Egges Rückblick zum Jahr 2016

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Ein Ausflug in die alte Heimat: Sommer in Neubrandenburg.

Meine Fresse, was war das denn?! Wir waren euphorisch im Frühjahr, im Sommer einfach drauf, im Herbst in einer Art Jahreszeit gewordenem Sauerstoffzelt & im Winter ordentlich bei der Inventur. Das Jahr 2016 war eines der intensivsten Jahre der Bandgeschichte – passend zum zehnjährigen Bestehen der Band mit dem komischen Namen. Vielleicht sind wir alt geworden? Vielleicht kosten Jobs, Ideen & Projekte außerhalb des Banduniversums doch mehr Kraft, als man es für möglich hält? Oder sind es die gesellschaftlichen Umbrüche, die einen nicht richtig schlafen lassen? Privates & Politisches. Gehörte für uns als Band immer zusammen. Gehört es immernoch. & manchmal möchte man die ganze Welt einfach gegen die Wand schmeißen und mit den Scherben nochmal neuanfangen & basteln. Geht nur nicht. Also zurück ins Werk.

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Beatpoeten auf der Bühne zum Internationalen 1. Mai Fest.

Da hilft es tatsächlich, ein wenig in den Fotos, Flyern und Erinnerungsfetzen zu kramen. Was war da eigentlich los, 2016? Waren wir viel unterwegs? Zu viel? Zu wenig? Gab es was zu entdecken? Haben wir etwas vergessen? Bestimmt. Mehr als ein Handy und eine Bahncard auf jeden Fall. Ein Versuch der Bestandsaufnahme.

Wir fangen einfach an. Die zehn besten Konzerte 2016

1. FCKR – Release-Show Soundso, Leipzig

2. Blixa Bargeld & Teho Teardo, Lissabon

3. Die NervenFaust, Hannover

4. The Incredible Herrengedeck, SO36, Berlin

5. Art Garfunkel, L’Olympia, Paris

6. Isolation Berlin – Faust, Hannover

7. Feine Sahne Fischfilet – Festival Täuchental, Leipzig

8. Hyäne Fischer, Fête de la Musique & Alt-H

9. NOFX & Pennywise, Faust, Hannover

10. KIZ, Swiss Life Hall, Hannover

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Posterboy in Leipzig mitm Monchi.

FCKR war eine Band, die mich dieses Jahr sehr begleitet hat. Immer druff. Ironisch. Klar. Irgendwie auch nicht. Da passen die verzweifelten Isolation Berlin-Schreie, der Postindiekram von Die Nerven, die Ansagen von NOFX bis FSF.

Die zehn Neuentdeckungen für mich 2017

 

1. Meute, Kulturarena, Jena

2. Gruppa Karl-Marx-Start, NBL, Leipzig

3. Das Flug, blank, Berlin

4. Oi of the Tiger, Heinz, Hannover

5. Coca Candy, Fährmann, Hannover

6. Argies, Störfaktor, Zwickau

7. Aktiv Passiv, Chekov, Cottbus

8. Rabaukendisko, Glocksee, Hannover

9. Klostein, Störfaktor, Zwickau

10. The Black Madonna, Fuchsbau-Festival

https://dasflug.bandcamp.com/track/deutlich-unterbewaffnet-in-hellersdorf

Ich merke immer mehr, dass die schönsten Konzerte vor allem mit Leuten zu tun haben, die man ins Herz geschlossen hat. Da mag nicht jede Note richtig sitzen, mit den richtigen Menschen im Publikum, an den Instrumenten oder an den Reglern passt das alles schon. Meute sind mittlerweile quasi berühmt, die Argies hab ich Jahrzehnte zu spät entdeckt, und Rabaukendisko sind vermutlich schon wieder durch. Egal. War schön. Und Das Flug trifft bald Coca Candy und Beatpoeten beim Wutzrock. Harhar.

