24. Mai 2014 – Hannover – Feinkost Lampe

Erst fällt der Compressor aus, dann der Laptop. Und alle Gäste im Feinkost Lampe schauen uns an. Und sie warten. Seit langer Zeit haben wir nicht mehr in unserer Heimatstadt gespielt, und jetzt wollten wir in dem wundervollen Klub Feinkost Lampe unsere neuen Lieder präsentieren. Wir haben sogar ein Liebeslied geübt. Doch es tut sich nichts.

Ein Konzert ist immer Kampf. Die meisten Menschen, die vor uns stehen und kritisch zuschauen, haben uns noch nie vorher gesehen. So müssen wir an jedem Abend die Menschen immer wieder neu überzeugen, dass es eine gute Wahl war, diese Stunden mit uns zu verbringen. Ein großer Druck.

Egge überbrückt die Zeit mit einer Moderation, ich baue die Technik um. Was sich anfühlt wie lange Minuten, sind nur wenige Sekunden. Dann funktioniert die Technik. Ich starte den ersten Beat. Wir schauen uns an, und da ist diese Chemie, die sonst nur noch von Liebe übertroffen werden kann.

Danke an die Amnesty International Hochschulen Gruppe Hannover für die Einladung, den DJs für die Aftershowparty und Arne und Pahli für ihre Gastfreundschaft. Wir verbeugen uns vor den Menschen, die uns in guten und in schwierigen Zeiten das tolle Gefühl eines Konzertes ermöglichen.

Advertisements

Mai 2014 – Sachsen-Tour

Egge in Glauchau

Wir fahren los mit einem Rollkoffer mehr als sonst im Gepäck. Er ist schwer. Ich hoffe neben der ewigen Rennerei auf Tour jetzt auch etwas für meinen Oberkörper zu machen. Punkrocktraining. Irgendwann bringen wir Fitness-DVDs raus.
Es läuft inzwischen immer Hip-Hop, wenn wir auf Tour sind. Entweder zeigen wir uns die neuesten Lieder der Märchenerzähler oder unsere Gastgeber zeigen uns Highlights wie „Birnenpfeffi Zimt“ von Ronny Trettmann.

Feuerwehrfest Glauchau

In Glauchau stehen alte Häuser, sehr alte Häuser. Und ein Schloss. Ansonsten hat die Stadt ein ähnliches Schicksal erfahren, wie so viele andere Orte am Rande des Erzgebirges. Mehrere Systemwechsel und Fehlinvestitionen später zieht die Jugend weg. Crystal Meth ist neben Alkohol die am meisten benutzte Droge. Aber immerhin gibt es weniger Naziprobleme als früher. Das Café Taktlos behauptet sich als Insel mit bunter Kultur gegen den Verfall: Konzerte, Partys, Lesungen – das Team kämpft für einen Freiraum für Ideen und Lebenseinstellungen. Wir spielen am 30. April gemeinsam mit den netten Aika Akakomowitsch aus Jena in den Mai. Es ist der erste Auftritt für uns mit neuer Technik. Dementsprechend aufgeregt sind wir. Als wir nach einem tollen Abend mit Pfeffi und Lagerfeuer am nächsten Morgen aufwachen, sind die DJs gerade dabei, den Rasen des Hauses zu mähen. Sehr geiler Frühsport. Wir schauen uns die Stadt an, zählen Thor-Steinar-Kleidung (viel), AfD-Wahlplakate (mittel) und Menschen mit anderer Hautfarbe (niemand). Neben dem Asia-Imbiss verkauft ein Nazi-Laden E-Zigaretten. Als wir in den Zug steigen, fängt es an zu regnen.

Mann vor Waldlandschaft

In Zwickau steht eine alte Matratzenfabrik, direkt gegenüber der Innenstadt an dem schönen Fluss Mulde. Das Areal ist verlassen und doch nicht tot. Ein breites Bündnis aus kreativen, bunten Menschen möchte dort gerne ein neues Zentrum errichten. Passend dazu wurden die Graffiti-Künstler von IBUg eingeladen, die Wände schön zu gestalten. Punks, Hip-Hopper, Elektro-DJs, Designer, Urban-Gardening-Menschen und Künstler haben sich zu diesem gemeinsam Projekt zusammengefunden. Als wir uns die Umgebung – eine Art Stadtwald – anschauen, fängt es an zu regnen. Die Tiere drehen durch, und wir hören ihnen zu. Später spielen wir unser erstes Open-Air in diesem Jahr. Es ist wundervoll. Zum Einschlafen zeigt uns die Gastgeberin Lotte noch US-amerikanisches Entertainment: „Movie 43“.

