Beatpoeten – #Geheul

Beat Cover

Was das denn? Auch das dritte Album der hannoverschen Beatpoeten dürfte für heitere Genre-Rätselei in feuilletonistisch vorgeprägten Haushalten sorgen. Irgendwo zwischen grobkellig ausgeschenktem Elektropunk, krachklugem Kabaretthumor und vermummter Spoken-Word-Einlage werkelt das Duo an einer eigenen Legende zwischen den, nun ja, Stühlen. Der tätowierte Volontär würde dichten: Sie ziehen konsequent ihr Ding durch. Ha! 2012 erschien „Man müsste Klavier spielen können“ und selbst Stinkepunx mit eher stalinistisch geprägtem Musikgeschmack kamen ins Hüftschunkeln. „Das ist der Spirit, der mal Punk hieß“, schrieb OX. „Besser als Egotronic“, urteilte TRUST. „Kamerun’sche Schnappatmung“, schimpfte INTRO. Und PLASTIC BOMB verkündete: „Ficken, Saufen, Oi!“ Es folgten Festivalauftritte von Fusion über Open Flair bis lustigen Zusammenkünften namens Meet The Needles und hunderte Konzerte von Künstlerkatakombe bis Punkerkeller in Deutschland, Tschechien und Schweiz. An ihrer Seite: Kapellen namens Kaput Krauts, Todeskommando Atomsturm, Kackschlacht und Käptn Blauschimmel. Andere Bands gehen auf Tour, die Beatpoeten betreiben offensiv Konzertplakatlyrik. Dazu entwickelten sie das erfolgreiche Lesungsprogramm „Popper lesen Punk“ samt edel vorgetragener Deutschpunktexte, das Achtsamkeitsseminar namens „Opfer lesen Battlerap“ und zu guter Letzt das „HatePoetry“-Happening zu Pegida-Kommentaren, „Nicht reden, hanteln“.

Arschbomben jenseits der Diskurse

Jetzt endlich wieder neue Musik, zwölf Tracks voll knackigem Elektro-Punk mit Humor und Haltung und deutschen Texten, die mal politisch, mal persönlich ausfallen. Schlaue Statements gegen den Zeitgeist, die von Egge gelesen, gerappt und deklamiert werden. Es geht um Arschbomben jenseits der Diskurse, Romantik im Gefahrengebiet, Verfallsdaten für Jugendkulturen, Antifaschismus zwischen Garagentreffs und Punk als Lebensretter. Carlos verbindet Synthiemelodien mit peitschenden Beats, ballernde Bässe mit entschlossenen Brüchen. Und irgendwo grüßen still Rotzkotz und Schleimkeim.

revolverheld, heckler & koch / helene fischer & celler loch

Die Platte „#Geheul“ ist ausgefeilter, filigraner und vielleicht ein Stück weit verspielter als seine Vorgänger. Lieferten die Beatpoeten einst strikten Hörspielklingklang und später tanzbare Demoslogans, bieten sie nun ein ganzes Album voller Zugangsmöglichkeiten. Reflexionsstunde als Szenesport, DIY-Feierei als kritische Gesundheitsvorsorge und ein paar Gedanken zu Kunst und Stille als Meilenstein in der Endlosrille. Ein Soundtrack tauglich von Aftershowparty über Punkeryoga bis Nietenfestival. Die Beatpoeten sind Kunst ohne abgehobenen Quatsch, bedienen sich einerseits im Elektro-Bereich, lassen aber gleichzeitig gerne ihre Deutschpunk-Wurzeln durchscheinen.

Cover 2

bastis blitzkrieg hat ja jetzt auch lactoseintolleranz

Irgendwo zwischen Kellerrave und Kabarett, zwischen politischem Aktivismus und Tourabriss: Seit zehn Jahren zuckeln die beiden mit ihrem Programm durch die Lande und werden nicht müde, an eine schillernde Welt zu glauben. Unterwegs ist das neue Zuhause und der AZ-Keller immer noch der angenehmste Platz. Ein wenig Glitzer fürs Gemüt. Hach.

Das Album erscheint ausschließlich auf Vinyl, LP kommt mit 350g Cover, Textinlay und Downloadcode.

Ende April/Mai ist es soweit. Die Band kann man unter beatpoeten@googlemail.de kaufen, türlich.

Auf ins Jahr #2016

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Holla, 2016. Wir feiern 10 Jahre Beatpoeten & feiern in Køpi & ://blank, trudeln bei der Fusion & an Sandstränden rum. Soll heißen: wir basteln am Booking & an Neuigkeiten. Ein Überblick:

1. „Weißte noch, Schulhofkonzert Döbeln?! Hähähä.“ Ja, wissen wir noch. Wir präsentieren daher die neue Lesung: „Kann ich Euch aufm Benzinkanister begleiten? Die schillerndsten Momente der letzten zehn Tourjahre. Oder: Ich stehe eigentliche nicht auf Elektro, aber …“ Vorpremiere ist am 26. Februar im Ihmezentrum. Hannoversche Premiere dann im April. Es geht um Schlägereien unter Kunststudenten in Ottersberg, Hardstylepublikum im Berliner Hangar & um Persil Megaperls im Hallenser Durchlauferhitzer. Schlimm. Von April an auch bei Euch. Mit Kerzen. & Bingo natürlich. Vernissagetauglich.