Für die Vollständigkeit: nicht neu, aber noch immer spannend & großartig

1. Messer, Glocksee, Hannover

2. The Hirsch Effekt, Reeperbahn-Festival

3. Lumpenpack, Fährmann, Hannover

4. Kasimir Effekt, Fuchsbau-Festival

5. Beatbar, Fährmann, Hannover

Messer hab ich sehr gemocht. Haben mich überrascht in ihrer Dringlichkeit. Die anderen Bands sind wie kleine Schätze, die man in der Brusttasche trägt. Und wenn wieder jemand nach kleinen Tipps fragt: Bäm!

Tacheless: Voll auf die Band gefreut, dann mit angezogener Handbremse zugeschaut

1. Beginner, Swiss Life Hall, Hannover

2. Milliarden, Heinz, Hannover

3. Alin Coen Band, Täubchental, Leipzig

4. Dirty Honkers, Ballhof, Hannover

5. Zugezogen Maskulin, FCLR, Hannover

Natürlich liegt es an den Umständen. Aber bei Alin Coen musste ich weg, die Honkers haben das Gaspedal verfehlt, und Zugezogen Maskulin? Ich mag die Musik, live hab ich keine einzige Zeile verstanden. Mhh. Ach so: die Beginner waren mit ihrem Set nach 45 Minuten durch. Am Rest der Show rätsel ich noch. Warum sollten wir für ein Video nochmal zu Samy Deluxe tanzen?

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Fusion-Konzert für zehnjährige Edelklos. Danke, HCWC!

So. Achtung, ernsthafte Kategorie: die zehn besten Beatpoeten-Auftritte

 

1. Fusion – Landebahn-HCWC (Eine Musik gewordene Liebeserklärung)

2. Ende Gelände-Abschluss-Rave (Danke, Herrengedeck!)

3. Hafenklang-Exil, HH (mit DiskoCrunch) (Heiß, mit DJ Costa)

4. Burg Herzberg Festival (Literaturrave)

5. Punx Picnic Neubrandenburg (Heimspielcharakter)

6. Bahnrave zum Open Flair (Grüße gen Renato, Felix und Tilman)

7. Lesung in Glocksee mit Leo Fischer (Grüße gen Malte & Indiego-Team)

8. SO 36, Berlin (mit Herrengedeck)

9. about.blank, Berlin (mit Das Flug)

10. KuZe, Potsdam

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Auf gehts, ab gehts, Ende Gelände.

Ganz wunderbar war es natürlich auch in Ravensburg, Witzenhausen, Cottbus & Zwickau, im Klapperfeld Frankfurt und vor allem herzlich in Norderstedt & Nordhausen. Vergesst diese Aufzählungen. Dieses Jahr war ein einziges Geballer & ihr habt uns trotzdem selig gemacht.

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Stillleben mit neuer Platte „Geheul“.

Zehn besondere Beatpoeten-Momente

1. Das dritte Album ist tatsächlich erschienen (Danke, Tobi!)

2. Neue Lesung „Unterwegs – das Elend“ läuft ausgerechnet beim A Summer’s Tale

3. Das neue Enterpreneur-Duell bei KreHtiv

4. Punker-Lesung endlich in der Køpi

5. Die letzte Mal Pegida-Lesung, Eisfabrik

6. Soundtrack zu „Traum.Ruine.Zukunft“ – dem Film zum Ihmezentrum

7. Video zu „19“ – kaum Reaktion – vielleicht stellen wir doch auf Youtube um

8. Erstes Plastic Bomb-Interview überhaupt

9. Doppelseiten-Text im Human Parasit

10. Release-Party läuft bei Onkel Olli – ohne Musik

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Start-Up-Familienduell in der Cumberlandschen Galerie beim KreHtiv-Geburtstag.

