Dezember 2010 – Carlos Top Ten Zwanzigzehn

Mein Jahr in einer unvollständigen Liste.

1. Das erste Gesicht, das ich am ersten Januar Zwanzigzehn sehen durfte, wird auch das letzte in diesem und wiederum das erste im kommenden Jahr sein.

2. Der kalte Wind findet noch jede Ritze, zwischen den allzu gut eingepackten Klamotten. Obwohl wir wie Zwiebeln durch die Dünen laufen, spüren wir die steife Nordseebrise an der Haut. Aber irgendwo hier müssen die Rehe doch sein. Hasen, Fasane, Adler und Möwen haben wir ja schon genug gesehen.
Seitdem ich denken kann, fahren wir auf diese Insel, ich kenne schon fast jede Düne auswendig. Nun stehen wir wieder hier auf der Höhe, vor uns das Meer. Dicke Eisschollen säumen die Linie, wo die Wellen fast schon kraftlos auf den Strand brechen. Schaum erfriert sofort. Auf dem Boden liegen Hunderte Stücken altes Holz, Bernstein ist aber nirgends zu sehen.
Die Suche geht weiter. Nach dem Reh im Winter. Nach Bernstein am Strand. Nach warmen Plätzen, wenn der Wind kalt bläst. Schön, dass ich das nicht alleine machen muss.

3. Er hätte einfach besser aufpassen sollen. So ist er nicht nur auf den glitschigen Steinen ausgerutscht, er hat sie auch gleich mit umgerissen. Nun müssen wir so hart lachen, dass wir fast nicht mehr schwimmen können. Der Kanal ist um diese Morgenstunde noch warm von gestern. Außer uns ist kein Mensch zu sehen. Die Wolken am Himmel sehen aus wie Schäfchen, wenn auf dem Rücken schwimmend langsam rumdümpelt. Davor waren wir tanzen und Wodka mit Gurke trinken. Und geliebt, gelacht, gesungen haben wir auch. In diesem verwunschenen Garten, in dem Hasen Nichtgeburtstag feiern und Punks in Babyschwimbecken ihren Freischwimmer machen.

4. Nie haben wir in dem Raum Bier zusammen getrunken. Immer nur gearbeitet. Und Witze gemacht. Und Musik gehört. Und lange geschwiegen, wenn der Redaktionsschluss näher rückte. Und gestritten, wenn die Überschrift nicht passte oder der Dienst das verlangte. Jetzt sitzen wir hier, hören Musik oder auch nicht, trinken Herrenhäuser und unterhalten uns entspannt über das Leben, die Kunst, das Weggehen. Später werfe ich einem Punk noch Ausverkauf vor, nur um doch mit ihm Schnaps zu trinken. Monate später spielt 96 nicht wie 96, und wir trinken wieder Bier, wärmen uns mit Schokolade. Alles ist anders und doch irgendwie gleich.

5. Um ein Uhr nachts ist es der Braut egal, wie teuer ihr Kleid war. Sie hat jetzt einfach Lust zu tanzen. Zu Rage Against The Machine. Zu den frühen H-Blockx, zu Offspring, zu all den Hits, zu denen man als niedersächsischer Teenager in den späten Neunzigern auf Dorfpartys, Garagenfeten und in der Rockdisko abging. Auch wenn man jetzt älter ist, Anzug trägt, mit dem Studium fertig ist oder schon lange in seinem Job arbeitet, braucht man die volle Dröhnung. Diese Hochzeit zweier lieber Menschen in der Lüneburger Heide ist die beste Gelegenheit. Es wird, für die meisten Anwesenden, das beste Festival des Jahres!

6. „Heute zahle ich. Ich lade euch alle ein.“ Ein Essen gegen ein Studium. All die Jahre der finanziellen, moralischen und emotionalen Unterstützung aufwiegen mit der Frische, der Schärfe, der Süße, dem explosiven und liebevollen Geschmacks gebratener Auberginen, Tabouleh, Köfte, Cacik, Sütlac und all den anderen Köstlichkeiten. Eigentlich unmöglich, ich denke aber, sie haben sich genauso gefreut wie ich.

