Presseschau zehn/zwanzigelf

Kisch-Debatte: Interview mit René Pfister
Ein Interview mit dem Spiegel-Redakteur, dem der erst verliehene Kisch-Preis von der Jury wieder aberkannt wurde.

Höllische Freude
Ein Interview in der Zeit mit Terry Eagleton über sein Buch „Das Böse“.

Bremen, die kleine Unbekannte
Sven Regener schreibt auf Zeit Online über seine alte Heimatstadt.

„Wir haben keine Zukunft“
In Spanien gehen Hunderttausende Menschen auf die Straße, um auf ihre schlechten Zukunftsaussichen aufmerksam zu machen.

Konsoldierung der Welt
Ein De-Bug-Artikel darüber, wie das Internet zu einem Spiel wurde.

Exportweltmeister beim akademischen Überschuss
In der FAZ: „Für die DFG, den Wissenschaftsrat und die Universitäten kann es gar nicht genug Nachwuchskräfte geben. Aber diese verschwinden zuerst in wolkigen Großprojekten und dann in der Arbeitslosigkeit.“

Die deutsche Steuerlüge
Teil zwei der tollen Heise-Serie zum Thema „Was ist eigentlich Wirtschaft?“.

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21. und 22. Mai – Hannover – 1. niedersächsisch-bremische Slam Poetry Meisterschaft

Der Sieger der 1. niedersächsisch-bremischen Slam Poetry Meisterschaft steht fest. Sven Kamin aus Bremen setze sich am Sonntag in der Staatsoper Hannover gegen Tobias Kunze aus Hannover durch. Am Ende belohnte Sven die ausverkaufte Oper noch mit einem tollen Text über die Freiheit des Tanzens.

Es war ein wildes Wochenende. Rund 2000 Zuschauer verfolgten das ebenfalls ausverkaufte Halbfinale auf dem Faust-Gelände im hannoverschen Stadtteil Linden und das Finale in der Staatsoper – dazu kamen noch mehrere Tausend, die den Slam beim autofreien Sonntag in der hannoverschen Innenstadt verfolgten. Mehr als 20 Poeten aus ganz Niedersachsen und Bremen kämpften fair und gut gelaunt um den Titel.

Morale Unterstützung erhielten die Dichter dabei vom Fanfarenzug Alt-Linden von 1964, die die beiden Abende jeweils mit einem schmetternden Einmarsch einläuteten. Zum Schluss lagen sich auf dem Balkon der Oper alle in den Armen, und die Jungs vom Lieber Klub sorgten mit ihrer tollen elektronischen Musik für den würdigen Soundtrack. Vielen Dank an alle, die das Wochenende möglich gemacht haben.

20. Mai 2011 – Bremen – Schwankhalle – Manifest der Vielen

Am 20. Mai durften wir als musikalischer Gast bei einer Lesung des „Manifest der Vielen“ sein. Die Autoren Deniz Utlu, Mely Kiyak und Yasemin Karasoglu wurden dabei unterstützt von Moderator Erkan Altun und den Theatermachern Christoph Glaubacker, Anja Wedig und Carsten Werner. Eine Kritik des Weser Kuriers findet ihr hier. Aus gegebenem Anlass schreiben wir an dieser Stelle aber keinen normalen Bericht über den Abend, sondern lassen unsere Freundin Melissa Canbaz das Thema beleuchten. Melissa (24) ist Türkin. Sie ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Nach einem Kunstgeschichtsstudium verschlug es sie in die Hauptstadt, wo sie den beruflichen Einstieg in die redaktionelle Welt wagt – unter anderem für „Texte zur Kunst“ oder frieze d/e„.

Es war schon irgendwie absehbar, dass auf die Publikation von Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ ein Gegenbuch folgen wird. Wie sollten Kulturschaffende und muslimische Intellektuelle darauf reagieren? „Manifest der Vielen – Deutschland erfindet sich neu“ heißt das im März 2011 von Hilal Sezgin herausgegebene Buch.

