25. Juli 2010 – Irgendwo


Hej, alles gut? Ich weiß zwar nicht, was ihr macht, aber toll, dass ihr den ganzen Weg zu uns gekommen seid. Danke, wir freuen uns echt über jede Band, die zu uns kommt! Mark, der euch gebucht hat, ist heute nicht da. Klärt das mit den Fahrtkosten dann später mit ihm. Wann wollt ihr essen? Getränke machen wir so, ihr müsst einfach sagen, was ihr trinken wollt. Ach, übrigens: Wir haben hier ein echt krasses Naziproblem, also passt besser auf. Ihr kennt Finn? Geiler Typ, mit dem hab ich früher in ner Punkband gespielt! Wie jetzt, Kabel für die DI-Box? Soll ich euch gleich zeigen, wo ihr euer Zeug lassen könnt. Ich hab echt schon viel von euch gehört, geil, dass ihr es mal hergeschafft habt. Früher fand ich euch geiler, inzwischen macht ihr echt kommerzielles Zeug! Wann müsst ihr morgen weiter? Es gibt auf jeden Fall Frühstück bei mir, ich hab extra Aufstrich gemacht! So ein Pech, heute feiert das größte Wohnprojekt der Stadt Sommerfest, da kommen sicher nicht so viele Leute. Ich hab euch auf der Fusion gesehen, Hammer! Und jetzt hier! Wir wussten nicht, ob wir eher Stühle vor die Bühne stellen sollten oder ob die Leute zu eurer Musik tanzen. Keule aus Leipzig hat euch in Frankfurt gesehen und euch empfohlen. Eure Lieder laufen auf jeden Fall die ganze Zeit bei uns im Büro. Hier sind eure drei Getränkemarken. Wie heißt das eigentlich, was ihr da macht? Werbung habe ich leider nicht geschafft, und nebenan ist diesen Abend leider Studiparty. Schön, dass ihr da seid.

18. Juli 2010 – Norddeutschland – Regionalbahn

„Veluxfenster, Vaillaint-Verteter, Designer-Straßenlaternen aus EU-Fördermittel, Gaststätten mit Plastestühlen und Industriesoßen – oder aber eckigen Glastellern und trotzdem Industriesoßen“ (via FAS)

Reisen durch die deutsche Provinz sind immer wieder erstaunlich. Nicht nur wegen der romantischen Betrachtung der Wälder, Wiesen und Seen (Zumindest dort, wo die Natur nicht offensichtlich einer menschlichen Optimierung zum Opfer gefallen ist). Nein, es zeigt uns auch ein Bild dieses diffusen Zusammenhangs namens Deutschland. Denn irgendwie scheint die niedersächsische Heide wenig mit der Seenlandschaft Mecklenburg-Vorpommerns, den waldigen Hügeln Hessens oder unendlichen Dörfchen Ostwestfalens gemein zu haben. Vom Schwarzwald, den Alpen oder den bayrischen Hügeln ganz zu schweigen.

Doch zwischen diesem ganzen Chaos, den wahnsinnig unterschiedlichen Lebenssichtweisen und Gesichtern, Namen und Geschichten gibt es immer wieder kleine Kleckse des Wiederkehrenden. Und diese sind nicht immer nur gut. Wie ein Mantra begegnet man immer wieder den gleichen Läden: Das Dänische Bettenhaus, Lidl, Family, Kik, Aldi – es sind immer die gleichen aseptischen, mit einer Backecke ausgestatteten Supermärkte, die für die Versorgung im ländlichen Raum sorgen. Alle Häuser mit Solarzellen vollgepackt, dem grünen Gewissen geschuldet. Einzige schöne Ausnahme: die selbst organisierten Dorfladen, die Bürger betreiben, weil in ihren Kleinstädten und Dörfern zu wenig Profit steckt, wie die großen Firmen meinen.

Neben den Einkaufsmöglichkeiten sind es aber auch die Lokale, die als Gleichmacher das Leben in der Provinz bestimmen: Was vor Jahrzehnten noch die Akropolis, das Dionysos, das Athena, ist heute das Wang Village, Ming Palace oder die May Flower. Angewidert scheinen sich die Deutschen in den vergangenen Jahren nicht nur emotional und politisch von den Griechen abgewandt zu haben, sondern auch kulinarisch. Souflaki, Tsatsiki und Gyros zählen nichts mehr in unserem globalisierten Land. All-you-can-eat-Buffets mit zweimal gebratenem Schweinefleisch, süß-sauren Saucen und Reisberge dominieren die Weltläufigkeit in der Provinz.

Da freut man sich über jeden Hofladen, jedes Jugendzentrum, jede Land-WG, jeden Menschen, der den Ruf der großen Stadt widersteht und gegen die kulturelle und menschliche Verödung antritt. Wir fahren deshalb immer wieder gerne raus aufs Land!

