2. Oktober 2015 – Erfurt, Hamburg, Notaufnahme, Bremen

Boys in der Bahn am Bahnhof Fulda.

Krass. Genau einen Monat ist die Reise nach Erfurt und Hamburg her. Es ist die bisher längste Beatpoeten-Reise für mich. Eine Reise in Städte, zu Menschen, zu mir selbst vielleicht. Denn die Konzertausflüge verliefen dann doch wieder etwas anders als geplant.

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Zunächst schauen wir in Erfurt vorbei. Die Gewerkschaft kümmert sich dort längst nicht mehr nur um Lohnforderung und Kündigungsschutz. AfD-Höcke peitscht dort jeden Mittwoch besorgte Bürger und Neonazis durch die Innenstadt und ist damit so erfolgreich, dass er später beim Jauch sitzen darf und eine Deutschlandfahne verkehrt herum auf seine Armlehne drapiert. Hui, dieser Höcke, der sich auf Stauffenberg beruft und zum Widerstand aufruft. Seine Anhänger verstehen ihn direkt. Die Gegendemonstranten werden gezielt angegriffen. Unsere Gastgeber im Filler tragen tatsächlich Schrammen und Beulen. „Ich geh nicht mehr ohne Pfeffer raus“, erklärt uns ein Gast. „Wir brauchen Sportgruppen.“ Deutschland, 2015. Der Selbstschutz von Antifaschisten scheint vor allem in Sachsen und Thüringen absolut notwendig.

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Wir spielen ein Konzert für Refugees. Einmal Stonerrock, einmal Punk begleiten uns. Die Geflüchteten kommen langsam rein, tanzen dann aber auch. Wir schunkeln mit alten Bekannten und Freunden und versuchen, einfach nur Kraft zu geben. Die Wochen später wird Erfurt neben Dresden zur Vorzeigestadt der besorgten Bürger. Die Neue Rechte feiert den Schulterschluss der AfD und Neonazis in der Stadt. Nach dem Modell laufen Demos in Magdeburg, Hamburg und Rostock. Andreas Speit erklärt die Strategie in der taz.

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Wir schlafen in einer herrlichen Pension, erinnern uns an Wagenplatzfeiern und Poetry Slams, Buko und Textfestivals in Erfurt und sitzen wieder in der Bahn. Besuchen das Ihme-Zentrum und freuen uns auf ein Wiedersehen mit Supershirt. Die Audiolith-Band hat uns lange begleitet. Wir spielten in deren Vorprogramm im Kulturzentrum Faust, im Kellerklub Stuttgart und trafen das Duo und Trio in der Glocksee, bei der Fusion auf Leipziger Flohmärkten. Nach zehn Jahren zieht die Band den Stecker. Mehr Ruhe. Guter Ansatz. Wir wollen uns verabschieden, schleichen uns ins Molotow, tanzen mit. Einmal noch.

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8000 Mark. Irgendwas ist immer. Ich springe nach zwei Sekt dann doch einmal von der Bühnenkante. Früher waren die Punker kräftiger. Früher waren Studenten vielleicht auch einfach öfter beim Sport. Nun ja. & das nüchtern. Costa holt ein Taxi. In der Notaufnahme gibt es drei Schmerztabletten. Liegen, kühlen, abwarten.

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Das Abwarten dauert zwei Wochen. Wir müssen die Lesung und das Konzert beim Twisted Chords-Labelfest in Leverkusen absagen, Diskussionsveranstaltungen, Moderationen, Jobs. Stattdessen lieg ich mit einer Beckenprellung im Bett und warte bei jedem Pizzaboten direkt mit dem Telefon an der Tür, weil ich es nicht rechtzeitig vom Bett zur Tür schaffen würde. Ja, Demut ist ein großes Wort. & man kann sie lernen. Ich verspreche Costa, irgendwann Gymnastik zu machen.

