31. August 2011 – Hannover – Bürgerschule Nordstadt

Die Bürgerschule im hannoverschen Stadtteil Nordstadt liegt direkt am Sprengel-Gelände, dass während der Chaos-Tage besonderen Ruhm erhielt. Hier spürt man die krassen Veränderungen in der Stadt sehr deutlich. In den achtzigern als „Problemstadtteil“ gebrandmarkt, ist die Nordstadt inzwischen familienfreundlich, ökologisch und so weiter.  Aus einem Supermarkt, der während der Chaos-Tage geplündert wurde, ist inzwischen ein klimaneutrales Haus mit Lofts und Hotelzimmern geworden.

Die Bürgerschule war wirklich mal eine Schule, beherbergt inzwischen aber viele kleine Seminarräume, eine Fahrradwerkstatt und einen Theatersaal. Dort standen wir auf der Bühne, eingeladen von Amnesty International Hannover zum „Internationalen Tag der Verschwundenen“. Gemeinsam mit Angela Laub und Robert Kayser durften wir das Publikum mal lustig, mal nachdenklich auf die Tatsache hinweisen, dass die relative Sicherheit und Freiheit in unserer Gesellschaft keine Selbstverständlichkeiten sind.  „In deiner Stadt verschwindet vielleicht mal ein Autoschlüssel, in ihrer Stadt verschwinden ganze Familien.“

22. August 2011 – Wilhelmsburg – Soulkitchen

Komisches Gefühl, den Laden kannten wir ja schon. Also aus dem Film. Die ehemalige Spedition in Wilhelmsburg war als Soulkitchen von Fatih Akin zum filmischen Denkmal gemacht worden. Jetzt, Jahre später, ist es ein schnukeliger Kulturverein, liebevoll betreut und einfach sehr angenehm.

Die netten Menschen von den Konspirativen Küchenkonzerten hatten uns für diesen Spätsommerabend eingeladen, die Aftershowparty zu machen. Und so mischten sich Wilhelmsburger mit Medienmenschen und St.Pauli-Fans und viele alte Gesichter. Ein lauer Abend, der irgendwann auf dem Kiez endete. Gut, dass Egge nicht, ähnlich wie im Film, seinen Bulli beim Glücksspiel eingesetzt hat.

ps. Wer es sich noch einmal anschauen möchte, sollte sich beeilen. Angeblich plant der Senat, das Ding platt zu machen. Parkplätze sind halt viel geiler als Kultur.

20. August 2011 – Braunschweig – Lot-Theater

Auch wenn mancher sich so kritisch wie möglich gegenüber irgendeiner Nation aufspielt, Lokalpatriotismus hat inzwischen die Rolle des Stolzseins übernommen: Es gibt viele Städtefeindschaften: Köln/Düsseldorf, Frankfurt/Offenbach und eben Hannover/Braunschweig. Für uns als Exil-Leinestädter war es also schwierig, unseren Freunden zu erklären, warum wir immer wieder gerne in die „verbotene Stadt“ fahren.

Und doch, wenn sie mitgekommen wären, hätten sie gesehen, wie schön es dort ist. Mal abgesehen von der Shopping-Innenstadt, die überall in Deutschland gleich aussehen. Wir waren aber nicht zum Einkaufen da, sondern für die Kunst.

Das Lot-Theater, versteckt in einem Innenstadthinterhof, ist Anlaufpunkt der Braunschweiger Theaterszene, aber auch Austragungsort eines Poetry Slams sowie Konzertort. Wir durften gemeinsam mit Tom Hinze, Kane und der tollen Funkband Step Flash das Hoffest beschallen. Dort, wo sonst Theater gespielt wird, wurde Spontandisko gemacht. Gefallen hat es uns auf jeden Fall, und auch nach Braunschweig kommen wir wieder…

12. August 2011 – Open Flair

„Das ist hier wie Wacken, nur ohne Metal.“ Kurz bekommen wir Angst, als wir in der kleinen nordhessischen Stadt Eschwege ankommen. Zwischen Fachwerkhäusern irren junge Menschen herum, auf der Suche nach Musik, Bier und Fritten. Die Polizei versucht, den Verkehr und den Rock’n’Roll mit Segways zu kontrollieren – keine Chance! Einmal im Jahr wird Eschwege zur Rockcity und wir mittendrin auf der Bühne im E-Werk.