7. Bon Iver singt für Emma im Radio, draußen brechen die Wellen an die spanische Küste. Die Haare sind noch nass, die Lippen noch salzig. Das Bier schmeckt trotzdem. Der Hahn gegenüber kräht und der Hund bellt. Die Sonne brennt dorthin, wo die Tom-Waits-Biographie sie nicht verdeckt. Tage auf dem Balkon und in den Wassern Andalusiens.

8. Manchmal trifft man die richtigen Menschen in den falschen Momenten. Man weiß eigentlich, wie sehr man sich mag, aber hat dafür in dem Moment einfach keine Zeit oder keinen Kopf. Man streitet sich oder verliert sich so aus den Augen. Und Jahre später, vor der Parkbühne Hamburg, während die tollen National singen und spielen steht man sich dann wieder gegenüber. Und plötzlich weiß man, warum man sich vor Jahren eigentlich mochte, und eigentlich ist das auch alles okay so gelaufen. Denn man weiß genau: Beim nächsten Mal freut man sich dann wieder umso mehr.

9. In einer fremden Stadt ankommen, nach zwei Tagen gleich tolle Menschen kennen lernen, zwei Wochen später eine Stammkneipe haben, zwei Monate später jede Abkürzung morgens auswendig können. Wissen, wo es den besten Espresso gibt, die besten Pommes, den besten Veggie-Burger. Wo man nachts noch hingehen kann und was die Einheimischen von uns Studi-Touris halten. In die eigene Heimatstadt zurückkommen und die Unterschiede erkennen. Und beides genießen!

10. Um auf die Bühne zu kommen, muss man nur drei Stufen gehen. Eigentlich. Tatsächlich aber muss man rund vier Jahre lang fast jedes Wochenende irgendwo auftreten. Man muss sich gegen Kunststudenten wehren, die einen auf der Bühne verprügeln wollen. Man muss in unzähligen Zügen schwitzen und frieren und warten und. Man muss immer wieder Angst vor seinem Equipment haben, weil das Zimmer im besetzten Haus nicht abschließbar ist. Man muss immer wieder neu anfangen, Menschen zu zeigen, was man da überhaupt auf der Bühne vor hat. Man muss die Freundin mit selbst gemachtem Sushi bestechen, weil man schon wieder ein Wochenende weg war. Man muss Freunden sagen, dass man sie auch diese Woche nicht sehen kann. Man muss seine Uniabschlussarbeit im Zug Korrektur lesen. Man gratuliert der eigenen Mutter von unterwegs zum Geburtstag. Man muss sich immer wieder selbst davon überzeugen, dass es die eigene Entscheidung war, die einen zu später Stunde in irgendein verranztes Zimmer mitten in der Provinz geführt hat, in einen schimmligen Keller, auf eine Bühne, vor der ein zahlender Gast auf Techno wartet.
Es sind drei Stufen bis hoch zur Bühne. Das Licht ist aus, das Zelt dunkel. Du spielst das Intro und die ersten Schemen sind erkennbar. Das Licht geht an, ihr ruft „Guten Abend, Fusion!“ und du hast keine Ahnung, wie viele Hände dich begrüßen…

20. Dezember 2010 – Hannover – Nordstadt

So eine dicke Eisschicht habe ich noch nie in unserer Straße gesehen. Wie Stefan Niggemeier schon gestern in der FAS schrieb: Für die einen ist es das grosse Schneechaos, für die anderen der Winter. Während Staat, Wirtschaft und Weihnachtsgeschenkjäger scheinbar unvorbereitet durchdrehen, grüßen sich Nachbarn, helfen sich beim Schneeschippen und schieben sich gegenseitig die Autos aus den Parklücken. Ein Cafébetreiber verteilt Kekse und die Kinder kriegen Kakao geschenkt. Im Park wird Schneefussball gespielt und Skilanglauf gemacht. Für einen kurzen Moment ist alles still.