Der Titel und das plakative Cover  zumindest scheinen sich auf den Sarrazin-Vorgänger zu beziehen. Der Titel klingt harsch. Irgendwie provozierend. Doch schon kurz nachdem ich das erste Mal in dieses Buch aufgeschlagen hatte, wurde deutlich, dass es sich hierbei um dreißig heterogene Erfahrungsberichte, von Menschen in Deutschland mit „Migrationshintergrund“ handelt (ein Wort, das ich einfach nicht mehr hören mag). Die Autoren beziehen Stellung und setzen ein Zeichen gegen Rassismus, Ausgrenzung und Vorurteile. Sie schreiben über ihr Leben in Deutschland, über ihre Heimat, über ihr Muslim-Sein und nicht Muslim-Sein. Vor allem, weil genau diese öffentlichen Debatten, die seit letztem Herbst mal mehr mal weniger präsent sind, entmutigten und ich das Gefühl hatte eine neue Herangehensweise müsste her, halte ich diesen Gegenentwurf eigentlich für sehr clever. Mich interessiert, was bekannte türkische Autoren, wie Feridun Zaimoglu, zu dem Thema denken und dadurch neue Denkanstöße liefern.

Das „Manifest“ versucht eben nicht eine einzige Antwort zu finden, sondern Individuen zur Sprache kommen zu lassen, die es leid sind, über Klischees hinweg in eine Schublade gesteckt zu werden. Verständlich. Ich persönlich hatte nie das Gefühl, zu einer bestimmten „Gruppe“ zu gehören, die sich benachteiligt oder gar übergangen fühlt. Erst die durch Sarrazins proklamierten Aussagen über die Migration im Land und dessen vermeintliche Auswirkungen, führte dazu, mich selbst überhaupt als sogenannte „Minderheit“ wahrzunehmen. Ich hatte nie Nachteile und lebe glücklich in Deutschland. Man könnte es gelungene Integration nennen.

Dennoch fühlte auch ich mich vor den Kopf gestoßen, als ich diese sehr weithergeholten Thesen las. Man ist fassungslos. Man solidarisiert sich. Die Anti-Sarrazin-Schrift ist das Resultat. Es liest sich mehr wie eine Satire und gleicht keinesfalls einem politischen Programm. Das gefällt mir. Denn jedes Mal, wenn ich mit diesem Diskurs konfrontiert werde, spüre ich eine gewisse Art von Müdigkeit, die sich immer dann bemerkbar macht, wenn die Wut allmählich abgeklungen ist. Ich bin mir sicher, dass es auch auf das „Manifest“ in kürze eine „Antwort“ geben wird. Wir (und damit ist nicht dieser starre Wir-Ihr-Gegensatz gemeint, sondern wir alle!) sind nämlich noch lange nicht so weit. Die Debatte wird weitergehen. Man kann nur die Stimme erheben. Aber es gibt sie. Diese Gegenstimme. Das beruhigt.

19. Mai 2011 – Beatpoeten treffen: Sven Regener

Ach, wären wir nur ein wenig älter gewesen, in diesem verrückten Jahr 1989. Die Mauer wäre gefallen und wir hätten Herrn Lehmann in die Arme laufen können. Stattdessen saß Egge im tiefsten Nordosten und hat sich langsam davon verabschiedet, Thälmann-Pionier zu werden. Herrn Lehmann hat er trotzdem ins Herz geschlossen. Und diesen Element-of-Crime-Poeten Sven Regener eh. Auch wenn der jetzt bloggt. Und Netztextromane veröffentlicht. Zeit für ein Gespräch.

