Juni 2015 – Dresden – Bunte Republik Neustadt

"Künstler" vor Waldlandschaft

Samstag, nachmittags

„Warte, gleich kommt die Überraschung.“ Egge grinst mich kurz an, dann dreht er sich wieder um. Der Regen prasselt liebevoll auf die Blätter über uns, neben uns. Um uns herum ist die grüne Hölle. Die Sächsische Schweiz, das Kirschnitztal. Und wir wandern da durch. Wir hätten heute irgendwo spielen können, aber wir haben am Abend vorher in Dresden bei der Bunten Republik Neustadt gespielt und wollten endlich mal gemeinsam wandern. Und da ist Sachsen ziemlich weit vorne.

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Als wir um die Ecke biegen, liegt vor uns ein Flüsschen, mitten zwischen zwei steilen Abhängen. Der Stein ist mosig, große Bäume hängen daran, die Wurzeln in fantastische Formen verschlängelt. Eine Märchenlandschaft. Und vor einem Bootshaus kauft sich gerade ein Motorrad-Rocker mit Halstattoo eine Bockwurst. „Schöne deutsche Heimat“, deklamiert ein Senior in Funktionskleidung. Zwei Bundeswehrsoldaten prosten sich mit Eiweißshakes zu: „Läuft bei uns.“

Wald.

Wir holen uns zwei Tickets für eine Bootsfahrt, zwei Bier und fragen die Verkäuferin, ob die Hutnadeln schön wären. „Hässlisch“, schmettert sie uns im fröhlichsten Sächsisch entgegen. Wir lachen, prosten uns zu und steigen auf das Boot. Während der Bootsmann in auswendig gelernten, nach einer schweren Depression oder Trinksucht klingenden Sätzen erklärt, welche Tiere wir in den Steinen erkennen können, wieso es diesen Fluss gibt und welche Rolle der Baum in Sachsen hat, grinsen wir uns an. „Eine Runde Mitleid an die Menschen, die jetzt irgendwo im Büro sitzen oder sich mit ihren Beziehungen streiten.“ „Ja, genau.“ Prost.

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Nach der Flussfahrt geht es zurück auf den Wanderweg. Eine Stunde steiler Aufstieg auf den Königsstein. Eine Abkürzung, wie Egge sagt. Die Beine brennen, die Lungen öffnen sich weit für die saubere Luft. Der Sauerstoff geht direkt ins Gehirn. Wir schwitzen, wir lachen, wir machen doofe Sprüche, wir singen alte Lieder. „Aber dennoch hat sich Bolle ganz köstlich amüsiert.“ Lieder, die uns unsere Väter beigebracht haben. Dann stehen wir auf dem Königsstein und vor uns das Waldmeer. Ein Gefühl wie ein Bild von Caspar David Friedrich. „Kanzler-Gefühle kriegt man hier“, sagt Egge und lacht. Es fühlt sich an, als hätte der ganze Weg, den wir bislang zusammen gegangen sind, fast zehn Jahre als Band, als hätte dieser Weg die ganze Zeit schnurstracks genau auf diesen Moment geführt. Bäm.

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Damit kennen sich die Sachsen aus.

Freitag, nachts

Keine fünf Minuten mehr, und wird es eine Schlägerei geben. Die Dresdener Neustadt pulsiert. Bebt, nicht nur vom Bass aus der Box, die seit Stunden Drum’n’Bass in die Gasse pumpt. Fünf Meter weiter ist jetzt House-Abfahrt angesagt. Studies im globalen Feier-Look, Atzen mit mahlenden Kiefern, drei Leute mit Camouflage-Jacken. Und Polizei in Kampfuniform, die bedrohlich schaut. „Gut, dass die Bullen hier sind“, sagt ein Punk neben uns. „Bitte was?“ „Naja, früher haben die eingegriffen, wenn die Nazis kamen. Jetzt schützen die uns vor den normalen Deutschen.“ Die Bunte Republik Neustadt sei ganz anders als noch vor einigen Jahren, erzählt er. Wir hätten mit unserer Bühne Glück gehabt, da wären keine Idioten gewesen, aber rundherum, das sei Mallorca.

