Beatpoeten treffen: Rammstein

Jaja, es ist zwei Jahre her, als Rammstein ihr Album „Liebe ist für alle da“ im Berliner Universal-Hauptquartier Journalisten zur Hörprobe anboten. Aber weil das Album nun freigegeben wurde, das neue Video zu „Mein Land“ einfach mal krass ist, & das Gespräch mit Schlagzeuger Christoph Schneider lange nachgewirkt hat: das Interview. Ein Gespräch über Liebe, Pornos und den Kannibalen von Rotenburg.

„Privat sind wir anders“

Herr Schneider, vier Jahre ist das letzte Rammstein-Album her. Da überlegt man sich als Band sicher, wie man sich eindrucksvoll zurückmeldet. Musste es zur Single „Pussy“ unbedingt ein Porno als Videoclip sein?
So etwas kann man nicht planen. Einige Bandmitglieder wollten „Pussy“ nicht mal auf dem Album haben. Aber es wurden Stimmen laut, unter anderem die Plattenfirma, die einen Hit vermuteten, ein renommierter Regisseur wollte einen Porno dazu drehen, und wir haben als Band dann gesagt: Jawoll, wir machen das.

Eine Band, die gern provoziert …
Eine Band, die auch provoziert. Das gehört bei Rammstein dazu.

Es funktioniert ja auch. Zudem ist es auch eine gelungene PR-Aktion.
Es gibt die Welt der Pornografie. Bisher hatte nur noch keine Band Pornos in Zusammenhang mit Videoclips gebracht. Dabei haben die meisten Clips längst softpornografischen Charakter. Wir sind nur noch einen Schritt weitergegangen, und die Single landete auf Platz eins der Charts – auch wenn es musikalisch aus meiner Sicht nicht unser bester Song ist. Aber er kommt gut an.

Wäre es für Rammstein nicht eine besondere Provokation, einmal auf Provokationen zu verzichten?
Möglicherweise. Vielleicht kommen wir irgendwann mal in das Alter, in dem wir uns nur noch auf unsere musikalischen Stärken verlassen. Aber bis dahin wollen wir unseren Fans etwas Besonderes bieten.

Ihr Album trägt den Titel „Liebe ist für alle da“. Was nach versöhnlichem Aufruf für kollektive Herzwärme klingt, wird auf der Platte zur harten Extremistenschau. Es geht um den Kannibalen von Rotenburg und abseitige Sexvorlieben. Keine Lust auf richtige Liebeslieder?
Wir erzählen Geschichten extremer Form von Liebe. Es geht um die Gefühle von Menschen wie Josef Fritzl, wenn er in seinen Keller hinabsteigt. Er empfand ja auch etwas dabei. Genau wie der Menschenfresser, der durch sein Tun ja auf seine Weise erregt wurde.

Was fasziniert Sie so an den düsteren Leidenschaften?
Manchmal die Komik, die die Extreme offenbaren.

Bitte? Komik?
Na ja, es ist doch schon sehr komisch, wenn sich Menschen dazu verabreden, einander zu fressen. Das ist grotesk, auch wenn es im Kern eine sehr ernste Sache ist. Wir erzählen davon, weil es Spaß macht. Es ist ein märchenhaftes Gruseln.

Sie sind Märchenerzähler?
Ja, moderne Brüder Grimm. Früher haben Märchen ja auch eine schaurige Stimmung erzeugt, wenn man mit der richtigen Stimme im Kerzenlicht erzählt hat.

Das klingt harmlos. Aber Till Lindemann besingt Stacheldraht in Harnleitern?
Als ich das zum ersten Mal gehört habe, bin ich auch ziemlich zusammengezuckt. Aber die Band wurde nicht gegründet, um Heimatlieder zu singen. Wir sind Rammstein. Till schreibt und singt auf seine Weise. Er ist wie ein alter Marshall-Verstärker, der nur laut gut klingt.

Ausschnitt aus „Ich tu dir weh“:
„Bei dir hab ich die Wahl der Qual,
Stacheldraht im Harnkanal,
Leg’ dein Fleisch in Salz und Eiter,
Erst stirbst du doch, dann lebst du weiter,
Bisse, Tritte, harte Schläge,
Nagelzangen, stumpfe Säge,
Wünsch’ dir was ich sag’ nicht nein,
Und führ’ dir Nagetiere ein.“

Bleiben wir im Märchenbild. In „Mehr“ geht es um Gier und das Gefühl, nie satt zu werden. Moralische Prosa zur Wirtschaftskrise?
Nein. Wir äußern uns nicht zu aktuellen Themen. Aber die Metapher passt natürlich.

Sie bleiben fast immer eindeutig mehrdeutig in ihren künstlerischen Aussagen.
Ja. Vielleicht liegt das an unserer Ostvergangenheit. Wir konnten die Dinge früher nie konkret ansprechen und blieben textlich daher immer im Unbestimmten.

Aber selbst wenn es verklausuliert um die Krise, Missstände oder das Böse geht, warum zeigen Sie nie Alternativen auf?
Wir sind eben Rammstein.

Was bedeutet denn für Sie selbst
Liebe?
Für mich persönlich ist Liebe die helle Kraft im Leben. Liebe lässt uns hoffen. Sie ist die Macht, die uns anführt.

