Juli 2015 – Bremen und München

Cooler Egge ist cool.
Cooler Egge ist cool.

Sonntag, abends – München

Irgendwo in den reichen Vororten von München kamen wir langsam wieder runter. Im Autoradio besang Enrique Iglesias einen Helden, und die Autotüren waren nicht richtig geschlossen. „Inshalla“, sagte ich. „Was willste machen? Kannste nichts machen.“ A. manövrierte uns geschickt zwischen den Porsches, BMWs und Mercedes-Limousinen durch, bis zu einer typisch bayerischen Oase. Auf einem Hügel über der Isar stand dieser Biergarten. Davor noch mehr Luxusautos, komisch getunete Motorräder und eine übergroße Statue von Bavaria mit einem Gesicht von Franz-Josef Strauß. „Das ist so geil München hier“, sagte S. und zeigte auf eine Gruppe gelangweilt aussehender Tweens, alle mit weißen Hemden und kurzen Hosen in Farben, die Lachs, Mauve oder Babyblau genannt werden. Die niederländische Blues-Band coverte große US-Hits, und auf den Tischchen standen Amerika-Flaggen. Hier wurde der Independence Day gefeiert. Auf unsere überschwänglichen „USA“-Rufe zwischen den Liedern stimmte ein rotgesichtiger Voll-Bayer mit Cowboy-Hut ein. Krasses Wochenende.

Dadada da!
Dadada da!

Samstag, morgens – Bremen

Die Hühner in dem Verschlag schauen mich neugierig an. Die Sonne geht gerade auf, und vor dem Zaun streiten sich zwei Betrunkene um einen Döner. Egge liegt irgendwo in einem der Bauwagen und schnarcht. Auf dem ganzen Platz ist eine Stille, die nur von den vorbeifahrendenen Zügen unterbrochen wird. Ich habe die Nacht durchgemacht, es ist viel zu heiß zum Schlafen. Und Egge geht nicht an sein Handy. Auf dem Weg hierher, vorbei am alten Güterbahnhof Bremens konnte ich das reiche Deutschland begutachten. In jeder Ritze, unter jedem Dach lagen die Wohnungslosen in selbst gebauten Hüten, in Zelten oder unter freiem Himmel. Während der Hafen der Hansestadt zu einem der wohlhabendsten Viertel Norddeutschlands umgebaut wird, findet man hier die echte Armut. Und dazwischen den Bauwagenplatz und das Kulturzentrum Spedition, auf dem wir vor vielen Stunden unsere Punk-Rock-Lesung gemacht haben. Ich wecke Egge, und wir gehen zum Bahnhof: Sechs Stunden Zugfahrt bis München liegen vor uns.

Samstag, abends – München

Nach zwanzig Minuten kommt der Strom wieder. Mitten im Set fiel die ganze Anlage auf der Bühne aus. Einfach so. Wir klatschten und sangen weiter, das Publikum half uns. Als dann der Beat wieder reinkommt, wird gekreischt und geklatscht und gejohlt. Wir schwitzen und freuen uns. Das Kafe Marat in München ist unsere Homebase in der bayerischen Hauptstadt. Tolles Essen, tolle Stimmung, tolle Menschen. Der Abend wird gekrönt von dem DJ, der ausschließlich mit 7-Inch-Platten Hits aus den 80er-Jahren auflegt. Alle zeigen ihre geheimsten Moves und Tanzschritte. Wahnsinn. Mit der letzten Kraft schleppen wir uns zur Isar, ziehen uns nackt aus und springen in das kalte Wasser. Als wir auftauchen, steht da eine Blues-Band und zaubert Klassiker auf ihren Instrumenten. Dieses München, verrückt.

Konfetti sorgt für Hausverbot.
Konfetti sorgt für Hausverbot.

Freitag, abends – Bremen

Das Meet the Needles Festival in der Bremer Spedition ist ein Treffpunkt für Tätowierer, Künstler, Punkies und den üblichen Feierexperten, die Lust haben, auf Buntes, Tombola, Dosenwerfen und geile Musik. Wir machen die Einheizer und verschwinden dann zum Soli-Pfeffi. Die Hitze ist stärker als wir, wir kühlen uns in einem Babyplanschbecken. Egge gewinnt bei der Tombola eine pinke Kunstlederjacke und lacht wie ein kleiner Junge.

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Nazi-Dosenwerfen in Bremen.

Überall finden wir diese schönen Momente mit tollen Menschen. Wir haben ein so großes Glück, diesen Weg gehen zu dürfen. Wir verbeugen uns und sagen Danke! Wir hoffen, dass wir euch alle bald wiedersehen. Kuss.

