29. Mai 2012 – Köln – AZ

„Wo sind wir hier?“ „Kalk.“ Mehr sagt er nicht, während er sein Taxi mit 90 kmh durch die Kölner Nacht brausen lässt. An einer Ecke mit Kiosk lässt er uns raus. Der Abend ist da für uns zu Ende.

„Wollen Sie etwas trinken oder essen?“ „Salat. Mit Pute. Und Bionade. Holunder.“ Trotz Sonnenbrille schaut er den Kellner im ICE-Bistro noch nicht einmal an. Neben uns ist er der einzige Insasse, der nicht in seinem Laptop oder Tablet nach etwas sucht. Draußen zieht Nordrhein-Westfalen an uns vorbei. Ein Vater mit seinem kleinen Sohn schaut irre um sich, auf der Suche nach einem Platz. „Scheiße. So ein Dreck. Das darf doch nicht wahr sein.“ Irgendwer macht einen Witz, dass es heiß sei, und ob die Klimaanlage des Zugs dafür verantwortlich wäre.

Die vier Besucher im AZ hätten nicht damit gerechnet, dass es ein interaktives Konzert wird. Jeder muss einen Zettel ziehen, darauf steht seine Aktivität für den Abend: Rumgrölen, zappeln, laut lachen, Ausdruckstanz, um nur ein paar zu nennen. Am Ende beschwert sich einer. „Und wo war der Pogo?“ „Der hat abgesagt, ist krank.“

6.30 Uhr: Zeitungen, Mate, Wasser, große Klappe. Rückfahrt. Eine Frau setzt sich weg, weil sie um die Uhrzeit keine Lust hat, uns zuzuhören. Norbert Röttgen, Angels, Mitklatsch-Hip-Hop, Altersvorsorge, Lakritz-Sucht in Schweden, E-Zigaretten-Hacker, Eurobonds. Guten Morgen.

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21. Mai 2012 – Erfurt – Buko

„Heute Abend ist ganz Deutschland München.“ Der Radiomoderator ist sich ganz sicher, dass an diesem Tag des Finale der Champions League die ganze Bundesrepublik die Seite des FC Bayern Münchens übernimmt und gegen die Engländer Chelsea stimmen wird.

Auch Erfurts Innenstadt erstrahlt in rot-weiß. Jede kleine Nische schien der Spielübertragung und kühlem Bier zu werben. Der Internationalistische Kongress nicht. Unter dem Motto „Under Pressure“ trafen sich mehr als 300 Aktivisten und Interessierte, um über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Zeichen der Krise zu diskutieren und sich auszutauschen. Wir spielten gemeinsam mit Laubsägenmassaker, Lena Störfaktor und dem Vibration Syndicate auf der Abschlussparty. Achja, und Bayern verlor im Elfmeterschießen.

P.S.: Bernd, das Brot, ist inzwischen wieder auf seinen angestammten Platz in der Innenstadt zurückgekehrt. Ein Betonguss soll die Füße im Fundemant halten, eine Kamera überwacht die Statue. Vor wenigen Jahren wurde die leblose Figur entführt, nachdem ein besetztes Haus geräumt worden war. Die Entführer veröffentlichten Bilder von Bernd im Stile der RAF. Die Erfurter und die Betreiber des Kinderkanals – auch sonst geübt in Skandalen – waren nicht erfreut.

Wie wir “Man müsste Klavier spielen können” aufgenommen haben (Teil II)

„Mehr Kneipenatmosphäre! Wir brauchen mehr Kneipenatmosphäre.“ Zugegeben, wir waren sicherlich schon betrunken, als uns die Idee kam, bei ein paar der Lieder Kneipenatmosphäre einzubauen, wie wir sie aus der Destille kannten. Egge wollte unbedingt eine Art Shantichor einbauen, also kippten wir den Ramazotti nach und grölten ins Mikrofon.

