Presseschau elf/zwanzigelf

„Integration kann ich meinen Fans nicht beibringen“
Zeit Online mit einem interessanten Interview mit Bushido.

In memoriam: Leon Botha, South African artist, DJ, and wonderful human being
Ein Nachruf auf Leon Botha, der mit Die Antwoord im vergangenen Jahr durchgestartet ist. Botha starb in der vergangenen Woche an Progeria.

Über Kisch und Kitsch
FAS-Feuilletonchef Claudius Seidl und Zeit-Dossier-Leiter Stefan Willeke im Streitgespräch bei journalist.de über René Pfister, Den Kisch-Preis und die Wahrheit.

Der unkorrekte Computer
Der Freitag nimmt unsere Werkzeuge auseinender und findet sehr viel Böses.

Ausstieg ohne Umstieg
Telepolis über die sogenannte Energiewende.

Facebook erkennt Gesichter jetzt automatisch
Die Tagesschau erklärt mal, was da bei uns zukommt.

Wie das Aufbegehren Schule machte
Die FAZ blickt zurück auf die Ökobewegung.

Rettet die Welt vor den Weltrettern
Eine Polemik auf die Gutmenschen in der Süddeutschen

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29. Mai 2011 – Mainzer Literaturfestival 2011

Immer noch gibt es keine Beat-Generation, beschwert sich der Verlag Gonzo aus Mainz. Und versucht genau das auch mit seinem eigenem Literaturfestival zu widerlegen. Klar, dass wir sofort zugesagt haben, als uns Miss Gonzo fragte, ob wir bei den Mainzer Literaturfestival 2011 als Abendprogramm auftreten würden.

Und gut, dass wir das gemacht haben. Denn was uns in der ZDF-Stadt erwartete, war nicht weniger als ein Haufen verrückter, sympathischer Literaturnerds, die es echt hingekriegt haben, ein kleines, aber sehr nettes Festival zu schmeißen. Da fanden wir es sogar schade, dass wir erst am letzten Tag erschienen. Aber immerhin konnten wir noch Brandstifter mit seiner Live-Sound-Collage anhören. Schließlich waren wir ja gemeinsam mit ihm schon auf der 20-Jahre-Silke-Arp-Bricht-LP. Schade, dass wir Andy Strauß nicht mehr gesehen haben. Der Kerl schuldet uns noch ein Video!

Den Auftritt im schönen Café verbrachten wir damit, der ersten Reihe Weißwein zu schenken, aus dem Fenster zu schauen und die kleinen Wölkchen zu zählen, schlechte Witze zu erzählen und irgendwann alle Stühle rauszuschmeißen, das Fenster abzudunkeln und so zu tun, als sei es eine Disko und kein Literaturcafé. Danke an alle, die mit uns dem gesprochenen Wort gehuldigt haben. Weiter so!

ps. Als Costa morgens auf einem Sofa aufwachte und in die Augen der Katze schaute, die gerade dabei war, ihm den Unterarm aufzukratzen, saß Egge schon am Frankfurter Hauptbahnhof, ausgestattet mit einer Mate und betrachtete das Treiben. Wie die beiden an so unterschiedlichen Orten wach wurden, das fragt ihr sie am besten selbst. Fakt ist: Sie trafen sich wieder, saßen aus Platzmangel wieder nur auf dem ICE-Flur und erzählten sich Geschichten aus ihrer Kindheit.

28. Mai 2011 – Stuttgart – Stuttgart kaputraven

Im Dezember 2008 standen wir als erste Band bei einer neuen Konzert- und Partyreihe in Baden-Württembergs Hauptstadt: „Stuttgart Kaputtraven„. Jetzt, zweieinhalb Jahre später, stehen wir wieder für die Reihe auf der Bühne. Nur inzwischen haben Bands wie Saalschutz, Dan le Sac vs Scroobius Pip oder Proxy den Hype mit angefeuert und Kaputraven so zu einer der heißesten Partys in Süddeutschland gemacht. Macher Thomas Geyer nimmt’s locker und herzt einen immer noch so lieb, wie damals, als er uns zu unserem ersten Auftritt in Stuttgart bei seinem Poetry Slam einlud. Kurz darauf brachte gemeinsam mit Charlotte Rieber unser erstes Album bei seinem Verlag Sprechstation heraus. Ein alter Bekannter also.

