Beatpoeten treffen: Roberto Blanco

Der Sänger und Entertainer Roberto Blanco hat mit Künstlern wie Josephine Baker gearbeitet und mit Shows bis zu 17 Millionen Zuschauer vor die Fernsehgeräte gelockt. Nun sitzt er im Backstage einer Verbrauchermesse und soll in einer künstlichen Strandatmosphäre singen, die auch noch Tropical Island heißt. Fürs Fernsehen pudert er sich noch schnell ab, Fragen zu der neuen Frau an seiner Seite, die nebenbei seine Mails checkt, sind nicht erlaubt. Ein Gespräch über Stimmung, Stress und echte Superstars.

Der Satz klingt banal: „Man muss seinen Beruf ernst nehmen“, sagt Roberto Blanco hinter der Infa-Bühne in Halle 19. Als Entertainer müsse man nicht nur Talent haben, sondern an sich arbeiten, immer. Der Mann, der seit mehr als 50 Jahren für Stimmung sorgt, wird ernst. „Ich bin Entertainer, mein Leben ist die Bühne, und ich freue mich zu singen.“ Auch auf einer Messe um 15 Uhr. „Stimmung kennt keine Uhrzeit. Und die Leute müssen für die Show nicht mal besoffen sein“, sagt Blanco.

Bei der Infa hält der Stimmungskonsens. Hunderte wippen bei den karibischen Klängen mit und besingen den Puppenspieler von Mexiko. Als Zugabe gibt’s „Ein bißchen Spaß muss sein“, Blancos Musik gewordenes Markenzeichen. Manchmal nervt es den 74-Jährigen, wenn er darauf reduziert wird, genau wie das Wort Schlagersänger. „Ich bin vielseitig“, sagt Blanco, der mit Josephine Baker sang, Kinofilme drehte und TV-Shows moderierte. Zuletzt trat er sogar auf dem Heavy-Metal-Festival „Wacken“ auf. „In Deutschland kann ein TV-Kommissar den Hamlet rückwärts auf Chinesisch spielen, er bleibt Kommissar.“

Seiner Stimmung hat das nie geschadet. „Mein Job ist mein Hobby, und mein Hobby macht mir Spaß!“ Spaß zu haben sei sein Lebensmotto. Mit melancholischen Liedern kann er auf der Bühne nur wenig anfangen. „Das Fernsehen ist negativ genug: hier ein Krieg, da ein Börsencrash. Ich bin nicht der Typ, der dazu traurige Lieder singt.“ Und trotzdem gibt es Momente im Leben von Blanco, die ihn nachdenklich stimmen. „Hier in Hannover habe ich einst vor einem Auftritt erfahren, dass mein Vater gestorben ist“, erzählt er. „Wir sind trotzdem raus und haben eine Wahnsinnsshow gespielt – anschließend bin ich weinend zusammengebrochen.“ Es ist dieser Wille zur Unterhaltung, der Blanco immer weitermachen ließ. Darum gelten für ihn Entertainer wie Udo Jürgens, Udo Lindenberg und Peter Maffay als letzte Superstars. „Das sind Künstler, die immer gearbeitet haben. Die Stars, die heute im Fernsehen entdeckt werden, kennt man in fünf Jahren nicht mehr“, sagt Blanco. Als er anfing, bekam er einen Fünfjahresvertrag und regelmäßig Geld, konnte Gesangsunterricht nehmen, ein Studio aufbauen, werden, was er wurde. „Heute würde es keinen Roberto mehr geben.“ Talente würden wie Taschentücher benutzt und weggeworfen. Er wünscht sich darum mehr Musikshows im TV. Und Mut, Stars langfristig aufzubauen. Dann hat man auch länger Spaß mit ihnen.

