26. Januar 2012 – Hamburg – Übel & Gefährlich

Falsch eingestiegen. Der Zug fährt nicht nach Hamburg, sondern nach Bremen. Weißte, klar. Am Nachbartisch im Bistro ballern sie sich jetzt schon die Weizenbiere. „Ist ja Feierabend, ne?!“ Und reden sonst über diese eine Tabledancebar. „Weißte noch, letztes Jahr Weihnachtsfeier. Sogar die eine Spießige war dabei.“ Schräg daneben geht’s um Krebs, immer wieder Krebs. Und dieses Fett in der Innenseite des Arms, das echt schlecht weggeht. Der einsame Typ an der Theke sieht aus wie ein ehemaliger Regierungssprecher, holt sich schon wieder eine Cola und löst Sudoku. Wir planen, das Dschungelcamp zu retten und im nächsten Jahr viel bessere Kandidaten einzuladen. „Wenn die Deutschen eins gelernt haben, dann Camps zu betreiben“, mischt sich der Sudoku-Nachbar ein.

Am Bremer Hauptbahnhof stehen die Menschen Schlange am Lottostand. Dicke Ziehung. Drei Jungs versuchen, Tabak zu kaufen und eine Bong. Scheitern. Die Rubbellose werden immer noch föderalistisch verkauft. „Nein, aus Berlin kann ich keine annehmen. Da müssen sie schon selbst wieder hinfahren.“ In der Lounge der Deutschen Bahn klaut wieder die gleiche Art von Geschäftsmann den Sportteil und verschwindet auf dem Klo. Legt den Zeitungsteil danach wieder zurück ins Regal und trinkt noch zwei, drei Gläser Cola. Ist ja im Preis mit drin.

In Hamburg-Harbug steigen die Vorstadtmuttis aus und die Flaschensammler ein. Man grüßt die Schaffner mit einem Nicken, greift locker in die Müllkörbe, langt hier und da nach halbausgetrunkenen Pfandflaschen und läuft schnurstracks ins nächste Abteil in der ersten Klasse. Ein Werbemann erklärt für den Rest des Bistros am Telefon sein kommendes Wochenende und mit welcher Frau und sowieso. Der Hauptbahnhof liegt hinter uns. Am Dammtor stehen die üblichen Studenten, gerade frisch aus dem Gender-Seminar. Theoriegestählt für die Dienstleistungsgesellschaft. Eine Station später erbricht man sich in die Schanze, die Großraumdiskothek mit Szeneschutz. Jungs mit vom Anwaltpapa geliehenen Bentley besuchen Deutschlands bekanntesten Burnoutgastronomen auf ein paar Fleischlappen. Der Mexikaner ist natürlich selbst gemacht und kostet auch nur stadtteilübliche drei Euro. Arschlochsteuer nennt sich das auf deutsch. „Donnerstag ist ja der einzige Tag, an dem man hier ohne die Vorstadtprinzessinen und die Bauern aus Niedersachsen feiern kann.“ Sagt es und verschwindet mit dem Aluminium im Haar wieder im Frisör. Ein Schwall Haarspray, fruchtiges Parfüm und Deephouse erbricht sich kurz durch die offene Tür auf die kalte Straße. Riecht und hört unsere Sophistication.

Egge schreit die erste Reihe an. Eine Frau greift ihre Handtasche ein wenig fester. Drei, vier in schwarz gekleidete Kunstinteressierte finden es verrückt. Nach acht Minuten geht es zurück hinter die Bühne. Ein riesiges Bild mit Bergpanorama, daneben das Fenster über der bekanntesten Jet-Tanktstelle Hamburgs. In der Ferne sieht man die Flugzeuge landen.