Maritim Hotel Stuttgart. Mitten in der Lena-Woche. Regener ist auf Promotion-Tour und sitzt im Hotel. 30 Minuten hat Egge, der sich einfach von der Zentrale durchstellen lassen soll. Okay. Achtung, Dialogeinlage:

„Hallo, hier ist der Jan. Ich möchte mit Hern Regener sprechen.“
„Warum?“
„Ich möchte ein Interview mit ihm führen, wir sind verabredet.“
„Mit wem haben sie das denn abgesprochen?“
„Mit Herrn K.“
„Ich stell durch…“
„Ähhhh“
Dam, Dam, Dam
„K. Wer ist denn da?“
„Hier ist der Jan wegen dem Sven Regener-Interview.“
„Das ist gut, aber ich bin nicht Herr Regener, der sitzt im Zimmer 389.“
„Aha. Da wollte ich ja auch hin.“
„Ich hatte doch geschrieben, dass Du Dich durchstellen lassen sollst.“
„Mach ich ja.“
Dam, Dam, Dam
„Maritim Hotel Stuttgart.“
„Hallo, der Jan. Ich wollte zum Sven Regener durchgestellt werden, Zimmer 389.“
„Alles klar.“
„Alles klar?“
„Ja, kein Problem. Sie sind doch der mit dem Interview. Ich stell durch.“
„Ah, ja, okay. Danke.“
Dam, Dam, Dam
„Ja?“
„Ja, guten Tag. Herr Regener?“
„Ja, natürlich.“
„Ja, klar. Natürlich, dann mal los.“

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„Kein Künstler will Feedback“

Sich Sven Regener als nerdigen Blogger mit zugezogenen Jalousien vorzustellen fällt schwer. Können Sie sich an Ihren ersten Blogeintrag erinnern?
Puh. Das ist fünfeinhalb Jahre her. Keine Ahnung.

Kneipe oder im Kaffeehaus?
Ich bin mir sicher, dass das zu Hause war, weil ich dort einen Internetanschluss habe.

Aufgeräumter Schreibtisch oder Sofa?
Man! Weiß ich nicht mehr. Damals gab es ja noch nicht so viel W-Lan oder so was. Ich hatte nur einen Internetanschluss und noch nicht mal einen Laptop. Ich war viel unterwegs. Das war immer schwierig und man konnte nicht – wie heute – mal schnell in so ’n Schiet-Internetcafé. Internet gab es einfach noch nicht so flächendeckend.

Für junge Menschen muss das unvorstellbar klingen.
Stimmt. Dabei war die Technik gar kein Problem. Ich musste erst einmal die Zeit dafür finden. Ich habe anlässlich eines neuen Albums von uns angefangen, zu bloggen. Und damals haben wir viele Interviews gegeben, hatten viel zu organisieren, weil wir als Band noch immer sehr viel selber machen. Dann kamen Reisen dazu, Fernsehauftritte, Radiogeschichten. Aber ich fand den spontanen Charakter des Internets einfach interessant. Also fing ich an.

War es eine Überwindung einfach los zu schreiben?
Das ist ja für einen Romanautor nicht so schwierig. Aber es ist interessant gewesen, dass das Geschriebene direkt veröffentlicht wird. Bei Romanen schreibt man vier oder fünf Versionen, man überarbeitet das alles und feilt an den Texten. Wenn man bloggt, ist es gleich im Internet. Dann ist Ruhe im Schiff.

In den Texten zählen sie Organisationen auf, in denen sie Mitglied sind, und berichten über orthopädische Schuhe. Man könnte meinen, es gehe um Belangloses?
Ja nun, Belanglosigkeit ist ein schwieriges Wort, das auf den ersten Blick unglamourös wirkt. Aber als Künstler beschäftigen wir uns mit dem, was wir erleben und was uns umgibt. Und ich habe immer auf Trash-Charaktere gesetzt. Zu Beginn habe ich oft als Betrachter nach Bedeutung von Dingen gesucht. Das hatte etwas von Tagebuch. Im zweiten Teil der Textsammlung werden die Gedanken aber immer übersteigerter, wahnhafter, seltsamer. Es wirkt so, als würde ich verstiegene Wahnideen aufschreiben – das passt zum Internet.

Wahnideen. Tut das einem Buch gut?
Das Buch wird zunehmend bescheuerter. Aber es soll ja auch Spaß machen. Es geht doch auch um Unterhaltung. Die Leute sollen lachen dürfen.