Unsere Poetry-Slam-Freunde veranstalten dort das Finale des Hessen-Slams an dem Wochenende wir dürfen Musik machen. Egge hat vorher bereits mit einer wilden Meute Dichter in der S-Bahn beim Running Mic gezeigt, wie Gedichte-to-go funktioniert. Lecker war’s. Auch sonst ist die Organistation, sind alle Helfer einfach unfassbar professionell und nett und zuvorkommend. Nur der Regen muss natürlich wieder nerven.

Nach unserem Auftritt in einer zugenebelten Halle, laufen wir noch mit der total tollen Band The Incredible Herrengedeck übers Gelände, klauen den Killerpilzen ihr Bier aus dem Backstage und rufen Kraftklub Witze zu. Hach, endlich normale Leute.

Fährmannsfest 2011

Wenn man in Hannover auf Kerle mitte 60 in Batik-T-Shirts trifft (oder Sprüche-T-Shirts wie oben auf dem Bild), dann ist man entweder in der Barkarole, besoffen oder höchstwahrscheinlich auf dem Fährmannsfest, der Mutter aller Strandfeten. Am Weddingenufer feiern jedes Jahr fast 18000 Leude zu alternativer Musik & zu trinkerfreundlichen Bierpreisen, und stoßen ein wenig auf das Gefühl an, jung, anders & Lindener zu sein – auch wenn sie mittlerweile alt und angepasst sind und in der Südstadt wohnen. Heute ein Hippie, beim Fährmannsfest geht das ganz gut.

Wurde das Fest früher noch von den Punks anlässlich der Chaostage in Schutt und Asche gelegt, ist heute der Bürgermeister Schirmherr und ein Kinderfest wirbt fürs Kistenklettern. Seit vier Jahren betreut Egge dort mit einem duften Team die Kulturbühne. Und weil er das Fährmannsfest als skurrile, aber liebenswerte Spielwiese für sich entdeckt hat, folgen an dieser Stelle die schönsten Bilder des Festes:

01. mehr als sechs  (!) Monate haben wir uns Gedanken über das Programm gemacht, haben Demos gehört, um Geld gefeilscht, gegrübelt. Und dann entdecken 30 Kinder die frisch gemähte Wiese und die Wiesenhaufen für sich und veranstalten eine zweistündige Rasenschlacht. Sie sind glücklich wie nie – und brauchen keine Band
 02. während die Band Mordslärm Mordslärm macht, steht eine etwa Vierjährige auf eine der Bassboxen und schaut sich von dort das Publikum an. Auf ihrem T-Shirt steht der Stolz in ihrem Gesicht begründet: „My Dad rocks“
03. irgendwas ist immer. & in diesem Jahr waren wir am Freitag fast 45 Minuten zu früh fertig. Also riefen wir die erste Swing-Party des Fährmannsfestes aus – und die Leute tanzten zu Jazzklängen Paartänze.
04. Stefan Bartel singt Tom Waits „Mathilda“, groß
05. immer wieder: Seifenblasen, ständig & überall
06. endlich wieder Hip-Hop: die Alte Schule Masthorn verbindet Oma-Hans-Gebrüll mit 8-Bit-Rave und integerer Bauwagenplatz-Attitüde. Geil.
07. der Bürgermeister nimmt mitten in unserer Biergartenlounge Platz, während Egge im Friesennerz bei vollem Sonnenschein moderiert
08. Bruna Punani texten ihren Hit… ja, hat nie einer verstanden… um und singen mit fast 1000 Leute: „Wodka! Wodka! Cola“
09. Kinder prügeln sich fast darum bei Beas Theaterperformance „Ich brenn‘ auf voller Flamme“ ein menschliches Hühnchen mit Wasserbomben zu bewerfen – als Zeichen des Kapitalismus‘, oder so.
10. stell dir vor, es ist Poetry Slam, und es regnet wie bei einem Monsun. Und das Publikum klettert einfach unter die Bierbänke und wertet von dort aus weiter. So kalt kann Kunst sein. Und so warm der Applaus.

PS: Egge hatte am Sonntag noch Stimme. Ha!

Bis nächstes Jahr*