2. „Spielt ma‘ Kommerziell!“ Die „Endlich ma neue Songs“-Tour ruft. Wir spielen Konzerte auch 2016 traditionell möglichst an Wochenenden. Greifswald, Norderstedt & Hamburg sind gesetzt. Auf der Wunschliste stehen Flensburg, Saarbrücken, Freiburg, Dortmund & ein Bergdörfchen in der Schweiz. Altes Spiel: Ihr fehlt? Meldet Euch. PS: ihr Zecken in Weimar & Gotha, macht ma die Strümpfe klar! & Rostock: immer nur 50 Jahre Hansa feiern klingt nach Gefahrenminimierung! Wo bleibt das musikalische Risikokapital?

3. „Gibt’s Euch auch bei Bandcamp?“. Nö. Auch Spotify war ein Versehen. Wir versuchen uns da gerade überall rauszuklemmen. Wir bleiben ne Kapelle, die man am besten zu sich direkt einlädt, mit der man feiert, während andere direkt pennen gehen, mit denen man Witze, Zeit & Getränke teilt. Dann bringen wir auch ne Schallplatte mit. Oder helfen beim aufräumen. Muhaha. Vielleicht 2016 auch eine neue Platte. Wir hängen an der Grafik. In bunt!

4. „Euer letztes Video ist älter als Youtube”. Jaja. Haben wir auch gemerkt. Costa ist dran. Aber nur mit Mett einreiben & zum Singleabend ins Brauhaus torkeln, klingt noch nicht nach Konzept. Drei Videos sind geplant.

5. „Seid ihr nicht langsam zu alt für den Mist?“ Wa? Wer hängt denn hier bei Facebook rum?! Wo ist denn Deine Snapchat-Einlage? Schreib doch Blogs voll, wir fahren lieber weiter an den Wochenenden durchs Land & probieren Eure Cocktails. #Ageism!

6. „Ich bin nur Fan wegen des lustigen Pegidakommentarvideos. Eure Musik nervt.“ Nun ja. Pegida nervt uns mehr. & die Lesung läuft nur noch einmal in der Eisfabrik zum Frühlingsanfang. Wird eher Zeit, sich wieder den Kommentatoren zu widmen.

7. „Macht ma wieder was Besonderes. Früher war mehr Quatsch.“ Früher war auch mehr 1,2,3,4. (Grüße!). Zumindest eine Schnapsidee lautet: Sonnenaufgangskonzert vor dem Indiego Glocksee. Schön um 5 Uhr für alle Jogger & Verstrahlten. Mit Liveinterviews auf der Bühne vorm Laden.

8. „Mit wem spielt ihr denn so?“ Mit Kaput Krauts. & knuddligen Stinkepunks.

9. „Wie erreich ich euch wegen meiner Geburtstagsfeier?“ Puh. Klär das mit beatpoeten@googlemail.com Die weltbeste Ayse Hogefeld meldet sich.

10. „Macht ihr auch Workshops?“ Check unser Xingprofil. Gnignigni.

Auf ein buntes 2016 mit Euch. Schön, dass es Euch gibt.

Costa & Egge

PS: Foto ist von Felix Noelle

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Egges 2015 – Ein Rückblick

Die zehn besten Konzerte:

1. New Order im Tempodrom in Berlin (Guter Sound & zwei großartige Joy Division-Cover)
2. Wanda im Capitol (Zuerst in NB im AJZ gehört, am Ende des Jahre läuft der Bussi-Riot live im Capitol)
3. Susanne Blech beim Gleichstark-Festival (Die Demos wurden mir einst in Ravensburg präsentiert, live eine absolute Sensation)
4. Kasimir Effekt im Lux, Broncos, Fährmann, usw. (2014 lief das Trio noch als Jazz, jetzt hat Hannover eine wunderbare Klubband)
5. Käpt’n Blauschimmel & die Süßwassermatrosen (Die Band aus Cottbus bei Feinkost Lampe; sehr gut; unbedingt zum Fährmann holen)
6. Deichkind in der Swiss Life-Hall (Filmriss)
7. Madame Puschkiin beim Fährmann, Gleichstark, Theaterkeller (verdammt gute Band aus Hannover)
8. Gisbert zu Knyphausen bei Faust (selbst das Kinderlied war gut)
9. Kraftklub auf der Plaza und der Swiss-Life-Hall (immer noch live eine Bank)
10. Bilderbuch in der Swiss-Life-Hall (waren nur Vorband, bei Faust verpasst, trotzdem: genial)

Die zehn schillerndsten Neuentdeckungen

1. Isolation Berlin im Akud, Berlin (Unfassbar junge, geniale Band. Mix aus allem Schönen.)

2. Erfolg & der Mädchenchor, Fusion (Platte kaufen!)
3. Schnipo Schranke im Lux
4. Hygiene Fischer & die Atemlosen, Alt-H
5. Static Me in Wermelskirchen
6. The Levitations im Marat München
7. Naive in Wermelskirchen
8. Das Neue Nichts beim Fährmannsfest
9. Asthma La Vista in Zwickau
10. Abramowicz beim 1. Mai Hannover

Schön war es mit Bensley, Kkorpus Delikkti, Elaiza, Vodka Revolte, Antilopen Gang, Brazzo Brazone, Noam Bar, Ich kann fliegen, Berufschaoten, 17 Hippies und den vielen anderen Künstlern, Musikern und Kaputten.

