14. Juni 2014 – Wismar – TIKOzigalpa

Wismar 2014

Wir fahren durch die Vorstädte Wismars und suchen nach einem guten Zugang zum Wasser. An einem See liegen alte Ölkanister, und das Schilf piekst bedrohlich. In einer Neubausiedlung sprechen wir eine ältere Frau mit ihrem Hund an. Sie zeigt auf einen kleinen Pfad zum Meer. „Aber Vorsicht, hier sind überall Zecken.“ Wir schauen uns an und müssen lachen. „Ja, schlimm, diese Zecken.“
Wir schmeißen unsere Kleidung in den Sand und gehen – ganz ostdeutsch – nackt in die Ostsee. Und gehen. Und gehen. Und nach hundert Metern geht uns das Wasser immer noch nur bis zu den Knien. Ein Segler fährt vorbei. Wir winken ihm nett zu. Er schaut weg.
Die Haut ist ganz salzig, als wir aus dem Wasser steigen. Die Sonne wärmt angenehm. Costa hat eine Zecke auf dem Rücken, die Egge wegmachen muss. Wir blinzeln noch einmal in die Ferne und steigen dann wieder ins Auto.
Das TIKOzigalpa ist Kino, Hausprojekt, Klub, Veranstaltungsraum, Zuhause.
Wir lesen und spielen ein Konzert.
Dann sitzen wir nachts im Auto. Auf der rechten Seite ist am Horizont das Glühen am Polar zu sehen. Es ist fast die kürzeste Nacht des Jahres. Und wir fahren durch die Nacht. Ruhelos. Unterwegs.

13. Juni 2014 – Hannover – Festival contre le racisme

Wir gehen zu Fuß zum Konzert. Es dauert fünf Minuten – von Costas Balkon bis zur Bühne. Denn das Festival contre le racisme ist im hannoverschen Georgengarten, direkt hinter dem Hauptgebäude der Universität. Das ist quasi Costas Vorgarten. Hier wird abgehangen, gegrillt und in die Sonne geschaut. Normalerweise. Costas alte WG hat hier irgendwann mal einen Baum gepflanzt. Ob der noch steht, weiß niemand mehr. Schließlich war es damals dunkel. Und keiner weiß mehr wirklich, wo er stand.

Die Sonne geht unter. gerade spielt das tolle Duo The Colder Sea aus Hannover entspannten Elektropop. The Shitlers aus dem Ruhrgebiet mischen Auszüge aus deutschsprachigem Gangster-Rap mit Auszügen aus deutschsprachigem Punk. Wir holen uns Döner an der Hauptstraße und schauen Fußball in dem riesigen Flatscreen. Man kann schon richtig barfuss laufen.

Auf dem Balkon wird diskutiert. Über Poetry Slam. Über Enttäuschung. Über das Loch nach einem Tourwochenende. Und über die Disziplin, dann am Montagmorgen doch aufzustehen und zur Uni oder zur Arbeit gehen. Work hard, play hard. Bullshit.

Morgens um 5 Uhr ist kein Mensch in Hannover-Limmer an der Schleuse. Die Leine plätschert unten kräftig durch die Rohre und Ableitungen. Die Vögel teilen sich regsam mit. Das Laub in den Bäumen rauscht angenehm gleichmäßig-beruhigend.
Hier ist Entspanntung. hier ist Ruhe.

Sommer 2014 – Grautöne

Was wir in diesem Sommer schon gelernt haben

Es gibt kein schwarz und weiß, nur Grautöne.
Manches hört einfach irgendwann auf, und doch geht es dann weiter. Nur anders.
Geduld ist immer noch wichtig.
Auf diesem Weg, den Egge und ich seit 2006 gehen, haben wir viele Menschen verloren. Aber so viele in unser Herz geschlossen. Danke, dass ihr da seid!
Ein Laptop ist auch nur ein Instrument, irgendwie.
Pfeffi ist echt lecker.
Es geht auch mal ohne Internet.
Die Ostsee ist an manchen Stellen nicht so salzig wie die Nordsee.
Es gibt überall bunte Flecken und in jeder Stadt Menschen mit Herz.
Spargel ist lecker, aber nach einem Monat reicht es dann auch wieder.
Gin-Tonic hilft nicht nur gegen Malaria.
Tee, ob dunkel und grün, schmeckt immer noch.
Familie sind nicht nur die Blutsverwandten.
Spazierengehen ist immer noch politisch.
„Es müsste immer Musik da sein.“

7. Juni 2014 – Wilwarin-Festival

Auf dem Weg zur Arbeit

Durch den Elbtunnel, immer Richtung Norden. Kurz bin ich eingeschlafen, die CD von Lisa Luv & the No-Go’s läuft, und draußen zieht die Container-Stadt vorbei. Wir sind auf dem Weg zum Wilwarin-Festival in Schleswig-Holstein. Samstags, 19 Uhr auf dem zweiten Floor eines Festivals spielen. Das ist neu für uns. Der Headliner an dem Tag ist Terrorgruppe. Da werden Erinnerungen an die Wochenenden in der Vorstadt wach. Punkrock im Walkman und Skateboard unter den Füßen. Es ist erst morgens, doch die Sonne brüllt schon.

Sonne, Wasser, Schilf

Wir parken Egges Bulli, holen uns die Bändchen, treffen den Techniker, lassen uns den Ablauf erklären und gehen dann zum nächsten Badesee. Hunderte Festivalgäste sind schon unterwegs. Die Stimmung schwankt zwischen Abiparty und Homecoming. Unsere Freunde aus Hamburg, Itzehoe, Kiel, Lübeck, Eckernförde kommen selbst seit ihrer Jugend zum Wilwarin. Es ist das wohl angenehmste alternative Festival im Bundesland. Am Badesee springt und turnt und flirtet Deutschlands Jugend. Körper vor dem Kulturwissenschaftsstudium in Berlin. Noch mit wenigen Tattoos und Piercings. Blass, unsicher, der Speck der Kindheit noch auf manchen Wangen. Aber Rückwärtssaltos von der Badeinsel kriegen sie geil hin. Mädchen werden geärgert, wenn man sie mag. Geile, einfache Jugend. Ich hole mir einen Sonnenstich.

