Egges Rückblick zum Jahr 2016

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Ein Ausflug in die alte Heimat: Sommer in Neubrandenburg.

Meine Fresse, was war das denn?! Wir waren euphorisch im Frühjahr, im Sommer einfach drauf, im Herbst in einer Art Jahreszeit gewordenem Sauerstoffzelt & im Winter ordentlich bei der Inventur. Das Jahr 2016 war eines der intensivsten Jahre der Bandgeschichte – passend zum zehnjährigen Bestehen der Band mit dem komischen Namen. Vielleicht sind wir alt geworden? Vielleicht kosten Jobs, Ideen & Projekte außerhalb des Banduniversums doch mehr Kraft, als man es für möglich hält? Oder sind es die gesellschaftlichen Umbrüche, die einen nicht richtig schlafen lassen? Privates & Politisches. Gehörte für uns als Band immer zusammen. Gehört es immernoch. & manchmal möchte man die ganze Welt einfach gegen die Wand schmeißen und mit den Scherben nochmal neuanfangen & basteln. Geht nur nicht. Also zurück ins Werk.

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Beatpoeten auf der Bühne zum Internationalen 1. Mai Fest.

Da hilft es tatsächlich, ein wenig in den Fotos, Flyern und Erinnerungsfetzen zu kramen. Was war da eigentlich los, 2016? Waren wir viel unterwegs? Zu viel? Zu wenig? Gab es was zu entdecken? Haben wir etwas vergessen? Bestimmt. Mehr als ein Handy und eine Bahncard auf jeden Fall. Ein Versuch der Bestandsaufnahme.

Wir fangen einfach an. Die zehn besten Konzerte 2016

1. FCKR – Release-Show Soundso, Leipzig

2. Blixa Bargeld & Teho Teardo, Lissabon

3. Die NervenFaust, Hannover

4. The Incredible Herrengedeck, SO36, Berlin

5. Art Garfunkel, L’Olympia, Paris

6. Isolation Berlin – Faust, Hannover

7. Feine Sahne Fischfilet – Festival Täuchental, Leipzig

8. Hyäne Fischer, Fête de la Musique & Alt-H

9. NOFX & Pennywise, Faust, Hannover

10. KIZ, Swiss Life Hall, Hannover

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Posterboy in Leipzig mitm Monchi.

FCKR war eine Band, die mich dieses Jahr sehr begleitet hat. Immer druff. Ironisch. Klar. Irgendwie auch nicht. Da passen die verzweifelten Isolation Berlin-Schreie, der Postindiekram von Die Nerven, die Ansagen von NOFX bis FSF.

Die zehn Neuentdeckungen für mich 2017

 

1. Meute, Kulturarena, Jena

2. Gruppa Karl-Marx-Start, NBL, Leipzig

3. Das Flug, blank, Berlin

4. Oi of the Tiger, Heinz, Hannover

5. Coca Candy, Fährmann, Hannover

6. Argies, Störfaktor, Zwickau

7. Aktiv Passiv, Chekov, Cottbus

8. Rabaukendisko, Glocksee, Hannover

9. Klostein, Störfaktor, Zwickau

10. The Black Madonna, Fuchsbau-Festival

https://dasflug.bandcamp.com/track/deutlich-unterbewaffnet-in-hellersdorf

Ich merke immer mehr, dass die schönsten Konzerte vor allem mit Leuten zu tun haben, die man ins Herz geschlossen hat. Da mag nicht jede Note richtig sitzen, mit den richtigen Menschen im Publikum, an den Instrumenten oder an den Reglern passt das alles schon. Meute sind mittlerweile quasi berühmt, die Argies hab ich Jahrzehnte zu spät entdeckt, und Rabaukendisko sind vermutlich schon wieder durch. Egal. War schön. Und Das Flug trifft bald Coca Candy und Beatpoeten beim Wutzrock. Harhar.

Für die Vollständigkeit: nicht neu, aber noch immer spannend & großartig

1. Messer, Glocksee, Hannover

2. The Hirsch Effekt, Reeperbahn-Festival

3. Lumpenpack, Fährmann, Hannover

4. Kasimir Effekt, Fuchsbau-Festival

5. Beatbar, Fährmann, Hannover

Messer hab ich sehr gemocht. Haben mich überrascht in ihrer Dringlichkeit. Die anderen Bands sind wie kleine Schätze, die man in der Brusttasche trägt. Und wenn wieder jemand nach kleinen Tipps fragt: Bäm!