Weitere alte Bekannte waren die inzwischen angewachsenen Supershirt, ursprünglich aus Rostock, inzwischen in Berlin. Immer, wenn wir aufeinander treffen, wird die Welt erklärt, dann gerettet und dann wieder vergessen, wie wir das gemacht hätten. Das mag auch an dem Schnupftabak liege, den wir aus München mitgebracht hatten. Die Diskussionen über Literatur, Musik, Kunst, das Leben auf einem Bauernhof oder die Welt an sich waren wieder einmal fast lebhafter als der Pogo vor der Bühne. Wir verneigen uns!

In Stuttgart wohnt Infone. Ein alter DJ-Freund von Costa. Er lebt als moderner Arbeitsnomade sowohl im Ländle, als auch in unserer Heimatstadt Hannover. Jede Woche pendelt er hin und her. Es war schön, mit ihm einmal wieder in Ruhe bei einem Bier über Musik zu sprechen. Und als wir irgendwann im Hellen nach Hause gingen, um uns später bei ihm auf das Sofa zu legen, fühlten wir uns irgendwie ein Stück zu Hause. Ein tolles Gefühl auf Tour…

27. Mai 2011 – München – Kafe Marat

Das Kafe Marat ist eines der wenigen Freiräume in München. Bekannt wurde das Haus aber eher durch die Fernsehserie „Zur Freiheit“ von Franz Xaver Bogner aus den 1980er Jahren. Die Sendung um Bier- und Wurstverkäuferin Paula, ihrem spielsüchtigen Sohn und der Kiezgröße Komet hatte wohl einen größeren Einfluß auf die Münchener Szene als das erste Album von Rage Against The Machine oder Tocotronic.

So jedenfalls wirkte es am Morgen nach dem Konzert auf der Küchencoach in Münchens wohl coolster WG, mit Chili-Setzlingen auf dem Balkon, unglaublich guter Musikauswahl und netten Bewohnern, die sich Pingpong-artig mit uns auf die spätere Anti-Atomkraft-Demo vorbereiteten. (Dort spielte übrigens mal eben so The Notwist für lau).

Der Abend vorher war vor allem davon geprägt, wieder mal zu merken, wie alt wir doch irgendwie geworden sind. Vorband grgr haute dermaßen die Beats um die Ohren, dass sich ein Großteil des Publikums, wir übrigens auch, bei der „Südstadt“ gegenüber erstmal mit Südmilch versorgen mussten. In Südmilch ist Schnapps, Klarer, Rum, Grenadine und diverse andere geheime Zutaten. Einer reicht. Dann wurde getanzt.

Nach unserem Konzert feuerte Feenstaubinferno noch seine Mischung aus Punk, Techno und Lady Gaga ab. Sein handgenähtes, maßgeschneidertes Kleid saß perfekt, und die Kriegsbemalung glitzerte dank eingeflogener Make-up-Hilfe noch, als es schon längst wieder hell war.

Presseschau zehn/zwanzigelf

Kisch-Debatte: Interview mit René Pfister
Ein Interview mit dem Spiegel-Redakteur, dem der erst verliehene Kisch-Preis von der Jury wieder aberkannt wurde.

Höllische Freude
Ein Interview in der Zeit mit Terry Eagleton über sein Buch „Das Böse“.

Bremen, die kleine Unbekannte
Sven Regener schreibt auf Zeit Online über seine alte Heimatstadt.

„Wir haben keine Zukunft“
In Spanien gehen Hunderttausende Menschen auf die Straße, um auf ihre schlechten Zukunftsaussichen aufmerksam zu machen.