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Zwei Wochen später läuft in Bremen eine Poetry Slam-Landesmeisterschaft. Viele Bekannte turnen vor der Bühne rum. Ich hänge eingeknickt wie ein zu cooler Hipster im Raum und versuche zumindest ein wenig zu stehen. Das Lagerhaus ist ein schöner Laden, wir waren schon öfter da. Nur diesmal ist es schwierig. Ich muss tatsächlich kämpfen, verbiete mir Sprünge und Ausfallschritte. So eskaliert wohl Roland Kaiser. Costa beschließt, nie wieder mit mir in so einem Zustand aufzutreten, also verordnen wir uns Ruhe und denken auf LP-Cover rum. Dieses schafft es leider nicht:

Cover

Mittlerweile kann ich wieder laufen. Ich erreiche knapp abfahrene Busse und denke zu laut über Yoga-Kurse nach. Es läuft. Die Ibus hab ich aufbewahrt. Kann man immer gut gebrauchen. Wir spielen noch zwei Konzerte in diesem Jahr. Einmal mit Klavier in Hannover, dann mit Gewalt in Zwickau. Schonen wir uns nun? Ich glaube nicht. Dafür macht der Kram mit euch einfach zu viel Spaß.

Was bleibt?

Ich hab endlich meine Krankenkassenkarte aktualisiert – jetzt mit Bild!
Crime-Serien von Castle bis The Metalist sind gar nicht soo scheiße.
Beckenständer sind besser als Krücken, denn sie sind höhenverstellbar.
Ich brauche dringend einen Hausarzt.
Das Alter ist großartig – man hat jetzt Chirurgen im Freundenkreis (Ihr seid die besten!).
Der neue Asterix ist okay.
Obst, ey. Gut!

Juli 2015 – Bremen und München

Cooler Egge ist cool.
Cooler Egge ist cool.

Sonntag, abends – München

Irgendwo in den reichen Vororten von München kamen wir langsam wieder runter. Im Autoradio besang Enrique Iglesias einen Helden, und die Autotüren waren nicht richtig geschlossen. „Inshalla“, sagte ich. „Was willste machen? Kannste nichts machen.“ A. manövrierte uns geschickt zwischen den Porsches, BMWs und Mercedes-Limousinen durch, bis zu einer typisch bayerischen Oase. Auf einem Hügel über der Isar stand dieser Biergarten. Davor noch mehr Luxusautos, komisch getunete Motorräder und eine übergroße Statue von Bavaria mit einem Gesicht von Franz-Josef Strauß. „Das ist so geil München hier“, sagte S. und zeigte auf eine Gruppe gelangweilt aussehender Tweens, alle mit weißen Hemden und kurzen Hosen in Farben, die Lachs, Mauve oder Babyblau genannt werden. Die niederländische Blues-Band coverte große US-Hits, und auf den Tischchen standen Amerika-Flaggen. Hier wurde der Independence Day gefeiert. Auf unsere überschwänglichen „USA“-Rufe zwischen den Liedern stimmte ein rotgesichtiger Voll-Bayer mit Cowboy-Hut ein. Krasses Wochenende.

Dadada da!
Dadada da!

Samstag, morgens – Bremen

Die Hühner in dem Verschlag schauen mich neugierig an. Die Sonne geht gerade auf, und vor dem Zaun streiten sich zwei Betrunkene um einen Döner. Egge liegt irgendwo in einem der Bauwagen und schnarcht. Auf dem ganzen Platz ist eine Stille, die nur von den vorbeifahrendenen Zügen unterbrochen wird. Ich habe die Nacht durchgemacht, es ist viel zu heiß zum Schlafen. Und Egge geht nicht an sein Handy. Auf dem Weg hierher, vorbei am alten Güterbahnhof Bremens konnte ich das reiche Deutschland begutachten. In jeder Ritze, unter jedem Dach lagen die Wohnungslosen in selbst gebauten Hüten, in Zelten oder unter freiem Himmel. Während der Hafen der Hansestadt zu einem der wohlhabendsten Viertel Norddeutschlands umgebaut wird, findet man hier die echte Armut. Und dazwischen den Bauwagenplatz und das Kulturzentrum Spedition, auf dem wir vor vielen Stunden unsere Punk-Rock-Lesung gemacht haben. Ich wecke Egge, und wir gehen zum Bahnhof: Sechs Stunden Zugfahrt bis München liegen vor uns.