Zehn schräge Beatpoeten-Momente

1. Arbeitermedley zum 1. Mai in Braunschweig geht völlig schief 

2. Kaputter Nachmittags-Rave in Doksy

3. Kabelschnitt in Cottbus

4. Vinyl-Songliste passt nicht zur Pressung (ahh!)

5. Einkaufswagen auf der Bühne in Zwickau

6. Naziangriffe bei Ende Gelände

7. Mehrwertsteuer-Gau im Dezember

8. Textsicherheit der blank-Besucher bei Battlerap-Lesung

9. Schüler im Kunstverein Ravensburg

10. Wir haben laut Linus Volkmann eines der besten Punkalben im Herbst veröffentlicht

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Arbeiter, Bauern, Fahnenträger. Braunschweig 2016. Dem Morgenrot entgegen.

An dieser Stellte sollten die schönsten Alben folgen, FCKR ist genauso dabei wie Stereo Total oder die wunderbare Sammlung „Falscher Ort, Falsche Zeit Vol. 2“. Aber so recht komme ich in diesem Jahr nicht mit. Gerade noch Bowie gekauft, stirbt er. Bei Isolation Berlin komm ich kaum nach und kann die Alben nicht auseinanderhalten. Gerade läuft das Album  „Der Spielmacher“ mit Rösinger, Spechtl, Türen & Jens Friebe. Alle großartig. Das schönste Lied kam aber spät und ist von Jetzt! – uralt.

Achtung, Emotionen

Meine Mutter ist tatsächlich endlich im Ruhestand und ich feiere das sehr

Ausflüge gen Amrum, Paris, Lissabon, Prag & Rügen
Gründung des Büro für Popkultur & Zukunftswerkstatt
Freundeskreis-Abende & kreHtive Ausflüge
Die Arbeit ruft von Slam 2017 bis zur Goldenen Fanfare

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Rückzugsort Rügen.


Sommereinsätze & Weihnachtshilfe-Rekord
Süntelbuchen, Feldstern & Märchenwälder
Freunde & Menschen voller Liebe
Gegen jede Angst & Rassismus
Ein sprechendes Patenkind
Hochzeiten & Todesfälle
Familie neu entdecken

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Sehr selten: Süntelbuchen.

Das kommentiere ich hier alles weniger. An jedem Stichwort hängen Erinnerungen, Gefühle & Eindrücke, mal schmerzhaft, mal voller Herzlichkeit. Ich danke allen Menschen für ihre Liebe, Geduld & oft auch: für ihr Verständnis.

Lumix Festival: HAZ-Talk im Container (oder:
HAZ-Fotocontainer beim Lumix-Festival in Hannover.

Wieder was gelernt

1. Das erste Mal Eisstockschießen

2. Jurymitglied bei Jugend spielt für Jugend

3. Foto-Container beim Lumix-Festival für Fotojournalismus

4. Mitglied einer Bulli-Schau-Jury

5. Freier Fall im Hochseilgarten

6. Hexenschuss

7. Schwarzlichtminigolf

8. Endlich Lammbock

9. Ihmezentrums-Picknick

10. Xylophonsolo
11. Das erste Mal Off-Sprecher in einem Film
12. Arbeitsplatten-Ausschnitt für Küchen
13. Das erste Einstecktuch
14. Sturmglocken-Halloween
15. Suppenverkauf für den guten Zweck

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Beatpoeten in Prag.

Dieses Jahr war geprägt von neuen Erfahrungen und Sprünge ins kalte Wasser. Manchmal merkt man das erst hinterher. Soll ja jung halten. Aber insgesamt war ich doch öfter bei Ärzten als nötig. Danke, 2016!

Die schrägsten und schönsten Kulturmomente 2016

1. Der Film Lobster – alles daran ist genial
2. Die Gründung der Hörregion & die Gala im HCC & die Dadüdada-Performance dazu
3. Annadigiding – Stell dir vor, Rainald Grebe macht was – und keiner geht hin
4. Cheerleader in Finnland – ein Film, den ich nicht verstehe
5. Hörspielsommer Leipzig – weil die Idee nach Hannover muss

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Musik und Mousse T bei „Digital Sounds“.

