2. Oktober 2015 – Erfurt, Hamburg, Notaufnahme, Bremen

Boys in der Bahn am Bahnhof Fulda.

Krass. Genau einen Monat ist die Reise nach Erfurt und Hamburg her. Es ist die bisher längste Beatpoeten-Reise für mich. Eine Reise in Städte, zu Menschen, zu mir selbst vielleicht. Denn die Konzertausflüge verliefen dann doch wieder etwas anders als geplant.

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Zunächst schauen wir in Erfurt vorbei. Die Gewerkschaft kümmert sich dort längst nicht mehr nur um Lohnforderung und Kündigungsschutz. AfD-Höcke peitscht dort jeden Mittwoch besorgte Bürger und Neonazis durch die Innenstadt und ist damit so erfolgreich, dass er später beim Jauch sitzen darf und eine Deutschlandfahne verkehrt herum auf seine Armlehne drapiert. Hui, dieser Höcke, der sich auf Stauffenberg beruft und zum Widerstand aufruft. Seine Anhänger verstehen ihn direkt. Die Gegendemonstranten werden gezielt angegriffen. Unsere Gastgeber im Filler tragen tatsächlich Schrammen und Beulen. „Ich geh nicht mehr ohne Pfeffer raus“, erklärt uns ein Gast. „Wir brauchen Sportgruppen.“ Deutschland, 2015. Der Selbstschutz von Antifaschisten scheint vor allem in Sachsen und Thüringen absolut notwendig.

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Wir spielen ein Konzert für Refugees. Einmal Stonerrock, einmal Punk begleiten uns. Die Geflüchteten kommen langsam rein, tanzen dann aber auch. Wir schunkeln mit alten Bekannten und Freunden und versuchen, einfach nur Kraft zu geben. Die Wochen später wird Erfurt neben Dresden zur Vorzeigestadt der besorgten Bürger. Die Neue Rechte feiert den Schulterschluss der AfD und Neonazis in der Stadt. Nach dem Modell laufen Demos in Magdeburg, Hamburg und Rostock. Andreas Speit erklärt die Strategie in der taz.

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Wir schlafen in einer herrlichen Pension, erinnern uns an Wagenplatzfeiern und Poetry Slams, Buko und Textfestivals in Erfurt und sitzen wieder in der Bahn. Besuchen das Ihme-Zentrum und freuen uns auf ein Wiedersehen mit Supershirt. Die Audiolith-Band hat uns lange begleitet. Wir spielten in deren Vorprogramm im Kulturzentrum Faust, im Kellerklub Stuttgart und trafen das Duo und Trio in der Glocksee, bei der Fusion auf Leipziger Flohmärkten. Nach zehn Jahren zieht die Band den Stecker. Mehr Ruhe. Guter Ansatz. Wir wollen uns verabschieden, schleichen uns ins Molotow, tanzen mit. Einmal noch.

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8000 Mark. Irgendwas ist immer. Ich springe nach zwei Sekt dann doch einmal von der Bühnenkante. Früher waren die Punker kräftiger. Früher waren Studenten vielleicht auch einfach öfter beim Sport. Nun ja. & das nüchtern. Costa holt ein Taxi. In der Notaufnahme gibt es drei Schmerztabletten. Liegen, kühlen, abwarten.

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Das Abwarten dauert zwei Wochen. Wir müssen die Lesung und das Konzert beim Twisted Chords-Labelfest in Leverkusen absagen, Diskussionsveranstaltungen, Moderationen, Jobs. Stattdessen lieg ich mit einer Beckenprellung im Bett und warte bei jedem Pizzaboten direkt mit dem Telefon an der Tür, weil ich es nicht rechtzeitig vom Bett zur Tür schaffen würde. Ja, Demut ist ein großes Wort. & man kann sie lernen. Ich verspreche Costa, irgendwann Gymnastik zu machen.