Hatten Sie sich eigentlich vorher überlegt, für wen Sie bloggen? Wie sieht ein Sven-Regener-Blog-Leser ihrer Meinung nach aus?
Ich glaube, so etwas gibt es nicht. Und man kann sich darüber auch keine Gedanken machen, weil jeder Mensch ein Individuum ist. Man weiß nur eins: es wird gelesen. Aber das kann kein Kriterium fürs Bloggen sein. Es ist wie in der Kunst. Es zählt nur, was man selbst spannend findet.

Im Buch kommt ziemlich schnell die fiktive Gestalt Hamburg-Heiner dazu, mit dem Sie immer wieder Dialoge führen. Wie kam es zu diesem Sidekick und darf man ihn überhaupt so nennen?
Darf man. Da hat er keine Wahl. In gewisser Hinsicht existiert er ja auch nur, wenn ich blogge. Er wird einfach gebraucht. Am Anfang habe ich ihn genommen, damit etwas passiert. Ich bin nicht der Typ, der seinen Alltag im Netz abbildet. Und ich bin auch nicht der Typ, der meint, dass alles wichtig ist, was man macht. Außerdem kann Heiner manchmal gut aus Situationen herausführen. Er ist ein Handlungsbeschleuniger, wenn ich einen Gedanken abbrechen will. Er schlottert mich dann da raus. Zudem brauche ich ihn für die Kunst. Oft sind die Gespräche mit ihm nur ein Ringen um die Frage: Was macht man da eigentlich?

Diese Frage kennt man aus ihren Büchern. Wem ähnelt Heiner mehr: Karl oder Herrn Lehmann?
Wenn, dann ist Heiner so eine Karl-Type, auf gewisse Weise scheint er sehr in sich selbst zu ruhen. Außerdem kann er zu allen Dingen etwas sagen und will auch etwas sagen. Er hat diese harte Herzlichkeit.

Manche Rezensenten bemängeln fehlende private Details. Obwohl man viel über die Band und Sie erfährt, bekommt man keinen wirklichen Eindruck von den Musikern und ihnen. Absicht?
Ich komme aus Bremen. Bei mir gehen bei dem Wort Tagebuch die Warnleuchten an. Das ist eigentlich nicht mein Ding.Tagebuch heißt nicht umsonst auf Französisch journal intime. Es ist Privatsache. Auf der anderen Seite gibt man als Künstler immer ein Stück preis. Aber da entscheidet man zumindest welche Dinge.

Das heißt, Sie lassen immer nur einen kleinen Blick auf sich zu?
Das heißt, dass manche Dinge im Buch wahr sind und manche nicht. Und manchmal sind die unwahrscheinlichsten Dinge wahr. So hat tatsächlich Hamburg-Altona zu Österreich gehört.

Echt?
Ja! Das glaubt in Hamburg keine Sau. Ich habe das mal bei „Inas Nacht“ erzählt, da wurde es ganz still.

Natürlich haben wir das nachrecherchiert. Regener hat recht:
http://www.altona.dk/geschichte/

Das Tolle am Web 2.0 ist ja eigentlich, dass man alles kommentieren und bewerten kann – eine große Feedbackmöglichkeit für den Autoren. Sie lesen laut Buch nicht mal die Kommentare zu ihren Einträgen. Warum nicht?
Kein Künstler will Feedback. Künstler wollen Lob. Man kann sich ja mal einen Fan vorstellen, der Vincent van Gogh trifft und so was sagt wie: Hallo Herr van Gogh, versuchen Sie doch mal etwas weniger Gelb! Das nutzt doch nichts. Niemand will Künstler haben, die man belabern kann.

Haben Sie schon einmal getwittert?
Ich habe so neulich ein Interview gemacht – ich war zu langsam. Aber das muss nichts heißen. Twittern ist eine Neigungsfrage wie Minigolf. Der eine macht es gern, der andere nicht.

