14. November 2014 – Halle – VL Ludwigstraße

Sie ist...

„Ich wünschte, wir würden getrennt leben. Ich hasse dich!“ Egge und ich können nicht mehr und lachen laut los. Neben uns im Vierer-Sitz eines InterCitys von Hannover nach Halle/Saale spielt sich das Drama der Jugend ab. Zwei Teenager an der Schwelle zwischen unbeschwerter Scheidungs-Kindheit und aufplatzender Jugend streiten sich wegen eines Pokémon-Spiels. Okay, eigentlich brüllt nur der hyperaktive Junge seinen Stimmbruch-Wortschwall ins Gesicht seiner zurückgezogenen Schwester, die nicht auf den Hibbel reagieren mag. Also knallt er ihr die eingeübten Phrasen seiner geschiedenen Eltern ins Gesicht: „Ich will nur dein Bestes!“ „Nie verstehst du mich richtig!“ „Ich wünschte, dass dir mal was ganz Schlimmes passiert.“ Der genervte Vater hat sich zurückgezogen, der Teenie hört erst auf, nachdem ihm ein Dorfnazi beim Vorbeigehen Schläge androht. Auch ihn müssen wir auslachen. Dann steigen wir in Halle aus, und es dauert drei Sekunden, bis wir den ersten Neonazi sehen. Hach.

Immer wenn wir nach oder durch Halle fahren, nerve ich Egge mit den Erzählungen meines ersten Schüleraustausches. Damals in den 1990er-Jahren ging es für mich westdeutschen Gymnasiasten nach Halle in die berüchtigte Neustadt. Geil Platte. Inzwischen ist der Stadtteil aufgeräumt. Rückbau Ost. Blühende Landschaften. „Das erzählst du mir immer, wenn wir hier sind“, erinnert mich Egge, bevor wir vom Begrüßungskommando geherzt und in einen Bulli verfrachtet werden. Es geht in die VL Ludwigstraße. Ein ehemaliges Kinderheim, zwischendurch mal besetzt, jetzt der Hort für einen Bioladen, Wohnungen, Kneipe und eben auch Disko. Geile Leute, frisch gezapftes Bier, leckeres Essen und gudde Laune. Wir eröffnen den Abend mit unserer Punker-Lesung. Wir versteigern unsere neue Kurze-Creation, die wir Pisse genannt haben. Goldgelb, prickelnd und würzig im Abgang. Und nein, es ist nicht einfach nur ein Bier im Schnapsglas.

Auf die Bühne klettert dann erst Kitt Wolkenflitzer aus Oldenburg, mit Arschtritt-Punk, und danach die zweistimmig punk-poppigen Tiger Magic aus Leipzig. Wir schleimen uns ein und kaufen Platten, bevor wir unseren letzten Auftritt in diesem Jahr mit einem verzerrten und übersteurten Synthie beenden. Hinter uns liegen zu dem Zeitpunkt fast 40 Auftritte, wir sind müde. Auf der Jukebox läuft noch ein wenig 80er-Jahre-Pop. Wir schwelgen in Melancholie.

Irgendwann morgens geht es dann zurück zur Bahn. In Hannover demonstrieren Hooligans und Nazis. Das wollen wir mit Tausenden anderen verhindern. Am Hallischen Hauptbahnhof werden wir von der Frau von der Bahnhofsmission angegraben. „Warum esst ihr denn Brötchen hier auf dem Bahnsteig? Habt ihr kein Mädel, das euch morgens das Frühstück ans Bett bringt.“ „Nein, wir haben doch uns.“ Ein paar Meter weiter macht sich eine Gruppe Hooligan-Oger auf dem Weg zu irgendeinem 5.-Liga-Spiel. „In Ostdeutschland ist es Tradition, da knallt es vor Silvester schon“, steht auf einem der Pullover. Wenige Stunden später in Hannover ist dann Ausnahmezustand. Es knallt.