Die schönsten Moderationen 2016

1. Der Konferenz „Digital Sounds“ im Anzeiger-Hochhaus. Hatte ich unterschätzt, bin nach Vorträgen von Sennheiser und Hochschulprofessoren und Gesprächsrunden mit Mousse T. bis Toshifumi Kunimoto von Yamaha sehr klüger rausgegangen.
2. Verleihung des Niedersächsischen Wirtschaftspreis mit Stephan Weil und Olaf Lies. Spannende Preisträger & schöne Geschichten. Und vor allem: munterer als 2015.

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Klimaretter der Region Hannover.


3. Klimaschutzkuratorium der Region Hannover mit Kammerchefs, Klimarettern und Experten wie Karsten Schwanke. Ein kurzweiliger Ritt durch gefühlt 15 Talkrunden.
4. Hauptbühnen beim Entdeckertag, Autofreier Sonntag & Aktion Sicherer Schulweg: ich mag die hannoverschen Großveranstaltungen, wenn sie so abwechslungsreich vom Programm ausfallen wie diese.
5. NOFX & Pennywise auf der Faust-Wiese: fürs Herz
6. Metropolversammlung in Osterode mit OBs, Uni-Präsidenten, Kammerchefs, …
7. Tag des demokratischen Engagements mit Konstanze Beckedorf im Neuen Rathaus

Tag des demokratischen Engagements
Spax fordert gelebte Demokratie.


8. Ihmezentrums-Diskussionen im Capitol und im Zentrum mit Stefan Schostok, Verwalter Torsten Jaskulski und dem Bund Deutscher Architekten
9. Festival-Talks beim Fuchsbau-Festival, Fährmannsfest & Lumix-Fotojournalismus
10. Das neue Start Up-Slam
-Format mit VOXR-Technik an der Leibniz-Universität

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Start Up-Slam an der Leibniz Universität.

11. Ehrenamtsgala des Freundeskreis Hannover
12. HAZ-Foren zu Hannover 96 mit Bader & Stendel, Hebammen, A2, Image & Inklusion
13. Studentenw
erkspreis & „Von Leibniz zu Bahlsen“-Gala
14. Suchthilfelauf & Helmfest, Weihnachtsmarktfeten, Expertenforen & HAZ-Aktionen

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Spendensammlung in der Neustädter Hof- und Stadtkirche.

15. Poetry Slams, Science Slams & der Fanfarenzug-Slam zum Schützenfest, im Gartentheater Herrenhausen, Audimax Göttingen, Opernhaus, Lessing-Theater Wolfenbüttel, Stadthalle Holzminden, Schloss Bevern, Oldenburger Exerzierhalle, Kulturmühle Buchhagen, Empore Buchholz, Kirche Seelze, Salon Hansen Lüneburg

Insgesamt komme ich auf mehr als 80 Moderationen für 2016. Mal kleine Ansagen, mal ganze Tagesprogramm. Es ist immernoch sehr vielfältig von Punkrock bis Preisgala. Und ein wenig hoffe ich, dass es so bleibt. 2017 stehen Klostertage an, die deutschsprachigen Slammeisterschaften & Medienkonferenzen. Der Science Slam zieht ins Schloss Herrenhausen und auf die IdeenExpo 2017. Und der Leinestern wird vergeben.

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Fertig in Hamburg.

Und nun? Ein neues Jahr liegt vor uns und mir. Am Anfang dieser Aufzählung dachte ich, so viel war 2016 doch gar nicht los, warum bin ich so müde? Ach ja. Darum. & trotzdem kann ich es gar nicht abwarten, den Kalender zu füllen, Pläne mit wunderbaren Menschen zu schmieden & treff gleich einen wie Herrn Costa, um Unfug und Umstürze zu planen. Das Übliche also. Kommt gut ins Jahr 2017. Weitermachen & munter bleiben.

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Lesung zu 10 Jahre Beatpoeten beim A Summer’s Tale in Luhmühlen.