Ansichten

Am nächsten Tag stehen wir in Zwickau auf dem Hauptmarkt. Egge mit einem Papageienkuchen im Bauch, ich mit einer Pizza in der Hand, und schauen uns das alternative Fußballturnier an. Ein Plakat wirbt für die Discothek Memory, ein junges Mädchen trägt ihre Cheerleading-Trainingsjacke, sie heißt „Peaches“. Ein Vater beschwert sich darüber, dass das Team der Erasmus-Studenten nicht gegen die „deutschen Jungs“ gewinnen darf. Der DJ macht einfach Billy Idol lauter. Auf dem Weg zum Bahnhof treffen wir unsere Freunde vom Klub Barrikade, die gerade Bier und Schnaps für das Feine-Sahne-Fischfilet-Konzert bunkern. Es sind viele Kisten. Und wie wir Monchi und die Boys kennen, werden sie alle leer. Mit einer Runde KIZ verabschiedet uns Zwickau. Am Bahnhof kontrolliert die Polizei mit Drogenhunden die Passagiere. Ein offensichtlich Crystal-Meth-Süchtiger läuft in der Bahnhofshalle immer wieder im Kreis. Als wir in den Zug steigen, regnet es immer noch oder wieder. Ich hole mir Knusper Flocken am Automaten.

 Tanzen gegen Beton

Zwei einsame Männer tanzen an der Chemnitzer Oper Jumpstyle. Es sind 5 Grad Celcius, und es regnet. Auf der Suche nach einem warmen Tee in der Innenstadt wenden wir uns in unserer Not nach Babylon: Im Restaurant von Galeria Kaufhof wartet der Tod. Er sieht aus wie ein Renter mit Funktionsweste und hält sich zwei Stunden lang an seiner Apfelschorle fest. Und er glotzt uns zwei Stunden lang an. Daneben sitzt sein Enkel. Rose Wangen, dicker Kopf, große Brille, Baseballkappe, Wohlstandsbauch der zweiten Generation Post-DDR. Auch er schaut uns die ganze Zeit an. Bis ihn seine Großmutter wegzieht. „Lass die dreckigen Männer in Ruhe.“
Das Kompott in Chemnitz ist ein gutes Beispiel für die verrückte Welt der Immobilen-Spekulation in unserem Land. Während in Hamburg, Berlin und zuletzt auch in Leipzig die Mieten stetig nach oben klettern und der Wohnraum in den sogenannten angesagten Stadtteilen immer knapper wird, stehen in Chemnitz ganze Häuserreihen leer. Bei unserem letzten Besuch in Chemnitz im Herbst 2011 lag so etwas wie Hoffnung in der Luft, dass zumindest ein Teil der Stadt mit öffentlicher Hilfe zu einem Freiraum umgewandelt werden kann. Doch nach langem Hin und Her ist klar: Chemnitz bleibt eine Stadt, in der die AktivistInnen alles selbst erledigen müssen. Dass sie es schaffen, sieht man an der erfolgreichen Entwicklung diverser Klubs, Wohnprojekten und Werkstätten.

Kunst, spätestenst in 1000 Jahren

Nadja Fritsches Taxi steht um 6 Uhr vor der Zukunft. Zum Bahnhof sind es zehn Minuten. Eine Fahrtkarte, eine Zeitung, ein kurzes Signal zwischen Egge und mir, dass gerade alles sehr anstrengend, aber auch so gut ist. Das Crashbecken ist weg, der Beckenständer wurde irgendwo vergessen. Wir sind generell zerknautscht. Zu dem Schlachtruf „Crystal, Pfeffi, Ostdeutschland“ haben wir uns verbeugt und sind dann schlafen gegangen. In der Nacht ist einem befreundeten Chemnitzer Paar eine Tochter geboren, ein weiterer Grund, die Stadt schön und bunt und lebenswert zu machen. Wir steigen in den Zug, und fünf Stunden später sind wir zu Hause. Es ist so leise, wenn du nach so einem Wochenende aus der Dusche steigst. Und alle deine lieben Menschen haben in der Zwischenzeit das Leben weiter ohne dich gelebt.