Aber warum spürt man davon so wenig bei Rammstein?
Man muss das einfach unterscheiden. Viele glauben, die Bandmitglieder sind in jedem Moment ihres Lebens Teil der Band. Aber Rammstein ist für uns nur ein Teil der Persönlichkeit. Niemand würde auf die Idee kommen, einen Schauspieler mit seiner Rolle zu verwechseln. Rammstein macht uns Spaß. Privat sind wir anders.

Weil die Links in Deutschland dank Urheberrechtsverwirrungen lustig wechseln, folgt an dieser Stelle ein ambitionierter Versuch. Das neue Video:

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Beatpoeten treffen: Stromberg, sorry, Christoph Maria Herbst

Mensch, dieser Mann kann sich ausdrücken. Immer wieder muss Egge den Hörer von seinem Mund weghalten, er muss zu sehr lachen. Christoph Maria Herbst muss als kleiner Junge in einen großen Topf Ironie gefallen sein. Großartig. Beim ZDF-„Traumschiff“ durfte er auch mitspielen und sorgte dann mit einem Kreuzfahrt-Buch für einen Skandal. Ein Gespräch über Zensur, Mumienschlepper und den Stromberg in jedem.

In Ihrem Debütroman „Ein Traum von einem Schiff“ versenken Sie mit satirischer Schärfe das ZDF-„Traumschiff“. Ihr Buch wurde wegen Verstößen gegen Persönlichkeitsrechte aus den Regalen genommen, dann wurden Teile geschwärzt. Wie schauen Sie auf den Wirbel um Ihr Erstlingswerk zurück?
Mit zwei lachenden Augen. Da gab es Verfügungen, die Boulevardpresse hob mich auf den Titel. Ja, das riecht nach gelungener Werbemaßnahme, war es aber nicht. Aber im Resultat ist es so. Der Verlag hat sich sicher gefreut.

Und Sie persönlich?
Ich fand es etwas merkwürdig, eine Zensur zu erfahren. Es war für mich eine Premiere. Und dann gleich für das Debüt. Ich scheine ins Schwarze getroffen zu haben. In meiner künstlerischen Freiheit sehe ich mich aber nicht beschnitten. Es sind insgesamt vielleicht eineinhalb Seiten geschwärzt, beim Hörbuch wurde gar nichts verändert.

Keine Pieptöne?
Vielleicht hat man es vergessen. Es wirkt alles wie ein Sturm im Wasserglas.

Wirklich? Man könnte meinen, Sie wollten das „Traumschiff“ versenken.
Ich wollte nie der Oliver Pocher der Belletristik werden und einfach nur auf die Menschen einhämmern. Es ging mir eher um eine Verbeugung vor großen Schauspielern. Darum stehen viele auch mit – Vorsicht, ein juristischer Fachbegriff – Klarnamen im Buch. Vielen habe ich die Stellen aus dem Buch vorgelesen und sie haben geweint, vor Lachen und Rührung.

Aber Reaktionen auf Sätze wie „Böse Zungen behaupten, das ,MS‘ stehe für Mumienschlepper“ oder „Das Ganze hat was von schwimmender Schwarzwaldklinik“ zeigen, dass Fans erzürnt sind. Warum eigentlich?
Vielleicht weil ich die letzte heilige Kuh schlachte, das letzte Tabu unserer Gesellschaft, das „Traumschiff“. Ich habs besudelt. Da kann man nichts mehr machen. Dabei war es gar keine Absicht. Es gab keinen Verlag, der mich gezwungen hat, ein Pamphlet zu verfassen. Ich war eben an Bord und langweilte mich, also beschrieb ich Freunden in Mails, was ich auf dem „Traumschiff“ so erlebt habe. Die wollten mehr lesen. Hätte ich absehen können, wo das hinführt, mhhh, ich hätte es trotzdem gemacht.

Fühlten sich die Akteure vielleicht auch beleidigt, weil Sie Ihnen auch mangelnde Schauspielqualitäten und Trunkenheit unterstellen?
Das Buch ist eher deskriptiv und verzichtet auf Wertung. Da kann jeder rauslesen, was er möchte. Ich wollte mit meinem Roman auf keinen Fall die Fortsetzung des „Traumschiffs“ verhindern. Da müsste ich mit dem Nachmittagsprogramm anfangen, denn das ist wirklich hart. Dagegen ist das „Traumschiff“ Grimme-Preis-verdächtig.

Haben Sie sich eigentlich das Filmresultat angeschaut?
Nein, ich war mit meiner Liebsten am anderen Ende der Welt. Und ehrlich gesagt, ich muss es auch nicht sehen, auch wenn ich mir bisher alles angeschaut habe, was ich so gemacht habe. Aber ich glaube, dass ich sagenhaft schlecht war. Und so viele masochistische Anteile trage ich doch nicht in mir.

Sie könnten ja noch einmal mitfahren und es besser machen?
Wem würde das etwas bringen? Mich will da eh gerade keiner sehen. Vielleicht mach ich in 25 Jahren wieder mit. Vielleicht bringe ich mich selbst als Kapitän ins Gespräch, wobei ich Siegfried Rauch natürlich alles Glück dieser Erde wünsche.

Wie würde eigentlich das „Traumschiff“ unter der Flagge von Herbst aussehen? Sie könnten das „ZDF“ retten?
Das „ZDF“ muss man nicht retten. Die Menschen werden älter, die Zielgruppe wächst. Beim „Traumschiff“ darf man darum auch nichts ändern. Location geht da immer vor Drehbuch, Palmen vor Darsteller. Never change a winning concept. Das „Traumschiff“ ist ein Beispiel dafür, dass früher nicht alles schlecht war. Es ist ein Geländer, an dem man sich hochziehen kann. Oder um ein passenderes Bild zu bemühen: ein Treppenlift.