Neunzehn

Wir sahen die besten Köpfe unserer Generation vom Wahn zerstört, hungernd hysterisch nackt, die sich im Morgengrauen durch die Punkerstrassen schleppten auf der Suche nach einem wütenden Schuß

Engelköpfige Hipster, dem alten himmlischen Kontakt zur Sternenlichtmaschine im Getriebe der Nacht entgegenfiebernd, die arm & abgerissen & hohläugig und high im übernatürlichen Dunkel

der Armeleutewohnungen rauchend wachsaßen, schwebend über dem Häusermeer in Punker-Ekstase

die durch die Universitäten gingen mit strahlend kühlem Blick und Halluzinationen von St.Pauli und Off’schen Tragödien unter den Schülern des Krieges hatten

All diese wundervollen Leben, die verschwendet wurden – weil sie mit Punkrock in Berührung kamen. Zerstört mit 19. Wir prangern das an!

Beatpoeten, 2016

21. August 2014 – Lärz – Ajuca

Apfelbaum

Ein typisches Tier in der Gegend der Mecklenburger-Seenplatte ist der humpelnde Waschbär. Opfer diverser unfreiwilliger Zusammentreffen mit Autos streunt er durch die wunderschöne Landschaft und macht auch vor dem Zaun des Kulturkosmos Lärz nicht Halt. Lärz? Richtig, hier wird einmal im Jahr der Ferienkommunismus zelebriert. Doch gleichzeitig ist das Gelände eine Art Burg für alternative Ideen und andere tolle Festivals.

Turm

Eins davon ist die Ajuca, eine Art Ferienlager für die Jugend Ostdeutschlands. Hier treffen sich junge Menschen, die oftmals die einzigen in ihrem Dorf sind mit bunten Haaren und bunten Ideen, und tauschen sich aus. Wir durften in diesem Jahr neben einer Lesung und einem Konzert auch gleich noch zwei Workshops leiten: Egge erklärte, wie gewaltfreier, kreativer Protest geht. Ich nahm meine Gruppe mit über das Gelände und erklärte anhand des Fusion-Geländes, wie Nachhaltigkeit funktioniert und wie komplex das Thema sein kann. Und an einem Morgen haben wir sogar Punkeryoga gemacht.

Hangar

Aber eigentlich waren wir nur da, um unsere Freunde aus dem Nordosten und Osten wiederzusehen. Es ist ein wahnsinnig tolles Geschenk, auf diesen Touren Menschen kennenzulernen, die über die Jahre zu Lebensbegleitern werden. Mit denen wir uns alle paar Monate austauschen, mit denen wir uns über tolle Dinge freuen, und mit denen wir aber auch leiden können.

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Und so zogen wir neben dem ernsten Programm eben beim Cross-Golfen über das verlassene Fusion-Gelände, legten zusammen Hits vor der Datscha auf oder standen stundenlang an der Feuertonne und rätselten über dieses Leben. Toll. Traurig. Bewegend. Nie langweilig. Und bei der Kreativität, der Intelligenz und der Lebensfreude der BesucherInnen, die auf dem Ajuca waren, haben wir auch keine Angst, dass die Zukunft grau wird. Es geht weiter.

Sommer 2014 – Grautöne

Was wir in diesem Sommer schon gelernt haben

Es gibt kein schwarz und weiß, nur Grautöne.
Manches hört einfach irgendwann auf, und doch geht es dann weiter. Nur anders.
Geduld ist immer noch wichtig.
Auf diesem Weg, den Egge und ich seit 2006 gehen, haben wir viele Menschen verloren. Aber so viele in unser Herz geschlossen. Danke, dass ihr da seid!
Ein Laptop ist auch nur ein Instrument, irgendwie.
Pfeffi ist echt lecker.
Es geht auch mal ohne Internet.
Die Ostsee ist an manchen Stellen nicht so salzig wie die Nordsee.
Es gibt überall bunte Flecken und in jeder Stadt Menschen mit Herz.
Spargel ist lecker, aber nach einem Monat reicht es dann auch wieder.
Gin-Tonic hilft nicht nur gegen Malaria.
Tee, ob dunkel und grün, schmeckt immer noch.
Familie sind nicht nur die Blutsverwandten.
Spazierengehen ist immer noch politisch.
„Es müsste immer Musik da sein.“