Samstag, abends – München

Nach zwanzig Minuten kommt der Strom wieder. Mitten im Set fiel die ganze Anlage auf der Bühne aus. Einfach so. Wir klatschten und sangen weiter, das Publikum half uns. Als dann der Beat wieder reinkommt, wird gekreischt und geklatscht und gejohlt. Wir schwitzen und freuen uns. Das Kafe Marat in München ist unsere Homebase in der bayerischen Hauptstadt. Tolles Essen, tolle Stimmung, tolle Menschen. Der Abend wird gekrönt von dem DJ, der ausschließlich mit 7-Inch-Platten Hits aus den 80er-Jahren auflegt. Alle zeigen ihre geheimsten Moves und Tanzschritte. Wahnsinn. Mit der letzten Kraft schleppen wir uns zur Isar, ziehen uns nackt aus und springen in das kalte Wasser. Als wir auftauchen, steht da eine Blues-Band und zaubert Klassiker auf ihren Instrumenten. Dieses München, verrückt.

Konfetti sorgt für Hausverbot.
Konfetti sorgt für Hausverbot.

Freitag, abends – Bremen

Das Meet the Needles Festival in der Bremer Spedition ist ein Treffpunkt für Tätowierer, Künstler, Punkies und den üblichen Feierexperten, die Lust haben, auf Buntes, Tombola, Dosenwerfen und geile Musik. Wir machen die Einheizer und verschwinden dann zum Soli-Pfeffi. Die Hitze ist stärker als wir, wir kühlen uns in einem Babyplanschbecken. Egge gewinnt bei der Tombola eine pinke Kunstlederjacke und lacht wie ein kleiner Junge.

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Nazi-Dosenwerfen in Bremen.

Überall finden wir diese schönen Momente mit tollen Menschen. Wir haben ein so großes Glück, diesen Weg gehen zu dürfen. Wir verbeugen uns und sagen Danke! Wir hoffen, dass wir euch alle bald wiedersehen. Kuss.

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Hoch hinaus bei den Tätowierten.

 

Nachtrag vom Egge:
Ich steh ja vor allem auf die Musik bei unseren Ausflügen. In Bremen waren da ein DJ-Paar, irgendwo aus der Schweiz. Da kam ich mit meinem Kim Wilde-Halbwissen nicht weit. Superjungs, hab leider den Namen vergessen. Dafür absolut zu empfehlen: 100 Blumen. Kennt ihr ja. Einer der Halunken hat letztes Jahr mal in Düsseldorf im Linken Zentrum Krawall gewordene Musik aufgelegt. Die Ohren bluteten, wir verstanden uns. Nun also mit Band. Wäre die Technik nicht so herrlich besoffen gewesen, wäre mein Kopf vermutlich voller Glück explodiert. Es tut mir leid, dass ich Euch alle anschließend umarmen musste. Für Trashley war ich leider schon zu oft beim antifaschistischen Dosenwerfen. Gute Sache: man klebt die örtlichen Nazifressen auf Dosen und kassiert für jeden Wurf mit ner Art Minisandsack Geld für Projekte. Ich hab irgendwann doch gewonnen – eine Adriano Celentano-Platte, die ich den betrunkenen Technikern schenkte. Guter Abend. Schade, dass der Costa bei den Hühner gepennt hat. Tschuldigung. Kommt nicht wieder vor.

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Baden in München

Die Musikentdeckung in München hieß: Levitations. Die Band aus Berlin kam mit Mülltüte angefahren und präsentierte sich erst herrlich New Wave Punk Dingens-mäßig und zack: plötzlich werden Instrumente getauscht & klassischer Punkrock läuft. Sehr sympathisch. Haben auch direkt ein Loch in die Bühne getreten. Höhepunkt des Abends für mich: endlich ein Lady Gaga-Shirt in der Freebox, dazu Vleischpflanzerl mit Stampf & nächtliche Arschbomben. Letzte Worte zum Abend: holt Euch mehr Tattoos vom Ex-Chemnitzer. Guter Typ. München, was bist du für eine herzliche Gemeinde. Dankeschön.

