06. Oktober 2012 – Hamburg – Freigeistern

Vier Wochen Spielpause: Ich war im Urlaub, Egge hatte Geburtstag, viel ist passiert, das wir uns bei einer Weinprobe auf dem Galaostrich in Hamburg St. Georg zu erzählen haben. Markus Lanz macht nebenbei den Gottschalk. Auf der Straße schlängeln sich die Vollverschleiterten, die Bodybuildingschwule, die spanischen Gigolos und die Provinztouristen in Funktionskleidung hin und her. Scheiß Wetter.

Ein paar liebe Menschen haben in der Soul-Kitchen-Halle in Wilhelmsburg ein riesiges Eintagesfestival an den Start gebracht. Es ist voll, die Stimmung ist super, alles ist liebevoll dekoriert, ein Live-VJ verziert die Wände, die ein Live-Street-Artist übrig gelassen hat. Toll. Wir trinken Wein mit Genossen Andy Strauß (gemeinsame Musik wird geplant) und freuen uns, an diesem Abend an diesem Ort zu sein. Und dann Station 17, eine sogenannte integrative Band, bei der Musiker mit und ohne Behinderung zusammenspielen. Derbe erfolgreich, super nette Leute, die sich gegenseitig auf und in den Arm nehmen. Die elf Musiker klettern auf die enge Bühne und legen sofort los. Groove, Beat, Melodie – alles fließt. Das Publikum wartete scheinbar nur auf das Los, auf den durchgängigen Beat. Kissen werden zerrissen, es endet in einer riesigen Kissenschlacht, während die Band wirklich eines der besten Konzerte gibt, das wir in diesem Jahr gesehen haben.

Wir sollen den Zuschauern Sackhüpfen Schmackhaft machen, also auf den Beat alte NDW-Hits krakelt und ab geht’s. Ein besonders Frecher aus der zweiten Reihe ruft die ganze Zeit „Fickt euch!“, wir holen ihn auf die Bühne, lassen ihn stagediven. Er bedankt sich danach brav. Egge fällt von der Bühne, ich haue die Stromkabel raus, der Bass brettert – endlich wieder auftreten.

Der Feldstern im Schanzenviertel ist unsere Stammkneipe in Hamburg. Dort arbeiten viele Freunde, es gibt leckeres Essen und den besten Mexikaner. Den wir auch gleich netten niederländischen Touristen näher bringen, die auf Dienstreise („Irgendein Ministerium dort“) den Feldstern für sich entdeckt haben. Das kalte „Iz zis ze real stuff?“ der lockigen Fachreferentin wird mit zwei Schnäpsen gekontert, wenig später verschwindet sie für den Rest des Abends auf dem Klo. Ihre Kollegin bittet freundlich um ein Wasser, der Mexikaner hätte sie zerlegt. Mission in Hamburg Touristen abfüllen wieder einmal erfolgreich beendet. Wir gehen schlafen.

Am Ende stehen wir wieder im Zug. Es ist voll, Rentner beschimpfen junge Hip-Hoper, sie sollten Platz machen für richtige Deutsche, eine Frau fragt panisch jeden um sie herum, ob das ihr richtiger Zug ist, bevor sie ihren Freund zusammenstaucht. Babys kreischen, Hunde bellen, Pendler unterhalten sich über gesellschaftlich akzeptierte Methoden des Selbstmordes („Es gibt ja nichts aoszialeres als sich vor einen Zug zu schmeißen. Neulich musste ich schon wieder zwei Stunden warten.“).

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22. August 2011 – Wilhelmsburg – Soulkitchen

Komisches Gefühl, den Laden kannten wir ja schon. Also aus dem Film. Die ehemalige Spedition in Wilhelmsburg war als Soulkitchen von Fatih Akin zum filmischen Denkmal gemacht worden. Jetzt, Jahre später, ist es ein schnukeliger Kulturverein, liebevoll betreut und einfach sehr angenehm.