Micky Maus ist im Haus.

Freitag, nachmittags

„Hartmut Engler hat bei der Show ‚Sing mein Song‘ geweint, weil er von seinen ‚Emotionen zugeprasselt‘ wurde“, zitiere ich eine Zeitung. Draußen braut sich eines der krassesten Stadtfeste Deutschland zusammen: Die Bunte Republik Neustadt. Wir haben uns vor dem Regen und den Massen an Menschen in eine Kneipe geflüchtet, Kaffee bestellt und spielen – zum ersten Mal in unserer Band-Karriere – Schach. Egge gewinnt, eindeutig. Wir dürfen heute im Areal II bei den Bretterbuden spielen, die Treberhilfe Panama e.V. hat uns eingeladen, es ist ein Soli-Konzert. Freunde aus Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen sind da. Es wird sich herzlichst umarmt. Im Alaunpark spielt eine Grunge-Band.

Dessert.

Samstag, nachts

Fossi von unserer Lieblingspunkband Kaput Krauts aus Berlin-Mitte schreit sich den Leib aus dem Hals. Das besetzte Haus in Jena dreht durch. Geil, Pogo. Wir sind nach Thüringen gefahren, nachdem wir im geilsten Landgasthof Ostsachsens Mittag gegessen haben. Jetzt hängen wir mit den Verrückten aus Jena und den Muckern aus Berlin zusammen. Die Krauts und Das Flug sind zusammen auf Tour, und wir mussten sowieso was im Haus abgeben. Also tanzen wir, flirten wir, singen wir, freuen uns. Genießen.

PS vom Egge: Bastei ist hübsch, aber voller Touristen. Fahrt zur Oberen Schleuse und lauft zur Grenze. & überhaupt: Costa trägt echt Funktionsunterwäsche. Wow.

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13. und 14. Februar – Hamburg und Leipzig

Hamburg darf sich für Olympia bewerben. Das bedeutet mehr Stadtentwicklung. Das bedeutet für uns ein paar Abschiedstränen, weil wir die schöne Stadt an der Elbe immer weniger erkennen. Es war schön mit dir. Gut, dass es noch Projekte wie die Villa Dunkelbunt gibt, die die Stadt lebendig halten. Schön, dass es euch gibt!

In der "Zeit"
„Weißt du Egge, mit deiner Frisur und der neuen Brille siehst du aus wie der neue Deutschlehrer am Gymnasium, in den sich alle verlieben.“ „Ich und Deutschlehrer?“ „Ja, der heiße neue Deutschlehrer.“

Obama und der Soli…

Im Zug nach Leipzig sitzen sonnabends nur Menschen, die arbeiten. Oder schlafen. Oder im Schlaf arbeiten. Wir gehören dazu.

Teddybär!

Folgende bekannte Menschen haben wir in Leipzig gesehen, und das hatten sie an: Clemens Meyer (beigefarbene Übergangsjacke, blaues, eng anliegendes Jeanshemd, Gesamteindruck: ehemaliger Sportlehrer, der in Leipzig hängen geblieben ist). Thomas Meinecke (nato-olives Hemd, ernstes Gesicht). Flake (Felljacke, Jogginghose mit goldenen Adidas-Streifen, Handtasche mit Puscheln). Jens Friebe (wie Egge, nur ohne Brille und Bart und anderer Nase). Jürgen Elsässer (Gesamteindruck: verwirrt, hat mindestens zwei Weltkriege verloren).

Jeder Briefmarkenautomat in deutschen Innenstädten ist kaputt. Gut, dass es nirgendwo Filialen gibt. Ohne die Post wären wir noch nicht so weit bei der Digitalisierung.