Das klingt schon wieder gemein. Hat Sie die Rolle als Bürodiktator Stromberg vielleicht auf ewig verbittert?
Ich schaue mit einem humorigen Blick aufs Leben. Ich bin kein Zyniker, aber hin und wieder schaue ich ironiegetränkt auf die Dinge. Stromberg hilft zu schauen. Er schärft den Blick für das Zwischenmenschliche. Man sieht Wahrheiten. Aber man sollte das alles auch nicht so ernst nehmen.

Beatpoeten treffen: Robert Stadlober

Nein, wir mochten das Buch „Crazy“ nicht. Den Film aber schon.  Bei „Sonnenallee“ mochten wir Buch und Film. Und den Robert mögen wir auch. Zum einen weil er meist in guten, deutschen Filmen mitspielt. Und zum anderen weil wir glauben, dass er in Sachen Exzentrik eines Tages Ben Becker beerben wird. Und ja, nun singt er auch noch. Eigentlich schon länger. Wir trafen ihn beim Boot Boo Hook-Festival in Hannover. Ein Gespräch über rote Teppiche, Stars in der Band und ner Band namens Gary.

„Hauptsache, die Musik gefällt“

Robert, mit Filmen wie „Crazy“ und „Sonnenallee“ bist du zu einem der bekanntesten Schauspieler in Deutschland geworden. Neulich hast du das „BootBooHook“-Musikfestival in Linden mit der Band Gary eröffnet. Ist man bei einem Konzert eigentlich aufgeregter als bei einer Filmpremiere?
Nee, die Aufregung ist ähnlich, aber bei einer Filmpremiere kann man nichts mehr ändern. Der Film ist fertig. Bei einem Konzert haben wir es selbst in der Hand, ob es ein guter Abend wird.

Dafür gibt es aber keinen roten Teppich …
Ich gehe selten über rote Teppiche und zu Society-Events. Das ist nicht meine Welt.

Viele Menschen wissen gar nicht, dass duin einer Band spielst. Du betreibst sogar eine Plattenfirma. Wann hast du dich, Musik professionell zu machen?
Ich habe schon mit zwölf Jahren Musik gemacht, gerade als ich eine Gitarre halten konnte. Die Musik war noch vor der Schauspielerei da, und mit der Plattenfirma wollten wir den Menschen etwas von der alternativen Kultur zurückgeben, die uns entscheidend geprägt hat.

Würdest du für Konzerte auch Filmrollen absagen?
Wenn ich auf Tour bin, bleibt die Schauspielerei liegen. Das ist normal. Wir alle haben unsere Berufe. Und beim Schauspiel ist es leicht, weil es immer bestimmte Phasen für Projekte gibt. Und dann geht man eben zwei Monate auf Tour.

Und wenn es kurzfristig das Traumangebot für dich gibt?
Es kommt drauf an. Wir sollten mal als Vorband von Muff Potter auf Tour gehen, als mich Christoph Schlingensief anrief. Ich sollte nach Afrika kommen. Die Band hatte Verständnis und wir drehten „The African Twintowers“. Der Film ist leider nie fertig geworden.

Auf dem „BootBooHook“-Festival hast du eher entspannten Indierock gespielt. Bei deinem Bekanntheitsgrad könntest du sicher auch eine große Popkarriere hinlegen können. Warum machst du Musik für kleine Kellerklubs statt Stadionkonzerte?
Ich bin mit eher alternativer Kultur aufgewachsen, und für mich ist Musik nicht etwas, das ich auf einer Art To-do-Liste habe. Wir machen einfach die Musik, die wir machen.

In der Band Gary bist du einer von vielen. Wie geht die Band damit um, einen Star dabeizuhaben?
Früher haben wir uns Gedanken gemacht, wie man damit umgehen soll. Aber irgendwann haben wir gemerkt, dass man da nichts machen kann. Bei Bands wird meistens der Sänger befragt: Kurt Cobain von Nirvana zum Beispiel oder Noel Gallagher von Oasis. Mittlerweile freuen sich die übrigen Bandmitglieder, dass sie keine Interviews geben müssen.

Du hast zum Festivalbeginn schon um 14.30 Uhr gespielt. Für welche Band würdest du so früh vor die Bühne gehen?
Sehr viele. Und für die Lemonheads würde ich Tag und Nacht aufstehen.

Und warum sollte man sich eines eurer Konzerte auch nach dem „BootBooHook“ anschauen?
Weil wir lebende Leoparden und Feuerwerk haben. Nein. Hauptsache die Musik gefällt.

Presseschau zehn/zwanzigelf

Kisch-Debatte: Interview mit René Pfister
Ein Interview mit dem Spiegel-Redakteur, dem der erst verliehene Kisch-Preis von der Jury wieder aberkannt wurde.

Höllische Freude
Ein Interview in der Zeit mit Terry Eagleton über sein Buch „Das Böse“.

Bremen, die kleine Unbekannte
Sven Regener schreibt auf Zeit Online über seine alte Heimatstadt.

„Wir haben keine Zukunft“
In Spanien gehen Hunderttausende Menschen auf die Straße, um auf ihre schlechten Zukunftsaussichen aufmerksam zu machen.

Konsoldierung der Welt
Ein De-Bug-Artikel darüber, wie das Internet zu einem Spiel wurde.

