Drogen auf Kopf und Hirn aufzuklären. Für ihren Dienst werden sie sogar von der Frankfurter Stadt unterstützt.

ps. Im Fernsehen feierte sich übrigens die ARD für 60 Jahre Programm. Schön, wie „Tatort“-Schauspieler Jan Fedder sich nebenbei und live eine Flasche Schluck genehmigte, die er dann mit Karl Dall teilte. Erfrischend neben den anderen glatten Gestalten.

3. April 2010 – Kreuzberg – Multilayerladen

Wenn Klubs Blaulicht auf dem Klo haben, kann man sicher sein, der Abend wird richtig geil. Das Konzert im Multilayerladen war dann auch genau das. Auftreten auf der Werkbank und selbstmitgebrachte Gedichte von netten Gästen, die Egge so lange vortragen musste, bis der Ton, die Geschwindigkeit und der Rhytmus passten.

Ja, Poesie ist harte Arbeit. Aber man will ja auch dem Umfeld entsprechend punkten, und wann hat man schon einmal die Gelegenheit in einer der größten Bausünden Berlins spielen zu dürfen: dem Neuen Kreuzberger Zentrum am Kottbusser Tor, kurz Kotti genannt. Eingequetscht zwischen Dönerbude und T-Shirt-Laden der berüchtigten 36-Boys-Gang, gleich um die Ecke vom „Parkplatz des Grauens“, steht das kleine Büro, Attelier, Klub, Café und behauptet sich mutig. Schön das. Und irgendwie auch ein passenderes Bild von der Stadt, als das, was der Senat ans Spreeufer geklatscht hat. Wer Berlin als Großraumdisko oder Selbstfindungslabor ansieht, glaubt auch Thilo Sarrazin.

ps. Der Blick vom Plattenbau ist fantastisch.