Konsoldierung der Welt
Ein De-Bug-Artikel darüber, wie das Internet zu einem Spiel wurde.

Exportweltmeister beim akademischen Überschuss
In der FAZ: „Für die DFG, den Wissenschaftsrat und die Universitäten kann es gar nicht genug Nachwuchskräfte geben. Aber diese verschwinden zuerst in wolkigen Großprojekten und dann in der Arbeitslosigkeit.“

Die deutsche Steuerlüge
Teil zwei der tollen Heise-Serie zum Thema „Was ist eigentlich Wirtschaft?“.

20. Mai 2011 – Bremen – Schwankhalle – Manifest der Vielen

Am 20. Mai durften wir als musikalischer Gast bei einer Lesung des „Manifest der Vielen“ sein. Die Autoren Deniz Utlu, Mely Kiyak und Yasemin Karasoglu wurden dabei unterstützt von Moderator Erkan Altun und den Theatermachern Christoph Glaubacker, Anja Wedig und Carsten Werner. Eine Kritik des Weser Kuriers findet ihr hier. Aus gegebenem Anlass schreiben wir an dieser Stelle aber keinen normalen Bericht über den Abend, sondern lassen unsere Freundin Melissa Canbaz das Thema beleuchten. Melissa (24) ist Türkin. Sie ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Nach einem Kunstgeschichtsstudium verschlug es sie in die Hauptstadt, wo sie den beruflichen Einstieg in die redaktionelle Welt wagt – unter anderem für „Texte zur Kunst“ oder frieze d/e„.

Es war schon irgendwie absehbar, dass auf die Publikation von Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ ein Gegenbuch folgen wird. Wie sollten Kulturschaffende und muslimische Intellektuelle darauf reagieren? „Manifest der Vielen – Deutschland erfindet sich neu“ heißt das im März 2011 von Hilal Sezgin herausgegebene Buch.

Der Titel und das plakative Cover  zumindest scheinen sich auf den Sarrazin-Vorgänger zu beziehen. Der Titel klingt harsch. Irgendwie provozierend. Doch schon kurz nachdem ich das erste Mal in dieses Buch aufgeschlagen hatte, wurde deutlich, dass es sich hierbei um dreißig heterogene Erfahrungsberichte, von Menschen in Deutschland mit „Migrationshintergrund“ handelt (ein Wort, das ich einfach nicht mehr hören mag). Die Autoren beziehen Stellung und setzen ein Zeichen gegen Rassismus, Ausgrenzung und Vorurteile. Sie schreiben über ihr Leben in Deutschland, über ihre Heimat, über ihr Muslim-Sein und nicht Muslim-Sein. Vor allem, weil genau diese öffentlichen Debatten, die seit letztem Herbst mal mehr mal weniger präsent sind, entmutigten und ich das Gefühl hatte eine neue Herangehensweise müsste her, halte ich diesen Gegenentwurf eigentlich für sehr clever. Mich interessiert, was bekannte türkische Autoren, wie Feridun Zaimoglu, zu dem Thema denken und dadurch neue Denkanstöße liefern.

Das „Manifest“ versucht eben nicht eine einzige Antwort zu finden, sondern Individuen zur Sprache kommen zu lassen, die es leid sind, über Klischees hinweg in eine Schublade gesteckt zu werden. Verständlich. Ich persönlich hatte nie das Gefühl, zu einer bestimmten „Gruppe“ zu gehören, die sich benachteiligt oder gar übergangen fühlt. Erst die durch Sarrazins proklamierten Aussagen über die Migration im Land und dessen vermeintliche Auswirkungen, führte dazu, mich selbst überhaupt als sogenannte „Minderheit“ wahrzunehmen. Ich hatte nie Nachteile und lebe glücklich in Deutschland. Man könnte es gelungene Integration nennen.