Die netten Menschen von den Konspirativen Küchenkonzerten hatten uns für diesen Spätsommerabend eingeladen, die Aftershowparty zu machen. Und so mischten sich Wilhelmsburger mit Medienmenschen und St.Pauli-Fans und viele alte Gesichter. Ein lauer Abend, der irgendwann auf dem Kiez endete. Gut, dass Egge nicht, ähnlich wie im Film, seinen Bulli beim Glücksspiel eingesetzt hat.

ps. Wer es sich noch einmal anschauen möchte, sollte sich beeilen. Angeblich plant der Senat, das Ding platt zu machen. Parkplätze sind halt viel geiler als Kultur.

2. bis 4. Juli 2010 – Bremen, Braunschweig, Wilhelmsburg

Ein Wochenende voller Zugfahrten, Schweissattacken und Fußballspiele liegt hinter uns. Wir waren auf der unglaublich tollen Breminale, einem Umsonst-und-draußen-Festival der besten Sorte, in Braunschweig beim alternativen Public-Viewing-trifft-Fußballelektrolyrik im Lot Theater und in Hamburg-Wilhelmsburg in der Fährstraße 105, einem der schönsten Wohnprojekte der größten bewohnten Flussinsel Europas. Zwischen Zugabteil und Bühnenrand haben wir viele nette Menschen kennengelernt und komische Eindrücke von diesem, unseren WM-verrückten Land gewonnen – das hier alles aufzuschreiben wäre unmöglich. Also versuchen wir es mit einer kleinen Liste:

Was wir mögen

Mit Dota & den Stadpiraten und Rainer von Vielen auftreten (unglaublich liebe Menschen und tolle Musiker, wir verbeugen uns an dieser Stelle). In Zirkuszelten auftreten. Leckeres Tofu-Curry. All die Arbeiter, die den Kulturbetrieb am Laufen halten und sich den Arsch abarbeiten und selten ein Dankeschön hören. Wenn Züge pünktlich fahren. Die neue Platte von Von Spar. Tolle Menschen nachts am Bahnhof treffen. Nette Taximitfahrerinnen. Alte Bekannte vor der Bühne wiedertreffen. Kaltes Bier an heißen Tagen. Menschen, die verlorene Sonnenbrillen wiederfinden. Zuverlässigkeit. Die stillen Momente, wenn man nachts Bahn fährt und die Welt an einem vorbeirauscht. Heißer Tee. Den lustigen Eisverkäufer auf der Stecke nach Bremen. Club Mate (Costa nicht). Eiskaffee. Romane und Serien von Richard Price. Die neue Futurama-Staffel. Die Handyboxen laut aufdrehen und Liederraten spielen. Comedian Harmonists.

Was wir nicht mögen

Besoffene Typen, die sich von halb so kleinen Schaffnerinnen aus dem Zug schmeissen lassen und dann draußen auf dicke Hose machen. Feedbacks beim Kellerauftritt. Übertriebener Lokalpatriotismus (vor allem bei Zugezogenen). Wenn Züge Verspätung haben. Unfreundliche alte Säcke, die im Zug Bier trinken und andere Menschen anpöbeln. Einen lieben Menschen an den Fluss des Lebens verlieren. Abschiednehmen. Unzuverlässige Konzertveranstalter. Arrogante Abipartyfeierer, die Frühschichtarbeiter beleidigen. Wenn Taxen nicht kommen. Handyakkus, die immer alle gehen. Nicht genau wissen, wo man ist.

Worauf wir uns noch freuen in diesem Sommer

Badengehen, ganz viel. Urlaub in Osteuropa. Vanilleeis. The National in Hamburg mit den liebsten Menschen. Zytanien. All die vielen Menschen, die wir noch kennenlernen werden. Konzerte. Verrückte Momente. Umzüge. Mehr Kontraste. Auf der Wiese liegen und Wolken beobachten. Veränderung. Partys in Freibädern. Alte Hits auflegen in Kellerklubs. Auf euch!