27. April 2012 – Oldenburg – Haus Friedensbruch

Discofox im besetzten Haus, 80er-Hits und „Hamlet“-Zitate auf der Bühne: Unser Ausflug nach Oldenburg ins Haus Friedensbruch.

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21. April 2012 – Hannover/Hangover

„Auf’s Maul?“ Wir hatten vorher Wetten abgeschlossen, wie lange es dauert, bis wir angemacht werden würden. 45 Minuten sind dafür an einem Samstagabend auf dem Hannoveraner Frühlingsfest sehr lange. Doch irgendwann steht der Typ im orangen Kapuzenpulli vor dem Boxzelt und hat sich mich als Opfer ausgesucht. Mit meinem Hut, dem Anzug, dem weißen Hemd und der gebügelten Hose passte ich nun auch wirklich nicht in sein Revier. Egge und ich hatten uns hier mit unserem Freund Kevin Münkel getroffen, um neue Pressefotos machen. Zwischen diverser Jungesellenabschiede, Testosteronbomben und den Jack-Wolfskin-Familien fielen wir also sofort auf. Ich lächtelte dem jungen Mann zu, ließ ihn die professionellen Boxer provozieren und verschwand mit Egge im Funhouse – einer Plastiktraumwelt aus Kletter- und Rutschmöglichkeiten. Draußen patroulierte die Polizei in Kampfuniform, drinnen verdrehte man sich das Knie.

Die Wände waren vertäfelt, die Zapfanlage lief. Draußen hatte jemand ein Lagerfeuer gezündet. Hier trafen sich die Flüchtigen, die keine Lust auf Tanzen oder Rauchen hatten. In der Ferne konnte man die Güterzüge langrattern hören. Hier in der Vorstadt wurde Geburtstag gefeiert. Mit Mettbällchen, Nudelsalat, Tzatziki und Fladenbrot. Dazu Kurze und Bier. Draußen wurde wild über Fußball, den Zoo und Angela Merkel diskutiert. Drinnen laut mitgesungen. Zwischen Kraftklub, Spider Murphy Gang und die Atzen fand sich für jeden etwas.

In Hannover-Limmer gibt es das Béi Chéz Heinz. Einmal im Jahr veranstaltet der Klub ein Coverfestival. Die ganze Muckerszene Hannovers trifft sich dann, spielt berühmte Lieder nach und trinkt viel Bier. Wir haben in diesem Jahr endlich mal Zeit gehabt und als Meatproleten bei „Wir sind das Heinz“ politische Lieder nachgespielt: Tocotronics „Alles, was ich will ist“ wurde zu einer Abrechnung mit Hipster-Hatern. Deichkinds „Bück dich hoch“ wurde DAFisiert. Und Paul Hardcastles „19“ zu einer musikalischen Warnung der Jugend vor zu viel Hedonismus. Später legte der DJ noch Drum-n-Bass-Versionen von Popliedern auf. Dufte.

Draußen vor dem Technoklub schubsten sich die Türsteher bereits mit den Professionellen. Drinnen mahlten die Kauleisten, auf dem Klo war jede Kabine belegt, aber keine musste. Unter dem Tarnnetz nippten wir an unserem Gin-Tonic und ließen die bösen Blicke auf uns herabregnen. Wir hatten immer noch unsere Anzüge an. Egge trug sogar noch die Krawatte. „Spießer“, zischte einer neben mir. Ich lächelte auch ihn an. Um 7 Uhr setzten wir uns dann vor den türkischen Bäcker, aßen Simrits und ließen uns von der Sonne das Gesicht streicheln. Wir sahen bestimmt ungesund aus.

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Man müsste Klavier spielen können

1. Ted
2. Gimmick
3. Der Sachzwang (Kommerziell)
4. 70000 Worte
5. Bunte Häuser
6. Zugvögel
7. Waldgeschichten
8. Da ist Leben
9. Auf meinem Profil wird immer nur Werbung gepostet
10. Alman Usulü
11. Destille 4.20 Uhr
Bonus: Unwort des Jahres

Text und Musik: Egge und Costa

Aufnahmen: Manuel Gehrke, Fynn Alster, Slash Hammer, Matias Oepen und Hans von Freymacher

Abmischung und Mastering: Ulli-Timo Hammann

Fotos: Dagmara Celta

Gestaltung: Ralf Rohde

Erscheint im Mai 2012 Twisted Chords (Broken Silence)

Yeah!