Dennoch fühlte auch ich mich vor den Kopf gestoßen, als ich diese sehr weithergeholten Thesen las. Man ist fassungslos. Man solidarisiert sich. Die Anti-Sarrazin-Schrift ist das Resultat. Es liest sich mehr wie eine Satire und gleicht keinesfalls einem politischen Programm. Das gefällt mir. Denn jedes Mal, wenn ich mit diesem Diskurs konfrontiert werde, spüre ich eine gewisse Art von Müdigkeit, die sich immer dann bemerkbar macht, wenn die Wut allmählich abgeklungen ist. Ich bin mir sicher, dass es auch auf das „Manifest“ in kürze eine „Antwort“ geben wird. Wir (und damit ist nicht dieser starre Wir-Ihr-Gegensatz gemeint, sondern wir alle!) sind nämlich noch lange nicht so weit. Die Debatte wird weitergehen. Man kann nur die Stimme erheben. Aber es gibt sie. Diese Gegenstimme. Das beruhigt.

19. Mai 2011 – Beatpoeten treffen: Sven Regener

Ach, wären wir nur ein wenig älter gewesen, in diesem verrückten Jahr 1989. Die Mauer wäre gefallen und wir hätten Herrn Lehmann in die Arme laufen können. Stattdessen saß Egge im tiefsten Nordosten und hat sich langsam davon verabschiedet, Thälmann-Pionier zu werden. Herrn Lehmann hat er trotzdem ins Herz geschlossen. Und diesen Element-of-Crime-Poeten Sven Regener eh. Auch wenn der jetzt bloggt. Und Netztextromane veröffentlicht. Zeit für ein Gespräch.

Maritim Hotel Stuttgart. Mitten in der Lena-Woche. Regener ist auf Promotion-Tour und sitzt im Hotel. 30 Minuten hat Egge, der sich einfach von der Zentrale durchstellen lassen soll. Okay. Achtung, Dialogeinlage:

„Hallo, hier ist der Jan. Ich möchte mit Hern Regener sprechen.“
„Warum?“
„Ich möchte ein Interview mit ihm führen, wir sind verabredet.“
„Mit wem haben sie das denn abgesprochen?“
„Mit Herrn K.“
„Ich stell durch…“
„Ähhhh“
Dam, Dam, Dam
„K. Wer ist denn da?“
„Hier ist der Jan wegen dem Sven Regener-Interview.“
„Das ist gut, aber ich bin nicht Herr Regener, der sitzt im Zimmer 389.“
„Aha. Da wollte ich ja auch hin.“
„Ich hatte doch geschrieben, dass Du Dich durchstellen lassen sollst.“
„Mach ich ja.“
Dam, Dam, Dam
„Maritim Hotel Stuttgart.“
„Hallo, der Jan. Ich wollte zum Sven Regener durchgestellt werden, Zimmer 389.“
„Alles klar.“
„Alles klar?“
„Ja, kein Problem. Sie sind doch der mit dem Interview. Ich stell durch.“
„Ah, ja, okay. Danke.“
Dam, Dam, Dam
„Ja?“
„Ja, guten Tag. Herr Regener?“
„Ja, natürlich.“
„Ja, klar. Natürlich, dann mal los.“

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„Kein Künstler will Feedback“

Sich Sven Regener als nerdigen Blogger mit zugezogenen Jalousien vorzustellen fällt schwer. Können Sie sich an Ihren ersten Blogeintrag erinnern?
Puh. Das ist fünfeinhalb Jahre her. Keine Ahnung.

Kneipe oder im Kaffeehaus?
Ich bin mir sicher, dass das zu Hause war, weil ich dort einen Internetanschluss habe.

Aufgeräumter Schreibtisch oder Sofa?
Man! Weiß ich nicht mehr. Damals gab es ja noch nicht so viel W-Lan oder so was. Ich hatte nur einen Internetanschluss und noch nicht mal einen Laptop. Ich war viel unterwegs. Das war immer schwierig und man konnte nicht – wie heute – mal schnell in so ’n Schiet-Internetcafé. Internet gab es einfach noch nicht so flächendeckend.