Meine Eltern hatten uns ihr Haus für die Tage zwischen Weihnachten und Silvester 2010 in der niedersächsischen suburbanen Pampa überlassen. Im Wohnzimmer räumten wir alle zerbrechlichen Gegenstände weg, bauten auf dem Tisch alles Equipment auf, zuppelten die Mikrofone fest und öffneten die Hausbar. Manuel meinte noch, ob wir wenigstens so tun wollten, als gäbe es eine Gesangskabine. Wir lachten ihn aus und stelltem ihm ein Eierlikör in der Schokowaffel hin.

Auch bei dieser Aufnahme wollten wir alles in eins aufnahmen, also One-Take. Für jedes Lied sollten maximal drei Versuche gelten. Die beste Version würde dann auf das Album kommen. Draußen lag der schmutzige Schnee, und vom Panoramafenster des Wohnzimmers konnte man das Gewächshaus meines Vaters sehen, in dem er immer sein Gemüse züchtete. „Besser als dein überteuerter Biofrass.“

Einen Tag vorher hatten die Kollegen vom Lieber Klub aufgelegt. Bevor wir überhaupt an die Reise in die Vorstadt denken konnten, mussten wir uns  erstmal sammeln: Also fuhren wir in einen typischen Riesensupermarkt, kauften Quatsch, mit dem wir unbedingt Geräusche machen wollten. Zu Hause gab es dann erstmal Tee. Mein Bruder kam rum und erzählte Ärztewitze à la „Wenn die Urologen Weihnachtsfeier machen…“. Gut, dass uns niemand Geld für die Aufnahmen gegeben hatte.

Wir fingen gegen 15 Uhr mit den Aufnahmen an und waren so um circa 2 Uhr fertig. Zwölf Lieder, wovon es am Ende neun auf das Album schafften. Einen Tag später feierten wir Silvester. Egge haute nach Hamburg ab, ich fuhr zurück nach Leipzig, und Manuel flog nach Florida, um die Spuren abzumischen. Wir sprachen alle mehrere Wochen nicht miteinander und hatten keine Ahnung, was wir zu erwarten hatten…

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Teil I kann man hier nachlesen.

Wie wir „Man müsste Klavier spielen können“ aufgenommen haben (Teil I)

Die ersten Lieder „Auf meinem Profil wird immer nur Werbung gepostet“ und „Der Sachzwang (Kommerziell)“ haben wir bereits im Herbst 2009 aufgenommen. Die Idee zum ersteren kam uns an einem Abend während der Intergalaktischen Schnauzbarttage, einem besonderen Feiertag in Hannover, an dem jede und jeder einen Schnauzbart trägt, aber nicht drüber redet. Egge wohnte zu der Zeit in Hamburg, war also nur zu Besuch bei mir. Es gab vegetarischen Strammen Max, Tee und Bier.

Wir wollten um das Mantra „Ich möchte so gerne dazugehören“ ein ganzes Lied bauen und zählten alle möglichen Situationen auf, in denen eine Person irgendwo dazugehören möchte. Es sollte das Gegenteil zu vielen Popliedern sein, in denen immer ein Abspalten oder Individualisieren gefordert wird. Das Aufnahmegerät lief mit, mehr als eine Stunde lang. Am Ende schafften es nur ein paar Varianten in die endgültige Version. Bei den richtigen Aufnahmen wenige Tage später half uns Matias Oepen, der gerade von seinem Tontechniker-Studium am Liverpool Institute of Performing Arts zurückgekehrt war.

„Der Sachzwang (Kommerziell)“ basiert auf der Idee, auf einer Party nur den Satz „Das ist mir zu kommerziell“ zu sagen. Egal, um welches Thema es sich handelt. Die ursprüngliche Wette, einen typischen Hipsterspruch zu klauen, wurde dann schnell zu einem politischen Statement. Wir trafen Menschen, die es bei Demonstrationen wie gegen Stuttgart 21 benutzten, und wir veränderten es zu „Das ist mir zu kriminell“ bei der Auftaktkundgebung des Castorprotestes im Winter 2011.