Tacheless: Voll auf die Band gefreut, dann mit angezogener Handbremse zugeschaut

1. Beginner, Swiss Life Hall, Hannover

2. Milliarden, Heinz, Hannover

3. Alin Coen Band, Täubchental, Leipzig

4. Dirty Honkers, Ballhof, Hannover

5. Zugezogen Maskulin, FCLR, Hannover

Natürlich liegt es an den Umständen. Aber bei Alin Coen musste ich weg, die Honkers haben das Gaspedal verfehlt, und Zugezogen Maskulin? Ich mag die Musik, live hab ich keine einzige Zeile verstanden. Mhh. Ach so: die Beginner waren mit ihrem Set nach 45 Minuten durch. Am Rest der Show rätsel ich noch. Warum sollten wir für ein Video nochmal zu Samy Deluxe tanzen?

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Fusion-Konzert für zehnjährige Edelklos. Danke, HCWC!

So. Achtung, ernsthafte Kategorie: die zehn besten Beatpoeten-Auftritte

 

1. Fusion – Landebahn-HCWC (Eine Musik gewordene Liebeserklärung)

2. Ende Gelände-Abschluss-Rave (Danke, Herrengedeck!)

3. Hafenklang-Exil, HH (mit DiskoCrunch) (Heiß, mit DJ Costa)

4. Burg Herzberg Festival (Literaturrave)

5. Punx Picnic Neubrandenburg (Heimspielcharakter)

6. Bahnrave zum Open Flair (Grüße gen Renato, Felix und Tilman)

7. Lesung in Glocksee mit Leo Fischer (Grüße gen Malte & Indiego-Team)

8. SO 36, Berlin (mit Herrengedeck)

9. about.blank, Berlin (mit Das Flug)

10. KuZe, Potsdam

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Auf gehts, ab gehts, Ende Gelände.

Ganz wunderbar war es natürlich auch in Ravensburg, Witzenhausen, Cottbus & Zwickau, im Klapperfeld Frankfurt und vor allem herzlich in Norderstedt & Nordhausen. Vergesst diese Aufzählungen. Dieses Jahr war ein einziges Geballer & ihr habt uns trotzdem selig gemacht.

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Stillleben mit neuer Platte „Geheul“.

Zehn besondere Beatpoeten-Momente

1. Das dritte Album ist tatsächlich erschienen (Danke, Tobi!)

2. Neue Lesung „Unterwegs – das Elend“ läuft ausgerechnet beim A Summer’s Tale

3. Das neue Enterpreneur-Duell bei KreHtiv

4. Punker-Lesung endlich in der Køpi

5. Die letzte Mal Pegida-Lesung, Eisfabrik

6. Soundtrack zu „Traum.Ruine.Zukunft“ – dem Film zum Ihmezentrum

7. Video zu „19“ – kaum Reaktion – vielleicht stellen wir doch auf Youtube um

8. Erstes Plastic Bomb-Interview überhaupt

9. Doppelseiten-Text im Human Parasit

10. Release-Party läuft bei Onkel Olli – ohne Musik

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Start-Up-Familienduell in der Cumberlandschen Galerie beim KreHtiv-Geburtstag.

Zehn schräge Beatpoeten-Momente

1. Arbeitermedley zum 1. Mai in Braunschweig geht völlig schief 

2. Kaputter Nachmittags-Rave in Doksy

3. Kabelschnitt in Cottbus

4. Vinyl-Songliste passt nicht zur Pressung (ahh!)

5. Einkaufswagen auf der Bühne in Zwickau

6. Naziangriffe bei Ende Gelände

7. Mehrwertsteuer-Gau im Dezember

8. Textsicherheit der blank-Besucher bei Battlerap-Lesung

9. Schüler im Kunstverein Ravensburg

10. Wir haben laut Linus Volkmann eines der besten Punkalben im Herbst veröffentlicht

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Arbeiter, Bauern, Fahnenträger. Braunschweig 2016. Dem Morgenrot entgegen.

An dieser Stellte sollten die schönsten Alben folgen, FCKR ist genauso dabei wie Stereo Total oder die wunderbare Sammlung „Falscher Ort, Falsche Zeit Vol. 2“. Aber so recht komme ich in diesem Jahr nicht mit. Gerade noch Bowie gekauft, stirbt er. Bei Isolation Berlin komm ich kaum nach und kann die Alben nicht auseinanderhalten. Gerade läuft das Album  „Der Spielmacher“ mit Rösinger, Spechtl, Türen & Jens Friebe. Alle großartig. Das schönste Lied kam aber spät und ist von Jetzt! – uralt.