Exportweltmeister beim akademischen Überschuss
In der FAZ: „Für die DFG, den Wissenschaftsrat und die Universitäten kann es gar nicht genug Nachwuchskräfte geben. Aber diese verschwinden zuerst in wolkigen Großprojekten und dann in der Arbeitslosigkeit.“

Die deutsche Steuerlüge
Teil zwei der tollen Heise-Serie zum Thema „Was ist eigentlich Wirtschaft?“.

19. Mai 2011 – Beatpoeten treffen: Sven Regener

Ach, wären wir nur ein wenig älter gewesen, in diesem verrückten Jahr 1989. Die Mauer wäre gefallen und wir hätten Herrn Lehmann in die Arme laufen können. Stattdessen saß Egge im tiefsten Nordosten und hat sich langsam davon verabschiedet, Thälmann-Pionier zu werden. Herrn Lehmann hat er trotzdem ins Herz geschlossen. Und diesen Element-of-Crime-Poeten Sven Regener eh. Auch wenn der jetzt bloggt. Und Netztextromane veröffentlicht. Zeit für ein Gespräch.

Maritim Hotel Stuttgart. Mitten in der Lena-Woche. Regener ist auf Promotion-Tour und sitzt im Hotel. 30 Minuten hat Egge, der sich einfach von der Zentrale durchstellen lassen soll. Okay. Achtung, Dialogeinlage:

„Hallo, hier ist der Jan. Ich möchte mit Hern Regener sprechen.“
„Warum?“
„Ich möchte ein Interview mit ihm führen, wir sind verabredet.“
„Mit wem haben sie das denn abgesprochen?“
„Mit Herrn K.“
„Ich stell durch…“
„Ähhhh“
Dam, Dam, Dam
„K. Wer ist denn da?“
„Hier ist der Jan wegen dem Sven Regener-Interview.“
„Das ist gut, aber ich bin nicht Herr Regener, der sitzt im Zimmer 389.“
„Aha. Da wollte ich ja auch hin.“
„Ich hatte doch geschrieben, dass Du Dich durchstellen lassen sollst.“
„Mach ich ja.“
Dam, Dam, Dam
„Maritim Hotel Stuttgart.“
„Hallo, der Jan. Ich wollte zum Sven Regener durchgestellt werden, Zimmer 389.“
„Alles klar.“
„Alles klar?“
„Ja, kein Problem. Sie sind doch der mit dem Interview. Ich stell durch.“
„Ah, ja, okay. Danke.“
Dam, Dam, Dam
„Ja?“
„Ja, guten Tag. Herr Regener?“
„Ja, natürlich.“
„Ja, klar. Natürlich, dann mal los.“

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„Kein Künstler will Feedback“

Sich Sven Regener als nerdigen Blogger mit zugezogenen Jalousien vorzustellen fällt schwer. Können Sie sich an Ihren ersten Blogeintrag erinnern?
Puh. Das ist fünfeinhalb Jahre her. Keine Ahnung.

Kneipe oder im Kaffeehaus?
Ich bin mir sicher, dass das zu Hause war, weil ich dort einen Internetanschluss habe.

Aufgeräumter Schreibtisch oder Sofa?
Man! Weiß ich nicht mehr. Damals gab es ja noch nicht so viel W-Lan oder so was. Ich hatte nur einen Internetanschluss und noch nicht mal einen Laptop. Ich war viel unterwegs. Das war immer schwierig und man konnte nicht – wie heute – mal schnell in so ’n Schiet-Internetcafé. Internet gab es einfach noch nicht so flächendeckend.

Für junge Menschen muss das unvorstellbar klingen.
Stimmt. Dabei war die Technik gar kein Problem. Ich musste erst einmal die Zeit dafür finden. Ich habe anlässlich eines neuen Albums von uns angefangen, zu bloggen. Und damals haben wir viele Interviews gegeben, hatten viel zu organisieren, weil wir als Band noch immer sehr viel selber machen. Dann kamen Reisen dazu, Fernsehauftritte, Radiogeschichten. Aber ich fand den spontanen Charakter des Internets einfach interessant. Also fing ich an.

War es eine Überwindung einfach los zu schreiben?
Das ist ja für einen Romanautor nicht so schwierig. Aber es ist interessant gewesen, dass das Geschriebene direkt veröffentlicht wird. Bei Romanen schreibt man vier oder fünf Versionen, man überarbeitet das alles und feilt an den Texten. Wenn man bloggt, ist es gleich im Internet. Dann ist Ruhe im Schiff.

In den Texten zählen sie Organisationen auf, in denen sie Mitglied sind, und berichten über orthopädische Schuhe. Man könnte meinen, es gehe um Belangloses?
Ja nun, Belanglosigkeit ist ein schwieriges Wort, das auf den ersten Blick unglamourös wirkt. Aber als Künstler beschäftigen wir uns mit dem, was wir erleben und was uns umgibt. Und ich habe immer auf Trash-Charaktere gesetzt. Zu Beginn habe ich oft als Betrachter nach Bedeutung von Dingen gesucht. Das hatte etwas von Tagebuch. Im zweiten Teil der Textsammlung werden die Gedanken aber immer übersteigerter, wahnhafter, seltsamer. Es wirkt so, als würde ich verstiegene Wahnideen aufschreiben – das passt zum Internet.