Für junge Menschen muss das unvorstellbar klingen.
Stimmt. Dabei war die Technik gar kein Problem. Ich musste erst einmal die Zeit dafür finden. Ich habe anlässlich eines neuen Albums von uns angefangen, zu bloggen. Und damals haben wir viele Interviews gegeben, hatten viel zu organisieren, weil wir als Band noch immer sehr viel selber machen. Dann kamen Reisen dazu, Fernsehauftritte, Radiogeschichten. Aber ich fand den spontanen Charakter des Internets einfach interessant. Also fing ich an.

War es eine Überwindung einfach los zu schreiben?
Das ist ja für einen Romanautor nicht so schwierig. Aber es ist interessant gewesen, dass das Geschriebene direkt veröffentlicht wird. Bei Romanen schreibt man vier oder fünf Versionen, man überarbeitet das alles und feilt an den Texten. Wenn man bloggt, ist es gleich im Internet. Dann ist Ruhe im Schiff.

In den Texten zählen sie Organisationen auf, in denen sie Mitglied sind, und berichten über orthopädische Schuhe. Man könnte meinen, es gehe um Belangloses?
Ja nun, Belanglosigkeit ist ein schwieriges Wort, das auf den ersten Blick unglamourös wirkt. Aber als Künstler beschäftigen wir uns mit dem, was wir erleben und was uns umgibt. Und ich habe immer auf Trash-Charaktere gesetzt. Zu Beginn habe ich oft als Betrachter nach Bedeutung von Dingen gesucht. Das hatte etwas von Tagebuch. Im zweiten Teil der Textsammlung werden die Gedanken aber immer übersteigerter, wahnhafter, seltsamer. Es wirkt so, als würde ich verstiegene Wahnideen aufschreiben – das passt zum Internet.

Wahnideen. Tut das einem Buch gut?
Das Buch wird zunehmend bescheuerter. Aber es soll ja auch Spaß machen. Es geht doch auch um Unterhaltung. Die Leute sollen lachen dürfen.

Hatten Sie sich eigentlich vorher überlegt, für wen Sie bloggen? Wie sieht ein Sven-Regener-Blog-Leser ihrer Meinung nach aus?
Ich glaube, so etwas gibt es nicht. Und man kann sich darüber auch keine Gedanken machen, weil jeder Mensch ein Individuum ist. Man weiß nur eins: es wird gelesen. Aber das kann kein Kriterium fürs Bloggen sein. Es ist wie in der Kunst. Es zählt nur, was man selbst spannend findet.

Im Buch kommt ziemlich schnell die fiktive Gestalt Hamburg-Heiner dazu, mit dem Sie immer wieder Dialoge führen. Wie kam es zu diesem Sidekick und darf man ihn überhaupt so nennen?
Darf man. Da hat er keine Wahl. In gewisser Hinsicht existiert er ja auch nur, wenn ich blogge. Er wird einfach gebraucht. Am Anfang habe ich ihn genommen, damit etwas passiert. Ich bin nicht der Typ, der seinen Alltag im Netz abbildet. Und ich bin auch nicht der Typ, der meint, dass alles wichtig ist, was man macht. Außerdem kann Heiner manchmal gut aus Situationen herausführen. Er ist ein Handlungsbeschleuniger, wenn ich einen Gedanken abbrechen will. Er schlottert mich dann da raus. Zudem brauche ich ihn für die Kunst. Oft sind die Gespräche mit ihm nur ein Ringen um die Frage: Was macht man da eigentlich?

Diese Frage kennt man aus ihren Büchern. Wem ähnelt Heiner mehr: Karl oder Herrn Lehmann?
Wenn, dann ist Heiner so eine Karl-Type, auf gewisse Weise scheint er sehr in sich selbst zu ruhen. Außerdem kann er zu allen Dingen etwas sagen und will auch etwas sagen. Er hat diese harte Herzlichkeit.