Zehn Band, mit denen wir Spaß hatte

1. Supershirt-Abschied im Molotow in Hamburg (alles gegeben)
2. Mülheim Asozial im Nexus (Eine Band wie Straßenschlacht)
3. Kackschlacht in Erfurt, Wagenplatz (Entertainment der abseitigen Sorte)
4. U 3000 bei Leinehertz, Faust, Glocksee, Akud (drücken Euch die Daumen)
5. Koukoulofori in HH und Norderstedt
6. 100 Blumen in Bremen, Güterbahnhof
7. Todeskommando Atomsturm im Nexus
8. Kaput Krauts & Das Flug im Haus in Jena
9. Panzerband im Stumpf
10. Feine Sahne Fusion

Zehn skurrile Konzertmomente

1. Helene Fischer in der HDI-Arena (Ganz großes Entertainment)
2. Tigerjunge beim Fährmann (Ganz großes Ravegefühl 1991)
3. Tom Tulpe im Akud (Ganz große Lyrik)
4. Laing beim Gleichstark (Ganz großer Hit)
5. Boys of Terror beim Platz-Sommer (Ganz große Show)
6. Larissa Strahl (Ganz viele Autogramme)
7. Prag bei Kampnagel (Ganz große Nora)
9. The Forrest im AJZ (Ganz groß & schön)
8. The Guilt in Wermelskirchen (Ganz schön laut)
10. Sophie Hunger im Capitol (Ganz schön leise)

Drei Ohrwürmen 2015

1. Schnipo Schranke

2. Pisse

3. Grossstadtgeflüster

Die drei besten Filme 2015

1. B-Movie – Lust & Sound (Großartige Collage, großartiger Soundtrack)
2. Victoria (Nach Absolute Giganten schöner Streich von Sebastian Schipper)
3. Als wir träumten (Gute Umsetzung des Buchs von Clemens Meyer)

Foto: Philipp von Ditfurth
Foto: Philipp von Ditfurth

Menschen 2015

1. Mit Wolfram Hänel und Ulrike Gerold hat die HAZ ein Kinderbuch realisiert, einen interaktiven Krimi gestaltet und einen Adventskalender samt 24 Minibücher gebastelt. Mit keinem Menschen hatte ich 2015 mehr zu tun – und es gab Rotwein und wunderbare Abende im Kanapee
2. Michael Rossié & Gerald Hüther waren für mich die besten Redner beim HAZ-Expertenforum
3. Tim W. war mein erster Praktikant & damit der beste
4. Rocko Iremashvili ist ein Künstler aus Georgien. Ich hab erst Texte über ihn geschrieben & ihn endlich getroffen.
5. Joy Lohmann ist der einzige Künstler, der aus alten Brücken-Herzen eine Skulptur machen kann, die dann auch noch in der Kröpcke-Uhr ausgestellt wird.
6. Dong-Sean Chang & Johannes Kretzschmar: die besten und sympathischsten Science Slammer (Costa natürlich auch)
7. Florian Wintels & Johannes Berger sind für mich die besten Poetry Slammer 2015, & David Friedrichs Finaltext war groß
8. Rainer-Jörg Grube ist Bezirksbürgermeister. Am Ende des Stadtteilfestjahres liegt er mit fünffachem Fußbruch im Krankenhaus. Alles gegeben.
9. Jochen Lahmann ist Hufschmied – und hat mit weiteren Schmieden das Brandenburger Tor auf Hufeisen gebaut – Weltrekord für den guten Zweck.
10. Chuck Airy Glitter: Luftgitarrenmeisterin. Unfassbar.

Liebesschloesser

Orte 2015

1. Kroatien Hvar (Urlaub!)
2. Elbsandsteingebirge (Kahn fahren auf der Grenze)
3. Schwerin, Rostock, Neubrandenburg & Jamel
4. Teneriffa & Gomera (nach sechs Stunden Weg Bier & Wasser)
5. Ihmezentrum (Changemanagement & Ort für Ideen 2015)
6. Wilhelmshaven
7. Weserufer Minden (Festival am Flussufer)
8. Lügenstein & Lippoldshöhle (Wandern im Ith)
9. Kraftwerk Herrenhausen (Musik im leeren Ölspeicher)
10. Immer wieder Ostsee

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Gomera 2015

Momente 2015.

1. Y. spricht, läuft & lacht
2. Neunmal Hilfe für Vereine in Borstel, Uetze, Idensen, Benthe & Landringhausen („Sommereinsatz“)
3. Luftgitarrenflashmob zum 900. Jahre Linden-Fest
4. 19000 Menschen gegen Pegida in Hannover
5. Hannover erhält in Augsburg den Auftrag zu den Slammeisterschaftten 2017
6. Fanfarenzug-Disko im Alt-H zum Schützenfest funktioniert
7. Mehr als eine Million Euro für die HAZ-Weihnachtshilfe
8. Beatpoeten-Album ist fertig, nur noch durchs Presswerk
9. Das Brandenburger Tor aus Hufeisen wird fast 7 Meter hoch, 8 Meter breit und bringt 12500 Euro für guten Zweck
10. Schwarzlichtparty im Heinz

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Goldene Fanfare – Fanfarenzüge treten mit Popsongs gegeneinander an.