Wahnideen. Tut das einem Buch gut?
Das Buch wird zunehmend bescheuerter. Aber es soll ja auch Spaß machen. Es geht doch auch um Unterhaltung. Die Leute sollen lachen dürfen.

Hatten Sie sich eigentlich vorher überlegt, für wen Sie bloggen? Wie sieht ein Sven-Regener-Blog-Leser ihrer Meinung nach aus?
Ich glaube, so etwas gibt es nicht. Und man kann sich darüber auch keine Gedanken machen, weil jeder Mensch ein Individuum ist. Man weiß nur eins: es wird gelesen. Aber das kann kein Kriterium fürs Bloggen sein. Es ist wie in der Kunst. Es zählt nur, was man selbst spannend findet.

Im Buch kommt ziemlich schnell die fiktive Gestalt Hamburg-Heiner dazu, mit dem Sie immer wieder Dialoge führen. Wie kam es zu diesem Sidekick und darf man ihn überhaupt so nennen?
Darf man. Da hat er keine Wahl. In gewisser Hinsicht existiert er ja auch nur, wenn ich blogge. Er wird einfach gebraucht. Am Anfang habe ich ihn genommen, damit etwas passiert. Ich bin nicht der Typ, der seinen Alltag im Netz abbildet. Und ich bin auch nicht der Typ, der meint, dass alles wichtig ist, was man macht. Außerdem kann Heiner manchmal gut aus Situationen herausführen. Er ist ein Handlungsbeschleuniger, wenn ich einen Gedanken abbrechen will. Er schlottert mich dann da raus. Zudem brauche ich ihn für die Kunst. Oft sind die Gespräche mit ihm nur ein Ringen um die Frage: Was macht man da eigentlich?

Diese Frage kennt man aus ihren Büchern. Wem ähnelt Heiner mehr: Karl oder Herrn Lehmann?
Wenn, dann ist Heiner so eine Karl-Type, auf gewisse Weise scheint er sehr in sich selbst zu ruhen. Außerdem kann er zu allen Dingen etwas sagen und will auch etwas sagen. Er hat diese harte Herzlichkeit.

Manche Rezensenten bemängeln fehlende private Details. Obwohl man viel über die Band und Sie erfährt, bekommt man keinen wirklichen Eindruck von den Musikern und ihnen. Absicht?
Ich komme aus Bremen. Bei mir gehen bei dem Wort Tagebuch die Warnleuchten an. Das ist eigentlich nicht mein Ding.Tagebuch heißt nicht umsonst auf Französisch journal intime. Es ist Privatsache. Auf der anderen Seite gibt man als Künstler immer ein Stück preis. Aber da entscheidet man zumindest welche Dinge.

Das heißt, Sie lassen immer nur einen kleinen Blick auf sich zu?
Das heißt, dass manche Dinge im Buch wahr sind und manche nicht. Und manchmal sind die unwahrscheinlichsten Dinge wahr. So hat tatsächlich Hamburg-Altona zu Österreich gehört.

Echt?
Ja! Das glaubt in Hamburg keine Sau. Ich habe das mal bei „Inas Nacht“ erzählt, da wurde es ganz still.

Natürlich haben wir das nachrecherchiert. Regener hat recht:
http://www.altona.dk/geschichte/

Das Tolle am Web 2.0 ist ja eigentlich, dass man alles kommentieren und bewerten kann – eine große Feedbackmöglichkeit für den Autoren. Sie lesen laut Buch nicht mal die Kommentare zu ihren Einträgen. Warum nicht?
Kein Künstler will Feedback. Künstler wollen Lob. Man kann sich ja mal einen Fan vorstellen, der Vincent van Gogh trifft und so was sagt wie: Hallo Herr van Gogh, versuchen Sie doch mal etwas weniger Gelb! Das nutzt doch nichts. Niemand will Künstler haben, die man belabern kann.

Haben Sie schon einmal getwittert?
Ich habe so neulich ein Interview gemacht – ich war zu langsam. Aber das muss nichts heißen. Twittern ist eine Neigungsfrage wie Minigolf. Der eine macht es gern, der andere nicht.

Es gibt einen Facebook-Account von Sven Regener. Sie gefallen mehr als 6000 Menschen. Macht sie das stolz?
Echt? Das gibt’s? Ich habe mich da noch nicht registriert. Was steht denn da?

Zum Beispiel wer Sie sind.
Dann war das vermutlich der Verlag. Damit da kein anderer etwas reinschreibt oder sich als Sven Regener ausgibt. So was gibt es ja.

http://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=222278611118613&id=100000094283303&ref=notif&notif_t=feed_comment#!/pages/Sven-Regener/105470629487422

Hamburg-Heiner verbietet im Buch das Bloggen über Bahnfahrten. Gibt es Tabus, die Sie vor dem Schreiben aufgestellt haben?
Nein, eigentlich nicht. Ich brauche mir da auch nichts zu verbieten. Aber jeder, der schreibt, sollte sich überlegen, ob er ausgelatschte Pfade noch einmal auslatschen will. Das ist auch ein Kolumnistenproblem. Bahnfahrten und Taxifahrten werden immer gern genommen. Es sind typische Aufhänger, äußerst langweilige Aufhänger, aber man kann ja machen, was man möchte.

Kann man Blogeinträge eigentlich einfach so vorlesen?
Kann man schon machen. Man muss ein Gefühl dafür kriegen. Und bis jetzt hat sich keiner beschwert. Es sind sehr lustige Abende.