Im Fotoladen/Postshop/Geschenkeklitsche brodelt es. Manch einer steht bereits seit vierzig Minuten an, um schnell noch ein Weihnachtspäckchen abzugeben. Einer wird nervös. „Wenn ich nicht bald nach Hause gehe, war der Paketbote schon da, und dann kann ich wieder hierherkommen, um mein Päckchen abzuholen.“ Der minderjährige Praktikant hinterm Tresen macht indes „Deine Mutter“-Witze und ordnet seelenruhig seine Apps auf dem Telefon.

Jahresrückblick Teil 1 – Die Alben (Egge)

2010 neigt sich dem Ende.  Zeit besinnlich zu werden und ein wenig zurückzuschauen. Wir fangen popkulturtheoretisch an. Und Egge präsentiert seine Lieblingsalben und was ihm für den ersten Teil noch so einfällt. Auf geht’s.

1. Dendemann – Vom Vintage verweht
(Wie geil ist dieser Typ?!)
2. Massive Attack – Heligoland
(Man versuche Lied 7 mitzuklatschen. Und wir bei den Handclaps so viel Energie investiert, muss ein Genie sein)
3. The National – High Violent
(Hat Egge von Costa bekommen und die Stimme ist immer noch ein echter Ohrenzucker)
4. Superpunk – Die Seele des Menschen unter Superpunk
(Spontankauf. Und es lohnt sich. Allein für „Das waren Mods!“)
5. The XX – XX
(Schön verschwurbelt stimmungsvoll, ein Jahr in Liedern)
6. Jónsi – Go
(Tanzbarer als Sigur Rós, aber macht es das schlechter? Nö!)
7. Antitainment – Ich kannte die, da waren die noch real
(Eher als Hommage an die vorigen Alben gekauft. Die sind immer noch besser. Aber das aktuelle Album ist immer noch geiler als der ganze Lady Gaga-Stuff zusammen).
8. Wir sind Helden – Bring mich nach Hause
(eines der schönsten stillen Alben überhaupt)
9. Vampire Weekend – Contra
(War im Januar ein Hitgarant!)
10. Lena – My cassette player
(war einfach ein schönes Jahr mit der Lena)

PS: Jaja, Gisbert zu Knyphausen ist auch dufte! Transmitter auch & Selig sind auch wieder schön gewesen.

Filme (hat sich Egge wie gewohnt wieder selten angeschaut, probiert es aber trotzdem):

1. Renn wenn du kannst
(mit dem besten Rollstuhldarsteller Ben)
2. Fish Tank
(sowas nennt man wohl mit Erwartungshaltungen spielen; ein Tanzdrama wird zum Sozialreport, toll!)
3. Inception
(weil das Drehbuch ein Knaller ist)
4. Vincent will Meer
(tolle Darsteller, düsteres Ende)
5. Mary & Max
(der schönste und liebevollste Film der Welt)

Die Top-10-Konzerte:

1. Jan Delay in der Color-Line-Arena in Hamburg (mit Bo und Udo als Special-Gäste): Ganz große Nummer mit mehr als 12000 Gästen.
2. Rainer von Vielen bei der Breminale (und Fusion und im hannoverschen Ballhof)
3. Jan Plewka singt Rio Reiser in Oldenburg: Spontan hingefahren und auch wenn mal jede Geste langsam auswendig kennt, immer wieder Gänsehaut. Unvergessliche Nacht.
4. The Notwist beim Boot Boo Hook in Hannover. Wunderbarer Abend.
5. Northern Lite im Knust: Sehr coole, minimalistische Show mit sehr viel Wirkung. Zum Schluss gabs ein Coldplay-Cover. Nur das Publikum war teilweise echt aus einer Prolldisko entflohen. Schöner Support von Transmitter.
6. Scorpions in Leipzig Arena und der Tui-Arena in Hannover: Ja gleich zweimal und ja, weils einfach gerockt hat. Keine Balladenband nimmt da Abschied, sondern echte Rock’n’Roller.
7. Dyse im Hamburger Hafenklang: Meine Herren können die Gas geben. Selten so mitgerissen worden.
8. Herpes beim Boot Boo Hook. Das ist schöner Schnodderpunk.
9. Odeville beim Fährmannsfest: Wegdriften zur Rockoper.
10.Images in der Korn (Yes! Weils Genossen sind!)