27. und 28. Februar – Leipzig und Hamburg

Dem Klaus sein Haus…

Reudnitz, Perle von Leipzig. An der Bushaltestelle sitzen die Jungs mit den Deutschland-Cappies und der Thor-Steinar-Jacke und machen Spuckefützen. Ein paar Meter weiter exen zwei Jugendliche gerade eine Flasche Pfeffi. Das Klaushaus ist direkt voll. Zahlreiche kritische Menschen lauschen andächtig unserer neuen Lesung „Opfer lesen Battle-Rap“. Besonders bei der Zurschaustellung vermeintlicher maskuliner Stärke wird gekichert. Eine tolle Premiere. Dann verlieren sich die Erinnerungen. Wir waren wohl zu aufgeregt. Kultur in Reudnitz kommt. Wir bekennen uns schuldig als Teil der Gentrifizierung und essen zur Nachtruhe noch schnell Veggie-Bratwürste.

Egge und Essen

Hauptbahnhof Bitterfeld, leerer Himmel, blühende Landschaften. Eine bayerische Frau empört sich, dass nicht angezeigt wird, wo sich die erste Klasse des Zugs nach Hamburg befindet. Sie motzt und gibt gerne die arrogante Wessi. Der freundliche Sachse mit der Baskenmütze neben ihr nimmt ihr erst die Wut und erklärt ihr dann in wenigen Sätzen den Strukturwandel seit den 1950er-Jahren. Ein Gleis weiter stehen die Polizisten in Kampfanzügen. Hansa Rostock spielt heute in Halle. Ein typischer Samstag halt.

Du bist, was du isst.

Im Zug setzt sich keiner neben uns, weil Costa die ganze Zeit seine vergoldete Panzerkette von der Hip-Hop-Lesung trägt. Die hat als Meterware im Baumarkt immerhin 1,56 Euro gekostet. Draußen scheint die Sonne. Wir holen uns die praktischen Lebenstipps wieder einmal von Donald Duck.

Bekennende Donaldisten

In Hamburg scheint immer noch die Sonne. In Hamburg! Also schnell Veggie-Schnitzel in unserer Lieblingskneipe, dem Feldstern auf der Schanze, dann ab an den Hafen. Doof auf Schiffe gucken, sonnen, nachdenken, sich freuen über so ein anstrengendes Tourwochenende. Läuft bei uns.

Poet vor Flusslandschaft

Im Centro Sociale ist Geburtstagsparty, und wir dürfen den Opener machen. Viel Bumbum, einige wirbeln ihre Haare durch die Luft. Dann ist wieder alles vorbei, und wir trinken Cocktails mit Radieschen und Basilikum. Ein tolles DJane-Duo legt Hip-Hop auf. Samstagabend in Hamburg. Eine krasse Woche geht mal wieder vorbei, und wir planen die Aufnahmen der letzten Lieder fürs neue Album. Arbeit, ne?!

Slam 2014 in Dresden

Motto des Abends

„Dürfen wir eigentlich bei diesem Song-Slam mitmachen?“ Ich hatte zwei Bier gebraucht, um mich zu trauen und einen der Organisatoren des Slams 2014 und Freund André Herrmann zu fragen. Ich war in Leipzig im Urlaub. Draußen war es noch warm genug, um stundelang durch die Stadt zu spazieren und all die Veränderungen anzuschauen, die seit meinem Studium über Leipzig hereingebrochen waren. „Ja, aber ihr wisst schon, dass Techno nicht erlaubt ist?“ Die Regeln des Song-Slams sehen vor, dass kein Laptop oder ähnliches angeschlossen werden darf. „Ja, das wissen wir. Wir arbeiten gerade an einem neuen Set – nur mit Klavier und Stimmen.“ Er schaute mich ein wenig irritiert an. „Und wer spielt Klavier?“ „Ich. Ich spiele genauso Klavier, wie ich Synthesizer spiele.“ Er grinste. „Das klingt interessant. Bewerbt euch mal.“