Es gibt einen Facebook-Account von Sven Regener. Sie gefallen mehr als 6000 Menschen. Macht sie das stolz?
Echt? Das gibt’s? Ich habe mich da noch nicht registriert. Was steht denn da?

Zum Beispiel wer Sie sind.
Dann war das vermutlich der Verlag. Damit da kein anderer etwas reinschreibt oder sich als Sven Regener ausgibt. So was gibt es ja.

http://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=222278611118613&id=100000094283303&ref=notif&notif_t=feed_comment#!/pages/Sven-Regener/105470629487422

Hamburg-Heiner verbietet im Buch das Bloggen über Bahnfahrten. Gibt es Tabus, die Sie vor dem Schreiben aufgestellt haben?
Nein, eigentlich nicht. Ich brauche mir da auch nichts zu verbieten. Aber jeder, der schreibt, sollte sich überlegen, ob er ausgelatschte Pfade noch einmal auslatschen will. Das ist auch ein Kolumnistenproblem. Bahnfahrten und Taxifahrten werden immer gern genommen. Es sind typische Aufhänger, äußerst langweilige Aufhänger, aber man kann ja machen, was man möchte.

Kann man Blogeinträge eigentlich einfach so vorlesen?
Kann man schon machen. Man muss ein Gefühl dafür kriegen. Und bis jetzt hat sich keiner beschwert. Es sind sehr lustige Abende.

Sie kommen nun auch nach Hannover. Gibt es noch Aufzeichnungen über die Leinestadt in Ihrem Blogarchiv?
Da bin ich mir nicht sicher, da müsste ich nachschauen. Ich habe nicht immer alles einheitlich aufgeschrieben. Aber Hannover trage ich natürlich im Herzen.

Wenn Sie auf Lesetour nach Hannover kommen, könnten Sie neue Aufzeichnungen anlegen.
Nein, das habe ich mir dann doch verboten. Bloggen über Touren, bei denen man aus Blogeinträgen über Touren vorliest, ist eine Überdrehung der Schraube. Das geht nicht.

Nicht mal im Internet?
Ich mach das jedenfalls nicht.

07. Mai 2011 – Ravensburg – Balthes

In Ravensburg wurde am 7. Mai „Jazz In The City“ gefeiert. In der ganzen Stadt wurde gemuckt, improvisiert und rumgejazzt. Im Café Balthes nicht. Dort standen wir auf der Bühne, sangen dem ehemaligen Ministerpräsidenten Mappus ein Abschiedsständchen und pflegten das Sprachgut. Einem Union-Berlin-Fan gefiel das so gut, dass er nach der Zugabe auf die Bühne stürmte und lautstark nach einer Verlängerung verlangte. Also jetzt keine dritte Halbzeit, sondern einfach mehr Quatsch.

Egge lässt sich beim Warten auf den Anschlusszug in Augsburg von ein paar Buam erklären, was der Plärrer ist. Auf jeden Fall sind die Leute höflicher und besser angezogen, als auf dem Hamburger Hafengeburtstag.

Der Kurze im Balthes heißt Tarifa – frischer Espresso mit 43er. Lecker!

Falls ihr mal im Süden seid, besucht Ravensburg, besucht das Balthes, lasst euch von Noge tolle neue Musik zeigen und genießt das gute Leben. Wir verbeugen uns vor den Menschen in der Stadt und sagen danke!

13. Mai 2011 – Beatpoeten treffen: die Lena

Was war das für ein verrücktes Jahr, dieses 2010. Die Deutschen spielen wieder Fußball, die Loveparade wird zur Tragödie und diese Beatpoeten spielen auf der Fusion. War da noch was? Ja! Eine 18-Jährige IGS-Schülerin stolpert über eine Raab-Castingshow in den „Eurovision Song Contest“ und verzaubert erst Deutschland und dann Europa. Lena heißt diese Frau, die so ganz anders ist als die letzte ESC-Gewinnerin namens Nicole. Deutschland kann auch cool, heißt es in den Kulturzirkeln. Na dann.