Hot Chip in Hannover, Mörser im Hamburger Hafenklang und Goldkind aufm Fährmannsfest waren auch toll. Faithless in der Hamburger Alsterhalle ging leider mal gar nicht.

Soweit. Fortsetzung folgt.

13. Dezember 2010 – In den Medien

Hannover 96 gewinnt gegen Stuttgart und klettert kurz auf einen Champions-League-Platz. Der Nobelpreis geht an einen leeren Stuhl. Egge feiert seinen Geburtstag im Keller. Polizisten beenden entspannte Partys. Costa lernt, französische Zwiebelsuppe zu kochen. Politiker freuen sich über einen Pseudo-Erfolg in Cancun. In England protestieren Studenten gegen die endgültige Privatisierung der Hochschulbildung. In Stockholm explodiert ein Selbstmordattentäter und die FAZ lobt die Stadt als besten Ort, um sich auf das Fest einzustimmen. Michael Ballack schaut sich in der Leipziger Spinnerei moderne Kunst an. Die Guttenbergs reisen mit Kerner nach Afghanistan. Die Amazon-Webseite fällt aus. Und die Entschlüsslung des menschlichen Genoms ist ein Nachfolgeprojekt der Atombombenforschung. Es bleibt spannend…

10. Dezember 2010 – Hamburg – Spielbudenplatz

Wir waren um die Ecke bei BalconyTV. Kennt ihr nicht, erklären wir euch. Ein Musiker oder eine Band stehen auf einem Balkon, mitten in der Stadt, und muszieren vor sich hin. Unten laufen die Menschen lang, oben spielt die Musik. So simpel und so schön. Das fertige Video gibt es dann auch hier kurz vor Weihnachten zu sehen. Wir gehen jetzt Kekse backen.

Die meisten der Sätze haben wir uns Helene-Hegemann-geleiht von Christoph Amends und Matthias Stolz‘ Buch „Sind Sie was Besonderes?“. Unsere Geschenkempfehlung!

08. Dezember 2010 – Leipzig – Besser Leben

Heute Morgen kletterten bestimmt drei Typen auf diesem Dach in der Innenstadt herum und fegten den Schnee runter. Unten war alles vorschriftsmäßig abgesperrt, die Eisklumpen waren ja auch inzwischen so groß wie Fußbälle.

Zum Mittagessen gab es einen Flyer von Greenpeace zum fleischfreien Donnerstag. Meine Frage, ob das Flugblatt auch garantiert auf chlorfrei gebleichtem und zu hundert Prozent recyceltem Papier gedruckt wurde, konnte der Verteiler nicht beantworten. Er mache die Arbeit sowieso nur, um in seinen Lebenslauf humanitäre Freiwilligenarbeit zu schreiben. Mit sowas stiegen die Chancen auf einen Studienkredit bei einer politischen Stiftung.

Abends dann der Schneesturm im tiefsten Westen Leipzigs, der sich inzwischen so schick gemacht hat und doch mehr Osten ist als die Innenstadt. Am Nachbartisch unterhielten sich zwei ebenfalls Zugezogene darüber, dass man Ostdeutschland in Zone und Neufünfland einteilen könne. Zone seien die kaputten Teile, in denen Menschen Thor Steinar trügen und der Vietnamese Döner verkaufe. Neufünfland seien so tolle Oasen wie Leipzig, oder auch Erfurt, Jena, Dresden und Teile von Schwerin und Rostock. Dort könne man unter Kultivierten guten Rotwein trinken, und dabei sei alles viel günstiger als  in Hamburg oder Berlin.

Und gerade als mir das alles zu viel wird, sagt mein toller Gesprächspartner folgenden Satz: „Gute Kunst hat immer Defizite, an denen man sich reiben kann und muss. Einer, der darum kämpfen muss, dass etwas gut aussieht, dem sieht man die Anstrengung in seinen Figuren an. Das ganze Werk hat dann einfach eine Aura.“

Epilog:
Auf dem Rückweg ins Bett rutsche ich auf dem Eis aus und falle hin. Keiner ist da, der klatsch oder mir wieder hoch hilft.