29./30. August 2014 – Hämerten und Aschaffenburg

Die Elbe

Am Bahnhof in Stendal wirbt eine private Agentur für Jobs für Tagelöhner. Die Linden auf dem Platz schimmern orange im wunderschönen Licht. Es sieht nach Sommer am Mittelmeer aus, nur es riecht nicht so. „Stell dir vor, hinter dem Bahnhof liegt das Meer.“ „Ja, aber dann bitte nicht so kalt“, sagt Egge.

Unsere Shuttlefahrerin kommt mit einem tiefer gelegten Opel, hinten zwei Kindersitze. Sie fährt 100 km/h durch den Ort und ist nicht angeschnallt. Wir fahren fünzehn Minuten durch einen Wald, ohne einmal an einem Licht vorbeizukommen.

Unser Auftritt hat einen der Securitys genervt. „Das war so Musik für einen Herzinfarkt. Aber Stimmung haben die beiden Popper ja jemacht.“

Der Dackel

„Das Wasser ging bis hier, kurz vor’s Haus.“ Vor uns erstreckt sich das Elbufer mit seinem ökologisch so wertvollen Strand, einem Paradies für Pflanzen und Tiere. Vor knapp einem Jahr war dieses Gebiet ein Meer. Nahezu endlos erstreckte sich das Hochwasser, überspülte Straßen, Häuser, ganze Dörfer. Hier in Hämerten kamen die Menschen noch einigermaßen glimpflich davon. Doch die Folgen spüren die Menschen bis heute.

Es ist ein besonders schöner Nebeneffekt, dass wir auf unseren Reisen durch das deutschsprachige Europa immer wieder mit der Zeitgeschichte in Berührung kommen. So führte uns die Einladung zur ersten Ausgabe des Hin und Wech Festivals in die Nähe von Stendal aufs Land. Wir würden uns freuen, wenn wir mit unserem Konzert und der Lesung dabei geholfen haben, das Festival in der Region zu etablieren. Es sollte definitiv wieder gemacht werden!

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Das Wolfsburg

Wir sitzen irgendwann in einem Pick-up-Truck, der kurzgeschlossen wurde. Die Vorderamatur fehlt. Ein Dackel sitzt in der Mitte und schaut aus dem Frontfenster. „Das ist Amok“, sagt der Beifahrer. „Oder Ludwig-Amok von Beckenschneider.“ Es geht wieder mit 100 km/h über die Landstraße. Wir singen 90ies-Techno-Lieder.

Auf dem Wolfsburger Bahnhof fährt kein Zug mehr Richtung Süden. Der Grund dafür, wie es in der politisch korrekten Sprache der Bahn heißt: erst Personen im Gleis, dann wenig später polizeiliche Ermittlungen. Samstag ist Selbstmord, singt Tocotronic.

Die Verpflegung

Nach sieben Stunden in verspäteten Zügen kommen wir in Aschaffenburg an. Das Stadtfest schauen wir uns durchs Autofenster an. Es läuft The XX, ruhigstellend. Draußen laufen die Menschen mit Fantasietrachten herum. Das Stern ist wohl die einzige alternative Kneipe in Aschaffenburg. Hier werden Konzerte, Lesungen, tolle Partys gefeiert. Die Menschen hier schaffen sich ihr buntes Aschaffenburg selbst. Toll! Es ist unser zweiter Besuch in der Stadt in diesem Jahr. Wir möchten gerne immer wieder kommen.

Im Zug nach Hannover lese ich ein Zitat von Eric Hobsbawm: „(Historische) Veränderungen ergeben sich nicht aus ihrer objektiven Wünschbarkeit oder Notwendigkeit, sondern nur nach langem, zähem Kampf.“ Ich schaue mir die Kratzer und blauen Flecken auf meinen Armen an. Die Spuren eines Umzugs. Egge und ich schauen uns an: „Urlaub wäre mal geil.“ „Ja, ein paar Tage mal gar nichts tun.“

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17. März 2012 – Urlaub

Am nächsten Tag war der Himmel bewölkt. Der Wind hatte Sand von Afrika gebracht und die Sonne verdunkelt. Kalima, der Wind aus der Sahara, der auch im weiten Amazonas-Regenwald die Orchideen mit Nährstoffen versorgt. Es war immer noch warm. Die Luft legte sich wie eine samtene Decke auf alles. An den Fenstern hingen staubige Schlieren. Die Frauen im Dorf hantierten mit Wasserschläuchen, machten die weißen Wände ihrer Häuser wieder blank. Auf der Mole knackte der Kellner des einzigen richtigen Restaurants im Dorf Krebse, weidete Fische aus. Um ihn herum eine riesige Meute Möwen. Im Hintergrund kitzelten die letzten Sonnenstrahlen das Gebirgsmassiv, den ehemaligen, nun schlummernden Vulkan. Ich verabschiedete den Tag und trank mein Bier aus.

