November 2010 – Böser Winter

In Leipzig hat es diese Woche geschneit, das erste Mal in diesem Winter. Es ist kalt und nass und so schnell wieder dunkel. Meine italienische Mitbewohnerin sieht inzwischen aus wie kleine Wollknäuel, so viele Schichten Kleidung trägt die Sonnenverwöhnte inzwischen. Sie versteht aber inzwischen, warum die Deutschen so wetterfühlig sind und das auch ihr liebstes Gesprächsthema ist. Da hat sich das Auslandsjahr ja schonmal gelohnt…

Mich selbst hat der Winter bis jetzt noch nicht verprügelt, und das verdanke ich wohl unserem inoffziellem vierten Bandmitglied: dem Ingwer. Am Anfang schaute Egge schon komisch, als ich auf Tour immer wieder eine Knolle hervorzauberte, ein kleines Stück abbiss und leidlich genießend verzerrte. Inzwischen nimmt er manchmal selbst etwas. Vor allem, wenn wir wieder einmal früh morgens auf irgendeinem Bahnhof stehen, drölf Stunden geschlafen haben und uns alles andere als wie eine Band fühlen.

Über die einzelnen Wirkstoffe in dem Gelöt möchte ich mich an dieser Stelle gar nicht äußern, dafür reicht ja schon der Esopedia-Eintrag. Aber ich will mich, und das ganz ohne besonderen Anlass, dir danken, du toller Knolle!

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18. November 2010 – Hannover – Faust

Heute Abend Am 18. November spieltet Costa den DJ beim Elektro-Slam im hannoverschen Faust. Das heißt, er und sein Kollege Rowe (Maximal / Lieber Klub) spielten elektronische Musik, auf der dann die Poeten ihre Gedichte, Geschichten und Berichte slamen durften. Klingt irgendwie bekannt. Aus aktuellem diesem Anlass also mal die Geschichte, die uns beide zusammen auf die Bühne geführt hat.

Es ist 2006 und Costas Band hat sich gerade aufgelöst. Bis heute behauptet er, sie hätten Punk gemacht. War aber eher so Pop-Gedöns. In einem kleinen Studio bastelt er nun mit seinem Freund Hans von Freymacher an elektronischen Beats. Egge hat gerade eine jahrelange Tour für seinen ersten Gedichtband „Niemals so ganz hinter sich“ und hat mit dem Slam in Hannover alle Hände voll zu tun. Trotzdem schafft es Costa, Egge erst in der Stammkneipe betrunken zu machen und ihn dann zu sich nach oben zu locken, um ihm Beats vorzustellen. Egge hatte vorher leichtfertig gesagt, dass er sich gut vorstellen könnte, seine Gedichte auf Costas Musik zu, ja was eigentlich? Zu rappen? Zu slamen? Zu sprechen? Zu singen?

Bis dahin hat sich Egge lediglich von Punkbands, Cellisten, Trommlern oder Klavierspielern begleiten lassen. Aber aus der Sache kommt er nicht mehr raus. Auch die Ausrede, er hätte keine eigenen Texte dabei, lässt Costa nicht gelten und zieht Egges Gedichtband aus dem Regal. Der erste Versuch misslingt.

Der zweite ist ebenso wenig erfreulich. Das erste Konzert in einem kleinen Kulturzentrum auf einem niedersächsischen Dorf ist eine Katastrophe und wochenlang weiß keiner von beiden, wo das Ganze überhaupt hin soll. Dann, in einem engen Keller in Lüneburg, auf einer Riesen-WG-Party, gibt es zum ersten Mal diesen einen Moment, wo sich beide in die Augen schauen, lächeln und Spaß haben. Den Rest später hier…

05. November 2010 – Hannover – Indiego Glocksee

Stell‘ dir vor, es ist Klassentreffen, und alle sind sie da: Die Streber, die Hänger, die Chiller, die Hippies, die Punks, die Raver, die Lieben, die Verrückten, die Starken, die Weichen, die unglaublich tollen Menschen.

Stell‘ dir vor, es ist Klassentreffen, und du hast dich seit Jahren auf genau diesen Moment gefreut, wo alle da sind, du für jeden ein paar schöne Wörter zurecht gelegt hast, und jede/r dir mit einem Lächeln, mit einem Grinsen, mit einem Witz oder mit einem Blick zeigt, dass es ihm/ ihr genauso geht.

Stell‘ dir vor, es ist Klassentreffen, und du stehst auf der Bühne, die Lampen lassen dich schwitzen und der Wein lässt das Zittern in deinen Beinen zu einem sanften Rhythmus werden. Jemand ruft „Anfangen!“, und plötzlich ist wieder alles vorbei. Du trittst raus in den Regen, steigst in ein Taxi, das du dir zur Feier des Tages gönnst, und sitzt irgendwann in deiner stillen Küche, fast allein. Und in diese Stille herein hörst du die Uhr schlagen. Tick, tack, tick, tack.

Danke für dieses Klassentreffen.

04. November 2010 – Wendland – X

Gut, dass wir uns Stiefel mitgebracht haben, und Winterjacken. Denn seit den frühen Morgenstunden schon plätschert der Nieselregen auf das norddeutsche Land und lässt jede Faser, jeden Stoff, jeden Rucksack, jeden Menschen klamm werden. Das Stroh in den Zelten fühlt sich schon an manchen Stellen an wie Seife, und für die Nacht hat der Wetterdienst eine Sturmwarnung angesagt.

Trotzdem werkeln Dutzende Freiwillige auf diesem Camp, bauen Zelte auf, schnippeln Gemüse, kochen Tee und kümmern sich auch sonst um die Versorgung der bis zu 1400 Aktivisten, die an diesem Wochenende von hier aus ihren Unmut über den Castor-Transport und die Atomkraft-Politik in diesem Land äußern wollen.

Da wollen wir uns auch nicht über Matsch, Kälte oder schlechte Boxen beschweren, sondern einfach nur irgendwie einen Beitrag leisten, dass den Menschen, die für ihre Idee einiges an Zumutungen ertragen, ein wenig wärmer im Bauch wird.

Das gelang uns auch, zumindest bis der ältere Herr mit der Warnweste im Zirkuszelt stand und eben mal „so zehn Helfer“ brauchte, um einen Lastwagen auszuladen. Die rund vierzig Helfer brauchten dann eine halbe Stunde, bis alles abgeladen war.

Am Schluss standen wir wieder im Zelt, schunkelten ein wenig zum Rhythmus aus den Boxen und der Heizkanone und träumten von einer Zukunft ohne Atomstrom. „Lasst euch nicht weh tun“, wünschten wir den freundlichen Gastgebern beim Abschied.

Beatpoeten versuchen sich an Kunst

Ja, manchmal wären wir gern Konstantin Wecker oder Rainald Grebe. Wir würden virtuos auf Klavieren kleine Kunstwerke erschaffen und vielleicht mal mit dem Philharmonie Orchester Schwerin gemeinsam die schönsten Lieder von James Last covern, oder ins Deutsche übersetzen, oder beides. Weil wir aber nun nicht Wecker oder Grebe sind, bleiben nur diese kleinen Momente konstruktiven Dilletantismus, mit dem man sich die Zeit vertreibt. Genießt mit uns die Kantigkeit des Unperfekten.

Drehbuch & Pianospiel: Egge
Kamera, Licht, Effekte: Costa
Idee & Verantwortung: Wodka-Mate

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