Advertisements

Beatpoeten treffen: Kay Ray

Kay Ray ist die Mensch gewordene Rache von Entertainern an unlustigen Comedians. Er raucht, pöbelt, hat keine Angst vor fiesen Witzen. Mit anderen Worten: genau unser Beuteschema. Der verbale Handkantenschlag singt nun in einer Show ausgerechnet mit dem seriösen Musicalstar Carolin Fortenbacher. Ein Gespräch über Humor an der Schmerzgrenze und wütende Zuschauer.

Herr Ray, in einem Video zu Ihrem neuen Programm „La Fortenbacher und das Kay“ sagen Sie, dass es an den Abenden selbst nur einen groben musikalischen Ablauf gibt. Ansonsten fehle ein Konzept. Dieses Vorgehen sei aber genau das Konzept. Mit Verlaub, das klingt nach purem Chaos.
Ich arbeite nie mit festem Konzept. Das macht meine Shows aus. Ich überlege mir keinen Text, keinen Ablauf. Ich bin Entertainer und kein Comedian.

Die Schauspielerin, Sängerin und erfolgreiche Musicaldarstellerin Carolin Fortenbacher arbeitet aber eigentlich anders. Wie soll das bei einem gemeinsamen Programm funktionieren?
Frau Fortenbacher weiß natürlich, welche Lieder sie singen möchte. Es gibt da eine Dramaturgie. Aber grundsätzlich gilt: Sie singt, ich rufe eher rum und spreche mit dem Publikum.

Über was denn so?
Na ja, da passiert doch immer etwas. Mal schaut einer eigenartig, mal geht einer zur Toilette, manchmal frage ich die Leute einfach, wie es ihnen gefällt.

Sie haben den Ruf, nicht besonders nett zu den Leuten zu sein. Warum sollte jemand mit Ihnen reden?
Jaja, ich weiß. Wir sind verraten und verpochert. Aber ein Entertainer muss nicht böse sein. Außerdem bin ich zur ersten Reihe sehr nett. Es gibt Wodka.

Sie sind aber böse. Auf Ihrer Internetseite steht sogar, dass Sie im Comedybereich an die Grenzen gehen, gern auch unter die Gürtellinie.
Die Leute wissen, worauf Sie sich einlassen, die anderen müssen es lernen. Ich habe in Darmstadt ein Verfahren am Hals, weil ich angeblich rassistisch und diskriminierend bin. Aber ich finde Witze über Rollstuhlfahrer und Juden nicht zwingend diskriminierend. Ich mache auch Witze über Christen und Muslime und lasse mir nicht vorschreiben, über was ich Witze machen darf.

Sind Sie ein Provokateur?
Nein, ich möchte nicht provozieren. Nur weil man etwas nicht versteht, denken die Leute man provoziert. Ich finde es eher provokant, dass man eine Bahncard fast ein halbes Jahr im Voraus abbestellen muss, wenn man nicht automatisch eine neue zugestellt bekommen möchte.

Mag sein. Aber ins Fernsehen kommen Sie so nicht. Ärgert Sie das?
Auf das Fernsehen kann ich verzichten. Ich spiele 250 Shows im Jahr. Ich habe mein Publikum, die anderen sollen Fernsehen schauen.

Aber es muss doch Leute geben, die sich bei fiesen Witzen furchtbar aufregen. Wie gehen Sie damit um?
Dafür gibt es Regeln.

Was für Regeln denn?
Naja, wenn jemand zum Beispiel sagt: „Das höre ich mir nicht länger an!“ Dann sage ich: „Ich habe Sie gar nicht eingeladen!“ In Deutschland glauben die Menschen immer, dass Sie mit einem Ticket bestimmen können, was Sie geboten bekommen. Aber die Leute dürfen dann gehen. Wenn in meinem Wohnzimmer plötzlich ungefragt Brüste gegen den TV-Bildschirm drücken, kann ich doch auch wegschalten.