Achtung, Emotionen

Meine Mutter ist tatsächlich endlich im Ruhestand und ich feiere das sehr

Ausflüge gen Amrum, Paris, Lissabon, Prag & Rügen
Gründung des Büro für Popkultur & Zukunftswerkstatt
Freundeskreis-Abende & kreHtive Ausflüge
Die Arbeit ruft von Slam 2017 bis zur Goldenen Fanfare

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Rückzugsort Rügen.


Sommereinsätze & Weihnachtshilfe-Rekord
Süntelbuchen, Feldstern & Märchenwälder
Freunde & Menschen voller Liebe
Gegen jede Angst & Rassismus
Ein sprechendes Patenkind
Hochzeiten & Todesfälle
Familie neu entdecken

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Sehr selten: Süntelbuchen.

Das kommentiere ich hier alles weniger. An jedem Stichwort hängen Erinnerungen, Gefühle & Eindrücke, mal schmerzhaft, mal voller Herzlichkeit. Ich danke allen Menschen für ihre Liebe, Geduld & oft auch: für ihr Verständnis.

Lumix Festival: HAZ-Talk im Container (oder:
HAZ-Fotocontainer beim Lumix-Festival in Hannover.

Wieder was gelernt

1. Das erste Mal Eisstockschießen

2. Jurymitglied bei Jugend spielt für Jugend

3. Foto-Container beim Lumix-Festival für Fotojournalismus

4. Mitglied einer Bulli-Schau-Jury

5. Freier Fall im Hochseilgarten

6. Hexenschuss

7. Schwarzlichtminigolf

8. Endlich Lammbock

9. Ihmezentrums-Picknick

10. Xylophonsolo
11. Das erste Mal Off-Sprecher in einem Film
12. Arbeitsplatten-Ausschnitt für Küchen
13. Das erste Einstecktuch
14. Sturmglocken-Halloween
15. Suppenverkauf für den guten Zweck

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Beatpoeten in Prag.

Dieses Jahr war geprägt von neuen Erfahrungen und Sprünge ins kalte Wasser. Manchmal merkt man das erst hinterher. Soll ja jung halten. Aber insgesamt war ich doch öfter bei Ärzten als nötig. Danke, 2016!

Die schrägsten und schönsten Kulturmomente 2016

1. Der Film Lobster – alles daran ist genial
2. Die Gründung der Hörregion & die Gala im HCC & die Dadüdada-Performance dazu
3. Annadigiding – Stell dir vor, Rainald Grebe macht was – und keiner geht hin
4. Cheerleader in Finnland – ein Film, den ich nicht verstehe
5. Hörspielsommer Leipzig – weil die Idee nach Hannover muss

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Musik und Mousse T bei „Digital Sounds“.

Die schönsten Moderationen 2016

1. Der Konferenz „Digital Sounds“ im Anzeiger-Hochhaus. Hatte ich unterschätzt, bin nach Vorträgen von Sennheiser und Hochschulprofessoren und Gesprächsrunden mit Mousse T. bis Toshifumi Kunimoto von Yamaha sehr klüger rausgegangen.
2. Verleihung des Niedersächsischen Wirtschaftspreis mit Stephan Weil und Olaf Lies. Spannende Preisträger & schöne Geschichten. Und vor allem: munterer als 2015.

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Klimaretter der Region Hannover.


3. Klimaschutzkuratorium der Region Hannover mit Kammerchefs, Klimarettern und Experten wie Karsten Schwanke. Ein kurzweiliger Ritt durch gefühlt 15 Talkrunden.
4. Hauptbühnen beim Entdeckertag, Autofreier Sonntag & Aktion Sicherer Schulweg: ich mag die hannoverschen Großveranstaltungen, wenn sie so abwechslungsreich vom Programm ausfallen wie diese.
5. NOFX & Pennywise auf der Faust-Wiese: fürs Herz
6. Metropolversammlung in Osterode mit OBs, Uni-Präsidenten, Kammerchefs, …
7. Tag des demokratischen Engagements mit Konstanze Beckedorf im Neuen Rathaus

Tag des demokratischen Engagements
Spax fordert gelebte Demokratie.