Mai 2014 – Sachsen-Tour

Egge in Glauchau

Wir fahren los mit einem Rollkoffer mehr als sonst im Gepäck. Er ist schwer. Ich hoffe neben der ewigen Rennerei auf Tour jetzt auch etwas für meinen Oberkörper zu machen. Punkrocktraining. Irgendwann bringen wir Fitness-DVDs raus.
Es läuft inzwischen immer Hip-Hop, wenn wir auf Tour sind. Entweder zeigen wir uns die neuesten Lieder der Märchenerzähler oder unsere Gastgeber zeigen uns Highlights wie „Birnenpfeffi Zimt“ von Ronny Trettmann.

Feuerwehrfest Glauchau

In Glauchau stehen alte Häuser, sehr alte Häuser. Und ein Schloss. Ansonsten hat die Stadt ein ähnliches Schicksal erfahren, wie so viele andere Orte am Rande des Erzgebirges. Mehrere Systemwechsel und Fehlinvestitionen später zieht die Jugend weg. Crystal Meth ist neben Alkohol die am meisten benutzte Droge. Aber immerhin gibt es weniger Naziprobleme als früher. Das Café Taktlos behauptet sich als Insel mit bunter Kultur gegen den Verfall: Konzerte, Partys, Lesungen – das Team kämpft für einen Freiraum für Ideen und Lebenseinstellungen. Wir spielen am 30. April gemeinsam mit den netten Aika Akakomowitsch aus Jena in den Mai. Es ist der erste Auftritt für uns mit neuer Technik. Dementsprechend aufgeregt sind wir. Als wir nach einem tollen Abend mit Pfeffi und Lagerfeuer am nächsten Morgen aufwachen, sind die DJs gerade dabei, den Rasen des Hauses zu mähen. Sehr geiler Frühsport. Wir schauen uns die Stadt an, zählen Thor-Steinar-Kleidung (viel), AfD-Wahlplakate (mittel) und Menschen mit anderer Hautfarbe (niemand). Neben dem Asia-Imbiss verkauft ein Nazi-Laden E-Zigaretten. Als wir in den Zug steigen, fängt es an zu regnen.

Mann vor Waldlandschaft

In Zwickau steht eine alte Matratzenfabrik, direkt gegenüber der Innenstadt an dem schönen Fluss Mulde. Das Areal ist verlassen und doch nicht tot. Ein breites Bündnis aus kreativen, bunten Menschen möchte dort gerne ein neues Zentrum errichten. Passend dazu wurden die Graffiti-Künstler von IBUg eingeladen, die Wände schön zu gestalten. Punks, Hip-Hopper, Elektro-DJs, Designer, Urban-Gardening-Menschen und Künstler haben sich zu diesem gemeinsam Projekt zusammengefunden. Als wir uns die Umgebung – eine Art Stadtwald – anschauen, fängt es an zu regnen. Die Tiere drehen durch, und wir hören ihnen zu. Später spielen wir unser erstes Open-Air in diesem Jahr. Es ist wundervoll. Zum Einschlafen zeigt uns die Gastgeberin Lotte noch US-amerikanisches Entertainment: „Movie 43“.