Die Leute haben Eintritt bezahlt, sie könnten sich weigern.
Ich habe lange Travestieshows gemacht, ich kann es nicht ausstehen, wenn mich jemand stört. Dann bringe ich die Leute persönlich zur Tür. In München habe ich ein halbes Theater ausgeräumt. Wenn Leute stören, stört das auch die anderen Gäste.

Wie geht denn Frau Fortenbacher mit Ihnen in solchen Situationen um?
Wir haben den gleichen Witz. Wir mussten uns ja auch überlegen, was wir singen wollen. Dafür haben wir uns getroffen und hatten Spaß. Ich bin immer überrascht, welche Töne sie trifft. Aus der Idee wurde eine Freundschaft. Im Prinzip lassen wir die Leute nur an unserer Freundschaft teilhaben.

Welche Lieder sind dabei?
Tolle Songs aus dem Poprockbereich. Unser „Barcelona“ von Freddy Mercury und Montserrat Caballé kann man nicht so leicht vom Tisch wischen.

Das klingt jetzt doch nach Konzept.
Es gibt Nummern, die aus der Improvisation entstanden sind. Aber ein Gesamtkonzept ist das nicht. Dafür haben wir gar keine Zeit. Manchmal wirkt alles inszeniert, aber das ist es nicht. Ich glaube, selbst wenn ich auf der Bühne sterbe, wird es einige geben, die dann sagen: Das hat der doch geplant.

Beatpoeten treffen: Stromberg, sorry, Christoph Maria Herbst

Mensch, dieser Mann kann sich ausdrücken. Immer wieder muss Egge den Hörer von seinem Mund weghalten, er muss zu sehr lachen. Christoph Maria Herbst muss als kleiner Junge in einen großen Topf Ironie gefallen sein. Großartig. Beim ZDF-„Traumschiff“ durfte er auch mitspielen und sorgte dann mit einem Kreuzfahrt-Buch für einen Skandal. Ein Gespräch über Zensur, Mumienschlepper und den Stromberg in jedem.

In Ihrem Debütroman „Ein Traum von einem Schiff“ versenken Sie mit satirischer Schärfe das ZDF-„Traumschiff“. Ihr Buch wurde wegen Verstößen gegen Persönlichkeitsrechte aus den Regalen genommen, dann wurden Teile geschwärzt. Wie schauen Sie auf den Wirbel um Ihr Erstlingswerk zurück?
Mit zwei lachenden Augen. Da gab es Verfügungen, die Boulevardpresse hob mich auf den Titel. Ja, das riecht nach gelungener Werbemaßnahme, war es aber nicht. Aber im Resultat ist es so. Der Verlag hat sich sicher gefreut.

Und Sie persönlich?
Ich fand es etwas merkwürdig, eine Zensur zu erfahren. Es war für mich eine Premiere. Und dann gleich für das Debüt. Ich scheine ins Schwarze getroffen zu haben. In meiner künstlerischen Freiheit sehe ich mich aber nicht beschnitten. Es sind insgesamt vielleicht eineinhalb Seiten geschwärzt, beim Hörbuch wurde gar nichts verändert.

Keine Pieptöne?
Vielleicht hat man es vergessen. Es wirkt alles wie ein Sturm im Wasserglas.

Wirklich? Man könnte meinen, Sie wollten das „Traumschiff“ versenken.
Ich wollte nie der Oliver Pocher der Belletristik werden und einfach nur auf die Menschen einhämmern. Es ging mir eher um eine Verbeugung vor großen Schauspielern. Darum stehen viele auch mit – Vorsicht, ein juristischer Fachbegriff – Klarnamen im Buch. Vielen habe ich die Stellen aus dem Buch vorgelesen und sie haben geweint, vor Lachen und Rührung.