Sie kommen nun auch nach Hannover. Gibt es noch Aufzeichnungen über die Leinestadt in Ihrem Blogarchiv?
Da bin ich mir nicht sicher, da müsste ich nachschauen. Ich habe nicht immer alles einheitlich aufgeschrieben. Aber Hannover trage ich natürlich im Herzen.

Wenn Sie auf Lesetour nach Hannover kommen, könnten Sie neue Aufzeichnungen anlegen.
Nein, das habe ich mir dann doch verboten. Bloggen über Touren, bei denen man aus Blogeinträgen über Touren vorliest, ist eine Überdrehung der Schraube. Das geht nicht.

Nicht mal im Internet?
Ich mach das jedenfalls nicht.

09. Mai 2011 – Beatpoeten treffen: die Echse

Weiter gehts. Neben Konzertrückblicken, Presseschauen und anderem lesenswerten Krempel wollen wir in der Rubrik „Beatpoeten treffen“ interessante Menschen vorstellen, die wir spannend finden. Diesmal ist es nicht mal ein Mensch – sondern ein Reptil. Los geht’s.

Heute: Michael Hatzius und die Echse


Herr Hatzius, Ihre Puppe namens Echse ist ein ziemlich arroganter Zeitgenosse, der nicht unbedingt durch Freundlichkeit auffällt. Sie hätten sich auch einen niedlichen Bühnenpartner suchen können. Warum musste es unbedingt ein Ekel sein?
Hatzius: Ich habe nach einer Figur gesucht, die schon alt ist, vieles gesehen und somit einen großen Überblick über die Dinge hat: die Echse. Solche Charaktereigenschaften können zu einem gewissen Überlegenheitsgefühl führen, das dann vielleicht hier und da „eklig“ ist. Ich empfinde die Echse nicht so, auch wenn ich Einiges von ihr einstecken muss. Die Echse scheint auf der Bühne ein Eigenleben zu führen.

Teilen Sie ein eher partnerschaftliches Bühnenleben, oder haben Sie es schon aufgegeben, Einfluss auf die Echse zu haben?
Hatzius: Ich bin tatsächlich gut beraten, die Dinge an die Echse abzugeben. Sie macht im Prinzip ja alles alleine, ich stärke ihr dabei lediglich den Rücken.

Dann fragen wir die Echse selbst: Was haben Sie zum Vorwurf der gelebten Unfreundlichkeit zu sagen?
Echse: Arschloch!

Kann es sein, dass Sie ziemlich oft schlechte Laune haben?
Echse: Pass auf, ich habe keine schlechte Laune. Ich bin einfach seit Millionen Jahren dabei. Wie Du Dir vielleicht vorstellen kannst, wird es zunehmend schwieriger, für jeden sich wiederholenden Mist eine riesige Begeisterung zu empfinden.

Für was können Sie sich denn begeistern, und über was können Sie noch lachen?
Echse: Menschen und ihre Unfähigkeit zu Kommunizieren.

Wie empfinden Sie die Zusammenarbeit mit Herrn Hatzius?
Echse: Schwitzig und feucht. Er spuckt mir in den Nacken. Zum Transport werde ich in eine dunkle Kiste ohne Fenster gesteckt. Ich arbeite mit ihm zusammen, weil ich keine Beine mehr habe und somit nicht Auto fahren kann. Außerdem fehlt mir die rechte Hand, die braucht man aber für den Bürokram. Er erledigt diese Dinge relativ zuverlässig. Ich dulde seine Präsenz gezwungenermaßen.

Woran kann er noch arbeiten?
Echse: Am Äußeren arbeiten wäre gut, schließlich sitzt er direkt hinter mir, und es nützt die schönste Blumenwiese nichts, wenn dahinter eine Kläranlage steht.

Herr Hatzius, in welchen Momenten des Alltags wären Sie gern selbst die Echse?
Hatzius: Niemals. Wir sind beide sehr unterschiedlich. Es tut mir immer ein wenig weh, wenn Leute mich als „die Echse“ ansprechen, auch wenn es nett gemeint ist. Ich bin keine Mutation, sondern ein Puppenspieler. Zu André Rieu würde auch keiner „Hallo, Geige!“ sagen.
Echse: Ihr habt doch ’ne Meise, alle beide. Was ist denn das für ’ne Frage? Manchmal hab ich echt das Gefühl, ich hab’n Tinnitus im Auge, ich seh nur Pfeifen.

Werden wir philosophisch: Ist die Echse eine Art Symbol für all das, was wir uns nicht trauen auszusprechen?
Hatzius: Es gibt ja kein „Wir“. Jeder einzelne Zuschauer nimmt etwas Anderes aus den Vorstellungen mit, jeder nimmt die Echse anders war. Genau genommen entsteht die Figur ja erst in den Köpfen der Zuschauer. Da spielen auch Projektionen rein, denn man sieht natürlich auch sich und seine Gedanken und Erfahrungen gespiegelt. Fakt ist, die Echse ist mit ihrem hohen Alter und Erfahrungsschatz eine Art Instanz. Sie ist keiner sozialen Verantwortung unterworfen und spricht, was sie denkt, offen aus. Da findet sich mancher wieder.

Spielen wir ein Spiel mit der Echse. Ich beschreibe eine Situation, die Echse gibt einen Kommentar dazu ab. Es geht los: William und Kate heiraten.
Echse: Schade drum. Aus der Kate hätte ich noch was Bedeutendes gemacht.