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Zwei Wochen später läuft in Bremen eine Poetry Slam-Landesmeisterschaft. Viele Bekannte turnen vor der Bühne rum. Ich hänge eingeknickt wie ein zu cooler Hipster im Raum und versuche zumindest ein wenig zu stehen. Das Lagerhaus ist ein schöner Laden, wir waren schon öfter da. Nur diesmal ist es schwierig. Ich muss tatsächlich kämpfen, verbiete mir Sprünge und Ausfallschritte. So eskaliert wohl Roland Kaiser. Costa beschließt, nie wieder mit mir in so einem Zustand aufzutreten, also verordnen wir uns Ruhe und denken auf LP-Cover rum. Dieses schafft es leider nicht:

Cover

Mittlerweile kann ich wieder laufen. Ich erreiche knapp abfahrene Busse und denke zu laut über Yoga-Kurse nach. Es läuft. Die Ibus hab ich aufbewahrt. Kann man immer gut gebrauchen. Wir spielen noch zwei Konzerte in diesem Jahr. Einmal mit Klavier in Hannover, dann mit Gewalt in Zwickau. Schonen wir uns nun? Ich glaube nicht. Dafür macht der Kram mit euch einfach zu viel Spaß.

Was bleibt?

Ich hab endlich meine Krankenkassenkarte aktualisiert – jetzt mit Bild!
Crime-Serien von Castle bis The Metalist sind gar nicht soo scheiße.
Beckenständer sind besser als Krücken, denn sie sind höhenverstellbar.
Ich brauche dringend einen Hausarzt.
Das Alter ist großartig – man hat jetzt Chirurgen im Freundenkreis (Ihr seid die besten!).
Der neue Asterix ist okay.
Obst, ey. Gut!

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29. Januar 2012 – In den Medien

Laut Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung unterwandert Günter Wallraff gerade eine Bundesdeutsche Partei. Dabei gibt sich der Enthüllungsjournalist umweltfreundlich und multikulturell. Den Parteifreunden soll noch nichts aufgefallen sein. Journalisten sind gespannt auf seine Berichte von der alternativen Politfront.

Presseschau zwölf/zwanzigelf

Rückseiten beachten!
Ein Interview im Freitag mit drei Kunstimitatoren. Geile Typen!

„Von wegen Körper kaputt, Leben kaputt“
Bei jetzt.de erzählen die Querschnittsgelähmten Aleks und Jule über ihren Alltag.

Über das Spektakuläre an „Spiegel Online“
Eine bittere, ironische Analyse im Titanic über Deutschlands liebstes Online-Leitmedium.

Solar Sinter
Unser Londoner Freund Markus Kayer präsentiert auf seinem Blog eine solarbetriebene Maschine, mit der man aus Sand Dinge „drucken“ kann.

Hyper Hyper, wird im Hyper
Die Zeit über das Scooter-Konzert im Stadion des Hamburger SV.

Hauptsächliche Nebensache
Unser Freund Deniz Utlu im Freitag über das Wort „Migrationshintergrund“.

Pakt mit dem Panda
Eine Fernsehreportage vom WDR über die selbst ernannten Naturschützer WWF.

Presseschau elf/zwanzigelf

„Integration kann ich meinen Fans nicht beibringen“
Zeit Online mit einem interessanten Interview mit Bushido.

In memoriam: Leon Botha, South African artist, DJ, and wonderful human being
Ein Nachruf auf Leon Botha, der mit Die Antwoord im vergangenen Jahr durchgestartet ist. Botha starb in der vergangenen Woche an Progeria.

Über Kisch und Kitsch
FAS-Feuilletonchef Claudius Seidl und Zeit-Dossier-Leiter Stefan Willeke im Streitgespräch bei journalist.de über René Pfister, Den Kisch-Preis und die Wahrheit.

Der unkorrekte Computer
Der Freitag nimmt unsere Werkzeuge auseinender und findet sehr viel Böses.

Ausstieg ohne Umstieg
Telepolis über die sogenannte Energiewende.

Facebook erkennt Gesichter jetzt automatisch
Die Tagesschau erklärt mal, was da bei uns zukommt.

Wie das Aufbegehren Schule machte
Die FAZ blickt zurück auf die Ökobewegung.

Rettet die Welt vor den Weltrettern
Eine Polemik auf die Gutmenschen in der Süddeutschen