Aber Reaktionen auf Sätze wie „Böse Zungen behaupten, das ,MS‘ stehe für Mumienschlepper“ oder „Das Ganze hat was von schwimmender Schwarzwaldklinik“ zeigen, dass Fans erzürnt sind. Warum eigentlich?
Vielleicht weil ich die letzte heilige Kuh schlachte, das letzte Tabu unserer Gesellschaft, das „Traumschiff“. Ich habs besudelt. Da kann man nichts mehr machen. Dabei war es gar keine Absicht. Es gab keinen Verlag, der mich gezwungen hat, ein Pamphlet zu verfassen. Ich war eben an Bord und langweilte mich, also beschrieb ich Freunden in Mails, was ich auf dem „Traumschiff“ so erlebt habe. Die wollten mehr lesen. Hätte ich absehen können, wo das hinführt, mhhh, ich hätte es trotzdem gemacht.

Fühlten sich die Akteure vielleicht auch beleidigt, weil Sie Ihnen auch mangelnde Schauspielqualitäten und Trunkenheit unterstellen?
Das Buch ist eher deskriptiv und verzichtet auf Wertung. Da kann jeder rauslesen, was er möchte. Ich wollte mit meinem Roman auf keinen Fall die Fortsetzung des „Traumschiffs“ verhindern. Da müsste ich mit dem Nachmittagsprogramm anfangen, denn das ist wirklich hart. Dagegen ist das „Traumschiff“ Grimme-Preis-verdächtig.

Haben Sie sich eigentlich das Filmresultat angeschaut?
Nein, ich war mit meiner Liebsten am anderen Ende der Welt. Und ehrlich gesagt, ich muss es auch nicht sehen, auch wenn ich mir bisher alles angeschaut habe, was ich so gemacht habe. Aber ich glaube, dass ich sagenhaft schlecht war. Und so viele masochistische Anteile trage ich doch nicht in mir.

Sie könnten ja noch einmal mitfahren und es besser machen?
Wem würde das etwas bringen? Mich will da eh gerade keiner sehen. Vielleicht mach ich in 25 Jahren wieder mit. Vielleicht bringe ich mich selbst als Kapitän ins Gespräch, wobei ich Siegfried Rauch natürlich alles Glück dieser Erde wünsche.

Wie würde eigentlich das „Traumschiff“ unter der Flagge von Herbst aussehen? Sie könnten das „ZDF“ retten?
Das „ZDF“ muss man nicht retten. Die Menschen werden älter, die Zielgruppe wächst. Beim „Traumschiff“ darf man darum auch nichts ändern. Location geht da immer vor Drehbuch, Palmen vor Darsteller. Never change a winning concept. Das „Traumschiff“ ist ein Beispiel dafür, dass früher nicht alles schlecht war. Es ist ein Geländer, an dem man sich hochziehen kann. Oder um ein passenderes Bild zu bemühen: ein Treppenlift.

Das klingt schon wieder gemein. Hat Sie die Rolle als Bürodiktator Stromberg vielleicht auf ewig verbittert?
Ich schaue mit einem humorigen Blick aufs Leben. Ich bin kein Zyniker, aber hin und wieder schaue ich ironiegetränkt auf die Dinge. Stromberg hilft zu schauen. Er schärft den Blick für das Zwischenmenschliche. Man sieht Wahrheiten. Aber man sollte das alles auch nicht so ernst nehmen.

22. Oktober 2011 – Hannover – Faust

In Hannover wurde vor ein paar Jahren versucht, so etwas wie das Reeperbahnfestival aufzuziehen. An einem Abend machten verschiedene Klubs ihre Türen auf, man zahlte einmal Eintritt und konnte sich auch mal Läden ansehen, in die man vielleicht sonst nie gehen würde. Klingt gut, hat aber wohl nicht so funktioniert. Es ist einfach auch ein großer Unterschied, ob man es in Hannover über die ganze Stadt verteilt veranstaltet oder in Hamburg in einem Kiez. Wir durften trotzdem in diesem Rahmen unsere alte Heimatstadt besuchen und uns eine Bühne mit den Radaubrüdern von Egotronic und den entspannten und unglaublich sympathischen Ya-Ha! teilen. Dass wir dazu in der Faust in einem alten Wohnzimmerladen von uns spielten, war natürlich auch nicht zu unterschätzen.