April 2015 – Wermelskirchen und Buchhagen

Selfie Boys in Remscheid

Das Leben auf Tour fordert eine Einstellung, die der Personalmanager unseres Vertrauens sicher als Soft Skills bezeichnen würde. Es ist eine Melange aus Spontaneität, Flexibilität und Offenheit. Der Blick aus dem Fenster der Züge und Busse, die wir immer zu den Auftritten nehmen, und ein Blick in die Zeitungen und Zeitschriften, in die Social Networks und die zahlreichen Nachrichten, SMS, Messages, Tweets setzt eine unfassbar hohe Verarbeitungskraft voraus. Ganz ehrlich, uns glüht der Kopf und das Herz, wenn wir sonntags von unseren kleinen Abenteuerurlauben nach Hause kommen. Post-Tour-Loch nennen das manche unserer Kollegen, und sie haben recht. Das Geballer wird ja tendenziell auch nicht weniger. Nur die Namen ändern sich, die Memes, die Überraschungen, positiv und negativ. Hier unser Bericht aus dem Wahnsinn, den manch einer Deutschland nennt.

Wuppertal City

Wuppertal ist eine kaputte Stadt. Direkt am Hauptbahnhof klafft eine riesige offene Wunde, als habe jemand einen Teil der Innenstadt einfach ausgestochen. Auf dem Bahnsteig werden wir von einem Crystal-Meth-Süchtigen angesprochen. Freundlich, siezend, aber bestimmt: „Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“ Wir reichen ihm sofort ein paar Münzen. Angebot und Nachfrage halt. Am Süßigkeitautomaten kauft eine rauchende Frau ihrem vierjährigen Sohn eine Cola. „Danach bist du aber ruhig.“ Uns treffen die Blicke der Kleinstadtfaschos und Männer mit zu viel Testosteron. Egge berauscht sich am Bild der Schwebebahn, für die diese spannende Stadt neben Wim Wenders und Pina Bausch so bekannt ist.

Achtsamkeit, diesdas

Bis wir im AJZ Wermelskirchen ankommen, durchqueren wir mit einem Linienbus das Bergische Land. Die Häuser tragen dunkle Schieferplatten. Fast alle. Die Menschen sind freundlich und helfen uns, den richtigen Bus oder unseren Auftrittsort zu finden. Ein junger Mann begleitet uns sogar vom Busbahnhof bis zum AJZ. Er mache sogar selbst Musik und habe als Billy-Talent-Coverband angefangen. Auf der Skateboardrampe vor dem Klub schwingen sich drei Teenager mit ihren Trittbrettern in die Höhe, die Sonne geht am Horizont über Remscheid unter. Es ist endlich Frühling, und dieser Laden scheint eine dieser Perlen zu sein, auf die wir nie vorbereitet sind: Engagierte, humorvolle und super freundliche Menschen, die an Kultur glauben, an Freiräume, an Musik. Die daran glauben, dass Punk nicht nur Drei Akkorde, schlechte Laune und Populismus bedeutet, sondern eine Offenheit im Miteinander und mit der Kunst. Deswegen stehen mit uns auf der Bühne die tollen Bands naive und Static Me aus Köln, die jeweils ganz eigene, mitreißende und tanzbare Gitarrenmusik bringen. (Unbedingt buchen, ihr Booker da draußen.) Der Headliner The Guilt aus Schweden zeigen dann auch, wie frei man ist, wenn man das macht, worauf man Lust hat. Das Duo macht eine aerobic-fähige Mischung aus Punk, Hip-Hop und Elektro. Die beiden schwitzen und brüllen und tanzen wie wild, und nach ihrem Auftritt kann man sich schön entspannt mit ihnen über Kultur, Bildung und Infrastruktur unterhalten. Eine tolle Begegnung.