Wichtige Fragen

Knapp zwei Monate später stehen Egge und ich vor der Scheune im schönsten Stadtteil Dresdens, der Neustadt – jaja, das Hechtviertel kommt ja auch irgendwie. Drinnen laufen die ersten Vorrunden des Slam, draußen presst der Winter kalte Luft gegen das Gesicht. Wir erzählen uns Geschichten von Dresden-Besuchen und tun cool, als ein Mann mit einem Einrad an uns vorbeifährt – verkehrsgerecht mit Front- und Rücklicht. „Ach, was würde Erich Kästner heute über seine Heimatstadt sagen.“

L'amour

Im Backstage der Scheune trifft man die Gefährten und Bühnen-Genossen. Die Slam-Meisterschaften sind eine wilde Mischung aus Klassentreffen, Werkschau und Gradmesser für die deutschsprachige Performancepoesie. Sind die Slams in den Städten der Durchlauferhitzer der talentierten Schreiberlinge, findet man auf den Bühnen der Vor- und Finalrunden erfahrene Entertainer. Abseits ihrer fünf Minuten Dichterkampf erzählen sie dann von alternativen Lebensmodellen mit BahnCard 100 und Freunden in jedem Dorf Deutschlands. Von der Inszenierung modernen Witzes bei Öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten. Von der planerischen Höchstleistung, die eine Slam-Meisterschaft verlangt. Hunderte zum Teil extrovertierte Künstler wollen mit Hotelzimmern, Essen und geilen Erlebnissen versorgt werden, und gleichzeitig wollen Sponsoren, Geschäftspartner, Spielstätten und das Ordnungsamt noch bespaßt werden. „Ich mache noch die Abrechnung, dann geht’s erstmal in den Urlaub. Irgendwo ins Warme“, erzählt die sichtbar müde Finanzchefin Lisa in einer ruhigen Minute. „Aber wie war überhaupt euer Auftritt? Ich hab’s leider nicht geschafft.“ Applaus für dieses großartige Team.

Schwiegersöhne

Ja, wie soll man das beschreiben, was wir da in fünf Minuten am Klavier und Mikrofonen gezeigt haben? Im Vorfeld wurden wir immer wieder gefragt: „Kein Techno?“ „Egge brüllt nicht rum?“ „Macht ihr jetzt Kleinkunst?“ „Popper!“ Es ist ein erster Schritt in ein einem neuen Experiment. Gemäß der alten Punk-Philosophie „Lerne drei Akkorde und gründe eine Band“ haben wir zwei Akkorde auf dem Klavier geübt und mit einer Mischung aus klassischem Klavierpathos und Punkerlyrik ein Gedicht über das Finden und Verlieren der Liebe vorgetragen. Danke an alle, die uns zugehört haben. Und danke an die Slam-Familie. Heavy Metal!

Mai 2014 – Sachsen-Tour

Egge in Glauchau

Wir fahren los mit einem Rollkoffer mehr als sonst im Gepäck. Er ist schwer. Ich hoffe neben der ewigen Rennerei auf Tour jetzt auch etwas für meinen Oberkörper zu machen. Punkrocktraining. Irgendwann bringen wir Fitness-DVDs raus.
Es läuft inzwischen immer Hip-Hop, wenn wir auf Tour sind. Entweder zeigen wir uns die neuesten Lieder der Märchenerzähler oder unsere Gastgeber zeigen uns Highlights wie „Birnenpfeffi Zimt“ von Ronny Trettmann.