Skurrile Momente 2015

1. Karneval auf Teneriffa
2. Star Wars Night im Kaufhof
3. Bockspring-Weltrekordversuch
4. WM-Pokal anschauen in Barsinghausen
5. Vocal-Heros in Holzminden

Fünf Lesungen 2015

1. Lesung für das Lampedusa-Projekt im Bildungsverein
2. Lesung für die Freiheits-Ausstellung von Rocko Iremashvili in Hannover & Gehrden
3. TAK-Lesung bei den Nachtbarden
4. Jazzslam mit Johannes Berger bei Faust
5. Buch zu 900 Jahre in Linden bei Feinkost Lampe – ohne Stimme

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Lesung bei der Fusion.

Fünf schönsten Festivals 2015

1. Open Flair – weil die Familie Veranstalter ist
2. Fusion – weil Neubrandenburg & Rostock so herzliche Menschen beherbergt
3. Bunte Republik Neustadt – weil wir noch nie da waren & es völlig wahnsinnig ist
4. Meet The Needles – weil ich eine Jacke beim Glücksrad gewonnen habe
5. Fährmannsfest – weil es immer noch überraschende Bands gibt

Schön war es auch bei der Gleichstark-Premiere, bei den Sommerfesten in Schwerin, Norderstedt und im Braunschweiger Nexus, beim FCLR & bei der Féte, beim Wagenplatzfest in Erfurt und Rock gegen Rechts in Oldenburg.

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Finale für den Stadtdialog.

Die schönsten Moderationen 2015

1. #hannover2030: Beim Stadtdialog durfte ich den Abschluss im neuen Sprengelmuseums-Anbau moderieren, den Sporttag im Rathaus, den Jugendtag am Ihmeufer, den Bürgermeistertreff in der HDI-Arena und eine Runde zum Ihmezentrum auf der MS Wissenschaft.
2. 900 Jahre Linden: das zentrale Fest zum Stadtteiljubiläum war großartig.
3. Der Niedersächsische Wirtschaftspreis im HCC mit Ministerpräsident und Wirtschaftsminister, Kammern & Verbände.
4. Science Slams zur IdeenExpo & zur Langen Nacht der Wissenschaft in Göttingen
5. Entdeckertag der Region Hannover auf dem Opernplatz Hannover
6. Fest zur Kröpcke-Uhr und zum Kröpcke-Jubiläum
7. Slams in Oper, Lessing-Theater Wolfenbüttel, Empore in der Nordheide, Schloss Bevern, Fabrik Hamburg & Gartentheater Herrenhausen
8. HAZ-Aktionen wie Forum, Expertenforum, Aktion Sicherer Schulweg, Helmfest, Schreibwettbewerb, etc. & die „Goldene Fanfare 2015“
9. Festivals wie Fährmannsfest, Open Flair & Gleichstark-Festival und Diskussion beim Platzprojekt-Sommerfest
10. Suchthilfelauf & Wochen gegen Rassismus

Spannend war es auch bei der Pressepreisverleihung für Schülerzeitungen, dem Infrastruktur-Kongress im Sparkassen-Forum, beim book:look-Abend im Pavillon, das Sportbuzzer-Finale im Stadion und bei der Hörregion im Pavillon.

Foto: Marvin Ruppert
Foto: Marvin Ruppert

Die zehn schönsten Beatpoeten-Auftritte 2015

1. Konzert beim Open Flair im E-Werk
2. Lesung & Fusion-Duell für die Kloschlangen in Lärz
3. Pfingstcamp-Konzert in Doksy
4. Konzert in der Villa Dunkelbunt
5. Premierenlesung „Opfer lesen Battlerap“ in Aschaffenburg, Stern
6. Premierenlesung „Beatpoeten lesen deutsche Verhältnisse“, Hochschule Hannover
7. Konzert bei der Bunten Republik Neustadt
8. Lesung & Konzert im Kafe Marat in München
9. Punklesung in Potsdam
10. Itzehoe – ein letztes Mal in der Lauschbar

Und kannst Du Dich erinnern? An den zersplitterten Notenständer im Lutherkeller in Zwickau? An die Skate-Gelände-Lesung in Neubrandenburg und den Abend im AJZ, zu dem plötzlich alle kamen und bei dem Wanda aus den Boxen brüllte? An die leere Tanzfläche im Conne Island in Leipzig? An den Schnaps im Klaus-Haus, an die Feier mit Kackschlacht in Erfurt auf dem Wagenplatz, an die Fete in Wermelskirchen? Haben wir nicht gut getanzt in Wismar beim Hausfest, beim Sommerfest in Norderstedt, beim Hochschulfest in Fulda? Die Pommes in Oldenburg? Oppermann in Göttingen? Die Dachterrasse in Braunschweig? Die Lesung im Pavillon? Der Abend im filler in Erfurt? Der schwere Gang in der Lagerhalle in Bremen? Und die Kunst im TAK in Hannover? Wow.