Sensible Künstler und so

Zurück in Hannover an einem Samstag mit Fußballheimspiel schaut uns der Arbeitsalltag kurz ins Gesicht, es ist aber ein freundlicher Blick. Die wenigen freien Stunden nutzen wir für das, womit wir unsere Miete zahlen, bevor wir uns abends in einem Auto auf der Fahrt in die niedersächsische Provinz wieder finden. Es geht in die Kulturmühle in Buchhagen, zu einem Poetry Slam. Das Kulturzentrum ist Teil einer kleinen Kommune mitten in einer wunderschönen Wald- und Berglandschaft. Verträumt schauen wir auf die Bäume und planen unseren nächsten Wanderurlaub hier. Dann dürfen wir das musikalische Rahmenprogramm eines sehr intimen, wundervollen und nachdenklich machenenden Slams geben. Es ist der schöne Abschluss einer wilden Tour. Wieder in Hannover angekommen, schauen wir uns die Horden an Feiernden an, die durch unseren Stadtteil ziehen. Wir legen uns lieber hin. Der Kopf ist voll, das Herz ist müde, das Bett ruft. Vielen Dank!

27. und 28. Februar – Leipzig und Hamburg

Dem Klaus sein Haus…

Reudnitz, Perle von Leipzig. An der Bushaltestelle sitzen die Jungs mit den Deutschland-Cappies und der Thor-Steinar-Jacke und machen Spuckefützen. Ein paar Meter weiter exen zwei Jugendliche gerade eine Flasche Pfeffi. Das Klaushaus ist direkt voll. Zahlreiche kritische Menschen lauschen andächtig unserer neuen Lesung „Opfer lesen Battle-Rap“. Besonders bei der Zurschaustellung vermeintlicher maskuliner Stärke wird gekichert. Eine tolle Premiere. Dann verlieren sich die Erinnerungen. Wir waren wohl zu aufgeregt. Kultur in Reudnitz kommt. Wir bekennen uns schuldig als Teil der Gentrifizierung und essen zur Nachtruhe noch schnell Veggie-Bratwürste.

Egge und Essen

Hauptbahnhof Bitterfeld, leerer Himmel, blühende Landschaften. Eine bayerische Frau empört sich, dass nicht angezeigt wird, wo sich die erste Klasse des Zugs nach Hamburg befindet. Sie motzt und gibt gerne die arrogante Wessi. Der freundliche Sachse mit der Baskenmütze neben ihr nimmt ihr erst die Wut und erklärt ihr dann in wenigen Sätzen den Strukturwandel seit den 1950er-Jahren. Ein Gleis weiter stehen die Polizisten in Kampfanzügen. Hansa Rostock spielt heute in Halle. Ein typischer Samstag halt.

Du bist, was du isst.

Im Zug setzt sich keiner neben uns, weil Costa die ganze Zeit seine vergoldete Panzerkette von der Hip-Hop-Lesung trägt. Die hat als Meterware im Baumarkt immerhin 1,56 Euro gekostet. Draußen scheint die Sonne. Wir holen uns die praktischen Lebenstipps wieder einmal von Donald Duck.

Bekennende Donaldisten

In Hamburg scheint immer noch die Sonne. In Hamburg! Also schnell Veggie-Schnitzel in unserer Lieblingskneipe, dem Feldstern auf der Schanze, dann ab an den Hafen. Doof auf Schiffe gucken, sonnen, nachdenken, sich freuen über so ein anstrengendes Tourwochenende. Läuft bei uns.

Poet vor Flusslandschaft

Im Centro Sociale ist Geburtstagsparty, und wir dürfen den Opener machen. Viel Bumbum, einige wirbeln ihre Haare durch die Luft. Dann ist wieder alles vorbei, und wir trinken Cocktails mit Radieschen und Basilikum. Ein tolles DJane-Duo legt Hip-Hop auf. Samstagabend in Hamburg. Eine krasse Woche geht mal wieder vorbei, und wir planen die Aufnahmen der letzten Lieder fürs neue Album. Arbeit, ne?!

29./30. August 2014 – Hämerten und Aschaffenburg

Die Elbe

Am Bahnhof in Stendal wirbt eine private Agentur für Jobs für Tagelöhner. Die Linden auf dem Platz schimmern orange im wunderschönen Licht. Es sieht nach Sommer am Mittelmeer aus, nur es riecht nicht so. „Stell dir vor, hinter dem Bahnhof liegt das Meer.“ „Ja, aber dann bitte nicht so kalt“, sagt Egge.

Unsere Shuttlefahrerin kommt mit einem tiefer gelegten Opel, hinten zwei Kindersitze. Sie fährt 100 km/h durch den Ort und ist nicht angeschnallt. Wir fahren fünzehn Minuten durch einen Wald, ohne einmal an einem Licht vorbeizukommen.