Ansichten

Am nächsten Tag stehen wir in Zwickau auf dem Hauptmarkt. Egge mit einem Papageienkuchen im Bauch, ich mit einer Pizza in der Hand, und schauen uns das alternative Fußballturnier an. Ein Plakat wirbt für die Discothek Memory, ein junges Mädchen trägt ihre Cheerleading-Trainingsjacke, sie heißt „Peaches“. Ein Vater beschwert sich darüber, dass das Team der Erasmus-Studenten nicht gegen die „deutschen Jungs“ gewinnen darf. Der DJ macht einfach Billy Idol lauter. Auf dem Weg zum Bahnhof treffen wir unsere Freunde vom Klub Barrikade, die gerade Bier und Schnaps für das Feine-Sahne-Fischfilet-Konzert bunkern. Es sind viele Kisten. Und wie wir Monchi und die Boys kennen, werden sie alle leer. Mit einer Runde KIZ verabschiedet uns Zwickau. Am Bahnhof kontrolliert die Polizei mit Drogenhunden die Passagiere. Ein offensichtlich Crystal-Meth-Süchtiger läuft in der Bahnhofshalle immer wieder im Kreis. Als wir in den Zug steigen, regnet es immer noch oder wieder. Ich hole mir Knusper Flocken am Automaten.

 Tanzen gegen Beton

Zwei einsame Männer tanzen an der Chemnitzer Oper Jumpstyle. Es sind 5 Grad Celcius, und es regnet. Auf der Suche nach einem warmen Tee in der Innenstadt wenden wir uns in unserer Not nach Babylon: Im Restaurant von Galeria Kaufhof wartet der Tod. Er sieht aus wie ein Renter mit Funktionsweste und hält sich zwei Stunden lang an seiner Apfelschorle fest. Und er glotzt uns zwei Stunden lang an. Daneben sitzt sein Enkel. Rose Wangen, dicker Kopf, große Brille, Baseballkappe, Wohlstandsbauch der zweiten Generation Post-DDR. Auch er schaut uns die ganze Zeit an. Bis ihn seine Großmutter wegzieht. „Lass die dreckigen Männer in Ruhe.“
Das Kompott in Chemnitz ist ein gutes Beispiel für die verrückte Welt der Immobilen-Spekulation in unserem Land. Während in Hamburg, Berlin und zuletzt auch in Leipzig die Mieten stetig nach oben klettern und der Wohnraum in den sogenannten angesagten Stadtteilen immer knapper wird, stehen in Chemnitz ganze Häuserreihen leer. Bei unserem letzten Besuch in Chemnitz im Herbst 2011 lag so etwas wie Hoffnung in der Luft, dass zumindest ein Teil der Stadt mit öffentlicher Hilfe zu einem Freiraum umgewandelt werden kann. Doch nach langem Hin und Her ist klar: Chemnitz bleibt eine Stadt, in der die AktivistInnen alles selbst erledigen müssen. Dass sie es schaffen, sieht man an der erfolgreichen Entwicklung diverser Klubs, Wohnprojekten und Werkstätten.

Kunst, spätestenst in 1000 Jahren

Nadja Fritsches Taxi steht um 6 Uhr vor der Zukunft. Zum Bahnhof sind es zehn Minuten. Eine Fahrtkarte, eine Zeitung, ein kurzes Signal zwischen Egge und mir, dass gerade alles sehr anstrengend, aber auch so gut ist. Das Crashbecken ist weg, der Beckenständer wurde irgendwo vergessen. Wir sind generell zerknautscht. Zu dem Schlachtruf „Crystal, Pfeffi, Ostdeutschland“ haben wir uns verbeugt und sind dann schlafen gegangen. In der Nacht ist einem befreundeten Chemnitzer Paar eine Tochter geboren, ein weiterer Grund, die Stadt schön und bunt und lebenswert zu machen. Wir steigen in den Zug, und fünf Stunden später sind wir zu Hause. Es ist so leise, wenn du nach so einem Wochenende aus der Dusche steigst. Und alle deine lieben Menschen haben in der Zwischenzeit das Leben weiter ohne dich gelebt.