Das Album ist längst aufgenommen und wir hängen an der Grafik. Im kommenden Jahr feiern wir zehn Jahre Beatpoeten und spielen dann auch endlich in Hannover. Ich danke Euch für ein buntes, wildes Jahr 2015 und freue mich auf künftige Ausflüge. Danke den liebsten Menschen, die das alles so mitmachen*

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2. Oktober 2015 – Erfurt, Hamburg, Notaufnahme, Bremen

Boys in der Bahn am Bahnhof Fulda.

Krass. Genau einen Monat ist die Reise nach Erfurt und Hamburg her. Es ist die bisher längste Beatpoeten-Reise für mich. Eine Reise in Städte, zu Menschen, zu mir selbst vielleicht. Denn die Konzertausflüge verliefen dann doch wieder etwas anders als geplant.

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Zunächst schauen wir in Erfurt vorbei. Die Gewerkschaft kümmert sich dort längst nicht mehr nur um Lohnforderung und Kündigungsschutz. AfD-Höcke peitscht dort jeden Mittwoch besorgte Bürger und Neonazis durch die Innenstadt und ist damit so erfolgreich, dass er später beim Jauch sitzen darf und eine Deutschlandfahne verkehrt herum auf seine Armlehne drapiert. Hui, dieser Höcke, der sich auf Stauffenberg beruft und zum Widerstand aufruft. Seine Anhänger verstehen ihn direkt. Die Gegendemonstranten werden gezielt angegriffen. Unsere Gastgeber im Filler tragen tatsächlich Schrammen und Beulen. „Ich geh nicht mehr ohne Pfeffer raus“, erklärt uns ein Gast. „Wir brauchen Sportgruppen.“ Deutschland, 2015. Der Selbstschutz von Antifaschisten scheint vor allem in Sachsen und Thüringen absolut notwendig.

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Wir spielen ein Konzert für Refugees. Einmal Stonerrock, einmal Punk begleiten uns. Die Geflüchteten kommen langsam rein, tanzen dann aber auch. Wir schunkeln mit alten Bekannten und Freunden und versuchen, einfach nur Kraft zu geben. Die Wochen später wird Erfurt neben Dresden zur Vorzeigestadt der besorgten Bürger. Die Neue Rechte feiert den Schulterschluss der AfD und Neonazis in der Stadt. Nach dem Modell laufen Demos in Magdeburg, Hamburg und Rostock. Andreas Speit erklärt die Strategie in der taz.

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Wir schlafen in einer herrlichen Pension, erinnern uns an Wagenplatzfeiern und Poetry Slams, Buko und Textfestivals in Erfurt und sitzen wieder in der Bahn. Besuchen das Ihme-Zentrum und freuen uns auf ein Wiedersehen mit Supershirt. Die Audiolith-Band hat uns lange begleitet. Wir spielten in deren Vorprogramm im Kulturzentrum Faust, im Kellerklub Stuttgart und trafen das Duo und Trio in der Glocksee, bei der Fusion auf Leipziger Flohmärkten. Nach zehn Jahren zieht die Band den Stecker. Mehr Ruhe. Guter Ansatz. Wir wollen uns verabschieden, schleichen uns ins Molotow, tanzen mit. Einmal noch.

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8000 Mark. Irgendwas ist immer. Ich springe nach zwei Sekt dann doch einmal von der Bühnenkante. Früher waren die Punker kräftiger. Früher waren Studenten vielleicht auch einfach öfter beim Sport. Nun ja. & das nüchtern. Costa holt ein Taxi. In der Notaufnahme gibt es drei Schmerztabletten. Liegen, kühlen, abwarten.

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Das Abwarten dauert zwei Wochen. Wir müssen die Lesung und das Konzert beim Twisted Chords-Labelfest in Leverkusen absagen, Diskussionsveranstaltungen, Moderationen, Jobs. Stattdessen lieg ich mit einer Beckenprellung im Bett und warte bei jedem Pizzaboten direkt mit dem Telefon an der Tür, weil ich es nicht rechtzeitig vom Bett zur Tür schaffen würde. Ja, Demut ist ein großes Wort. & man kann sie lernen. Ich verspreche Costa, irgendwann Gymnastik zu machen.

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Zwei Wochen später läuft in Bremen eine Poetry Slam-Landesmeisterschaft. Viele Bekannte turnen vor der Bühne rum. Ich hänge eingeknickt wie ein zu cooler Hipster im Raum und versuche zumindest ein wenig zu stehen. Das Lagerhaus ist ein schöner Laden, wir waren schon öfter da. Nur diesmal ist es schwierig. Ich muss tatsächlich kämpfen, verbiete mir Sprünge und Ausfallschritte. So eskaliert wohl Roland Kaiser. Costa beschließt, nie wieder mit mir in so einem Zustand aufzutreten, also verordnen wir uns Ruhe und denken auf LP-Cover rum. Dieses schafft es leider nicht:

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Mittlerweile kann ich wieder laufen. Ich erreiche knapp abfahrene Busse und denke zu laut über Yoga-Kurse nach. Es läuft. Die Ibus hab ich aufbewahrt. Kann man immer gut gebrauchen. Wir spielen noch zwei Konzerte in diesem Jahr. Einmal mit Klavier in Hannover, dann mit Gewalt in Zwickau. Schonen wir uns nun? Ich glaube nicht. Dafür macht der Kram mit euch einfach zu viel Spaß.