Unser Auftritt hat einen der Securitys genervt. „Das war so Musik für einen Herzinfarkt. Aber Stimmung haben die beiden Popper ja jemacht.“

Der Dackel

„Das Wasser ging bis hier, kurz vor’s Haus.“ Vor uns erstreckt sich das Elbufer mit seinem ökologisch so wertvollen Strand, einem Paradies für Pflanzen und Tiere. Vor knapp einem Jahr war dieses Gebiet ein Meer. Nahezu endlos erstreckte sich das Hochwasser, überspülte Straßen, Häuser, ganze Dörfer. Hier in Hämerten kamen die Menschen noch einigermaßen glimpflich davon. Doch die Folgen spüren die Menschen bis heute.

Es ist ein besonders schöner Nebeneffekt, dass wir auf unseren Reisen durch das deutschsprachige Europa immer wieder mit der Zeitgeschichte in Berührung kommen. So führte uns die Einladung zur ersten Ausgabe des Hin und Wech Festivals in die Nähe von Stendal aufs Land. Wir würden uns freuen, wenn wir mit unserem Konzert und der Lesung dabei geholfen haben, das Festival in der Region zu etablieren. Es sollte definitiv wieder gemacht werden!

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Das Wolfsburg

Wir sitzen irgendwann in einem Pick-up-Truck, der kurzgeschlossen wurde. Die Vorderamatur fehlt. Ein Dackel sitzt in der Mitte und schaut aus dem Frontfenster. „Das ist Amok“, sagt der Beifahrer. „Oder Ludwig-Amok von Beckenschneider.“ Es geht wieder mit 100 km/h über die Landstraße. Wir singen 90ies-Techno-Lieder.

Auf dem Wolfsburger Bahnhof fährt kein Zug mehr Richtung Süden. Der Grund dafür, wie es in der politisch korrekten Sprache der Bahn heißt: erst Personen im Gleis, dann wenig später polizeiliche Ermittlungen. Samstag ist Selbstmord, singt Tocotronic.

Die Verpflegung

Nach sieben Stunden in verspäteten Zügen kommen wir in Aschaffenburg an. Das Stadtfest schauen wir uns durchs Autofenster an. Es läuft The XX, ruhigstellend. Draußen laufen die Menschen mit Fantasietrachten herum. Das Stern ist wohl die einzige alternative Kneipe in Aschaffenburg. Hier werden Konzerte, Lesungen, tolle Partys gefeiert. Die Menschen hier schaffen sich ihr buntes Aschaffenburg selbst. Toll! Es ist unser zweiter Besuch in der Stadt in diesem Jahr. Wir möchten gerne immer wieder kommen.

Im Zug nach Hannover lese ich ein Zitat von Eric Hobsbawm: „(Historische) Veränderungen ergeben sich nicht aus ihrer objektiven Wünschbarkeit oder Notwendigkeit, sondern nur nach langem, zähem Kampf.“ Ich schaue mir die Kratzer und blauen Flecken auf meinen Armen an. Die Spuren eines Umzugs. Egge und ich schauen uns an: „Urlaub wäre mal geil.“ „Ja, ein paar Tage mal gar nichts tun.“

11. bis 13. Juli 2014 – Nord-Süd-Tour

Die Frisur sitzt, der Mond scheint. Läuft.

Was für eine beschissene Idee dieses Wochende: Freitag Auftritt in Mecklenburg, Samstag Punkerlesung in Baden-Württemberg. Ich könnte unserer Bookerin Ayse Hogefeld den Hals umdrehen.

Die Tour beginnt in Hannover im Zugabteil mit einem Jäger, der uns stolz erzählt, wie geil man in Südafrika Tiere schießen kann. „Aber sehr gefährlich sonst da. Viele Arme.“ Aha! In Hamburg steigen wir in einen Mietwagen. Egge hat den billigsten reserviert. Es ist ein günstiges Cabrio. Mit Joe Cockers Version von „With a little Friend“ rasen wir nach Mecklenburg. Ja, das ist auch irgendwie Punk. Oder so.

