22./23 Mai 2013 – Fulda und Witzenhausen

Jäger gesucht

Der Hof der Hochschule in Fulda sieht aus wie eine Art Marktplatz: Roter Backstein, moderne Platzkunst, ein paar Bäume, am Ende der Glasbau der Mensa, mit eigenem Döner-Spieß, wie uns einer der Studenten stolz erklärt. Es sind Hochschultage, also strömen Hunderte Stundenten und Nicht-Studenten auf diesen Hof. Essen Knödel, Pommes, Wurst, afrikanische und indische Spezialitäten, vegane Burger, Schokolade. Dazu gibt es Shisha, Bier, Kümmel-Schnapps, Mexikaner und ein Wodka-Glücksrad. Egge gewinnt gleich erstmal drei Shots. Toll.

Reinigen, sich selbst

Die Hessen sind immer sehr freundlich zu uns. Ob eine Einladung, richtig einen drauf zu machen, in einem Klub, der Underground heißt. Tomatensuppe anbieten, die sehr lecker ist. Uns mit Kümmel abfüllen, während die DJs draußen den gewagtesten Mix der 80er, 90er und dem „Besten“ von Heute bringen. Uns mit wie Thee Infedels mit Ska-Core versorgen. Während des Auftritts auf die Bühne steigen, angeleitet Stagediven, uns anschreien, wir sollten nur ein Lied spielen, uns anschreien wir sollten lauter, schneller, mehr Bass spielen. Hach, die Hessen sind wirklich immer sehr freundlich zu uns. Doch bevor wir uns auf die Bühne stellen, schauen wir uns den „Zurück in die Zukunft“-Marathon im Café Chaos, dem selbst verwalteten Studentencafé an. Wir können fast alles mitsprechen, fühlen uns sehr alt und freuen uns auf den nächsten Besuch in diesem Fulda. Danke sehr!

Rasen, mähend

Witzenhausen ist wie Freiburg, nur mit schlechtem Wetter. Die Stadt ist gelebte Ökologie. Dank der Studenten, die hier unter anderem ökologischen Landbau studieren, hat sich hier ein kleines, grünes Zentrum gebildet – Experimente mit solidarischer Landwirschaft, der Transition-Town-Bewegung, Nachhaltigkeit, Ökologie inklusive. Dadurch ist eine entspannte, offene Stimmung entstanden.

Alles raus müssen

Gleichzeitig brauchen die Studenten vor Ort immer mal wieder Kultur, oder wie in unserem Fall, Beats, Bass, Gelaber. Im örtlichen Studentenklub machen wir die Einführung in die Elektrolyrik. Im Anschluss zerlegen dann Tokamak Reaktor den Laden. Tolle Jungs, geile Musik.

Alle Fotos zeigen Kleininserate in einem Supermarkt in Witzenhausen.

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17./18. Mai 2013 – Hamburg/Hannover – Popper lesen Punk

Hamburg, kurz vorm Regen

Am Himmel ziehen dunkle Wolken auf. Der Fernsehturm Hamburgs verschwindet fast in der Dunkelheit. Die S-Bahnen rattern hell erleuchtet an uns vorbei. Die Feuertonne brennt noch nicht, aber es ist auch noch warm genug an diesem Freitagabend im Mai. Wir besuchen unsere Freunde vom Zomia-Wagenplatz mitten in Hamburg. Ein wenig erschrocken sind wir schon darüber, wie zentral dieser Platz ist: Keine fünf Minuten entfernt ist das Schulterblatt – die Großraumdisko des Schanzenviertels. „Nein, momentan müssen wir keine direkte Angst haben, geräumt zu werden“, sagt einer der Bewohner, ein Tausendsassa, wie alle. Die hier nicht nur ein Kompostklo ohne Ekelfaktor, ein Gemüsebeet und eine Gemeinschaftsküche betreiben, sondern leben, lieben, arbeiten, genießen. „Hauptsache, ihr seid bei eurer Lesung nicht zu leise“, droht eine andere uns lächelnd. „Neulich war hier jemand und hat Lyrik gemacht, die ist gar nicht durchgekommen.“

Unser größter Feind ist an diesem Abend das Gewitter, das direkt vor Beginn eine erste Salve Regentropfen schickt. Eine Minute später sind alle Römerzelte aufgebaut, und niemand muss frieren oder wird nass. So ein bißchen Regen schockt hier niemanden. Dafür uns aber der kurze Gang später nach St. Pauli. Die Stadt ist wieder mal voll mit Feiernden, Pöbelnden, Lauten – und weit und breit kein Wasserwerfer zu sehen. Wir verdrücken uns in den Gästebauwagen, erzählen uns Gruselgeschichten und träumen vom Meer.