Es folgen Alben, Preise und eine Tour durch riesige Hallen. Die Kritiker hauen drauf, als das dynamische Duo Lena-Raab verkündet, es noch einmal zu versuchen. Es wird ein Lieder-Contest bestellt, alle dürfen mitwählen und suchen sich einen düsteren Elektrosong raus. Wir sind begeistert. Egge bricht mit dem Zeitungskollegen und ESC-Experten Imre Grimm nach Düsseldorf auf. Sie waren schon in Oslo zusammen, kann nur gut werden.

Ein Vormittag am Luxushotel, zwei Tage vor der Finalshow in der Düsseldorfer Arena. Ein Typ im schmucken Anzug lässt sich vorm neuen Hyatt am Hafen aufwendig fotografieren. Hinter ihm bastelt ein Bauarbeiter mittels Presslufthammer an einer Treppe rum. Ganz schön laut für so viel Sterne. Die Polizei hat den Eingang im Blick, ein Paparazzo auch. In der Lobby hängen ein paar Journalisten rum. ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber kommt und begrüßt alle mit Namen. Nicht schlecht.

Kollege Imre Grimm ist auch schon da. Es ist kurz vor zwölf. Statt uns anzumelden, wollen wir in den achten Stock fahren, merken aber, dass man im Luxushotel nicht einfach Fahrstuhl fahren kann – man muss vorher zur Rezeption. „Man fühlt sich ein wenig wie vom Land“, sagt Imre. Stimmt. Brainpool schickt uns Hilfe, lotst uns in das Hotelzimmer einer der Backgroundsängerinnen von Lena, ja, die mit den Rodelanzügen. Wir sollen warten. Machen wa. Nach zehn Minuten hören wir ein bekanntes Lachen.

Na, alles wie neulich? Oder was ist anders als in Oslo? Innerlich und äußerlich?
Äußerlich: längere Haare und mehr Schminke. Und innerlich? Da
stresst es mich ein bisschen, dass so viel deutsche Presse hier ist. Bei vielen von denen habe ich das Gefühl, dass nichts einfach mal cool sein kann. Heute hat eine Zeitung geschrieben, dass ich bei unserer Party neulich auf dem Rheinschiff total nölig war, mit keinem gesprochen habe und dann auch noch heulend das Boot verlassen habe.

Das stimmt nicht. Wir waren da.
Das ist so schade. Ich bemühe mich echt. Und trotzdem glauben viele Leute natürlich, was da in den Zeitungen steht. Da stehe ich zum Beispiel auf diesem Boot, und der Franzose singt, und ein Sänger von Blue kommt neben mich, und ich sage zu ihm: „Ach, ist das schön, und so ergreifend! Guck mal, ich habe Gänsehaut.“ Und sofort drehen sich alle Kameras zu uns um und schießen drauflos. Und ich sage: „Vielleicht, ganz eventuell, sind wir morgen verheiratet.“ Ich nehme das alles mittlerweile mit Humor. Es geht nicht anders.

Viele verstehen dich nicht?
Es ist lustig. Gestern habe ich einem Journalisten erzählt, dass ich einen Hund bekomme, der soll Fuzzi heißen. Und dann hat er gefragt: „Datest du jemanden zur Zeit?“, und ich habe ihm erzählt, dass er jetzt der Erste sein wird, der das erfährt: Ich bin seit eineinhalb Jahren total glücklich vergeben. Das ist die Wahrheit. Und was steht am nächsten Morgen in der Zeitung? „Lenas Hund soll Fuzzi heißen“.