10. Juli 2010 – Münster – Elektropunkdiskodisaster

Irgendwo hinter Bielefeld mussten wir unseren Verstand verloren haben. Während die Cosplay-Mädchen neben uns ihre Gesichter in Fritten und Burger tunkten und der Zugführer immer wieder außerplanmäßig hielt, um aufs Klo zu flüchten, versuchten wir zu schlafen und die Hitze nicht noch den letzten Rest Nüchternheit erobern lassen. In Bielefeld hatte man uns bereits aus dem ICE aus Berlin geschmissen, bei tropischen Temperaturen und kaputter Klimaanlage ging gar nichts mehr. Menschen schwitzten mehr, als sie trinken konnten, manche fielen einfach um und wir gaben uns die komischsten Spitznamen in ausgedachten Sprachen.

Doch irgendwie schafften wir es zur Clubschiene in Münster, nur um eine weitere Überraschung geboten zu bekommen. Anstatt Soundcheck zu machen und uns auf den tollen Abend mit den Jungs von Elektropunkdiskodisaster zu freuen, empfing uns ein Public Viewing. Stimmt ja, Krake Paul hatte für den Abend ja einen Sieg für die deutsche Fußballnationalmannschaft vorhergesagt. Nachdem die deutsche Mannschaft dann wieder einmal bewiesen hatte, warum sie sich zu Recht Weltmeister der Herzen nennen darf, anstatt klobbige Goldtrophäen in den Himmel zu recken, durften wir die Bühne erklimmen und mitten im Raum Anheizer spielen. Doch bei diesen Temperaturen fiel es einigen Menschen sichtlich schwer, ihre Gurken aus dem Gin-Tonic-Glas zu fischen, uns zuzuhören und gleichzeitig noch die Beine rhythmisch zu bewegen. Naja, Tobi und ein großer Teil der Partygang hatte damit eindeutig keine Probleme.

Nach dem schwitzigen Start in den Abend wurde die Anlage von den Kollegen Yesyesyo übernommen und bis in den frühen Morgen ausgereizt. Während wir schon längst wieder auf dem Weg zum Bahnhof waren, den ersten Zug in die Heimat nehmen. Die lange Fahrt durch das aufkommende Unwetter verbrachten wir im total überfüllten ICE auf dem Boden, zwischen schnarchenden Fahrgästen und betrunkenen Schweden, die über die nationalen Unterschiede von Bier, Frauen und Fast-Food unterhielten. Aber selbst der wurde uns irgendwann von zwei panischen Rentnern weggenommen, mit dem Hinweise, sie würden unbedingt in 30 Minuten aussteigen und bräuchten bis dahin den nicht vorhandenen Platz im Gang. Unsere Bitte, uns doch noch ein wenig schlafen zu lassen, beantworteten sie mit einem schnippischen „Wir haben auch gearbeitet„, worauf Costa anfing, mit seinem Taschenmesser sehr langsam Ingwer zu schälen und zu schneiden. Wir hatten echt Urlaub nötig!

09. Juli 2010 – Neubrandenburg – AJZ

Es ist schon komisch. Immer wenn wir in den Nordosten Deutschlands vordringen, um die Fusion zu besuchen oder um uns einfach an den Ostseestrand zu legen, schiebt Egge nen eigenartigen Film: Er erzählt dann von Asiaten, die dort den Dönermarkt bestimmen, von FDJ-Nachmittagen und von den Nazis, die in seiner Heimatstadt Eggesin nur noch die Glatzen genannt wurden. Es sind miese Geschichte, die mal einen ganzen Landstrich verteufeln, aber auch manchmal melancholische, in denen es dann um Papiersammelaktionen für den Sero-Altpapierhandel geht oder eben um die wunderschöne Landschaft: Mecklenburg-Vorpommern bleibt eben das Land der drei Meere: Sandmeer, Waldmeer, gar nichts mehr! Und trotzdem zieht es ihn immer wieder dorthin.

Am Wochenende fuhren wir ganz in die Nähe von Eggesin, der Hafenstadt Ueckermünde, den komischen Ortschaften namens Anklam und Pasewalk – nach Neubrandenburg. Und Egges Augen leuchteten, nicht nur weil der Taxifahrer ihm erzählte, dass es seine alte Disse „Holliday Inn“ noch gab. Hier kaufte er sein erstes Marken-T-Shirt von Wrangler, sah das erste Mal vierspurige Straßen und – Wow! – Ampeln! Und vieles war noch da im schönen Neubrandenburg, das einst als Großstadt mit 125.000 Einwohnern galt und nun nur noch 65.000 Menschen beherbergt. Einst war Neubrandenburg die jüngste Stadt der DDR. Jetzt macht jeder Jugendliche dort, dass er weg kommt, nach Hamburg oder Berlin.

