Der Soundtrack zum Untergang

Am Wochenende haben wir alles gegeben. Am Ende war die Gage vertrunken, Egge heiser und Carlos Spaßmobil hat etliche Kilometer hinter sich. Was bleibt sind diese Bilder im Schädel. Und die Musik. Ein Versuch der Rekonstruktion.

PS: Ja, das ist der offizielle Beweis dafür, dass zu viele Städte in zu wenig Tagen verrückt machen.

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13. Juli 2011 – Hannover – Wenn Kerzen leuchten

Mit einem Knall ist alles dunkel. Auch das Handynetz geht aus. Wie auf einem Festival suche ich mein Kurbellicht und schaue nach draußen. Die ganze Straße ist dunkel, sogar die Lichtverschmutzung am Himmel ist weg. „Das ist das Ende der Welt.“ „Quatsch, die Atomindustrie will uns nur weißmachen, dass der Ausstieg ein Fehler war.“ Egal, wir gehen raus, bewaffnet mit Taschenlampe.

Die Kellnerin in einer Kneipe brüllt laut „Feierabend“, doch die Gäste zünden einfach ihre Kerzen und Zigaretten an. Bei so viel Dunkelheit stört sich niemand über das Rauchverbot.

Das Feuerwerk in den Herrenhäuser Gärten wirkt noch viel kräftiger als sonst. Gerade ist das „Kleine Fest im Großen Garten“ vorbei. Bunt scheint der Himmel, ein paar Leute auf der Straße haben schnell noch Knaller und Raketen von Silvester rausgekramt und machen mit.

Auf der Limmer Straße bricht ein spontaner Z0mbie-Walk los. Mit lauten „Gehirn“-Rufen troten ein paar in Richtung rollender Autos. Die Bierflasche aber immer noch fest in der Hand.

Irgendwo heulen die Sirenen, ein paar Jugendliche haben wohl einen Kiosk oder Supermarkt geplündert.

Wir gehen auf unseren Balkon und rücken zusammen, machen eine Kerze an und erzählen uns Gruselgeschichten.

20. Dezember 2010 – Hannover – Nordstadt

So eine dicke Eisschicht habe ich noch nie in unserer Straße gesehen. Wie Stefan Niggemeier schon gestern in der FAS schrieb: Für die einen ist es das grosse Schneechaos, für die anderen der Winter. Während Staat, Wirtschaft und Weihnachtsgeschenkjäger scheinbar unvorbereitet durchdrehen, grüßen sich Nachbarn, helfen sich beim Schneeschippen und schieben sich gegenseitig die Autos aus den Parklücken. Ein Cafébetreiber verteilt Kekse und die Kinder kriegen Kakao geschenkt. Im Park wird Schneefussball gespielt und Skilanglauf gemacht. Für einen kurzen Moment ist alles still.

Im Fotoladen/Postshop/Geschenkeklitsche brodelt es. Manch einer steht bereits seit vierzig Minuten an, um schnell noch ein Weihnachtspäckchen abzugeben. Einer wird nervös. „Wenn ich nicht bald nach Hause gehe, war der Paketbote schon da, und dann kann ich wieder hierherkommen, um mein Päckchen abzuholen.“ Der minderjährige Praktikant hinterm Tresen macht indes „Deine Mutter“-Witze und ordnet seelenruhig seine Apps auf dem Telefon.