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Hoch hinaus bei den Tätowierten.

 

Nachtrag vom Egge:
Ich steh ja vor allem auf die Musik bei unseren Ausflügen. In Bremen waren da ein DJ-Paar, irgendwo aus der Schweiz. Da kam ich mit meinem Kim Wilde-Halbwissen nicht weit. Superjungs, hab leider den Namen vergessen. Dafür absolut zu empfehlen: 100 Blumen. Kennt ihr ja. Einer der Halunken hat letztes Jahr mal in Düsseldorf im Linken Zentrum Krawall gewordene Musik aufgelegt. Die Ohren bluteten, wir verstanden uns. Nun also mit Band. Wäre die Technik nicht so herrlich besoffen gewesen, wäre mein Kopf vermutlich voller Glück explodiert. Es tut mir leid, dass ich Euch alle anschließend umarmen musste. Für Trashley war ich leider schon zu oft beim antifaschistischen Dosenwerfen. Gute Sache: man klebt die örtlichen Nazifressen auf Dosen und kassiert für jeden Wurf mit ner Art Minisandsack Geld für Projekte. Ich hab irgendwann doch gewonnen – eine Adriano Celentano-Platte, die ich den betrunkenen Technikern schenkte. Guter Abend. Schade, dass der Costa bei den Hühner gepennt hat. Tschuldigung. Kommt nicht wieder vor.

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Baden in München

Die Musikentdeckung in München hieß: Levitations. Die Band aus Berlin kam mit Mülltüte angefahren und präsentierte sich erst herrlich New Wave Punk Dingens-mäßig und zack: plötzlich werden Instrumente getauscht & klassischer Punkrock läuft. Sehr sympathisch. Haben auch direkt ein Loch in die Bühne getreten. Höhepunkt des Abends für mich: endlich ein Lady Gaga-Shirt in der Freebox, dazu Vleischpflanzerl mit Stampf & nächtliche Arschbomben. Letzte Worte zum Abend: holt Euch mehr Tattoos vom Ex-Chemnitzer. Guter Typ. München, was bist du für eine herzliche Gemeinde. Dankeschön.

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Fusion 2012

Vielen Dank Rakete. Vielen Dank Palast der Republik. Vielen Dank Graswurzel.tv. Vielen Dank Grantler und Räuberhöhle. Vielen Dank Eva. Vielen Dank Jan, Linda, Max und H-Town! Vielen Dank Kristl und die Jenaeser Zelle. Vielen Dank Taifun aus München. Vielen Dank Janosch, Simon, Etienne und dem ganzen Kaffeeteam. Vielen Dank Abwärts. Vielen Dank AJZ NBB und den ganzen Sportlern aus MV! Vielen Dank an die Ekelhaften. Vielen Dank an Hannover, Leipzig, Hamburg, Bremen, München, Kassel und alle, die wir vergessen haben. Wir machen spielfrei bis Ende Juli!

4. und 5. Mai 2012 – Bremen und Leipzig

Kalt ist es auf dem Oberdeck der MS Stubnitz im Bremer Hafen. Das Partyschiff liegt normalerweise in Rostock. Aber für wenige Wochen ist Bremen sein neuer Hafen und für uns die erste Station an diesem Wochenende, an dem wir unser neues Album „Man müsste Klavier spielen können“ präsentieren dürfen. Im Bauch des Schiffs ist nämlich eine Disko untergebracht, die manchen Großstadtklub fast nebenbei verblassen lässt.

Die Crew nordet uns sofort ein: „Nein, ihr seid noch nicht betrunken, der Boden ist schräg.“ Bordhund Krause nutzt seine großen Augen schamlos aus, um zu gieren. Und Hauptact Hasenscheisse macht uns eifersüchtig, weil sie besser riechen, besser aussehen, richtige Instrumente spielen und richtige Witze machen können. Tolle Jungs!
Wir werden am nächsten Morgen wach, als ein Ausflugsdampfer die Weser entlang schippert. Die Wellen bewegen das Schiff sanft. Von der Koje aus sieht man das Wasser und ein Segelboot. Draußen riecht es nach See und nach dem Hopfen der Brauerei gegenüber.