Manche Rezensenten bemängeln fehlende private Details. Obwohl man viel über die Band und Sie erfährt, bekommt man keinen wirklichen Eindruck von den Musikern und ihnen. Absicht?
Ich komme aus Bremen. Bei mir gehen bei dem Wort Tagebuch die Warnleuchten an. Das ist eigentlich nicht mein Ding.Tagebuch heißt nicht umsonst auf Französisch journal intime. Es ist Privatsache. Auf der anderen Seite gibt man als Künstler immer ein Stück preis. Aber da entscheidet man zumindest welche Dinge.

Das heißt, Sie lassen immer nur einen kleinen Blick auf sich zu?
Das heißt, dass manche Dinge im Buch wahr sind und manche nicht. Und manchmal sind die unwahrscheinlichsten Dinge wahr. So hat tatsächlich Hamburg-Altona zu Österreich gehört.

Echt?
Ja! Das glaubt in Hamburg keine Sau. Ich habe das mal bei „Inas Nacht“ erzählt, da wurde es ganz still.

Natürlich haben wir das nachrecherchiert. Regener hat recht:
http://www.altona.dk/geschichte/

Das Tolle am Web 2.0 ist ja eigentlich, dass man alles kommentieren und bewerten kann – eine große Feedbackmöglichkeit für den Autoren. Sie lesen laut Buch nicht mal die Kommentare zu ihren Einträgen. Warum nicht?
Kein Künstler will Feedback. Künstler wollen Lob. Man kann sich ja mal einen Fan vorstellen, der Vincent van Gogh trifft und so was sagt wie: Hallo Herr van Gogh, versuchen Sie doch mal etwas weniger Gelb! Das nutzt doch nichts. Niemand will Künstler haben, die man belabern kann.

Haben Sie schon einmal getwittert?
Ich habe so neulich ein Interview gemacht – ich war zu langsam. Aber das muss nichts heißen. Twittern ist eine Neigungsfrage wie Minigolf. Der eine macht es gern, der andere nicht.

Es gibt einen Facebook-Account von Sven Regener. Sie gefallen mehr als 6000 Menschen. Macht sie das stolz?
Echt? Das gibt’s? Ich habe mich da noch nicht registriert. Was steht denn da?

Zum Beispiel wer Sie sind.
Dann war das vermutlich der Verlag. Damit da kein anderer etwas reinschreibt oder sich als Sven Regener ausgibt. So was gibt es ja.

http://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=222278611118613&id=100000094283303&ref=notif&notif_t=feed_comment#!/pages/Sven-Regener/105470629487422

Hamburg-Heiner verbietet im Buch das Bloggen über Bahnfahrten. Gibt es Tabus, die Sie vor dem Schreiben aufgestellt haben?
Nein, eigentlich nicht. Ich brauche mir da auch nichts zu verbieten. Aber jeder, der schreibt, sollte sich überlegen, ob er ausgelatschte Pfade noch einmal auslatschen will. Das ist auch ein Kolumnistenproblem. Bahnfahrten und Taxifahrten werden immer gern genommen. Es sind typische Aufhänger, äußerst langweilige Aufhänger, aber man kann ja machen, was man möchte.

Kann man Blogeinträge eigentlich einfach so vorlesen?
Kann man schon machen. Man muss ein Gefühl dafür kriegen. Und bis jetzt hat sich keiner beschwert. Es sind sehr lustige Abende.

Sie kommen nun auch nach Hannover. Gibt es noch Aufzeichnungen über die Leinestadt in Ihrem Blogarchiv?
Da bin ich mir nicht sicher, da müsste ich nachschauen. Ich habe nicht immer alles einheitlich aufgeschrieben. Aber Hannover trage ich natürlich im Herzen.

Wenn Sie auf Lesetour nach Hannover kommen, könnten Sie neue Aufzeichnungen anlegen.
Nein, das habe ich mir dann doch verboten. Bloggen über Touren, bei denen man aus Blogeinträgen über Touren vorliest, ist eine Überdrehung der Schraube. Das geht nicht.

Nicht mal im Internet?
Ich mach das jedenfalls nicht.