Auf dem Dorfplatz treffen sich die Bewohner in der Croisanteria bei Carlito. Niemals nebenan bei Jaime. Wegen einer alten Dorffehde, will der Aussteiger aus Freiburg wissen. Alle nicken. In der einen Ecke unterhalten sich die Surfnomaden über Wind, Wellen, Strömung im internationalen Vokabular des Beachhipsters. Ein älteres Ehepaar trinkt in Ruhe seinen Kaffee. Beide im Dress der Rennradfahrer, kein Gramm Fett am Körper. Die Surfshopjungs drehen sich mit ihren Skateboards auf der Straße um sich selbst. Ohne T-Shirts. Mit Handy, Eis, Bier in der einen Hand. Einer trägt den anderen im Gips. Immer wieder fällt jemand hin und wird ausgelacht. Die Hunde haben sich in den Schatten verkrochen. Ein Pick-up fährt langsam über die Hauptstraße. Laute Raggaton-Musik erklingt.

„Hier leben und arbeiten, das wär’s!“ Die drei Süddeutschen Ingenieure gönnen sich gerade ihre dritte „Una Zärväza, poa favorä“ und schwelgen in Träumen. „Ja, einfach abhauen und das Alte hinter sich lassen. In den Tag hineinleben.“ Der Surflehrer aus Flensburg grinst vom Tisch nebenan. Er hat vor Jahren das kalte Mitteleuropa verlassen, um hier seinen Traum des Surferlebens zu erfüllen. Jeden Tag bringt er postpubertierenden Lehramtsstudentinnen und süddeutschen Ingenieuren Wellenreiten bei. Oder Robben tummeln, wie er es nennt.

Im Wasser sieht jeder Schatten wie eine Haiflosse aus. Der Schaum der Wellen trägt kleine Partikel Algen, aber auch Plastikmüll, die sich an der Surfbrettleine verhangen. Mit jeder anrollenden Welle verschwindet ein Stück Alltag aus meinem Kopf. Mit jeder gesurften Welle kommt mein Kopf der wohligen Leere näher. Ich schaue an den Strand, links das Bergmassiv, rechts das Dorf. Geradeaus Die Bademeister, die die ganze Zeit Sportzigaretten rauchen und noch nicht mal ein Boot haben, um zu retten. Die nächste Welle rauscht an, ich bringe mich in Position und fange an zu paddeln.

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Island Teil 2

Okay, die Tagen werden länger, in Deutschland wird es wärmer, Zeit zu gehen, sonst wirds noch zu lauschig in der Wohlfühloase. Egge zählt die Tage bis zu seinem ersten Island-Trip und ärgert sich über seinen Bulli. Nach zwei kaputten Kupplungen, einer defekten Standheizung, einer 1600-Euro-TÜV-Rechnung ist nun die Benzinpumpe hin und der Motor eine Öl-Diesel-Schleuder, wobei unter all dem Dreck noch nicht klar ist, ob der Zahnriemen noch hält und ob nicht auch alle Zylinderkopfdinger einfach im Arsch sind. Nichts Neues von Herrn Bulli also. Jaja. Habe ja noch etwa drei Tage. Zeit sich abzulenken und Islandliteratur von Hernn Müller zu studieren. Die Erkenntnisse wieder zur Kenntnis. Wo sind die Elfen, wenn man sie braucht?