Der Hamburger Hauptbahnhof explodiert am nächsten Morgen. Es ist Pfingstwochenende, Urlaubszeit. Bio-Familien mit Kinder vergessen kurz die gute Erziehung, die sie ihren Leonies, Lucas oder Finns beibringen wollten und schubsen, spucken, schimpfen. Alte Frauen haben ihre Ellbogen gespitzt. Teenager ätzen ihre schlechte Laune im Abteil umher. Wir verziehen im ICE ganz nach hinten, bauen eine Burg aus Zeitungen und schlechten Witzen und ignorieren die Lüneburger Heide, die am Fenster vorbeidüst.

In Hannover sind wir mit zwei Leipziger Genossen zur Stadtführung verabredet: Das Schöne an diesem Rumgetoure ist ja, dass man immer wieder tolle Menschen wiedertrifft. Dieses Mal kommen zwei davon uns in unserer momentanen Homebase besuchen. Also ab durch Linden, Nordstadt, Calenberger Neustadt, die Innenstadt ignoriert, die befreundeten Goldkint angeschaut. Bei einer Mischung aus Fußballturnier und Musikfestival sind die vier leider Letzte geworden, dürfen dafür als erstes auftreten. Das Open-Air wird vom Regen nicht eine Spur beeinträchtigt. Eine Zuschauerin hat sich Plastikmüllbeutel um die Schuhe geschnürrt, so kann sie ohne Stress durch den Matsch waten. „Endlich wieder Festivalsaison.“ Beim Alerta Deathfest herzen wir Timo, der seinem Umzug nach Hannover der Stadt nicht nur ein tolles Punklabel geschenkt hat, sondern auch ein abgefahrenes Festival. Nach unserer Rotweinlesung geht es noch auf den Küchengarten, die Demo gegen die Innenministerkonferenz anschauen. Dann aber schnell nach Hause: Mit dem Eurovision Song Contest das bunte Europa anschauen und das Wochenende begrüßen.

Danke an Linna für das Foto.

Mai 2013 – Rangeln gegen Rechts Tour

Um ein Gefühl von unserer Woche zu bekommen, kannst du folgendes Lied laufen lassen. Musst du aber nicht. Ist aber ein tolles Lied.

7. Mai – Berlin – re:publica

Costa bei der re:publica 2013

Ich werde über Bratwürste reden. Und warum sie als Symbol für die Deutschen so unglaublich wichtig sind. Kein Politiker kommt daran vorbei, mindestens einmal in so ein Vieh zu beißen, wenn er gewählt werden möchte. Das Problem: Es gibt kein würdevolles Bratwurstessen. Die Bratwurst wird aber die Bundestagswahl entscheiden. Mindestens. Weil ich mich über ein dreiviertel Jahr mit der Forschung dazu auseinandergesetzt habe, hat mich die re:publica eingeladen. (Das Video meines Vortrags lade ich demnächst bei Youtube hoch.) Die taz, radioeins und ein paar Blogger interviewen mich anschließend, Anfragen für Vorträge kommen rein, verrückte Sache.

1305-Berlin1

Im Anschluss an die re:publica muss unser Coach zu einem Masernkranken. Wir sind geimpft und gehen daher in unsere Berliner Stammkneipe, Alter Roter Löwe Rein in Neukölln. Ein Drittel von den tollen The Incredible Herrengedeck wartet da schon, schließlich schulden wir dem jungen Mann nicht nur diverse Drinks – er hat für ein neues Lied von uns Vocals beigesteuert – er feiert außerdem seinen Uniabschluss im Löwen. Toll. Charlotte, unsere Verlegerin bei Sprechstation und umtriebige Literatur-Förderin Berlins kommt angeschwipst von einem Melvins-Konzert. Und unser Innenarchitekt Julian zeigt Fotos seines Sohns. Außerdem dürfen wir in einem Himmelbett schlafen. Gönn dir, sagen wir uns. Die Tour hat erst angefangen.

8. Mai – München – Kafe Marat

München, gefährlich
Unsere Freunde in München haben eine Partei gegründet: Wiesn Free Youth fordert ein Ende des Oktoberfests auf den Wiesn und dafür eine Umwandlung in Parkplätze. Parkplätze, finden wir auch, sind die Zukunft, daher unterstützen wir sie gerne. Vor allem, weil sie uns einen netten Biergarten empfohlen haben. Die Maß schafften wir zwar nicht ganz, zu abgelenkt waren wir von dem Töpfchen Obazda, der überall in Bayern neben Salz und Pfeffer auf jedem Tisch steht. In alternativen Läden sogar vegan.

München, kulinarisch

Bei der Lesung zeigt sich die Textfestigkeit der Münchner Avantgarde: Besonders abseitige Lyrik deutscher Punkgruppierungen wurde mitgesprochen, alles in allem ein sehr kulthafter Abendbeginn. Im Anschluss dann traten Blank Pages aus Berlin allen in den Arsch. Geile Band, gute Trinker, nur schnarchen tun einige beim Schlafen. Wir machten dagegen auf Punkrockkaraoke und Zappelelektro. Dufte.