Schnitt. Mal ein Satz zu dieser Lena, die uns da gerade erzählt, dass sie seit eineinhalb Jahren vergeben ist. Sie sitzt da auf dem Hotelbett ihrer Tänzerin und redet einfach drauf los. Es scheint ihr unendlich wichtig, wie sie gerade wahrgenommen wird. Dazu muss man wissen, dass der Spiegel und andere Medien gerade in den letzten Wochen genüsslich auf Lena rumgehauen haben. Die Annekdote mit dem Hund haben wir später im Focus gefunden, muss aber nicht die Urquelle sein. Die Geschichte mit der heulende Lena war in der Bild zu lesen. Das ist besonders spannend, denn nach unserem Wissen war die Bild nämlich gar nicht zu diesem Pressetermin eingeladen. Und tatsächlich, einen Tag nach dem Bildbericht heißt es im Kölner Express. Lena soll sich nicht gerade gastfreundlich aufgeführt haben und es sollen Tränen geflossen sein. Leider Quatsch, der abgeschrieben nicht besser wird. Aber ein unrühmlicher Hinweis auf das Pressegebaren dieser Tage.

Hast du hohe Erwartungen an dich selbst hier in Düsseldorf?
Ja. Ich will auf jeden Fall zufrieden mit mir sein. Die erste Probe fand ich schon gut, die zweite dann noch besser. Nur dieses schwarze Haarteil am Kopf musste weg, das ging gar nicht.

Bist du ehrgeiziger oder Stefan Raab?
Stefan!

Du bist hier ganz ohne ihn unterwegs, hast auch deine Pressekonferenz allein absolviert. Hast du dich von ihm emanzipiert?
Er gehört als Moderator ja nicht mit zur Delegation. Ich bin aber weiterhin der Meinung, dass Stefan und ich ein gutes Team sind. Alleine ist es natürlich anstrengender, aber dafür rede ich die ganze Zeit!

Du bist ja auch Gastgeberin hier. Was bedeutet das für dich?
Mir ist wichtig, dass die anderen Delegationen mit einem guten Gefühl wegfahren. Ich fänd’s super, wenn die Deutschen über den ESC ein bisschen mit Nettigkeit und Höflichkeit assoziiert werden würden. Das war in Norwegen so toll.

Kleine Bilanz deiner Livetour: Neun Städte, 70 000 Zuschauer. Wie wichtig war das für dich: zu erleben, dass du das kannst?
Es war so wichtig. Ich hab das Gefühl, ich bin so krass daran gewachsen. Ich habe so viel gelernt und aufgesogen. Die Tour war einfach geil. Wir waren alle so traurig, als es vorbei war, wir waren gerade erst so richtig im Groove miteinander. Es war eine verrückte Truppe, alle total unterschiedlich: vier russische Streicherinnen, meine Band als Mittvierziger-Männertruppe, dazu die Backgroundsängerinnen und ich, dann hatten wir vier afroamerikanische Tänzerinnen…

Wenn es so schön war: Gibt es Pläne für eine neue Tour?
Ja, die gibt es. Wir denken darüber nach, gegen Ende dieses Jahres auf eine Akustik-Tour gehen. Mit einer kleineren Truppe, aber mit ein paar mehr Konzerten. Ist aber noch nichts gebucht.

Schnitt! Lena hat uns gerade verraten, dass sie eine weitere Tour plant. Das ist natürlich noch nicht offiziell und die Brainpool-Kollegin wird nachher checken müssen, ob wir das schon schreiben dürfen. Wir dürfen. Imre denkt laut über das Capitol nach, Egge überlegt wieviel Leute in die Faust passen. Lena erinnert sich an das Bonaparte-Konzert beim Boot-Boo-Hook 2009. Egge war damals auch da, es war eine einzige Sauna. Schon komisch, da sitzt man da, ein paar Momente vor dem ESC-Finale mit 120 Millionen Zuschauern, ein Wettbewerb, der Lenas Leben verändert hat, und erinnert sich an Schweißschlachten in der heimischen Faust. Kleine große Welt.

Die Teilnehmer, aber auch die Besucher beim ESC sind deutlich jünger geworden, seit du gewonnen hast. Wie fühlt sich das an, wenn man einen so traditionsreichen Wettbewerb mit 120 Millionen Fernsehzuschauern verändert hat?
Geil. Ich finde Veränderung immer erst mal nicht so schlecht.