13. April 2012 – Hamburg – Fabrik/Rote Flora

„Handy aus, Feind hört mit“ steht auf dem Schild im Backstage der Roten Flora. Feridun Zaimoglu und Jan Brandt lesen heute beim „Lesen ohne Atomstrom„-Festival. Das Fest wurde als Gegenentwurf zu den Vattenfall-Lesetagen von zahlreichen Organisationen, Initiativen und Kämpfern gegen die Atomkraft organisiert. Hochkarätige Autoren lesen kostenlos für die gute Sache. Wir dürfen an zwei Abenden das Vorprogramm machen.

In der Fabrik sind wir laut Welt.de „der Tiefpunkt“ zwischen Reinhold Beckmann und Frank Schätzing. In der Roten Flora ist die Stimmung anders. Bevor Jan Brandt und Feridun Zaimoglu die kleine Halle mit ihrer eindringlichen Lesung verstummen lassen, dürfen wir unser ruhiges Set spielen. Danke.

Später: Am Nebentisch unterhalten sich vier junge Menschen über den Keller eines Nobelsexshops. Gerätschaften werden besprochen, von denen wir noch nicht wussten, dass es sie gibt. Danach ist die Altersvorsoge dran. „Ich verlasse mich gerade voll auf das Bausparen. Irgendwann möchte ich meine eigene Wohnung besitzen.“ „Aha, sehr gute Idee. Wie war das jetzt nochmal mit diesem Cockring?“ Wir bestellen mehr Wodka.

„Vi hät onli Börlin.“ Kurz haben wir ein schlechtes Gewissen, weil wir dem betrunkenen Schotten erklärt haben, dass man in Deutschland jemanden mit „Opfer“ beschimpfen kann. „Victim“ klingt dann irgendwann nicht mehr so lustig.

Vor dem Haus parkt ein Auto mit der Werbung „Friendly Makler“. Im dritten Stock ist er selbst eingezogen und hat sich im kompletten Haus vorgestellt. Mit Handschlag, Visitenkarte und bei der alten Dame auch mit Blumenstrauß. Falls man irgendwann vorhabe, auszuziehen.

Im Autoradio läuft Dschings Khan, Al Bano e Romina Power, Boney M. Der Bully kommt auf 100 kmh. Die Sonne geht auf. Die Mastervinyl ist in der Post. Es geht wieder los.

Ostern 2012: Ein Selbstversuch


Einige wissen es, Egge mag Nachtreportagen. Er schreibt sie für die Zeitung und für APP-Magazine. Und viele sollten da auch bleiben. Nur ist es diesmal etwas anders. Zum einen ist Ostern. Und zum zweiten sind die Fotos von Agnieszka Krus ziemlich cool. Viel Spaß & Frohe Ostern.

Haken schlagen mit Jägermeister

Können süße Osterhasen in einem Brauhaus feiern ohne angebaggert zu werden? Bekommen sie im Hauptbahnhof tatsächlich frisch gepressten Möhrensaft? Und lässt man sie in einer Karaokebar den Titelsong der „Bugs Bunny Show“ singen? Ja, ja, ja. Aber glücklich macht das noch lange nicht. Ein Selbstversuch in Hannover – mit hängenden Schlappohren.

Auf Island gibt es eine merkwürdige Tradition. Denn immer wenn ein Schuljahrgang seinen Abschluss schafft, pilgern die Schüler aus dem ganze Land in die Hauptstadt Reykjavík, um symbolisch mit dem Bürgermeister anzustoßen.Weil dieser nicht alle Schüler empfangen kann – und weil es einfach Spaß macht – betrinken sich etliche junge Leute dann in den Straßen und tragen dabei tierische Ganzkörperkostüme. Schon am Nachmittag ziehen die menschlichen Kühe, Schafe und Riesenkatzen durch die Innenstadt und besaufen sich hemmungslos. Viele müssen sich schon am Abend tragen lassen, die Nacht erleben die meisten in Hauseingängen und an Tanzflächenränder. Schulabschlüsse auf fernen Inseln sind ein eigenartiges Unterfangen. Puh.