Lena singt erneut beim Eurovision Song Contest.
Echse: Sollte sie verheizt werden, dann nehme ich sie durchgebraten.

Die Echse trifft auf Crocodile Dundee.
Echse: Erstmal quatschen. Sollte er aggressiv werden, gibt’s natürlich aufs Maul.

Die ewig rauchende Echse trifft den Gesundheitsminister, und dieser macht sie auf die Gefahren des Rauchens aufmerksam.
Echse: Ich mache ihn auf seine Parteizugehörigkeit und die Bedeutungslosigkeit dieser Partei aufmerksam. Dann rauchen wir zusammen.

Hat die Echse eigentlich künstlerische Vorbilder? Es gibt schließlich andere berühmte Handpuppen.
Hatzius: Nein, die Echse ist ja seit dem Urknall dabei. Vorher war nichts, woran man sich hätte orientieren können. Aber als ich angefangen habe, an dem Charakter, am Gestus zu arbeiten, gab es schon das eine oder andere menschliche Vorbild aus meinem Bekanntenkreis.

Was halten Sie von Kermit, dem Frosch?
Echse: Bewundernswert, dass er sich so lange oben hält. Aber diese ständige manische gute Laune und das exaltierte Gehüpfe können nicht gesund sein. Ich vermute, da sind Drogen im Spiel.

Miss Piggy?
Echse: Ein Schwein wird an der Seite eines Frosches immer abstinken.

Puppenspiel galt lange als albern und unmodern. Nun erobern Sie mit der Echse, Sascha Grammel mit Schildkröte Josie oder Rene Marik mit seinem Maulwurf die Kulturbühnen. Woran liegt die neue Lust am Puppenspiel?
Hatzius: Es gibt ja seit Langem künstlerisch sehr hochwertiges Puppentheater, insbesondere in Ostdeutschland. Jährlich kommen von der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch etwa zehn neue Puppenspieler mit sehr interessanten künstlerischen Angeboten auf den Markt, und das seit den siebziger Jahren. Auf der Seite der Macher ist die Lust am Puppenspiel nicht neu, aber es ist erfreulich, dass endlich die Zuschauer und die Presse mehr und mehr Kenntnis davon nehmen.

Was sagt eigentlich die Echse zu Schauspielern, die sich auf das Puppenspiel spezialisiert haben?
Echse: Ich selber lehne Puppenspiel komplett ab. Vermutlich sind das aber schlaue Leute, die die Zeichen der Zeit erkannt haben. Möge Gott ihnen Talent mitgegeben haben.

Welchen Gesichtsausdruck würden Sie einer Hatzius-Puppe verpassen?
Echse: Du solltest lieber mal seinen Gesichtsausdruck sehen, wenn ich mit seiner Puppe abziehe, haha.

Warum muss man sich dringend Ihre Show ansehen?
Hatzius: Es ist ein volles Programm, das viel mehr enthält als nur die Echse. Da sind auch zwei Schafe, ein Huhn, ein Krokodil, eine Kobra, zwei Spinnen und vieles mehr. Ich selbst spiele den Brandschutzbeauftragten Jens Schirner. Es wird viel mit dem Publikum interagiert und improvisiert, so ist jede Show einzigartig.
Echse: Ich bin dabei.

05. Mai 2011 – Beatpoeten treffen: Matthias Reim

Zeit für eine neue Rubrik. Ihr wisst, dass wir vom Schreiben & Musizieren leben. Und dabei treffen wir regelmäßig interessante Menschen. Davon berichten wir meistens in Zeitungen. Aber was eigentlich dabei passiert, steht dort meistens nicht. Ändern wir jetzt. In der neuen Rubrik „Beatpoeten treffen“. Und los.

Heute: Matthias Reim


Ja, wir haben das Lied mitgegrölt. Ja, wir hatten einen „Bravo“-Starschnitt von ihm. Ja, wir finden Herrn Reim spannend. Ende April war er in Hannover zu Gast. Im Hinterhof des Pressezentrums posierte er mit Rockerlederbändern an beiden Armen für die Fotografen. Was er nicht weiß: vor einer Stunde stand der Sänger von Sunrise Avenue auch an der Stelle – und etwa 20 Fotografen mehr. Macht nichts. „Auch einer“, sagt Herr Reim zu Egge und tippt auf Egges Lederband. „Ja, klar“, sagt Egge. Dann geht’s ins Büro.

Reim ist sonnengebräunt, etwas kleiner und dünner, als auf den Starschnitten, trinkt Wasser. Zu viel Kaffee auf der PR-Tour. Er lächelt viel, die Augen wirken entschlossen. Alles was er braucht, ist eine Steckdose für sein Handy.

Herr Reim, vor genau 20 Jahren haben Sie Ihr erstes Konzert in Hannover gespielt. Können Sie sich daran noch erinnern?
Das war in dieser Eilenriedehalle und richtig voll. Es war mitten im „Verdammt, ich lieb’ dich“-Rausch. Großartig.

Das Lied ist bis heute Ihr größter Hit. Dabei wollte es erst keiner haben …
Stimmt. Niemand wollte es veröffentlichen. Die Plattenfirmen und Radioanstalten lehnten ab. Jemand sagte zu mir, ich soll die Platte an die Wand schmeißen – vielleicht bleibt sie ja kleben.