Himmel über Ellerdorf

Seit anderthalb Jahren nehmen wir Gesangsunterricht. Vor allem, damit die Stimme einen ganzen Auftritt durchhält. Und es hat den gleichen Effekt wie das barfuss spielen. Man spürt sich und seine Umgebung viel besser. Vor Auftritten singen wir uns daher zusammen ein. Tönen nennt sich das. Dabei suchen wir gemeinsam die gleiche Frequenz von bestimmten Tönen, bis wir auf einer Wellenlänge sind. Zusammen mit dem Warmmachen ist das der Startschuss zum Auftritt. Danach wird nur noch aufgebaut und gespielt.

Costa und die Terrorgruppe

Wir sitzen auf dem Campingplatz mit Freunden aus I. Die Getränke werden geteilt, es gibt Tee. Egge springt auf. „Schau mal, komm mal mit.“ Ich drehe mich um und gehe mit ihm ein Stück. Die Sonne geht gerade unter. Ich blinzel, umarme Egge.
Es war ein toller Tag. Wenig später sitze ich am Lagerfeuer mit einem Tee und schlafe einfach ein.

6. Juni 2014 – Wendland – Kulturelle Landpartie

Wendland, Juni 2014

Irgendwann falle ich einfach nach hinten und schaue in den Himmel. Wir liegen mitten auf einem Feld. Über uns strahlen die Sterne, wie ich es aus der Stadt nicht mehr kenne. Es ist ruhig und dunkel im Wendland. Nur das brennende Holz in Egges Feuertonne schimmert und knistert und gibt Wärme. Wir haben ein kleines Camp auf einem Feld in der Nähe von Neu Tramm aufgebaut, Feuer gemacht, Wein geöffnet und uns Geschichten erzählt. Doch irgendwann meldet sich die Müdigkeit und zwingt mich auf den Boden. Als ich Stunden später aufwache, ist es heiß, wir steigen in Egges VW Bulli und fahren weiter Richtung Norden.

Wir waren im Wendland unterwegs, bei der Kulturellen Landpartie. Vor dem Zwischenlager in Gorleben und an anderen Orten haben wir mit dem mobilen Soundsystem von Graswurzel.tv kurze Konzerte gegeben und ein Musikvideo gedreht. Immer an den wichtigen Stellen des Castor-Protestes, die im Sommer so viel friedlicher wirken und fast nicht daran erinnern, mit welcher Gewalt die Behälter immer wieder in die Region gepresst werden.

Wir haben zum ersten Mal ein reines Laptop-Set gespielt und sind nicht daran gescheitert. Es geht also weiter. Neu und unbekannt, aber eben weiter.

30. Mai 2014 – Jena – Haus

Rote Sonne in Jena

Ich steige in Berlin in den Zug und fahre raus aus der Stadt. Die Stadt saust vorbei, dann der Sand Brandenburgs. Und irgendwann wird es draußen hügelig, während die Stimme in meinem Kopfhörer beruhigend singt und der Bass zärtlich pulsiert. Draußen bricht der Sommer langsam auf. Ein Sommer ohne Männer, wie das Buch von Siri Hustvedt in meiner Hand verspricht. Mein Sitznachbar hämmert Zahlen in seinen Laptop. Es ist Feiertag.

Die ersten Siedlungsflecken zeigen ein untergegangenes Industriereich: Bitterfeld, Leuna, Halle. Alte Häuser, leer und kaputt. Neue Einkaufszentren und neue Autobahnen. Die Felder stehen prall in der Sonne. Die Wälder sind grün. Immer wieder Solarzellen und Windkraftanlagen. Die Menschen an den einsamen Bahnhöfen warten wie auf Nichts. Kampfhunde an der Kette, tiefergelegte Autos, ab und zu ein Punk oder jemand mit bunter Kleidung.

In Jena werde ich gedrückt, geherzt. Man stellt ein Bier und Tee vor mir auf den Tisch und fragt, wie es mir geht. „Es ist Sommer“, sage ich leicht zögernd. Jena, diese Studentenstädtchen in Thüringen, bekannt für UweUweBeate und sonst für das tolle Ambiente. Reinhald Grebe hat hier mal gelebt, sagt man sich. Der Humor ist zynisch, außer es geht um die Liebe. Die Menschen haben jahrelang gekämpft. Erst gegen die Stasi, dann gegen Neonazis, jetzt gegen die Gentrifizierung.

Wir sind eingeladen, ein Konzert für das ehemals besetzte Haus am Bahnhof Jena-West zu spielen. Hunderte Menschen treiben sich auf dem Hof rum, wo eine bunte Frau aus einem Baum abgeseilt wird, während die Rolling Stones singen. Im Keller dominiert das Stroboskoplicht und der 90er-Jahre-Techno. Wir geben die missverstandenen Künstler. Mit gebrochenem Herzen und einem Augenzwinkern. Nach uns treibt die Bigband jeden Fuß und jeden Arm, und der DJ mischt Chris Isaak mit den Beatles.

Ich liege auf einer Matratze im Backstagebereich. Draußen scheint die Sonne. Ich habe eigentlich keinen Grund, aufzustehen. Doch der Wecker klingelt, und Egge und ich gehen zum Bahnhof, steigen in den Zug und fahren weiter. Immer weiter durch den Sommer.