8. Ihmezentrums-Diskussionen im Capitol und im Zentrum mit Stefan Schostok, Verwalter Torsten Jaskulski und dem Bund Deutscher Architekten
9. Festival-Talks beim Fuchsbau-Festival, Fährmannsfest & Lumix-Fotojournalismus
10. Das neue Start Up-Slam
-Format mit VOXR-Technik an der Leibniz-Universität

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Start Up-Slam an der Leibniz Universität.

11. Ehrenamtsgala des Freundeskreis Hannover
12. HAZ-Foren zu Hannover 96 mit Bader & Stendel, Hebammen, A2, Image & Inklusion
13. Studentenw
erkspreis & „Von Leibniz zu Bahlsen“-Gala
14. Suchthilfelauf & Helmfest, Weihnachtsmarktfeten, Expertenforen & HAZ-Aktionen

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Spendensammlung in der Neustädter Hof- und Stadtkirche.

15. Poetry Slams, Science Slams & der Fanfarenzug-Slam zum Schützenfest, im Gartentheater Herrenhausen, Audimax Göttingen, Opernhaus, Lessing-Theater Wolfenbüttel, Stadthalle Holzminden, Schloss Bevern, Oldenburger Exerzierhalle, Kulturmühle Buchhagen, Empore Buchholz, Kirche Seelze, Salon Hansen Lüneburg

Insgesamt komme ich auf mehr als 80 Moderationen für 2016. Mal kleine Ansagen, mal ganze Tagesprogramm. Es ist immernoch sehr vielfältig von Punkrock bis Preisgala. Und ein wenig hoffe ich, dass es so bleibt. 2017 stehen Klostertage an, die deutschsprachigen Slammeisterschaften & Medienkonferenzen. Der Science Slam zieht ins Schloss Herrenhausen und auf die IdeenExpo 2017. Und der Leinestern wird vergeben.

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Fertig in Hamburg.

Und nun? Ein neues Jahr liegt vor uns und mir. Am Anfang dieser Aufzählung dachte ich, so viel war 2016 doch gar nicht los, warum bin ich so müde? Ach ja. Darum. & trotzdem kann ich es gar nicht abwarten, den Kalender zu füllen, Pläne mit wunderbaren Menschen zu schmieden & treff gleich einen wie Herrn Costa, um Unfug und Umstürze zu planen. Das Übliche also. Kommt gut ins Jahr 2017. Weitermachen & munter bleiben.

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Lesung zu 10 Jahre Beatpoeten beim A Summer’s Tale in Luhmühlen.

20. März 2012 – 800 Jahre Thomaner Chor

Sie ignoriert die rote Ampel und fährt durch, und es blitzt. Zweimal orange. Weil auf der anderen Spur so ein komischer Typ an seinem Auto stand und irgendwas reparierte. „Der sah gruselig aus.“ Also lieber um 1 Uhr nachts geblitzt werden. „Beschwer dich nicht, ist immer noch billiger als vom Flughafen mit dem Taxi nach Hause fahren.“ Wenige Stunden später kamen wir in Leipzig an.

Der Thomanerchor feierte seinen 800. Geburtstag mit einer ganzen Festwoche. Preußen, Nazis, Kommunisten – alle verschwanden irgendwann wieder aus Leipzig, nur die Thomaner, die sind immer noch da. Und sehr lebendig: Sogar der frisch gewählte Bundespräsident war gekommen. Der Pastor der Herzen, der Freiheit. In der Innenstadt ging gar nichts mehr. Neben der Thomaskirche und Auerbachs Keller hatten die zahlreichen Touristen, Leipziger und Sachsen einen wahren Magneten in ihrer Innenstadt. „Der Gauck. Einer von uns!“ Unsere Freunde, deren  Eltern im Rahmen der Montagsdemos die ganze Macht des Staatsapparats abbekommen hatten, konnten nur mit den Achseln zucken. „Wichtigtuer.“

Egal, dort wo Geschichte geschrieben wird, da wollen wir sein. Mit der ganzen Kraft aus einem Sektfrühstück! Beim Bier im sonnigen Clara-Zetkin-Park mischten wir uns unter das freudig erregte Volk – Gauck, keine fünf Kilometer weit entfernt. Und dazu noch der Thomanerchor, der umso heftiger seine Motteten daherkommen ließ. Ein Traum! Wir sammelten uns zur Extase bei ein, zwei Escorial grün und schwelgten in der Aufbruchstimmung, die unserem Land dank Wulff, Eurokrise und WM-Aus so gefehlt hatte. Und entschieden, die nächste EP „Blühende Landschaften“ zu nennen.