[Einschub Egge: Reisen bildet. Costa und ich sind noch nie in unserem Leben Cabrio gefeiert. Es trifft einen Fiat. Bei etwa 90 Sachen öffnen wir das Verdeck. Geil. Ich beschleunige auf 140. Der Wind nervt. Costa soll das blöde Dach zumachen. Geht aber nicht. Wir fluchen und fluchen. Blöder Fiat. Blödes Cabrio. Erst viel später lassen wir uns erklären, dass Cabrios nur im Stillstand Verdecke öffnen und schließen. Muss einem doch gesagt werden.]

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„Ich spring von Level zu Level zu Level.“ Marteria

Das Burning-Summer-Festival in Neustadt/Glewe gleicht einer Partyburg für Punker und Skafans. Egge kann sein ganzes Wissen aus der Abiturszeit herauskramen und bei Sondaschule mitsingen. Ein Mann hat sich als Penis verkleidet und hüpft über das Gelände. Ein anderer sieht aus wie ein Pokémon. Wir stellen uns als After-Show-Act auf die selbstgezimmerte Bühne, und schon die erste Betrunkene findet es scheiße. „Kann ich mir bei euch Lieder wünschen?“ „Ja, klar. Warte bitte nur, bis wir fertig sind.“ Ein komischer Blick, und schon haben wir unseren ersten Feind. Wir spielen ein hartes, verzerrtes Set, knutschen die liebevollen Gastgeber und sind schon wieder auf der Autobahn in Richtung Hamburg.

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[Einschub Egge: Erst Tage später entspinnt sich bei Facebook eine Diskussion. Es fehlten wohl 300 Besucher, das Festival ist finanziell in Nöten. Und man diskutiert: Line-Up? Platz? Mecklenburg? Besser der toughen Sterni-Crew mehr Bier klauen? Wir kennen die Diskussion und manchmal ist es einfach schwierig. Klar, mit Talco, Crackhuren, COR und Gelöt bekäme man in Hamburg 2000 bis 3000 Leute zusammen. Richtig. Aber wer braucht das? Wir fahren nicht umsonst ins tiefste Mecklenburg. Denn genau dort braucht es alternative Musikangebote. Nicht weil Punk unbedingt so geil ist, sondern weil diese Angebote einfach nötig sind, manchmal überlebenswichtig. Ich bin in den frühen Neunzigern in Mecklenburg aufgewachsen und mancher meiner Mitschüler, der später lupenreiner Nazi wurden, hätte ein solidarisches, faires und achtsames Festival wie das Burning Summer vielleicht ins normale Weltbild taumeln lassen. Vielleicht braucht es ein paar Bands weniger, aber das Herzblut ist nicht umsonst vergossen. Wie heißt es manchmal bei kniffligen Demomomenten: Hier seid ihr genau richtig! Schön, dass es euch gibt.]

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An der Tankstelle in St. Georg steht eine Frau und erzählt uns, dass sie den Geruch von Benzin liebt. Dann zündet sie sich eine Zigarettte an und schaut Egge beim Tanken zu. Wir stellen das Auto in der Parkgarage ab, holen uns ein eiskaltes Bier und hetzen zum Bahnhof. Die Wochenendvampire wuseln zwischen Pizzaladen und McDonalds hin und her. Die Stimmung ist aggressiv. Unser Zug fährt ein, wir ergattern ein Abteil und legen uns hin. Die Sonne geht gerade über dem Hafen von Hamburg auf.

Hamburg, du alte Kackstadt.

Wir wachen in Stuttgart auf. Es nieselt. Der Bahnhof mit seiner Baustelle und die Samstagvormittag-Wir-gehen-in-die-City-Shoppen-Menschen. Die Polizei mustert uns, hat aber wohl ausnahmsweise keine Lust, uns zu kontrollieren. Mit der S-Bahn geht es raus nach Herrenberg zum New Direction Festival. Wir hängen im Kulturschock zwischen Norddeutschland und dem Süden. Es erwarten uns Punks. Verschlafene Punks, die sich mit Bier den Mund nach dem Zähneputzen spülen.