18. September 2011 – Chemnitz – Zukunft im Kompott

Wirtschaft, so heißt es, sei in der Theorie eine Art, Angebot und Nachfrage zu steuern, Mangel zu bekämpfen, Menschen aus Armut, Wohnungsnot, Hunger und Leid zu befreien. Eigentlich. Dann wiederum haben wir in nahezu allen deutschen Großstädten heute den Kampf um bezahlbare Wohnungen, die Gentrifizierung frisst nach und nach jeden lebendigen Stadtteil und verwandelt ihn in austauschbare Altbau-Ghettos mit schmucken Designer-Outlets und Galao-Cafés. München ist schon seit Jahrzehnten durchentwickelt, Hamburg ist fast fertig (Wilhelmsburch wird durch eine Gartenschau ersetzt), Berlin wird bald durch sein (Jaja, der Wedding soll ja gaaaanz groß kommen), in Leipzig, Dresden, Hannover (gerade werden an der Limmerstraße Falafelbude, ein uraltes Modehaus und ein Technikladen geräumt), Bremen etc. spürt man den Trend immer schärfer.

In Chemnitz werden junge kreative Menschen dagegen wie wild gesucht. Du bist Künstler und brauchst riesige Räume zu günstigen Preisen? Du hast eine große Familie mit vielen Kindern? Du möchtest gerne in einer ganzen Etage im Altbau wohnen, mitten in der Stadt? Dann hin da, nach Sachsen. Denn dort, in der ältesten Stadt Deutschlands, stehen ganze Viertel leer. Der Brühl, die ehemalige Vorzeige-DDR-Meile, wirkt verwaist wie nach einer Zombieattacke.

Als wir dort wie durch Zufall an einem regnerischen Sonntag durchschlenderten begegnete uns lange kein Mensch. In den Fenstern hingen keine Gardinen. Fast alles stand leer. Die Wohnungsgesellschaft (the GGG took my Wohnraum away!) möchte nichts vermieten oder zur Zwischennutzung freigeben. Irgendwann kommt sicher der große Investor und kauft den ganzen Stadtviertel. So wie in Dresden. Und bis dahin dürfen die Bewohner der tollen Stadt warten, und viele Initiativen, die mehr Lebendigkeit bringen würden, werden abgeblockt.

Gut, dass es die Menschen aus dem Kompott gibt (oder auch die Beta Bar oder das Atomino oder auch Kraftklub), die nicht stillsitzen wollen und ihrer Stadt ein wenig davon geben, was sie so dringend braucht: eine Zukunft.

PS: Kleine Grußrunde an die Kompotts, Weltechos und Kraftklub-Betreiber:
Reba lebt! Zumindest in unseren Erinnerungen und Herzen*

15. Juli 2011 – Leipzig – Feinkost

Ich mache auch was mit Medien. Das hätte fast jeder Gast sagen können, vor dem wir auf dem Leipziger Feinkost Gelände in der Südvorstadt spielten. Denn vor der Bühne stand mit den Leipziger Journalistikstudenten wohl ein Teil der zukünftigen Medienelite des Landes. Gut also, dass kein investigativer Reporter Fotos von der Semesterendparty gemacht hat.

Gut auch, dass das Semester vorbei war. Denn die meisten wirkten müde und erschöpft. Neben ihren Seminaren und Vorlesungen mussten sie sich in den vergangenen Monaten mit Gerüchten rumplagen, ihr Institut könne komplett umgebaut und vielleicht sogar geschlossen werden. Streits zwischen Lehrenden und Studenten und eine allgemein schlechte Stimmung zog sich so durch die Flure und demotivierte einige so weit, dass sie vorzeitig ihr Studium abbrachen. Nach dem Sommer werden außerdem mehrere Dozenten nicht wieder kommen. Ob aus der Journalistik aber letztendlich ein Lehrstuhl für Umwelt- und Gesundheitskommunikation wird, bleibt offen. Dass der Journalistennachwuchs aber tanzen mit singen kann, haben sie gezeigt. Es besteht weiter Hoffnung um die vierte Macht im Staat.

Wir haben jetzt übrigens ein neues Bandmitglied. Herr Holle ist ein besonders lautes Crashbecken, das sich darauf freut, immer wieder von Egge mit Sticks gehauen zu werden. Ein erster Schritt in Richtung organischer Sound. Demnächst machen wir nur noch Singer/Songwriter.