9. Mai – Ludwigsburg – Demoz

Egge meint das ernst

Schnapps selbst ansetzen ist DIY. Gemüse auf dem Feld mitnehmen und einlegen ist DIY. Sich in seinem eigenen Garten die Gewürze anbauen ist DIY. In Ludwigsburg Kultur ermöglichen ist DIY. Es ist schon Jahre her, dass wir im Demoz gespielt haben. Damals verkrümelten wir uns nach dem Auftritt still ins Gästezimmer und schauten auf arte ein Livekonzert von The Doors an. Fanboys, wie wir sind. Konzerte dürfen in dem tollen Laden momentan nicht gemacht werden, aber Lesungen! Als kleine Erholung zum Rave in München besuchten wir tolle Menschen, die direkt am Neckar ein Leben führen, wie es selbstbestimmter fast gar nicht mehr sein kann. Dass es leckeren Schluck aus Blumen gibt, konnte Egge nicht fassen und probierte zahlreiche Sorten durch. Ich blieb beim Walnussschaps. Lecker.

Schwäbischer Hans Dampf

Auf dem Weg nach Ludwigsburg wurden wir in Stuttgart von einer besonderen Vatertagstour überrascht: Die Dampflok Feuriger Elias wartete auf uns am Hauptbahnhof, wir lösten zwei Tickets, holten uns Butterbrezn und Bier und standen die ganze Zeit neben alten kleinen Jungs auf der Plattform und genoßen die Sonne. Tuuuut, machte der Zug, und wir mussten uns Asche aus dem Haar klopfen. Nachhaltig entschleunigt kamen wir dann in der Residenzstadt an.

Deshalb heißt das Wlan Hannover

Zum ersten Mal trafen wir dort auch Toby, der vor knapp einem Jahr unser zweites Album auf seinem Label Twisted Chordz rausbrachte. Bei Sojawurst, Grillkäse und Gemüse schmiedeten wir schon Pläne, welchen Schabernack wir auf der geplanten Labeltour im Herbst machen würden. Manches erzählten wir ihm aber nicht. Hehe. Am Ende gab es noch eine tolle Einführung in lokale Punkgeschichte, eine Listening-Session moderner Popmusik und das Gefühl, genau am richtigen Platz zur richtigen Zeit mit den richtigen Leuten zu sitzen. Danke!

10. Mai – Mainz – Peng

Mainz, ganz anstrengend

Der Main plätschert, die Sonne hat sich hinter einer Wolke versteckt, dafür schmeckt der Weißwein umso besser – Touren ist harte Arbeit. Immer wieder. Auch in Mainz, unweit der Ausgrabungen aus der Römerzeit müssen wir uns eingestehen, dass so ein Unterwegssein nicht jeden Tag ginge. Auch im anschließenden Italiener-Test (Wie gut ist die Pizza Margherita, was kann die Tomatensauce?) gehen wir an unsere Grenzen. Ich führe auf der Straße ein Interview mit Radio Eins, Egge kauft sich einen Schellenkranz – Thug Life, sagt man dazu, oder?

Mainz, elegant

Die Innenstadt ist gefüllt mit panischen Brückentags-Shoppern. Zwischen Christi Himmelfahrt und dem Wochenende haben sich viele Leute den Tag frei genommen, den sie jetzt im Eiscafé Venezia, im Kaufhaus oder gut gelaunt in Deutschland-Trikot mit Petrick, Luca und Leonie beim Schuhekaufen verbringen. Wir holen uns Kaffee, schauen uns das Treiben an und stellen uns absichtlich in den Weg. Toll.

Mainz, Underground

Unsere Freunde vom Mainzer Künstlerkollektiv Peng haben mal wieder eine neue Heimat: Dieses Mal ist es ein ehemaliges Autohaus in Sichtweite des Hauptbahnhofs. Auf etwa 6000 Quadratmeter haben sich zahlreiche Künstler, Handwerker, Musiker und Macher eingenistet und basteln an ihrer Idee eines bunten, toleranten und fortschrittlichen Mainz. Selbst das Bier wird hier selbst vertrieben. Im Rahmen des „Killed Kitty“-Festivals durften wir ein Set auf einem runden Präsentierteller machen. Schade, dass sich das Teil nicht mehr drehen ließ. Es war ein wilder Abend, eine kurze Nacht. Merci an alle Beteiligten.