Außerdem hatten wir eine Premiere zu feiern. Zum ersten Mal standen wir mit einer Sängerin auf der Bühne. Die unglaubliche Kerstin hatte wenige Tage zuvor spontan zugesagt, uns als Rockröhre und Punkrockbackgroundsängerin zu unterstützen. Schick angezogen wie eine Sekräterin anno 1973 und mit einem Stimmeneffektgerät bewaffnet stürzte sie sich ins Gewusel. Costa war sogar so in seine Beats versunken, dass er gar nicht merkte, wie sie irgendwann eine Seifenblasenknarre rausholte und die ersten Reihen damit zum Entzücken quiecken ließ. Auf jeden Fall eine Wiederholung wert.

ps. Ya-Ha kommen aus München und sagen, dass Sportfreunde Stiller sehr nett sind. Hätten wir das geklärt.

pps. Gruß an Felix, der uns für eine Uni-Hausaufgabe den Abend begleitet hat, immer in der Hoffnung, Fotos von uns in wilden Backstage-Posen zu machen. Als er merkte, dass wir nach dem Konzert eher über Philosophie, vegetarische Rezepte und Opern diskutierten, war er trotzdem nicht sauer. Ersguterjunge.

Beatpoeten sagen Danke: Mediengruppe Telekommander

Es war Herbst 2009. Und mein Gott, waren wir stolz. Wir spielten gerade das erste Mal im Uebel & Gefährlich und machten Fotos von uns im Backstage. Anschließend fuhren wir zum Dockville-Festival und schauten uns nach der Fusion wieder die Mediengruppe Telekommander an – zwei Monate später durften wir als Vorband dabei sein. Ja, wir waren durchaus begeistert.

In der hannoverschen Faust gaben wir uns Mühe als freundliche Gastgeber. Wir schenkten immer wieder nach, vielleicht sogar etwas zu viel. Es wurde ein grandioser Abend, Kevin hat noch immer tolle Fotos im Archiv, und wir fühlten uns angekommen. Für uns als Band war es einer dieser Momente in denen man merkt, warum man das eigentlich alles so macht, die Stunden im Zug, die man doch viel besser mit Leuten verbringt, die man mag. Alles egal, nach so einem Abend voller Energie und Schnaps. Ein besonderer Kurabend.

Nun verabschiedet sich die Mediengruppe und hinterlässt uns, die Endlosrillensurfer, ratlos zurück. Zeit ein wenig Bilanz zu ziehen. Wir drucken an dieser Stelle Egges Text für die HAZ über Pionierrollen und Parolenposen, Zukunftsangst und Zukunftsmusik, und die Frage, ob Audioakt nicht doch die Keimzelle für eine musikalische Revolte werden kann? Dann mal los.

PS: Danke für zehn wunderbare Jahre.

Schade, ein Trend ging um

Die Elektropunks der Mediengruppe Telekommander verabschieden sich mit einem Akt der Nächstenliebe.

Vor zehn Jahren waren sie Pioniere: Unter dem schönen Namen Mediengruppe Telekommander bastelten Florian Zwietnig und Gerald Mandl aus Österreich und Bayern aus technoider Klubmusik mittels Megafon und Gitarrenverzerrer den Soundtrack für kluge, rausgebrüllte Konsumkritik und riefen dazu ironiegetränkt und selbstbewusst: „Vorsicht, ein Trend geht um!“ Das passte. Die Mediengruppe lieferte Lied gewordene Mittelfinger für unreflektierte Kaufkultur, öden Massengeschmack und Irgendwas-mit-Medien-Zukunfts-Plattitüden.