Das JuHa Herrenberg ist eine geile Oase. Unsere Lesung ist der Auftakt für den Samstag. Draußen wird geskatet, Fußball gespielt und ein Bandwettbewerb veranstaltet. Straight-Edge- gegen Suffpunk-Band. Keine Ahnung, wer gewinnt. Ich lege mich auf den Rasen schlafen.

„Wir können unsere Instrumente nicht, doch das ist uns egal. Zum Glück sind wir nicht Sigur Ros, sondern Mühlheim Asozial.“ MA

Das Line-up ist geil. Bands aus Spanien, Italien, Frankreich England sind da. Als Höhepunkt zerrupen die unglaublichen Belgrado die Halle. Danach ist Punkerdisko und Pfeffi-Saufen mit der Leipziger Crew angesagt. Ich bringe Egge ins Bett, da ist es schon Morgen. Müde schleppen wir uns wenig später wieder zum Zug. Steigen ein und reisen zurück in unseren Alltag. Einmal quer durch Deutschland. Mit letzter Kraft schleppe ich mich zu meinen Eltern aufs Sofa. Es läuft das Finale zwischen Deutschland und Argentinien. Ich bin total übermüdet, das Herz ist sehr schwer, eine Träne hängt mir im Auge. Was für eine gute Idee dieses Wochenende.

4. und 5. Mai 2012 – Bremen und Leipzig

Kalt ist es auf dem Oberdeck der MS Stubnitz im Bremer Hafen. Das Partyschiff liegt normalerweise in Rostock. Aber für wenige Wochen ist Bremen sein neuer Hafen und für uns die erste Station an diesem Wochenende, an dem wir unser neues Album „Man müsste Klavier spielen können“ präsentieren dürfen. Im Bauch des Schiffs ist nämlich eine Disko untergebracht, die manchen Großstadtklub fast nebenbei verblassen lässt.

Die Crew nordet uns sofort ein: „Nein, ihr seid noch nicht betrunken, der Boden ist schräg.“ Bordhund Krause nutzt seine großen Augen schamlos aus, um zu gieren. Und Hauptact Hasenscheisse macht uns eifersüchtig, weil sie besser riechen, besser aussehen, richtige Instrumente spielen und richtige Witze machen können. Tolle Jungs!
Wir werden am nächsten Morgen wach, als ein Ausflugsdampfer die Weser entlang schippert. Die Wellen bewegen das Schiff sanft. Von der Koje aus sieht man das Wasser und ein Segelboot. Draußen riecht es nach See und nach dem Hopfen der Brauerei gegenüber.

Es ist Samstag. Die Deutschen verbringen diesen am liebsten im Stadion, im Baumarkt und in irren Gangs mit abgestimmter Kleidung als Junggesellen(innen)abschied. Acht dieser volltrunkenen und zwangslustigen Rudel begegnen uns auf dem Weg vom Bremer Hafen bis zum Atari in Leipzig. Sie tragen grüne Perücken, Wikingerhelme, Elfenantennen, gleiche T-Shirts auf denen „Was, Tino heiratet? Ich bin nur zum Saufen hier“ steht oder auch mal Fantasieuniformen. Die Kleidung der Junggesellen und Jungesellinnen schwanken zwischen Dorftrash und germanischem Prolltum. Eine Folter für die Tragenden und uns sind sie immer. An dieser Stelle soll das Phänomen noch einmal gesondert betrachtet werden.

In Leipzig-Reudnitz kann man schonmal auf die Fresse kriegen. Von Nazis oder Prolls. Oder Prollnazis. Der Stadtteil wurde weltberühmt durch Clemens Meyers „Als wir träumten“ – meine Einstiegsdroge, als ich 2010 nach Leipzig zog. Knapp zwanzig Jahre nach der Wende taten sich hier einige Menschen zusammen, um mit dem Atari ein eigenes, autonomes Wohnprojekt zu starten. Wir durften bei der Vierjahresfeier am Samstag zwischen Punkbands und DJs aus Tel Aviv die Brücke schlagen. Eine riesige Bambule im Keller und in der Wohnung darüber. Für Vierjährige war das Atari ganz schön frech zu uns. Dafür gibt’s das nächste Mal Wunderkerzen und Kuchen.

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