Feuerwehrfest Glauchau

In Glauchau stehen alte Häuser, sehr alte Häuser. Und ein Schloss. Ansonsten hat die Stadt ein ähnliches Schicksal erfahren, wie so viele andere Orte am Rande des Erzgebirges. Mehrere Systemwechsel und Fehlinvestitionen später zieht die Jugend weg. Crystal Meth ist neben Alkohol die am meisten benutzte Droge. Aber immerhin gibt es weniger Naziprobleme als früher. Das Café Taktlos behauptet sich als Insel mit bunter Kultur gegen den Verfall: Konzerte, Partys, Lesungen – das Team kämpft für einen Freiraum für Ideen und Lebenseinstellungen. Wir spielen am 30. April gemeinsam mit den netten Aika Akakomowitsch aus Jena in den Mai. Es ist der erste Auftritt für uns mit neuer Technik. Dementsprechend aufgeregt sind wir. Als wir nach einem tollen Abend mit Pfeffi und Lagerfeuer am nächsten Morgen aufwachen, sind die DJs gerade dabei, den Rasen des Hauses zu mähen. Sehr geiler Frühsport. Wir schauen uns die Stadt an, zählen Thor-Steinar-Kleidung (viel), AfD-Wahlplakate (mittel) und Menschen mit anderer Hautfarbe (niemand). Neben dem Asia-Imbiss verkauft ein Nazi-Laden E-Zigaretten. Als wir in den Zug steigen, fängt es an zu regnen.

Mann vor Waldlandschaft

In Zwickau steht eine alte Matratzenfabrik, direkt gegenüber der Innenstadt an dem schönen Fluss Mulde. Das Areal ist verlassen und doch nicht tot. Ein breites Bündnis aus kreativen, bunten Menschen möchte dort gerne ein neues Zentrum errichten. Passend dazu wurden die Graffiti-Künstler von IBUg eingeladen, die Wände schön zu gestalten. Punks, Hip-Hopper, Elektro-DJs, Designer, Urban-Gardening-Menschen und Künstler haben sich zu diesem gemeinsam Projekt zusammengefunden. Als wir uns die Umgebung – eine Art Stadtwald – anschauen, fängt es an zu regnen. Die Tiere drehen durch, und wir hören ihnen zu. Später spielen wir unser erstes Open-Air in diesem Jahr. Es ist wundervoll. Zum Einschlafen zeigt uns die Gastgeberin Lotte noch US-amerikanisches Entertainment: „Movie 43“.

Ansichten

Am nächsten Tag stehen wir in Zwickau auf dem Hauptmarkt. Egge mit einem Papageienkuchen im Bauch, ich mit einer Pizza in der Hand, und schauen uns das alternative Fußballturnier an. Ein Plakat wirbt für die Discothek Memory, ein junges Mädchen trägt ihre Cheerleading-Trainingsjacke, sie heißt „Peaches“. Ein Vater beschwert sich darüber, dass das Team der Erasmus-Studenten nicht gegen die „deutschen Jungs“ gewinnen darf. Der DJ macht einfach Billy Idol lauter. Auf dem Weg zum Bahnhof treffen wir unsere Freunde vom Klub Barrikade, die gerade Bier und Schnaps für das Feine-Sahne-Fischfilet-Konzert bunkern. Es sind viele Kisten. Und wie wir Monchi und die Boys kennen, werden sie alle leer. Mit einer Runde KIZ verabschiedet uns Zwickau. Am Bahnhof kontrolliert die Polizei mit Drogenhunden die Passagiere. Ein offensichtlich Crystal-Meth-Süchtiger läuft in der Bahnhofshalle immer wieder im Kreis. Als wir in den Zug steigen, regnet es immer noch oder wieder. Ich hole mir Knusper Flocken am Automaten.