11. Mai – Köln – AZ

Banden bauen

Banden-bilden-Workshop, Molotow-Cocktailbar, Kessel-Salat – die Crew des Kölner AZ hat wirklich Humor bei ihrem Barrikaden-Festival. Im Hof werden Holzungetüme gezimmert und sich ausgetauscht, wie „der Staat“ lange genug mit so etwas fern gehalten werden kann. Dabei ist das Zentrum in Kalk von der Schließung bedroht. Dann lieber feiern und organisieren. Wir durften im vergangenen Jahr schon in Köln spielen, damals hatten wir schon riesigen Spaß. Dieses Mal sollte es noch besser werden: Am Schluß gründeten wir sowas wie einen spontanen Kneipenchor, inklusive Hunden. Besonders beeindruckend war wieder mal die Textsicherheit des Publikums. Yeah! Da schmerzte auch die Auswärts-Niederlage von 96 in Leverkusen nicht, die wir uns am Nachmittag im Stadium angeschaut hatten, nachdem wir sehr günstig noch Karten auf dem Schwarzmarkt bekommen haben. Wenn schon Ruhrpott, dann auch mit Pommes und Fußball.

Köln, ehrlich

Wir verbeugen uns für diese unglaubliche Woche bei allen Menschen, die wir getroffen haben, die uns begleitet haben. Die uns mit Witzen, Essen, Schnaps und Schlafplatz versorgt haben. Die uns bunte, spannende, wilde Städte gezeigt haben. Vielen Dank!

1. Mai 2013 – Braunschweig, Lübeck, Hannover

Wir haben den richtigen Zug bekommen, die Anschlüsse hatten keine Verspätung. Wir haben das Festivalgelände in der Lübecker Innenstadt sofort gefunden, haben uns durch die Massen zur richtigen Bühne gekämpft, angefangen, aufzubauen und dann bricht der Synthesizer zusammen. Immer wieder hakt es, springt der Loop raus, kommen Störgeräusche. Ein Konzert schein so unmöglich zu sein. Egge und ich schauen uns kurz an und atmen ruhig ein und aus.

Viele Stunden vorher, Hunderte Kilometer weiter südlich: Die Sonne steigt gerade über das Dach der Burg und scheint auf den leeren Burgplatz in der Braunschweiger Innenstadt. Ein paar versprengte Feiernde laufen zombiehaft durch die Straßen und singen Lieder. „Wir sind asozial, asoziale Asoziale, wir wohnen unter Brücken und in der Bahnhofsmission.“ Oder „Kniet nieder, die Hauptstadt ist da.“ Vor dem amerikanischen Fast-Food-Laden treffen sich Profi-Raver, daneben retten wieder ein paar ältere Herren die Welt und halten sich so früh schon oder noch an ihrem Bierglas fest. Ein Pärchen keift sich an. Die Polizei fährt langsam vorbei. Ein guter Morgen, um den Tag der Arbeit anzufangen.

Wir dürfen ein paar Lieder zum Einstieg bei der Demonstration spielen. Ein schöner Kontrast: Langjährige Arbeitskämpfer, junge Wilde und wir mit unseren Liedern. Schön. Eine Stunde später dann im Bürgerpark beim Fest: Familien, Kinder, Alte und Junge – schön und direkt am Wasser. Aber wir müssen natürlich schnell zum Zug.

Der ICE nach Norden ist voller Menschen, die zum Evangelischen Kirchentag in Hamburg wollen. „So viel du brauchst“ ist das Motto in diesem Jahr. Wir brauchen einen Sitzplatz, bekommen keinen angeboten und beziehen den Flurboden. Abschätzige Blicke anstatt Nächstenliebe. Dafür spielen ein paar Kinder mit uns „Ich sehe was, das du nicht siehst“.

Lübeck ist warm, doch an den Bäumen sind bislang nur einzelne Blätter. So ganz ist der Frühling noch nicht angekommen. Doch die Sonne küsst die Besucher beim 1.Mai-Fest auf dem Gelände des Treibsands. Es ist eine sehr entspannte, schöne Atmosphäre, bis 18 Uhr ist Kinderfest und dadurch der Verkauf von Alkohol verboten. Wir treten also als erste Band auf der Bühne draußen vor nüchternen Menschen auf. Wenn wir überhaupf auftreten: Denn der Synthie springt immer wieder rum, die Beats laufen nicht gerade. Verzweifelt schauen wir uns an. „Was machen wir jetzt?“ „Keine Ahnung, ich glaube ich schraube das Ding mal auf“, sage ich, hole das Taschenmesser raus und entferne die Rückenwand des Geräts. Drinnen hat sich eine Schraube gelockert und liegt auf einer Platine. „Guck mal, die lenkt sicher das Signal ab“, sagt der Techniker, der uns immer wieder gut zuredet. „So was Kleines kann es doch gar nicht sein.“ „Warum nicht? Probier mal!“ Ich schalte das Gerät wieder an, es läuft durch ohne Probleme. Der Soundcheck ist schnell durch, wir können pünktlich anfangen.