Es ist Samstag. Die Deutschen verbringen diesen am liebsten im Stadion, im Baumarkt und in irren Gangs mit abgestimmter Kleidung als Junggesellen(innen)abschied. Acht dieser volltrunkenen und zwangslustigen Rudel begegnen uns auf dem Weg vom Bremer Hafen bis zum Atari in Leipzig. Sie tragen grüne Perücken, Wikingerhelme, Elfenantennen, gleiche T-Shirts auf denen „Was, Tino heiratet? Ich bin nur zum Saufen hier“ steht oder auch mal Fantasieuniformen. Die Kleidung der Junggesellen und Jungesellinnen schwanken zwischen Dorftrash und germanischem Prolltum. Eine Folter für die Tragenden und uns sind sie immer. An dieser Stelle soll das Phänomen noch einmal gesondert betrachtet werden.

In Leipzig-Reudnitz kann man schonmal auf die Fresse kriegen. Von Nazis oder Prolls. Oder Prollnazis. Der Stadtteil wurde weltberühmt durch Clemens Meyers „Als wir träumten“ – meine Einstiegsdroge, als ich 2010 nach Leipzig zog. Knapp zwanzig Jahre nach der Wende taten sich hier einige Menschen zusammen, um mit dem Atari ein eigenes, autonomes Wohnprojekt zu starten. Wir durften bei der Vierjahresfeier am Samstag zwischen Punkbands und DJs aus Tel Aviv die Brücke schlagen. Eine riesige Bambule im Keller und in der Wohnung darüber. Für Vierjährige war das Atari ganz schön frech zu uns. Dafür gibt’s das nächste Mal Wunderkerzen und Kuchen.

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Beatpoeten treffen: Aílton

Sieben Uhr morgens in einem Radiostudio in Hannover. Junge Menschen sehen blass aus, aber interessiert. Sie hocken vor Bildschirmen und ärgern sich, dass sich „ffn“ das Wortspiel Flitzerblitzer rechtlich schützen ließ. Oder so. Ein Kerl mit knallgrünem Hemd bringt dem Studiogast Kaffee. Ein Manager scheint den Gast sicherheitshalber zu wecken. Er spricht portugiesich mit ihm. Aílton scheint kurz aufzuwachen. Die Pressebeauftrage ist gut gelaunt. Es kann los gehen.

Bis Mitte Januar kannten Ailton Gonçalves da Silva eigentlich nur Fußballfans, die ihn liebevoll „Kugelblitz“ tauften. Sie konnten von seinen Mittelstürmerqualitäten berichten, von seiner Liebe zum Heimatland Brasilien, für das er mitunter das Training sausen ließ, und vom Jahr 2004, als der Publikumsliebling Deutscher Meister, Pokalsieger und Torschützenkönig mit Werder Bremen wurde. Fußballfans hätten zu Jahresbeginn auch gewusst, dass die große Karriere am Ball vorbei ist. Am 13. Januar ahnte es dann auch ein Millionenpublikum.

Der gut genährte Fußballer büßte an diesem Tag in der öffentlichen Wahrnehmung den Nachnamen ein, zog ins Dschungelcamp von RTL und begann seine Zweitkarriere – als zweifelhafter Popstar. Als „Das Ailton“ stellte der 38-Jährige am Montag seinen ersten Song „Ailton Sensation“ bei „Hitradio Antenne“ vor – samt tatsächlich sensationell geratenen Textzeilen wie: „Roter Teppich, schöne Frau, oh, la, la / Egal wo Ailton ist: immer Showtime, na, na, na“. Dabei nuschelte er noch früh am Morgen über Kochkünste, Campklatsch und seine Begegnung mit Whitney Houston in einem Bremer Hotel. „Sie war gekommen mit Brill, Sonnenbrill, Hautfarbe wie mein, Superstar.“ Dazu trank er immer wieder Kaffee, rieb sich die Augen und malte in Zeitungen Buchstabeninnenräume aus – Selbstvermarktung gehörte bisher nicht zu Ailtons Kernkompetenzen. Singen auch nicht.

Aber als er im Dschungel immer wieder um das Campfeuer tanzte und das Lied „Ai Se Eu Te Pego!“ des brasilianischen Latinpopstarts Michel Teló vortrug, schienen findige Produzenten eine Idee zu haben. Schließlich landete der exotische Popsong auch auf Platz eins der deutschen Singlecharts – auch wenn selbst Radiomann Dominik Schollmayer Ailton nach der korrekten Aussprache fragen muss. Den Ausflug ins seichte Unterhaltungsgewerbe bereut der Fußballer heute nicht, auch wenn das TV-Dschungelleben nicht immer einfach war. „Immer nur Bohnen kochen, Wasser kochen, Reis kochen, Prüfungen und schlafen“, klagte er – und verbat sich höflich Fragen zum Nacktmodel Micaela Schäfer, mit der er eine Nacht in einer Höhle verbringen musste. „Ich bin viel im Kopf gegangen“, sagte Ailton, „und habe gelernt, weniger zu essen.“