 Tanzen gegen Beton

Zwei einsame Männer tanzen an der Chemnitzer Oper Jumpstyle. Es sind 5 Grad Celcius, und es regnet. Auf der Suche nach einem warmen Tee in der Innenstadt wenden wir uns in unserer Not nach Babylon: Im Restaurant von Galeria Kaufhof wartet der Tod. Er sieht aus wie ein Renter mit Funktionsweste und hält sich zwei Stunden lang an seiner Apfelschorle fest. Und er glotzt uns zwei Stunden lang an. Daneben sitzt sein Enkel. Rose Wangen, dicker Kopf, große Brille, Baseballkappe, Wohlstandsbauch der zweiten Generation Post-DDR. Auch er schaut uns die ganze Zeit an. Bis ihn seine Großmutter wegzieht. „Lass die dreckigen Männer in Ruhe.“
Das Kompott in Chemnitz ist ein gutes Beispiel für die verrückte Welt der Immobilen-Spekulation in unserem Land. Während in Hamburg, Berlin und zuletzt auch in Leipzig die Mieten stetig nach oben klettern und der Wohnraum in den sogenannten angesagten Stadtteilen immer knapper wird, stehen in Chemnitz ganze Häuserreihen leer. Bei unserem letzten Besuch in Chemnitz im Herbst 2011 lag so etwas wie Hoffnung in der Luft, dass zumindest ein Teil der Stadt mit öffentlicher Hilfe zu einem Freiraum umgewandelt werden kann. Doch nach langem Hin und Her ist klar: Chemnitz bleibt eine Stadt, in der die AktivistInnen alles selbst erledigen müssen. Dass sie es schaffen, sieht man an der erfolgreichen Entwicklung diverser Klubs, Wohnprojekten und Werkstätten.

Kunst, spätestenst in 1000 Jahren

Nadja Fritsches Taxi steht um 6 Uhr vor der Zukunft. Zum Bahnhof sind es zehn Minuten. Eine Fahrtkarte, eine Zeitung, ein kurzes Signal zwischen Egge und mir, dass gerade alles sehr anstrengend, aber auch so gut ist. Das Crashbecken ist weg, der Beckenständer wurde irgendwo vergessen. Wir sind generell zerknautscht. Zu dem Schlachtruf „Crystal, Pfeffi, Ostdeutschland“ haben wir uns verbeugt und sind dann schlafen gegangen. In der Nacht ist einem befreundeten Chemnitzer Paar eine Tochter geboren, ein weiterer Grund, die Stadt schön und bunt und lebenswert zu machen. Wir steigen in den Zug, und fünf Stunden später sind wir zu Hause. Es ist so leise, wenn du nach so einem Wochenende aus der Dusche steigst. Und alle deine lieben Menschen haben in der Zwischenzeit das Leben weiter ohne dich gelebt.

14. bis 16. März 2013 – Berlin und Leipzig

Popper lesen Punk

Intro: Katja Riemann war so frech und hat bei einer Schnarchnasen-Sendung nicht die vorher geübten Sätze aufgesagt. Feiern wir natürlich ab. Clemens Meyer richtet seine Wut auf chauvinistische Altmännerliteratur und schreibende C-Promis bei der Leipziger Buchmesse auch gegen das Publikum, das wohl lieber Martin Walser oder den Glöökler sehen wollte.

In Berlin ist der Alte Rote Löwe Rein schon unsere Stammkneipe. Idyllisch gelegen in Neukölln-Rixdorf ist der Löwe Ruhepol und gleichzeitig Start- und Endpunkt vieler Reisen durch die Hauptstadt für uns geworden. Am Donnerstag durften wir dort die zweite Lesung unserer „Popper lesen Punk“-Reihe machen. Also wir hatten Spaß, vor allem weil Berlinauftritte inzwischen immer mehr zum Klassentreffen werden, bei dem man viele tolle Leute aus den letzten Jahren trifft, die sich inzwischen dort tummeln. Danke an alle. Und Danke an Tapani von The Incredible Herrengedeck für das Foto.

Vorher ließen wir uns von Freunden eine Führung durch die taz-Redaktion geben, schauten uns die Kreativen in Kreuzberg an und spielten In-die-Augen-von-Verrückten-gucken auf dem Hermannplatz. Dufte.

