1. August 2014 – Sommerfühl-Festival

Sommerfühl

Wir biegen um die Kurve des dunklen Wegs im Wald. Links und rechts stehen wie Zahnstocher die Nadelbäume dieses Nutzwaldes irgendwo in Mittelfranken. Wir sind zehn Minuten mit einem Taxi gefahren. Nachdem wir bis Feuchtwangen rund vierzig Minuten mit einem Bus gefahren sind. In Ansbach kam uns Günther Oettinger am Bahnhof entgegen. Dort stiegen wir aus der S-Bahn aus Nürnberg, mit ihr waren wir ebenfalls vierzig Minuten gefahren. In Nürnberg trafen wir uns, Egge aus dem Norden, ich aus dem Süden. Es läuft Antilopen Gang, KIZ und Savas – wir arbeiten ja gerade am Nachfolger unserer Lesereihe „Popper lesen Punk“. Sie wird „Opfer lesen Battlerap“ heißen und eine Analyse des Kriegsmotivs innerhalb des deutschsprachigen Sprechgesangs sein.

Um die Kurve – und wir stehen auf einer Lichtung mitten in diesem Wald, irgendwo in Mittelfranken. Zelte, Autos, Busse stehen am Rand zum Wald. Eine Gruppe junger Männer spielt Hackysack. Irgendwo hinten sehen wir Menschen beim Frisbee-Spielen. Am anderen Ende der Lichtung stehen die Bühnen, die Buden, das riesige Lagerfeuer. Wir bekommen Brezeln und Humus, Obst und leckeres Bier, lernen ein, zwei neue Witze, bekommen Mittelfranken erklärt, lernen tolle Menschen kennen.

Friedemann Weise spielt sein Set professionell runter, wir lachen viel. Geiler Typ, mit dem Bier trinken lohnt. Wir spielen inzwischen die Hälfte des Sets nicht mehr mit der Groovebox, sondern mit Ableton Live und Controller. Alle Instrumente wurden bei Ulli3000 zu Loops gebastelt, sodass jedes Element eines Lieds von uns mit jedem anderen zu jeder gewünschten Geschwindigkeit kombiniert werden kann. Am Ende des Sommers soll das Set komplett vom Laptop kommen. Die Kids auf dem Sommerfühl wollen tiefe Bässe, verzerrte Synthies und entweder sehr schnelle oder Beats auf Hip-Hop-Geschwindigkeit. Bumm.

Nach dem Konzert wird uns erzählt, dass es völlig normal ist, dass auf Festivals Zivilpolizisten rumlaufen. Die Gäste werden auch gerne mal nach dem Besuch einfach auf Verdacht kontrolliert. Manches in Bayern ist noch nicht so gelungen und liebenswert wie das Sommerfühl-Festival. Das ist wohl so etwas wie unser Fazit, das wir uns überlegen, als wir nach einer Stunde Schlaf ins Taxi steigen, bis Feuchtwangen fahren. Dort in den Bus steigen, eine Stunde bis Dinkelsbühl fahren, dort in den Zug nach Würzburg steigen und ab da nur noch stehen müssen – weil es wieder einmal so voll ist in einem Fernzug der Deutschen Bahn zwischen Norden und Süden. In Würzburg geht es dann ausnahmsweise ohne eine Kontrolle durch Beamte vom Bundesgrenzschutz zum nächsten Zug nach Hannover. Egge geht zum Fährmannsfest, moderieren. Ich gehe in den Wald, bäume zeichnen.

19. Juli 2014 – Berlin – Brunnenstraßenfest

Brunnenstraße, Berlin, Juli 2014.

„Und jetzt alle mitmachen. Einmal antifaschistisches Mitklatschen und Mitschunkeln.“ Die Menschen auf den Bierbänken vor der Bühne schauen uns irritiert an. Nein, wir wollen sie nicht verarschen. Aber ein Konzert, bei dem die meisten Menschen einfach gemütlich beim Bier zuschauen und nach jedem Lied brav jubeln, das macht einfach keinen Spaß. „Wenn ich blute, müssen die anderen auch bluten“, raunt mir Egge zu, und ich drehe die Lautstärke höher und lege einen Effekt auf den Bass, der ihn verzerrter und tiefer macht. Geheimwaffe, denke ich. Die Menschen vor der Bühne stehen auf und tanzen mit. Die Sonne geht gerade über den Dächern von Berlins Mitte unter. Der ganze Hof ist voll und alle sind gut drauf. Ich muss lächeln.

Das Hausprojekt in der Brunnenstraße in Berlin-Mitte ist eines der letzten Überbleibsel aus der Zeit, als Berlin noch nicht der feucht gewordene Traum sämtlicher sogenannter Immobilien-Entwickler war. Als hier die Kellerklubs, Hinterhof-Ateliers und spontanen Ausbrüche des kreativen Chaos den Ruf begründeten, auf den heute Arte-Dokumentationen und Zeit-Magazin-Bilderreihen aufbauen. Das Hausprojekt mit seinen Hunderten BewohnerInnen ist eine letzte Insel in Mitte. Und das Heim vieler unserer Freunde. Und einmal im Jahr wird dort ein Hoffest gefeiert. Mit Theater, Musik, geilem Essen, tollen Leuten. Wir durften lesen und Musik spielen.

Und zum Schluß sitzen wir mit Gin-Tonic am Rosenthaler Platz. Um uns die Hipster und Touristen auf der Suche nach The-Berlin-Experience. Der Fernsehturm leuchtet. An einer Fassade steht: „Dieses Haus stand früher in einem anderen Land.“ Wir lächeln uns kurz an. Die Zeit bleibt für einen kurzen Moment stehen, und alles ist an seinem Platz.