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07. September 2010 – Ein Leben in Videos

Am 16. September wird Egge 30 Jahre alt und hat damit Joplin, Hendrix & Cobain überlebt. Die sind zwar nur 27 Jahre alt geworden, aber besser man schafft genügend Abstand, bevor man sich dafür rühmt. Mit dem Alter hat’s Egge schon immer gehabt. Wer die Platte „Unterwegs“ hat, kennt sicher „Gleichgültige Gleichzeitigkeiten“. Der Rest kann im Netz danach suchen. Diesmal hat der Halunke sich was Neues einfallen lassen. Ein ganz persönlicher Rückblick – dank Youtube.

1980: Egge wird in Crivitz in der DDR geboren. Nina Hagen veröffentlich in diesem Jahr eine schöne deutsche „My way“-Version. Ein Omen?

1981: Der Herr wächst ordentlich und sortiert am liebsten Töpfe. Weils kein großes Frühwerk zu bestaunen gibt, schauen wir kurz hinter die Mauer und treffen auf das erste Album einer Band, die der Töpfefreak erst viel später ins Herz schließen sollte.

1982: Auch mit zwei Jahren hat der Egge noch nicht viel geleistet, außer vielleicht laufen und sprechen zu lernen. Die Band Fehlfarben hatte da schon ihr Album „Monarchie & Alltag“ veröffentlicht und die Plattenfirma wollte unbedingt „Es geht voran“ als Single verkaufen. Das fand die Band doof, wurde 1982 aber trotzdem gemacht. Das Lied wurde zur Hausbesetzerhymne. Die Band fand auch das doof. Aber was will man machen.

1983: Der kleine Egge kam in den DDR-Kindergarten in Finsterwalde. Die Zustände da waren okay. Mitunter erinnerte es an ein Album, das gleichzeitig im Westen erschien: „Alle gegen alle“.

1984: Mit vier Jahren hatte Egge schon ne Menge an Musikkultur genossen: Frank Schöbel, Muck und schließlich Lippi. Der bekam 1984 seine erste TV-Show und sang „Erna kommt“. Schön.

1985: Der Kindergartengänger lebt ganz gut im Eggesiner Plattenbau. Da entdeckt er seine erste Lieblingsband: die Puhdys. Die haben nämlich in seiner Garnisionsstadt ihren NVA-Dienst abgeleistet. Da kann man  schon als Fünfjähriger „Rockerrente“ mitgrölen – und hoffen, dass die Renft-Combo so schnell nicht vergessen wird.

1986: Der Osten wird bunter! Denn endlich gibt es einen ernstzunehmenden Radiosender mit DT 64. Der wird Egge bis zum Mauerfall begleiten, weil er moderne Musik spielt und auch mal kritisch über die DDR berichtet. Nach dem Mauerfall wird der Sender ziemlich schnell abgewickelt. Dagegen gehen Zehntausende auf die Straße, aber es nützt nichts. Das Radio Orchid wird abgeschlatet. Danke an Fury, die DT 64 ein Lied widmeten.

1987: Der Herr wird eingeschult, klassisch: Ernst-Thälmann-Schule. Unter KPD-Genossen macht ers nicht mehr. Thälmann ist niemals gefallen heißt es im Thälmann-Lied. Uns ist er ziemlich egal, aber was tut man nicht für ein blaues Halstuch. Aua.

1988: Mal als ideologischen Scheuklappenöffner eingeschoben. Während Egge noch Pionierlieder lernt, tritt in Berlin Rio Reiser auf.  Er singt „Der Traum ist aus“ und Tausende schreien: „Gibt es ein Land auf der Erde, wo der Traum Wirklichkeit ist? Ich weiß es wirklich nicht – Ich weiß nur eins, und da bin ich sicher: Dieses Land ist es nicht!“ Gänsehaut, Gänsehaut, Gänsehaut.

1989: Tatsächlich fällt die Mauer – auch wenn Egge als neunjähriger Knirps davon wenig mitbekommt irgendwo an der polnische Grenze. Was das alles bedeutet, versteht er erst im Westen, irgendwann als Mittzwanziger und plötzlich hat er tatsächlich Tränen in den Augen bei Abschiebskonzerten der Scorpions in Leipzig, wenn sie das schnöde Pfeiflied spielen. Wenn man einmal die Gesichter des Publikums gesehen hat, versteht man, warum dieses verfluchte Lied so wichtig war.