Manchmal scheinen Extremsituation geschuldete Erfahrungen doch überschaubar. Echte Stars hätten zumindest versucht, eine TV-taugliche Familientragödie öffentlich zu verarbeiten oder eine Liaison zwischen Lianen zu inszenieren. Ailton belässt es beim Singen. Ein richtiger Showstar möchte er auch gar nicht werden. „Ailton ist Fußballer. Fußball ist mein Leben.“ Eineinhalb Jahre möchte er noch spielen. Was danach kommt, weiß er nicht. „Vielleicht werde ich Schauspieler, auch wenn es schwer ist.“ Hauptsache es mache Spaß und seine Familie leide nicht. „Ailton ist Familienmann.“ Darum plane er auch zum Valentinstag ein schönes Essen. Und vielleicht singt er auch für seine Frau. „Richtig live, exklusiv.“ Oh la, la.

26. Januar 2012 – Hamburg – Übel & Gefährlich

Falsch eingestiegen. Der Zug fährt nicht nach Hamburg, sondern nach Bremen. Weißte, klar. Am Nachbartisch im Bistro ballern sie sich jetzt schon die Weizenbiere. „Ist ja Feierabend, ne?!“ Und reden sonst über diese eine Tabledancebar. „Weißte noch, letztes Jahr Weihnachtsfeier. Sogar die eine Spießige war dabei.“ Schräg daneben geht’s um Krebs, immer wieder Krebs. Und dieses Fett in der Innenseite des Arms, das echt schlecht weggeht. Der einsame Typ an der Theke sieht aus wie ein ehemaliger Regierungssprecher, holt sich schon wieder eine Cola und löst Sudoku. Wir planen, das Dschungelcamp zu retten und im nächsten Jahr viel bessere Kandidaten einzuladen. „Wenn die Deutschen eins gelernt haben, dann Camps zu betreiben“, mischt sich der Sudoku-Nachbar ein.

Am Bremer Hauptbahnhof stehen die Menschen Schlange am Lottostand. Dicke Ziehung. Drei Jungs versuchen, Tabak zu kaufen und eine Bong. Scheitern. Die Rubbellose werden immer noch föderalistisch verkauft. „Nein, aus Berlin kann ich keine annehmen. Da müssen sie schon selbst wieder hinfahren.“ In der Lounge der Deutschen Bahn klaut wieder die gleiche Art von Geschäftsmann den Sportteil und verschwindet auf dem Klo. Legt den Zeitungsteil danach wieder zurück ins Regal und trinkt noch zwei, drei Gläser Cola. Ist ja im Preis mit drin.

In Hamburg-Harbug steigen die Vorstadtmuttis aus und die Flaschensammler ein. Man grüßt die Schaffner mit einem Nicken, greift locker in die Müllkörbe, langt hier und da nach halbausgetrunkenen Pfandflaschen und läuft schnurstracks ins nächste Abteil in der ersten Klasse. Ein Werbemann erklärt für den Rest des Bistros am Telefon sein kommendes Wochenende und mit welcher Frau und sowieso. Der Hauptbahnhof liegt hinter uns. Am Dammtor stehen die üblichen Studenten, gerade frisch aus dem Gender-Seminar. Theoriegestählt für die Dienstleistungsgesellschaft. Eine Station später erbricht man sich in die Schanze, die Großraumdiskothek mit Szeneschutz. Jungs mit vom Anwaltpapa geliehenen Bentley besuchen Deutschlands bekanntesten Burnoutgastronomen auf ein paar Fleischlappen. Der Mexikaner ist natürlich selbst gemacht und kostet auch nur stadtteilübliche drei Euro. Arschlochsteuer nennt sich das auf deutsch. „Donnerstag ist ja der einzige Tag, an dem man hier ohne die Vorstadtprinzessinen und die Bauern aus Niedersachsen feiern kann.“ Sagt es und verschwindet mit dem Aluminium im Haar wieder im Frisör. Ein Schwall Haarspray, fruchtiges Parfüm und Deephouse erbricht sich kurz durch die offene Tür auf die kalte Straße. Riecht und hört unsere Sophistication.