– noch heute suchen Wissenschaftler die Insel Frisland, die im 16.  Jahrhundert in Karten auftauchte, aber später nie gefunden wurde
– in Island gibt es mittlerweile wilde Kaninchen
– sie überleben indem sie sich an Heizrohre kuscheln und sich von Künstlern füttern lassen
– ein Künstler hat in Basel mal Köttel ausgestellt
– alle Isländer sind eigentlich Schriftsteller (nur schreiben sie nie wie es wirklich ist; eigentlich sind alle Isländer eher märchenhafte Lyriker)
– in der Mitte des Landes gibt es ein Tal, das ewige Jugend verspricht
– es gibt bis heute keine richtige Nationaltracht
– der schlimmste Vulkan heißt Hekla, was Haube bedeutet, weil er immer mit Schnee bedeckt ist. In alten Büchern vermuteten Europäer dort den Eingang zur Hölle
– Mäusen dienten auf Island lange Kuhfladen als Schiffe auf Gewässer.  Ihr Schwanz fungierte als Ruder
– während der Nazizeit nannten Isländer Hitler im besetzten Dänemark Hjalti – so konnten sie Witze machen ohne verfolgt zu werden
– der Nazi Rosenberg hielt Island für die Wiege germanischer Kultur
– bei einer Schlingensief-Performance brüllte 2005 Jonathan Meese immer Heil Hitler – Müller meint, Heil Hjalti wäre wirklich ein Skandal gewesen wie erhofft
– als Kohl aus Kostengründen das Goethe-Institut platt machte, eröffnete Müller ein privates Goethe-Institut. Auf dem Lehrplan: Zwergen-, Elfen- und Sexualkunde
– Steine mit verschiedenen Schichten heißen Trollbrot und Trollpralinen
– es gibt Gerüchte das APO-Kämpfer Kunzelmann gar nicht tot ist,  sondern in Island wohnt
– 1997 eröffnete auf Island das erste Penismuseum – ein Spanischlehrer stellt dort präparierte Penise von Säugetieren aus. Ja, dort gibt es auch einen Elfenpenis
– zum Schulabschluss tragen isländische Schüler Tierkostüme
– Isländer badeten bis 2000 nicht in ihrem Meer – ist es zu kalt. Nach einem Unglück hat’s ein Herr Fribporsson drei Stunden ausgehalten – ein Wunder. Er trug dann den Namen Robbenhaut
– im Jahr 2000 wurde eine Bucht mit Pumpen und Dämmen erwärmt
– mit dem Warmwasser werden auch Gehwege beheizt
– zur Schwulenparade Gay Pride feiern mehr Leute als beim Nationalfeiertag. Den ersten Gay Pride leitete 1999 Sigur Ros ein.
– den Gay Pride gibt es seit 2002 auch in Grönland – damals kamen 30 Teilnehmer
– das Nordlicht soll manchmal Geräusche mache: mal knistert es, mal klingt es nach rüttelnden Kaffeebohnen. Wissenschaftler sagen das geht nicht. Die Frequenzen sind nicht hörbar, aber das Hirn wird zum Arbeiten gezwungen und die Reflexe dort können als Knistern wahrgenommen werden
– der Kulturboom der Hauptstadt begann erst mit der Aufhebung des 100-jährigen Bierverbots
– einst wurden aus Kiemenknochen Klammern für Näherinnengesichter gebastelt, damit ihnen die Augen nicht zufallen
– die Isländer unterscheiden zwei Sorten Pickel: schwarze und weiße. Im Gegensatz zum Deutschen gibt es auf isländisch zwei Worte dafür: bola (weißer Mitesser) und filapensill, zu deutsch: Elefantenpinsel (weil Elefanten als schwarz gelten)
– bis heute gibt es keine Zugstrecke auf Island
– der Gewinner von Island-sucht-den-Superstar tourte nur ein paar Wochen rum, dann hatte er alle Diskos durch und fängt heute Schellfisch
– ein Traditionssport auf Island ist Glima, dabei versucht man den Kontrahenten umzuhauen und gleichzeitig am Gürtel festzuhalten – eine Art ringen als Tanz
– früher wollte niemand Seewolf essen, also wurde daraus Nouvelle Cuisine. Ein Tintenfisch mit Glubschaugen heißt heute Grenadier und ist ein Delikatesse
– um Eishaie zu fangen, nutzten Fischer früher in Rum getränkte Seehundköpfe
– 54,4 Prozent der Isländer glauben an Elfen
– Elfen leben etwa 150 Jahre hinterher und entdecken gerade die Eisenbahn
– Elfen sind Anhänger der Monarchie
– statt einem Weihnachtsmann werden auf Island Weihnachtsmänner abgefeiert. Sie heißen Stöpsel, Quarkfresser, Fenstergucker, Kerzenschnorrer, Suppenschlürfer, usw. Und sind eher Punks
– die Grüne Partie entstand auf Island nicht aus Protest gegen Atomenergie sondern aus Protest gegen einen Stausee für ein Wasserkraftwerk
– Isländer halten Versprechen
– Elfen reden nicht, sie singen

Puh. Ich drück die Daumen. Ihr Lieben, alles wird gut*

09. März 2011 – Die Sache mit den Monstern

(Das Bild gehört nicht uns, sondern der Sesamstraße)

Carlos versucht sich immer wieder als Hobbypsychologe und stellt allen möglichen Leuten komische Fragen. Eine seiner Lieblingsfragen lautet „Welche Monsterangst hast du?“ Dann erzählt er davon, wie er lange Zeit Angst vor Außerirdischen hatte – nicht ET – und wie jeder Mensch so eine Angst hat. Erst schauen die Befragten ein wenig fassungslos, dann kriecht ihnen ein kleiner Schauer den Rücken hoch. Werwölfe, Schlangen, Drachen, Gremlins, Männer in Anzügen, Zombies – alles schon gehört, von Männern. Frauen antworten zu neunzig Prozent auf die Frage: „Männer, Psychokerle mit bösem Blick.“ Welche Angst habt ihr?

ps. Wenn ihr uns irgendwo mal live seht, malt doch ein Plakat, auf dem ihr euer (Lieblings)-Monster schreibt. Carlos freut sich, denn dann muss er nicht jeden einzelnen fragen.