In Deutschland hat die Ganzkörperkostümierung eher religiösen Folklore- oder Karnevalscharakter. Zu Ostern oder zu Weihnachten zwängen sich vor allem klamme Studenten und zu nette Nachbarn in die Rollenklischees einer aufgeklärten Welt und verteilen als Weihnachtsmann oder Osterhase Geschenke. Zum Karneval eher Küsschen. Ansonsten lässt man Kostüme in Deutschland besser. Und überhaupt: Kostümträger in der Nacht sind komische Gestalten, denen man eher mit Skepsis begegnet. Entsprechend fällt meine Osternacht als Osterhase aus.

In einer kleinen Seitenstraße in der hannoverschen Innenstadt ziehe ich mich schnell um, als gelte es etwas Verbotenes zu machen. Aus einem Plastiksack entnehme ich meine Löffel, meinen kuscheligen Bauch, meine Blume, an der später forsche Jugendlichen ziehen möchten. Auf Pfoten mache ich mich auf den Weg zur Bank – auch ein Langohr braucht zum Feiern zunächst Geld. Mir begegnen die ersten Passanten. „Ey, Osterhase!“, raunt es mir entgegen. Hätte ich an diesem Abend jeweils einen Euro dafür bekommen, dass mir jemand sagt, wie ich heiße, ich könnte Apple übernehmen – auch wenn ich ja eher auf Mohrrüben stehe, ähem, entschuldigung, das Kostüm hinterlässt Eindruck. Einige machen Fotos von mir, viele lachen, andere entfernen sich rasch. Da gab es sicher ein paar negative Erfahrungen in der Kindheit, die nicht aufgearbeitet worden sind. Ich renne ihnen ein paar Meter hinterher, sie laufen weg.

In der Bank bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Darf man das überhaupt? Im Ganzkörperkostüm Geld abheben? Ich könnte ja jemanden überfallen. Die Beamten hinter den Überwachungskameras hätten Probleme mich zu identifizieren. Ich warte auf die Kavallerie, die Hasen vom Einrichten von Daueraufträgen abhalten will, aber nichts passiert. Keine Polizei, kein Alarm, ich hole meine Geld.

Irgendwie sind die ersten Reaktionen auf mein Outfit eher überschaubar. Schließlich bin ich doch der Osterhase, der bekannteste Hoppel der Tierwelt. Aber ich ernte nur Gekicher, klatsche ab und zu unbekannte Menschen ab – und ziehe weiter, dorthin, wo alle Ganzkörperkostümierten vor ein paar Wochen noch mächtig Spaß hatten: ins Ernst August Brauhaus, eine Bierbude, die fast jeden Abend zum Feierzentrum wird.

Ich trete ein, bestelle Bier, man schaut Fußball. Ich schlage Haken zwischen den Tischen, aber keine Reaktion. Ich hole mir noch ein Bier und ziehe weiter in den Brauhaus-Klub. Zumindest der DJ begrüßt mich. „Na Osterhase, willste ’ne Möhre?“, brüllt er ins Mikrofon. So anzüglich wurde ich selten angegraben. Ich tanze ein wenig für ihn und entdecke Bekannte. Die Band Glamazing aus Hannover verhandelt mit Brauhaus-Chef Hannes Aulich und Agenturchefin Julia Bolzek gerade das Bühnenprogramm vom Autofreien Sonntag. Ich hoppel dazu, aber so recht will mich niemand ernst nehmen – man will nur wissen, was ich drunter trage und ein wenig kuscheln. Mhh. Gar nicht so schlecht.