Was bleibt?

Ich hab endlich meine Krankenkassenkarte aktualisiert – jetzt mit Bild!
Crime-Serien von Castle bis The Metalist sind gar nicht soo scheiße.
Beckenständer sind besser als Krücken, denn sie sind höhenverstellbar.
Ich brauche dringend einen Hausarzt.
Das Alter ist großartig – man hat jetzt Chirurgen im Freundenkreis (Ihr seid die besten!).
Der neue Asterix ist okay.
Obst, ey. Gut!

Sommer 2015

Kennen Sie diese Pinguine?

In Deutschland brennen wieder Heime. „Besorgte“ Bürger zeigen ihre hasserfüllte Fratzen in die Kameras und brüllen die Stimmen der Vernuft nieder. Während der Klimawandel das Wetter heiß und trocken macht und die Medien die besten Tipps gegen Wespen sammeln, schleichen durch die Städte Gestalten, die mit Schaum im Mund ihre vermeintliche Überlegenheit zelebrieren. Doch es gibt auch die vielen positiven Meldungen und Fotos von Menschen, die Geflüchtete versorgen, aufnehmen, mit ihnen ihr Essen, Wohnung und Zeit teilen.

Und wir stehen irgendwo auf einer Bühne, machen unsere Musik, ein paar Witze, tanzen, lachen. Steigen in München nackt in die Isar, gehen immer wieder in der Ostsee baden, feiern auf dem Platzprojekt in Hannover das bunte Leben im Container, machen Freestyle-Rap auf dem Bauwagenplatz in Erfurt mit unseren Braunschweiger Freunden von Kackschlacht, trotzen dem Sommersturm im Nexus bei der Punk-Lesung und machen Emo-Selfies mit Mülheim Asozial, erklären beim Geburtstag des AJZ Neubrandenburg, wie die Jugend dank Texten von Kollegah oder Haftbefehl besser mit Konflikten bei der Arbeit, in der Uni oder im Plenum umgehen, gehen im Tollensersee baden (immer wieder toll!), machen beim Openflair Teenie-Trinkspiele mit dem Lumpenpack und Rainervonvielen, lernen viele tolle neue schlechte Witze beim Sommerfest des SZ Norderstedt und schaffen es endlich in die schöne Stadt Schwerin zum Sommerfest des Komplex.

Dazwischen turnen wir auf dem Ajuca herum und bringen jungen Menschen Nachhaltigkeit bei, fahren durch Südeuropa, jagen Wellen hinterher und treffen immer wieder die tollsten Menschen. Während in den Medien Europa totgeschrieben wird, erfahren wir Hilfsbereitschaft, Liebe, menschliche Wärme, tolle Ideen und Kultur, die einen morgens aus dem Bett aufstehen lässt. Der Sommer ging viel zu schnell vorbei. Wir sind unendlich dankbar. Immer noch. Mit so einem aufgefüllten Herz kann uns der Herbst nichts!

Juli 2015 – Bremen und München

Cooler Egge ist cool.
Cooler Egge ist cool.

Sonntag, abends – München

Irgendwo in den reichen Vororten von München kamen wir langsam wieder runter. Im Autoradio besang Enrique Iglesias einen Helden, und die Autotüren waren nicht richtig geschlossen. „Inshalla“, sagte ich. „Was willste machen? Kannste nichts machen.“ A. manövrierte uns geschickt zwischen den Porsches, BMWs und Mercedes-Limousinen durch, bis zu einer typisch bayerischen Oase. Auf einem Hügel über der Isar stand dieser Biergarten. Davor noch mehr Luxusautos, komisch getunete Motorräder und eine übergroße Statue von Bavaria mit einem Gesicht von Franz-Josef Strauß. „Das ist so geil München hier“, sagte S. und zeigte auf eine Gruppe gelangweilt aussehender Tweens, alle mit weißen Hemden und kurzen Hosen in Farben, die Lachs, Mauve oder Babyblau genannt werden. Die niederländische Blues-Band coverte große US-Hits, und auf den Tischchen standen Amerika-Flaggen. Hier wurde der Independence Day gefeiert. Auf unsere überschwänglichen „USA“-Rufe zwischen den Liedern stimmte ein rotgesichtiger Voll-Bayer mit Cowboy-Hut ein. Krasses Wochenende.

Dadada da!
Dadada da!

Samstag, morgens – Bremen

Die Hühner in dem Verschlag schauen mich neugierig an. Die Sonne geht gerade auf, und vor dem Zaun streiten sich zwei Betrunkene um einen Döner. Egge liegt irgendwo in einem der Bauwagen und schnarcht. Auf dem ganzen Platz ist eine Stille, die nur von den vorbeifahrendenen Zügen unterbrochen wird. Ich habe die Nacht durchgemacht, es ist viel zu heiß zum Schlafen. Und Egge geht nicht an sein Handy. Auf dem Weg hierher, vorbei am alten Güterbahnhof Bremens konnte ich das reiche Deutschland begutachten. In jeder Ritze, unter jedem Dach lagen die Wohnungslosen in selbst gebauten Hüten, in Zelten oder unter freiem Himmel. Während der Hafen der Hansestadt zu einem der wohlhabendsten Viertel Norddeutschlands umgebaut wird, findet man hier die echte Armut. Und dazwischen den Bauwagenplatz und das Kulturzentrum Spedition, auf dem wir vor vielen Stunden unsere Punk-Rock-Lesung gemacht haben. Ich wecke Egge, und wir gehen zum Bahnhof: Sechs Stunden Zugfahrt bis München liegen vor uns.