Das Lied blieb kleben. Sie verkauften innerhalb von sieben Monaten zweieinhalb Millionen Alben. Der Song hielt sich 16 Wochen lang auf dem ersten Platz der Charts. Hatten Sie damit gerechnet?
Nein. Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon einige Flops veröffentlicht und den Traum begraben, mit Musik erfolgreich zu sein. Als der Erfolg dann kam, war ich 32. Und plötzlich gab es „Bravo“-Starschnitte. Erstaunlich. Dabei ist viel erstaunlicher, dass ich 20 Jahre später noch da bin.

Und immer noch mit „Verdammt, ich lieb’ dich“. Können Sie das Lied noch hören?
Früher ging mir das Lied auf den Sack. Aber heute finde ich es geil. 65 Prozent meines Publikums sind unter 35 Jahre alt, und die flippen aus, wenn ich das Lied singe. Es hat Generationen vereint.

Warum kommen denn auf einmal so viele junge Leute zu Ihren Konzerten?
Keine Ahnung. Ich hab’ die mal gefragt, und weißt du, was die gesagt haben? Weil ich eine geile Sau bin! Die finden es toll, dass ich mit drei Messern im Rücken immer noch auftrete. Die mögen meine Texte. Es geht um die Liebe, die uns angreifbar macht, und um das Glück, das man sich nicht kaufen kann.

Sie spielen auf Ihre Schulden an, die sich Mitte der neunziger Jahre angesammelt haben. Ihre Karriere ging den Bach runter, Sie mussten Insolvenz anmelden. Wie ging es Ihnen damals?
Mehr Elend als acht Millionen Mark Schulden kann man nicht haben. Ich habe weitergemacht und bin vor zwölf Leuten aufgetreten. Ich war am Ende. Aber dann kam plötzlich das Publikum zurück.

Das Publikum hat Sie gerettet?
Ja, ich hätte nicht mehr weitergewusst. Mir drohte die Arbeitslosigkeit. Und plötzlich kam mein Lebenstraum zurück, die Alben gingen in die Charts, und ich wusste, es gibt wieder eine Zukunft.

Komisch, dieser Herr Reim. Er erzählt einfach drauf los. Wenn er geil sagt, meint er geil. Wenn er von Krise spricht, formt er seine Hände zu Fäustchen. Er gibt sich nicht die Mühe eine Rolle zu spielen. Er war der zu alte Teenie-Star, der seine Kohle verloren hat, weil er sich die Verträge nie richtig durchgelesen hat, die er unterschrieben hat. Man hat ihm böse mitgespielt. Er war kaputt. Und hat sich doch rausgekämpft. Dafür braucht es keine Rolle. Seine Managerin tippt auf ihrem Handy rum. Sie kann ihn eh nicht zügeln.

Warum hört man von all diesen Erfahrungen so wenig auf Ihrem Album „Sieben Leben“?
Doch, das ist da alles drin. In „Du bist mein Glück“ zum Beispiel.

Da singen Sie doch von einer Frau.
Die Lovestory ist doch nur der Träger. Es geht um Gefühle und eine positive Message: Es geht immer weiter!

Sie haben während der Insolvenz vor allem für Banken gespielt. Nun sind Sie seit einem Jahr aus der Insolvenz raus. Spielt es sich leichter ohne den Druck?
Ich bin entspannter. Ich genieße das Familienleben intensiver. Ich werde mein Haus ab- und meinem Bruder Geld zurückzahlen. Es läuft gut.

Sie könnten nach all dem Stress auch einfach aufhören?
Ich muss arbeiten. Und ich brauche den Druck. Ich werde das noch viele Jahre machen.

Gibt es denn noch einen Traum, den Sie sich als Musiker erfüllen wollen?
Ich will mit Ozzy Osbourne auftreten, ich bin der größte Fan der Welt.

Reim fällt wieder in seine Lieblingspose. Hände zur Faust. Muskeln anspannen. Die Lederbänder beben. Rock’n’Roll.

Ein Rockstarduett also. Ist es eigentlich schlimm, dass Sie immer noch als Schlagersänger gelten?
Ich liefere eine Rockshow. Das hat nichts mit den Flippers und Bernd Clüver zu tun. Irgendwann bekam ich das Schlagermal auf die Stirn. Das hat mich einst geärgert, heute ist es mir egal.

Auch Tom Astor und Peter Kraus sagen, dass sie keinen Schlager machen. Gibt es den Schlager eigentlich noch?
Der Schlager löst sich auf, seitdem die ganzen Shows aus dem Fernsehen verschwunden sind – und das ist gut. Früher mussten wir uns entscheiden. Wenn wir in der „Hitparade“ waren, wurden wir nicht mehr von „Wetten, dass …?“ eingeladen. Aber heute ist das anders. Keiner würde Peter Maffay mehr Schlagersänger nennen.

Aber die Fans in Hannover bekommen trotz Rockshow Ihre alten Hits zu hören?
Ja, auch „Verdammt, ich lieb’ dich“. Eine Reise durch 20 Jahre Matthias Reim.

Mit Botschaft?
Klar. Das Leben ist nicht immer nur Lust, aber es ist eine Party. Und ich werde immer wieder rausgehen, um sie zu feiern.

Reim strahlt, ganz zuversichtlich. Drückt Egges Hand, als würde er sich von einem Freund verabschieden. Dann geht er raus und fährt nach Braunschweig, der nächste PR-Termin. Nach fünf Minuten klingelt es im Büro. Die Managerin. Reim hat sein Handy vergessen. Im Hof strahlt er noch immer. „Danke, Kumpel.“