Für Hip-Hop-Hörer waren sie die deutschen Beasty Boys mit Synthesizer, für szenebewusste Raver die Rocknerds, die Instrumente abseits der Hörgewohnheiten bedienen, für Demoveranstalter die Alternative zu Ton Steine Scherben und Hannes Wader. Die Elektropunks boten die tanzbare Umsetzung von Gil Scott-Herons „The Revolution will not be televised“ – als Mediengruppe kannten sie sich schließlich aus.

Doch nach zehn Jahren Kellerklubtouren und drei Alben mutet das Vermächtnis des Duos irgendwie zweischneidig an. Ganze Labels wie Audiolith und Cobretti entwickelten den Ansatz erfolgreich fort, stampfenden Elektro mit der Attitüde von kritischen Jugendkulturen zu verbinden – bis selbst Emos (Captain Capa), Politpunks (Egotronic) und Hipster (Frittenbude) zum tumben Beat die Arme auf großen Festivals wie dem Hurricane schwenkten. Die Kritik ging beim Transfer aber mitunter verloren. Vielen Folgeprojekten ist heute nur noch der hohle Klang der Parole geblieben, purer Tanzflächenhedonismus ist die Pose. Der Wochenendrave schafft keine Revolte, sondern nur Stressabbau. Die Kinder verfeiern die Revolution. Man könnte es also konsequent nennen, wenn die Mediengruppe Telekommander nun verkündet, den Betrieb einzustellen.

Doch leise Abgänge passen nicht zu Menschen, die mit Sirenenklängen Tanzflächen beschallen. Das Duo hinterlässt mit „Die Elite der Nächstenliebe“ ein halbstündiges Album, das trotz versöhnenden Lächelns des Dalai-Lama auf dem Cover vor Kritik und Kommentar zum Zeitgeist nur so strotzt. In den neun Liedern wie „Billig“ und „Draufhalten“ wird der musikalische Rundumschlag auch auf dem vierten Album konsequent fortgesetzt. „Ich will mehr, ich nehm’ dir alles, so hast du mich erzogen“, brüllen die ­Akteure im Doppelsprechgesangston zu knarzigen Bässen und Synthesizerfetzen. Vertrakte Rhythmen treffen auf Dub-Einlagen, die achtziger Jahre echoen munter zur Musikattacke. „Attention, Attention, wir sind gut zu Menschen“, brüllen sie dem Chor der verlogenen Cha-Cha-Charity-Community im Song „Die Elite der Nächstenliebe“ entgegen. „Wir wollen alles kaputt kaufen“, heißt der Slogan in „Billig“. Dem trendbewussten Upper-Class-Klüngel wird „Bedingungslos abraven auf die Casual-light-Kultur“ versprochen. So bitter und tanzbar kann Kritik ausfallen.

Zuhörer, die nach zehn Jahren ein wenig Selbstkritik erhoffen, bleiben aber unbefriedigt. Keine Silbe zur eigenen Szenekultur, die den Basseinsatz mehr abfeiert als den Kritikansatz. Man gibt sich zumindest auf dieser Ebene versöhnlich – und doch lässt ein Detail hoffen. Das Album erscheint als erstes Werkstück des neuen Labels namens ­Audioakt, ein Hybrid aus den Plattenfirmen Audiolith und Staatsakt. Staatsakt ist bisher vor allem für innovative Produktionen bekannt (Andreas Dorau, Ja, Panik und Christiane Rösinger), die den Kopf nicht nur beim Mitnicken fordern. Audiolith ist Spezialist für die Verbreitung von Elektrodampframmen (Super­shirt, Tante Renate, Frittenbude). Wenn dieses Konzept aufgeht und weitere Produktionen folgen, könnte Audioakt vielleicht mal das werden was Trikont für Weltmusik und Buback für Rock und ­Indieproduktionen ist: eine musikalische Denkfabrik. Das wäre ein Vermächtnis, das zur Band noch besser passt als das gelungene, aber leider auch letzte Album.