Egge schreit die erste Reihe an. Eine Frau greift ihre Handtasche ein wenig fester. Drei, vier in schwarz gekleidete Kunstinteressierte finden es verrückt. Nach acht Minuten geht es zurück hinter die Bühne. Ein riesiges Bild mit Bergpanorama, daneben das Fenster über der bekanntesten Jet-Tanktstelle Hamburgs. In der Ferne sieht man die Flugzeuge landen.

Wieder Mexikaner und Rotwein, den Psychologiestudentinnen nicht mal ihren Feinden anbieten würden. Ich lasse mir Bikram-Yoga erklären und antizyklische Zukunfsplanung in Fernbeziehungen. Der DJ arbeitet sich währenddessen durch die Jugendkulturen des zynischen Zeitalters: Dubstep, 80ies Pop, Schunkel-Hip-Hop. Irgendwer kennt irgendwen, der Menschen mit Methadonproblemen betreut hat. Die Geschichte über Neonazis geht um, die Stolpersteine klauen. „Ich starte jetzt ein Kunstprojekt. Jeder schenkt mir einen Euro und davon kaufe ich das ganze Stadtviertel. Dann lasse ich hier nur noch nette Leute wohnen und die ganze Gentrifizierungsdebatte ist vorbei.“ Als wir auf die Straße gehen, fängt es an zu schneien. Endlich Winter.

10. November 2011 – Bremen – Lagerhaus

November in Bremen. Im Viertel um genauer zu sein. Vor sieben Jahren etwa war es fast genauso regnerisch, kalt, ungemütlich. Egge trat damals bei einem Poetry Slam im Lagerhaus auf, das Übliche. Nur riss plötzlich der Moderator eine rote Fahne von der Wand und schrie: Egge bekommt 1000 Punkt extra. Egge gewann seinen ersten Poetry Slam – völlig unverdient. Und diesen Kauz Meister Propper musste man einfach ins Herz schließen.

Meister Propper heißt eigentlich Günther Kahrs und ist heute seit zwei Jahren tot. Er wollte einst Bürgermeister für seinen DADA-Verein werden, war einer der ersten grünen Politiker, veranstaltete schon Slams, als die noch gar nicht so hießen. Er holte Junkies, Punks und Obdachlose ins Lagerhaus und wollte ihre Texte hören, ihre Lieder, Ideen. Ein großartiger Freak mitten im Viertel, das ohne ihn heute nicht mehr dasselbe ist.

Überhaupt ist das Viertel im Wandel. Weinbars, Bioläden, Wollshops für modebewusste Strickstudis und dufte Interieurfilialen für den mit der Zeit gehenden Zahnarzt machen den ehemaligen Kiez zum trendigen Szenestadtteil – samt Aufwertungserscheinungen. Die Designer habens am besten erkannt. Sie werben mit einem Pappschild „Kauf dich glücklich“ für ihre neuen Trendschnitte. An der Sielwallkreuzung lacht Propper von einem Streetartbildchen. Er würde heute vielleicht in der Neustadt wohnen.

Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht würde er mit Leuten wie Jens Hinrich und dem Slam-Bremen-Team weiter an seiner Idee spinnen, dass der Mensch zum Künstler geboren ist – und sich zumindest Kultur auch immer als politische Kraft verstehen lässt. Für solche Leute spielen wir dann auch gern im Vorprogramm eines Slams, im Lagerhaus.

Jens Hinrich lyrikte dann auch charmant zur Begrüßung:

„Beatpoeten kurz erklärt und hier auf die Schnelle:
Zwei Typen sind für alles, gegen alles Kommerzielle.
Zwei Typen
beaten Ihre Dichtung,
beaten Hirnen neue Richtung,
lassen Hirne kurz verweilen
zwischen Stühlen – Frische Zeilen.
Zwei Typen
erklären Städte und Stadtteile, Heidi und Gaddafis Rückzug.
Costa macht den Beat, der den Poeten Egge manches Stück trug.
Zwei Typen,
die ein Beben heftig im Gedärm mit jedem Lied lostreten.
Also macht mal kräftig Lärm für die Beatpoeten.“

Was soll man da sagen. Super! Egge machte nach dem Slam noch ein paar kleine Fotos vom Kiez. Schön wars. Einer fehlte. Aber seine Ideen tragen längst Früchte.

Bis bald.

Einen schönen Blogeintrag (Daaaaaaaanke Thomas!) gibt es hier:

http://blog.breportage.de/?p=760

Tolle, tolle Fotos gibts hier:

http://www.flickr.com/photos/breportage/sets/72157628012603251/with/6349181522/

Infos zum Slam:

http://www.slam-bremen.de/