Wie gut tut es da, dass sich in Neubrandenburg Leute fanden, die den schönen Landstrich nicht nur Rentnern und Nazis überlassen wollten: Sie übernahmen ein wunderschönes Ausflugslokal mit Sonnenschirmen und Strandzugang und machten daraus ein herrliches AJZ mit Schimmelpunkerkeller, Infoladen und ner Diskohölle. Und ZACK! passierte es wieder als wir ankamen: Man zeigte uns freundlich die Betten, gab uns leckere vegane Pizza und schickte uns baden – ein Traum! Im Osten geht die Sonne auf. Selten trifft man so nette Menschen, so entspannte Leute, so gastfreundliche Kämpfer für letzte Freiräume in der Pampa auf einem Haufen. Es gab Schnaps für die Rote Hilfe, Crust-Hardcore für die Nietenpunks und Lagerfeuer für die Hippies. Das Ganze wunderschön illuminiert, toll. Wir geraten ins Schwafeln: Es war schön. Punks tanzten Pogo zu unserem Elektroschranz, wir tanzten später zu Toxoplasma und Canalterror bei der Altpunkaparty und schliefen friedlich ein.

Vorher versprachen wir – nicht ganz uneigennützig –, wiederzukommen, zum antifaschistischen Camping und Jugendtreffen in Lärz vielleicht noch in diesem Jahr oder einfach im nächsten, ins AJZ, zur benachbarten Fusion. Weil’s schön ist. Weil’s wichtig ist. Weil’s verdammt gute Leute sind. Geht doch alle nach Berlin, möchte man der Jungend hinterherrufen, aber sorgt dafür, dass solche Oasen weiterblühen. Danke für einen der schönsten Sommertage in diesem Jahr. Wir verneigen uns.

2. bis 4. Juli 2010 – Bremen, Braunschweig, Wilhelmsburg

Ein Wochenende voller Zugfahrten, Schweissattacken und Fußballspiele liegt hinter uns. Wir waren auf der unglaublich tollen Breminale, einem Umsonst-und-draußen-Festival der besten Sorte, in Braunschweig beim alternativen Public-Viewing-trifft-Fußballelektrolyrik im Lot Theater und in Hamburg-Wilhelmsburg in der Fährstraße 105, einem der schönsten Wohnprojekte der größten bewohnten Flussinsel Europas. Zwischen Zugabteil und Bühnenrand haben wir viele nette Menschen kennengelernt und komische Eindrücke von diesem, unseren WM-verrückten Land gewonnen – das hier alles aufzuschreiben wäre unmöglich. Also versuchen wir es mit einer kleinen Liste:

Was wir mögen

Mit Dota & den Stadpiraten und Rainer von Vielen auftreten (unglaublich liebe Menschen und tolle Musiker, wir verbeugen uns an dieser Stelle). In Zirkuszelten auftreten. Leckeres Tofu-Curry. All die Arbeiter, die den Kulturbetrieb am Laufen halten und sich den Arsch abarbeiten und selten ein Dankeschön hören. Wenn Züge pünktlich fahren. Die neue Platte von Von Spar. Tolle Menschen nachts am Bahnhof treffen. Nette Taximitfahrerinnen. Alte Bekannte vor der Bühne wiedertreffen. Kaltes Bier an heißen Tagen. Menschen, die verlorene Sonnenbrillen wiederfinden. Zuverlässigkeit. Die stillen Momente, wenn man nachts Bahn fährt und die Welt an einem vorbeirauscht. Heißer Tee. Den lustigen Eisverkäufer auf der Stecke nach Bremen. Club Mate (Costa nicht). Eiskaffee. Romane und Serien von Richard Price. Die neue Futurama-Staffel. Die Handyboxen laut aufdrehen und Liederraten spielen. Comedian Harmonists.

Was wir nicht mögen

Besoffene Typen, die sich von halb so kleinen Schaffnerinnen aus dem Zug schmeissen lassen und dann draußen auf dicke Hose machen. Feedbacks beim Kellerauftritt. Übertriebener Lokalpatriotismus (vor allem bei Zugezogenen). Wenn Züge Verspätung haben. Unfreundliche alte Säcke, die im Zug Bier trinken und andere Menschen anpöbeln. Einen lieben Menschen an den Fluss des Lebens verlieren. Abschiednehmen. Unzuverlässige Konzertveranstalter. Arrogante Abipartyfeierer, die Frühschichtarbeiter beleidigen. Wenn Taxen nicht kommen. Handyakkus, die immer alle gehen. Nicht genau wissen, wo man ist.

Worauf wir uns noch freuen in diesem Sommer

Badengehen, ganz viel. Urlaub in Osteuropa. Vanilleeis. The National in Hamburg mit den liebsten Menschen. Zytanien. All die vielen Menschen, die wir noch kennenlernen werden. Konzerte. Verrückte Momente. Umzüge. Mehr Kontraste. Auf der Wiese liegen und Wolken beobachten. Veränderung. Partys in Freibädern. Alte Hits auflegen in Kellerklubs. Auf euch!