Samstag, abends – München

Nach zwanzig Minuten kommt der Strom wieder. Mitten im Set fiel die ganze Anlage auf der Bühne aus. Einfach so. Wir klatschten und sangen weiter, das Publikum half uns. Als dann der Beat wieder reinkommt, wird gekreischt und geklatscht und gejohlt. Wir schwitzen und freuen uns. Das Kafe Marat in München ist unsere Homebase in der bayerischen Hauptstadt. Tolles Essen, tolle Stimmung, tolle Menschen. Der Abend wird gekrönt von dem DJ, der ausschließlich mit 7-Inch-Platten Hits aus den 80er-Jahren auflegt. Alle zeigen ihre geheimsten Moves und Tanzschritte. Wahnsinn. Mit der letzten Kraft schleppen wir uns zur Isar, ziehen uns nackt aus und springen in das kalte Wasser. Als wir auftauchen, steht da eine Blues-Band und zaubert Klassiker auf ihren Instrumenten. Dieses München, verrückt.

Konfetti sorgt für Hausverbot.
Konfetti sorgt für Hausverbot.

Freitag, abends – Bremen

Das Meet the Needles Festival in der Bremer Spedition ist ein Treffpunkt für Tätowierer, Künstler, Punkies und den üblichen Feierexperten, die Lust haben, auf Buntes, Tombola, Dosenwerfen und geile Musik. Wir machen die Einheizer und verschwinden dann zum Soli-Pfeffi. Die Hitze ist stärker als wir, wir kühlen uns in einem Babyplanschbecken. Egge gewinnt bei der Tombola eine pinke Kunstlederjacke und lacht wie ein kleiner Junge.

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Nazi-Dosenwerfen in Bremen.

Überall finden wir diese schönen Momente mit tollen Menschen. Wir haben ein so großes Glück, diesen Weg gehen zu dürfen. Wir verbeugen uns und sagen Danke! Wir hoffen, dass wir euch alle bald wiedersehen. Kuss.

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Hoch hinaus bei den Tätowierten.

 

Nachtrag vom Egge:
Ich steh ja vor allem auf die Musik bei unseren Ausflügen. In Bremen waren da ein DJ-Paar, irgendwo aus der Schweiz. Da kam ich mit meinem Kim Wilde-Halbwissen nicht weit. Superjungs, hab leider den Namen vergessen. Dafür absolut zu empfehlen: 100 Blumen. Kennt ihr ja. Einer der Halunken hat letztes Jahr mal in Düsseldorf im Linken Zentrum Krawall gewordene Musik aufgelegt. Die Ohren bluteten, wir verstanden uns. Nun also mit Band. Wäre die Technik nicht so herrlich besoffen gewesen, wäre mein Kopf vermutlich voller Glück explodiert. Es tut mir leid, dass ich Euch alle anschließend umarmen musste. Für Trashley war ich leider schon zu oft beim antifaschistischen Dosenwerfen. Gute Sache: man klebt die örtlichen Nazifressen auf Dosen und kassiert für jeden Wurf mit ner Art Minisandsack Geld für Projekte. Ich hab irgendwann doch gewonnen – eine Adriano Celentano-Platte, die ich den betrunkenen Technikern schenkte. Guter Abend. Schade, dass der Costa bei den Hühner gepennt hat. Tschuldigung. Kommt nicht wieder vor.

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Baden in München

Die Musikentdeckung in München hieß: Levitations. Die Band aus Berlin kam mit Mülltüte angefahren und präsentierte sich erst herrlich New Wave Punk Dingens-mäßig und zack: plötzlich werden Instrumente getauscht & klassischer Punkrock läuft. Sehr sympathisch. Haben auch direkt ein Loch in die Bühne getreten. Höhepunkt des Abends für mich: endlich ein Lady Gaga-Shirt in der Freebox, dazu Vleischpflanzerl mit Stampf & nächtliche Arschbomben. Letzte Worte zum Abend: holt Euch mehr Tattoos vom Ex-Chemnitzer. Guter Typ. München, was bist du für eine herzliche Gemeinde. Dankeschön.

Juni 2015 – Dresden – Bunte Republik Neustadt

"Künstler" vor Waldlandschaft

Samstag, nachmittags

„Warte, gleich kommt die Überraschung.“ Egge grinst mich kurz an, dann dreht er sich wieder um. Der Regen prasselt liebevoll auf die Blätter über uns, neben uns. Um uns herum ist die grüne Hölle. Die Sächsische Schweiz, das Kirschnitztal. Und wir wandern da durch. Wir hätten heute irgendwo spielen können, aber wir haben am Abend vorher in Dresden bei der Bunten Republik Neustadt gespielt und wollten endlich mal gemeinsam wandern. Und da ist Sachsen ziemlich weit vorne.