Beide Lieder wurden in eins, also One-Take, in meinem damaligen Zimmer in Hannover aufgenommen. Neben einer Roland Groovebox D2 und einem Korg Kaoss Pad 2 nutzten wir noch Ableton Live für die Aufnahmen. Es wurden keine zusätzlichen Synthies eingebaut. Matias nahm alle Daten mit nach Indonesien, wohin er kurz darauf auswanderte und mischte die Spuren dort ab. Frühe Versionen der Lieder fanden ihren Weg auch auf unsere Vinyl-EP „Früher fand ich die auch schon cool, inzwischen sind die mir aber zu kommerziell“, die 2010 beim Sprechstation-Verlag herauskam. Für das neue Album haben wir beide Lieder nochmal neu abmischen lassen.

Es waren zwei unserer ersten Stücke, die wir wie richtige Poplieder arrangieren wollten. Nach unserem ersten Album „Unterwegs“ von 2008 wollten wir auch außerhalb der Literaturszene auf die Bühnen und Menschen zum Tanzen bringen und uns auch selbst mehr bewegen.

sta

Mehr zur Geschichte von „Man müsste Klavier spielen können“ gibt’s in Teil II.

4. und 5. Mai 2012 – Bremen und Leipzig

Kalt ist es auf dem Oberdeck der MS Stubnitz im Bremer Hafen. Das Partyschiff liegt normalerweise in Rostock. Aber für wenige Wochen ist Bremen sein neuer Hafen und für uns die erste Station an diesem Wochenende, an dem wir unser neues Album „Man müsste Klavier spielen können“ präsentieren dürfen. Im Bauch des Schiffs ist nämlich eine Disko untergebracht, die manchen Großstadtklub fast nebenbei verblassen lässt.

Die Crew nordet uns sofort ein: „Nein, ihr seid noch nicht betrunken, der Boden ist schräg.“ Bordhund Krause nutzt seine großen Augen schamlos aus, um zu gieren. Und Hauptact Hasenscheisse macht uns eifersüchtig, weil sie besser riechen, besser aussehen, richtige Instrumente spielen und richtige Witze machen können. Tolle Jungs!
Wir werden am nächsten Morgen wach, als ein Ausflugsdampfer die Weser entlang schippert. Die Wellen bewegen das Schiff sanft. Von der Koje aus sieht man das Wasser und ein Segelboot. Draußen riecht es nach See und nach dem Hopfen der Brauerei gegenüber.

Es ist Samstag. Die Deutschen verbringen diesen am liebsten im Stadion, im Baumarkt und in irren Gangs mit abgestimmter Kleidung als Junggesellen(innen)abschied. Acht dieser volltrunkenen und zwangslustigen Rudel begegnen uns auf dem Weg vom Bremer Hafen bis zum Atari in Leipzig. Sie tragen grüne Perücken, Wikingerhelme, Elfenantennen, gleiche T-Shirts auf denen „Was, Tino heiratet? Ich bin nur zum Saufen hier“ steht oder auch mal Fantasieuniformen. Die Kleidung der Junggesellen und Jungesellinnen schwanken zwischen Dorftrash und germanischem Prolltum. Eine Folter für die Tragenden und uns sind sie immer. An dieser Stelle soll das Phänomen noch einmal gesondert betrachtet werden.

In Leipzig-Reudnitz kann man schonmal auf die Fresse kriegen. Von Nazis oder Prolls. Oder Prollnazis. Der Stadtteil wurde weltberühmt durch Clemens Meyers „Als wir träumten“ – meine Einstiegsdroge, als ich 2010 nach Leipzig zog. Knapp zwanzig Jahre nach der Wende taten sich hier einige Menschen zusammen, um mit dem Atari ein eigenes, autonomes Wohnprojekt zu starten. Wir durften bei der Vierjahresfeier am Samstag zwischen Punkbands und DJs aus Tel Aviv die Brücke schlagen. Eine riesige Bambule im Keller und in der Wohnung darüber. Für Vierjährige war das Atari ganz schön frech zu uns. Dafür gibt’s das nächste Mal Wunderkerzen und Kuchen.

sta