Am Freitag ging es dann nach Leipzig auf die Buchmesse. Wir mussten da nichts präsentieren, aber Costa war noch nie da, und ein paar nette Leute trifft man immer. Während Egge zielgerichtet durch die Hallen steuerte, blieb Costa immer mal wieder an Ständen stehen, hörte sich an, was es Neues in der Rosenzucht oder in der Papierschnitzelforschung gibt und war überaus geschockt, dass es nirgendwo Bücher zu kaufen gibt. Mist. Also schnell die Freunde vom Gonzo-Verlag und vom Unsichtbar-Verlag besuchen, den Trittin bei Wagenbach zuschauschen, den Steinbrück bei irgendeinem anderen Stand anlächeln, Fotos mit Cosplayern machen und weg nach Reudnitz.

Das Zu Spät ist ein veganes Bistro/Kiosk, oder Späti, wie der Leipziger sagt mitten in Reudnitz: leckere tierfreie Hotdogs, gute Getränkeauswahl und einen gemütlichen Keller. Es war unser dritter Auftritt mit der Lesung, die Bude voll und sehr viele erstaunlich textsicher. Yeah. Danke dafür. Und unbedingt da hin gehen, sich den Bauch vollschlagen und anschließend ein paar Meter weiter im Atari feiern gehen.

Nach Prosecco auf der Karl-Heine-Straße, Neo Rauch im Museum der bildenden Künste und Pizza mit extrem vielen Chilischoten waren wir am Samstagabend in Schleußig gemeinsam mit Pablo Haller im Schlechten Versteck. Es war ein wilder Ritt durch Beatliteratur und Elektro-Lyrik. Einem hat es gar nicht gefallen, er verließ wild schreiend das Konzert und beschimpfte uns als Agitatoren. Später versuchte er noch einma, uns zu beleidigen. Naja. Wir ließen den Abend bei Absynth und Solei ausklingen. Draußen schneite es mal nicht.

20. März 2012 – 800 Jahre Thomaner Chor

Sie ignoriert die rote Ampel und fährt durch, und es blitzt. Zweimal orange. Weil auf der anderen Spur so ein komischer Typ an seinem Auto stand und irgendwas reparierte. „Der sah gruselig aus.“ Also lieber um 1 Uhr nachts geblitzt werden. „Beschwer dich nicht, ist immer noch billiger als vom Flughafen mit dem Taxi nach Hause fahren.“ Wenige Stunden später kamen wir in Leipzig an.

Der Thomanerchor feierte seinen 800. Geburtstag mit einer ganzen Festwoche. Preußen, Nazis, Kommunisten – alle verschwanden irgendwann wieder aus Leipzig, nur die Thomaner, die sind immer noch da. Und sehr lebendig: Sogar der frisch gewählte Bundespräsident war gekommen. Der Pastor der Herzen, der Freiheit. In der Innenstadt ging gar nichts mehr. Neben der Thomaskirche und Auerbachs Keller hatten die zahlreichen Touristen, Leipziger und Sachsen einen wahren Magneten in ihrer Innenstadt. „Der Gauck. Einer von uns!“ Unsere Freunde, deren  Eltern im Rahmen der Montagsdemos die ganze Macht des Staatsapparats abbekommen hatten, konnten nur mit den Achseln zucken. „Wichtigtuer.“

Egal, dort wo Geschichte geschrieben wird, da wollen wir sein. Mit der ganzen Kraft aus einem Sektfrühstück! Beim Bier im sonnigen Clara-Zetkin-Park mischten wir uns unter das freudig erregte Volk – Gauck, keine fünf Kilometer weit entfernt. Und dazu noch der Thomanerchor, der umso heftiger seine Motteten daherkommen ließ. Ein Traum! Wir sammelten uns zur Extase bei ein, zwei Escorial grün und schwelgten in der Aufbruchstimmung, die unserem Land dank Wulff, Eurokrise und WM-Aus so gefehlt hatte. Und entschieden, die nächste EP „Blühende Landschaften“ zu nennen.

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