Aber ich ziehe weiter, denn die Begeisterung hält sich noch immer in Grenzen – und komme in eine Karaokebar namens „Hollywood“. Die hat fast jeden Tag geöffnet und es gibt Gin Tonic für den Hasen. Die Reaktionen sind sensationell. Ich lande auf etlichen Handyfotos, lasse mich streicheln und tanze ein wenig. Nur singen will mit dem Hasen niemand. Dafür verschüttet ein Dauergast auf dem Weg zur ganz großen Castingkarriere, wenn sie nur hart genug an sich arbeitet und in Karaokebars übt, mein Getränk. „Sorry, Hase.“ Singen will sie auch nicht. Ich blättere noch ein wenig allein an der Bar in den Songs, suche nach der Hymne aus der „Bugs Bunny Show“, finde sie aber nicht. Und so richtig will ich nun auch nicht mehr. Ich gehe. Die Schoko-Osterhasen, die ich den ganzen Abend schon in meinem Rucksack trage, nehme ich mit. Geht doch zum Bohlen.

Nachdem ich mir beim Hauptbahnhof noch einen Möhrensaft geholt habe („Der ist aber mit Orangensaft versetzt, ich hoffe, es ist okay, Osterhase.“), sitze ich in der Linie 10 gen Linden. Der alternative Stadtteil Hannovers ist dafür bekannt, sehr tolerant zu sein, weltoffen und herzlich. Vielleicht hat man zumindest dort ein Herz für Schlappohren. Und tatsächlich, in der Kneipe „Izarro“ wird zwar auch Fußball geschaut, aber jeder nimmt den falschen Hasen erst einmal in den Arm. Der Organisator des alternativen Fährmannsfest in Linden, Peter Holik, lässt da gern ein Erinnerungsbild mit mir machen. Wer den Osterhasen an seiner Seite weiß, kann auch Musikfestivals organisieren, klar. Ich bestelle noch mehr Bier und wundere mich spät in der Nacht. „Bezahlen brauchst du nicht, ich möchte dafür aber einen Schokohasen“, sagt die Bedienung und ich werde fast rot. Sie sieht es zum Glück nicht. Dann hoppel ich davon.

An der Limmerstraße vollziehen ein paar Nachtaktive das sogenannte Limmern. Man setzt sich dazu an die Straße, holt sich vom Kiosk Bier und schaut, was so passiert. Hasen sprechen da schlicht vom Lauern. Aber egal. Ich mach mit. An einem Kiosk hole ich mir Jägermeister, auch wenn das etwas komisch klingt. Selbst die Tierschutzorganisation PETA rief ja jüngst dazu auf, das Getränk in Waldmeister umzubenennen. Es schmeckt trotzdem und ich komme mit einem Limmeraner (oder so) ins Gespräch, der schon deutlich zu lange am Kiosk saß. Er lallt etwas von süßem Häschen, ich verstehe ihn nicht ganz. Und ich trete den Rückzug an.

In meiner Höhle denke ich mümmelnd über mein Leben als Hase nach. Schon komisch. Man kommt zwar viel rum, muss aber ständig aufpassen, nicht an den Falschen zu geraten. Und keiner will mit mir singen. Ich schäle einen Schokohasen und trinke noch einen Jägermeister. Hach, vielleicht muss ich einfach nach Island auswandern.

01. April 2012 – Schnauze

„Sie sah aus wie eine Xylophonspielerin einer isländischen Band.“ „Das ist jetzt aber schon ziemlich rassistisch.“ „Aber ist stimmt.“ „Nicht jeder isländische Musiker macht Lieder wie Sigur Ros.“ „Es heißt Sigur Ros. Und die singen in einer ausgedachten Sprache.“ „Aber mit den ganzen Wollsachen und den tausend Schichten war sie perfekt vorbereitet auf das Klima, das alle zehn Minuten wechselt.“ „So wie in Ostfriesland.“ „Dort trägt man ja auch gerne noch Gummistiefel. So ganz ironiefrei.“ „Gummistiefel sind auch geil.“

Vorhin hat sie sich noch über das Moderne an der Oper angewidert aufgeregt. „Kein Respekt vor diesem große Stück! Ich habe das ja schon zweimal gesehen und bin enttäuscht. Wie die Kultur immer in den Schmutz gezogen wird von diesen modernen Regisseurin. Eine Schande für Europa.“ Jetzt freut sie sich: Auf der Bühne steht ein fast nackter schwarzer Schauspieler, nur mit Lendenschurz im Leopardenstyle, Butler-Handschuhe und Pumps. Die Retterin der Abendlandkultur neben mir lacht laut los.

Wir lösen uns auf, irgendwann.

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