Wieder Mexikaner und Rotwein, den Psychologiestudentinnen nicht mal ihren Feinden anbieten würden. Ich lasse mir Bikram-Yoga erklären und antizyklische Zukunfsplanung in Fernbeziehungen. Der DJ arbeitet sich währenddessen durch die Jugendkulturen des zynischen Zeitalters: Dubstep, 80ies Pop, Schunkel-Hip-Hop. Irgendwer kennt irgendwen, der Menschen mit Methadonproblemen betreut hat. Die Geschichte über Neonazis geht um, die Stolpersteine klauen. „Ich starte jetzt ein Kunstprojekt. Jeder schenkt mir einen Euro und davon kaufe ich das ganze Stadtviertel. Dann lasse ich hier nur noch nette Leute wohnen und die ganze Gentrifizierungsdebatte ist vorbei.“ Als wir auf die Straße gehen, fängt es an zu schneien. Endlich Winter.

Werbeanzeigen

Presseschau zehn/zwanzigelf

Kisch-Debatte: Interview mit René Pfister
Ein Interview mit dem Spiegel-Redakteur, dem der erst verliehene Kisch-Preis von der Jury wieder aberkannt wurde.

Höllische Freude
Ein Interview in der Zeit mit Terry Eagleton über sein Buch „Das Böse“.

Bremen, die kleine Unbekannte
Sven Regener schreibt auf Zeit Online über seine alte Heimatstadt.

„Wir haben keine Zukunft“
In Spanien gehen Hunderttausende Menschen auf die Straße, um auf ihre schlechten Zukunftsaussichen aufmerksam zu machen.

Konsoldierung der Welt
Ein De-Bug-Artikel darüber, wie das Internet zu einem Spiel wurde.

Exportweltmeister beim akademischen Überschuss
In der FAZ: „Für die DFG, den Wissenschaftsrat und die Universitäten kann es gar nicht genug Nachwuchskräfte geben. Aber diese verschwinden zuerst in wolkigen Großprojekten und dann in der Arbeitslosigkeit.“

Die deutsche Steuerlüge
Teil zwei der tollen Heise-Serie zum Thema „Was ist eigentlich Wirtschaft?“.

21. Januar 2011 – Bremen – Zucker

Seit 2007 gibt es das Zucker in einem ehemaligen Speditionsgebäude zwischen Findorff und Bremer Hauptbahnhof. In Deutschland hat sich der Laden in der kurzen Zeit einen überaus guten Ruf aufgebaut: Es gab Partys mit internationalen bis Resident-DJs, unzählige tolle Bands haben hier schon gespielt. Allein wenn man im Backstage unfassbar leckeren selbstgemachten Apfelkuchen mampfend die  Postersammlung anschaut, bekommt man schon einen Eindruck, wer schon alles seinen Schweiss auf der Bühne gelassen hat.

An diesem kalten Freitag im Januar spielten wir mit: Trennkost Ungeheuer. Diese beiden sympathischen Jungs aus Bremen haben sich eine alte Playstation geschnappt und darauf Beats zwischen Dubstep und Happy Hardcore gebastelt. Dazu springen sie auch mal mit mexikanischen Wrestlermasken herum und hauen ein paar aggressive Reime heraus. Uff!

Für Lena Stöhrfaktor aus Berlin hingegen war es einer der ersten Auftritte ohne ihre Crew. Sie zeigte trotzdem, wie man solo nicht weniger wütend und reimend  über Gentrifizierung und Unterdrüchtung rappen kann. Respekt!

Killa Instinct aus England waren eigentlich die wahren Headliner des Abends. Fettbassiger Britcore mit der britischen Version eines Zach de la Rocha. Plötzlich waren die neunziger Jahre wieder sehr lebendig. Sogar eine eigene deutsche Wikipedia-Seite haben die Jungs. Ich will auch so etwas.

Die meisten Jubelrufe ernteten wir irgendwann schräg nach Mitternacht für die Aktualisierung der „Dschungelcamp„-Gruppe. Erstaunlich viele im Tanzsaal waren Namen wie Froonk, Rainer oder Sarah ein Begriff. Sicherlich liefern die Medien dazu demnächst eine weitere Interpretation.