Könnte man nicht den Bundesvision Song Contest, den Raab einst als Gegenentwurf zum ESC erfunden hat, einfach zum offiziellen deutschen Vorentscheid umdeklarieren?
Stimmt. Wieso ist da noch keiner drauf gekommen?

Wen würdest du denn selbst gerne mal für Deutschland beim ESC sehen?
Dendemann (lacht). Oder Samy Deluxe.

Okay, Dendemann finden wir großartig. Und Egge hat tatsächlich die Vision, dass der Bundesvision Song Contest einmal die wirklich besten Popbands in die Wettbewerbe schickt. Schließlich spielt schon jetzt Jan Delay im Rahmenprogramm, die Steel Drummer von Peter Fox sind auch in Düsseldorf, Zeit für Seeed und Dendemann beim ESC. Imre ist klug und erinnert sich. Haben da nicht auch Subway to Sally und Oomph! gewonnen? Stimmt. Naja, war so ne Idee…

Nicole singt gerade beim „Airport Grand Prix“ hier in Düsseldorf. In 20, 30 Jahren bist du selbst „die ehemalige ESC-Siegerin Lena“. Würdest du auch auf irgendwelchen Schlagerbooten auftreten. Oder beim Airport Grand Prix?
Erst mal würde ich schreien: „Nein, nein!“ Wie in so ’nem Albtraum: „Neeeein…!“

Am Montag ist der ESC Vergangenheit. Was passiert dann mit dir?
Ich werde mich zwei bis drei Monate ausruhen. Ich will jetzt erst mal zu Hause sitzen und überlegen: Wer bin ich, was ist mein Leben, was will ich? Wo stehe ich? Was möchte ich in drei bis vier Jahren machen? Und darüber möchte ich jetzt erst mal ein bisschen nachdenken.

Was denkst du: Wo wärst du heute, wenn du bei „Unser Star für Oslo“ nicht gewonnen hättest?
Vielleicht an der Schauspielschule in Berlin. Vielleicht würde ich aber auch studieren. Philosophie und Theologie interessieren mich total, einfach von den Themen her. Ernsthaft.

Das würde an deine Erfahrungen mit Taizé anschließen.
Richtig. Aber was ich auch cool fände, wären Sprachwissenschaften, Spracherziehung oder so. Ich werde das in Ruhe überlegen.

Egge denkt, was der Imre immer weiß. Theologie wusste er schon. Und Taizé kann er auch richtig aussprechen. Mh. Die Brainpool-Kollegin schaut auf die Uhr. Gleich vorbei. Statt 15 Minuten bekommen wir am Ende 25 Minuten. Dankeschön. Letzte Frage.

Was meinst du: Könntest du dir nicht eine Menge medialen Gegenwind ersparen, wenn du ein bisschen mehr von deiner Verletzlichkeit zeigen würdest?
(leise) Das mache ich total oft. Das schreibt nur einfach keiner. Ich sage das dauernd. Ich weiß nicht, warum man das ignoriert. Ich glaube inzwischen, dass die Leute das Bild der heilen Welt einfach brauchen, um es dann zerstören zu können.

Dann drehen wir noch schnell ein Video mit ihr und singen „Boom, Boom, Chucka, Chucka“ und zack, ist Lena wieder weg. Als wäre nichts passiert. Schon ein komischer Job, Star zu sein, denken wir. Leicht ist das nicht. Dann suchen wir den Ausgang, die Parkgarage und kämpfen mit dem Kassenautomat und machen uns – wie Lena – an die Arbeit.

Das Video als externer Link:

http://www.haz.de/Mediathek/Videos?bcpid=1896788706&bckey=AQ~~,AAAAAGL7LqY~,A_bzXHNK60u8qsFlh_kUwvAQQ2ryTo7N&bclid=1704115725&bctid=941236722001


Danke an Imre an dieser Stelle, dass wir das Interview auch hier reinstellen können. Und beste Grüße an Mutti HAZ.