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Als wir um die Ecke biegen, liegt vor uns ein Flüsschen, mitten zwischen zwei steilen Abhängen. Der Stein ist mosig, große Bäume hängen daran, die Wurzeln in fantastische Formen verschlängelt. Eine Märchenlandschaft. Und vor einem Bootshaus kauft sich gerade ein Motorrad-Rocker mit Halstattoo eine Bockwurst. „Schöne deutsche Heimat“, deklamiert ein Senior in Funktionskleidung. Zwei Bundeswehrsoldaten prosten sich mit Eiweißshakes zu: „Läuft bei uns.“

Wald.

Wir holen uns zwei Tickets für eine Bootsfahrt, zwei Bier und fragen die Verkäuferin, ob die Hutnadeln schön wären. „Hässlisch“, schmettert sie uns im fröhlichsten Sächsisch entgegen. Wir lachen, prosten uns zu und steigen auf das Boot. Während der Bootsmann in auswendig gelernten, nach einer schweren Depression oder Trinksucht klingenden Sätzen erklärt, welche Tiere wir in den Steinen erkennen können, wieso es diesen Fluss gibt und welche Rolle der Baum in Sachsen hat, grinsen wir uns an. „Eine Runde Mitleid an die Menschen, die jetzt irgendwo im Büro sitzen oder sich mit ihren Beziehungen streiten.“ „Ja, genau.“ Prost.

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Nach der Flussfahrt geht es zurück auf den Wanderweg. Eine Stunde steiler Aufstieg auf den Königsstein. Eine Abkürzung, wie Egge sagt. Die Beine brennen, die Lungen öffnen sich weit für die saubere Luft. Der Sauerstoff geht direkt ins Gehirn. Wir schwitzen, wir lachen, wir machen doofe Sprüche, wir singen alte Lieder. „Aber dennoch hat sich Bolle ganz köstlich amüsiert.“ Lieder, die uns unsere Väter beigebracht haben. Dann stehen wir auf dem Königsstein und vor uns das Waldmeer. Ein Gefühl wie ein Bild von Caspar David Friedrich. „Kanzler-Gefühle kriegt man hier“, sagt Egge und lacht. Es fühlt sich an, als hätte der ganze Weg, den wir bislang zusammen gegangen sind, fast zehn Jahre als Band, als hätte dieser Weg die ganze Zeit schnurstracks genau auf diesen Moment geführt. Bäm.

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Damit kennen sich die Sachsen aus.

Freitag, nachts

Keine fünf Minuten mehr, und wird es eine Schlägerei geben. Die Dresdener Neustadt pulsiert. Bebt, nicht nur vom Bass aus der Box, die seit Stunden Drum’n’Bass in die Gasse pumpt. Fünf Meter weiter ist jetzt House-Abfahrt angesagt. Studies im globalen Feier-Look, Atzen mit mahlenden Kiefern, drei Leute mit Camouflage-Jacken. Und Polizei in Kampfuniform, die bedrohlich schaut. „Gut, dass die Bullen hier sind“, sagt ein Punk neben uns. „Bitte was?“ „Naja, früher haben die eingegriffen, wenn die Nazis kamen. Jetzt schützen die uns vor den normalen Deutschen.“ Die Bunte Republik Neustadt sei ganz anders als noch vor einigen Jahren, erzählt er. Wir hätten mit unserer Bühne Glück gehabt, da wären keine Idioten gewesen, aber rundherum, das sei Mallorca.

Micky Maus ist im Haus.

Freitag, nachmittags

„Hartmut Engler hat bei der Show ‚Sing mein Song‘ geweint, weil er von seinen ‚Emotionen zugeprasselt‘ wurde“, zitiere ich eine Zeitung. Draußen braut sich eines der krassesten Stadtfeste Deutschland zusammen: Die Bunte Republik Neustadt. Wir haben uns vor dem Regen und den Massen an Menschen in eine Kneipe geflüchtet, Kaffee bestellt und spielen – zum ersten Mal in unserer Band-Karriere – Schach. Egge gewinnt, eindeutig. Wir dürfen heute im Areal II bei den Bretterbuden spielen, die Treberhilfe Panama e.V. hat uns eingeladen, es ist ein Soli-Konzert. Freunde aus Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen sind da. Es wird sich herzlichst umarmt. Im Alaunpark spielt eine Grunge-Band.

Dessert.

Samstag, nachts

Fossi von unserer Lieblingspunkband Kaput Krauts aus Berlin-Mitte schreit sich den Leib aus dem Hals. Das besetzte Haus in Jena dreht durch. Geil, Pogo. Wir sind nach Thüringen gefahren, nachdem wir im geilsten Landgasthof Ostsachsens Mittag gegessen haben. Jetzt hängen wir mit den Verrückten aus Jena und den Muckern aus Berlin zusammen. Die Krauts und Das Flug sind zusammen auf Tour, und wir mussten sowieso was im Haus abgeben. Also tanzen wir, flirten wir, singen wir, freuen uns. Genießen.

PS vom Egge: Bastei ist hübsch, aber voller Touristen. Fahrt zur Oberen Schleuse und lauft zur Grenze. & überhaupt: Costa trägt echt Funktionsunterwäsche. Wow.

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