1990:  Nachdem die Mauer gefallen war, sind Egges Eltern immer häufiger nach Westdeut… Nein! Stimmt gar nicht. Man ist nach Polen gefahen, um billig Klamotten zu kaufen. Nebenbei entdeckt Egge die Kassettenkultur und damit Kriss Kross und andere Peinlichkeiten. Eine Platte hat es ihm besonders angetan – und er steht bis heute drauf. The KLF!

1991: Mit elf Jahren ist die musikalische Welt in Ordnung. Deutscher Hip-Hop wurde gerade erst entwickelt und bevor alle in Punk, Techno und Hip-Hop entgleiten, kommt man noch einmal zusammen, um sich auf eine Band zu einigen: Roxette und ihr Album Joyride.

1992: Egge erlebt sein erstes Konzert. Ein U 96 hat sich für einen Gig in Pasewalk angekündigt, um seinen Überhit „Das Boot“ zu präsentieren, den Egge von einer seiner ersten beiden Bravo-Sampler her kennt.  Voll cool.

1993: Ja. Bei einem Sportfest entdeckt Egge die Toten Hosen. „Kauf mich“ ist aber auch ein zu göttlicher Song. Seine erste Freundin hört stattdessen Bon Jovi. Nun ja.

1994: Sturm & Drang sind angesagt. Andreas färbt sich die Haare grün, Martin baut sich nen Iro und es gibt was zu kiffen. Der Soundtrack ist noch nicht deutsch, aber wenigstens konnte man Greenday noch ernstnehmen, mit Fischmob Hip-Hop hören und mit Prodigy sogar elektronische Musik mögen. Egge traut sich nicht richtig, die Haare zu färben, also schneidet er sich Löcher in die Hose – einen Grund mehr dafür bekommt er dafür am 8. April. Kurt hat sich erschossen.

1995: Das erste Mal Berlin. Und während Egge Thunderdome-Gabba und Billig-Techno von Technohead hört und seine Freunde ihm Overkill und EMP-Kataloge näher bringen, läuft der richtige Soundtrack in der Hauptstadt. Leider ist dieser Sound nie in die Provinz vorgedrungen. Dorthin hat es zumindest eine Maxi-Single aus „Trainspotting“ geschafft, die alle Nachbarn in Egges Plattenbau nachdrücklich beeindruckt haben dürfte:

1996: Egge zieht in den Westen und entdeckt über Ärzte, Hosen, Wizo und Slime den Deutschpunk. Hallo, Daily Terror, hallo, Kapitulation Bonn, Skeptiker und Dritte Wahl. Eines seiner Lieblingslieder: „Rote Zora“ von Heiter bis Wolkig von 1992. 1996 erscheint zudem eines seiner Lieblingswerke auf den Nahverehr: „Wochenendticket“ von Terrorgruppe.

1997: Mit 17 fährt man viel nach Berlin, sucht Kursbücher und Kassiber, und Felix versorgt den Knaben mit roten, blauen, grünen und gelben Haaren mit Iron Maiden und Judas Priest. Egge hört weiter Krawallpunk und besucht die Sympathie for the devil-Partys in Hannovers Faust samt Musik der Doors, David Bowie, Stones und The Cure (Achim, du hast meinen Musikgeschmack in diesen Jahren deutlich gerettet). Eines seiner Lieblingslieder:

1998: Volljährig.Egge feiert seinen ersten richtigen Geburtstag mit vielen Freunden aus Hannover in einer Feuerwehr. Aus dem Anderen Kino hat er sich den immerselben Song gewünscht – „Für immer Punk“ von den Goldies. Mancher fortschrittliche denkende Geist hört längst neuen Metal oder prophezeit „Dein Herz schlägt schneller“ – wird aber eher schief angeschaut.

1999: Diesmal feiert er in einem Motorradclub, die Musik fällt ähnlich krude wie in den vergangenen Jahren aus. NDW trifft Metal trifft Slime. Ja, innovativ ist zumindest das Geschenk von Maren: „KOOK“ von Tocotronic. Ein Album, das erst im CD-Schrank verschwindet und den Herren dann jahrelang bewegt, danke! Bis dahin hört der Egge einer anderen Band zu. Hui.

2000: Hurra, Abi! Und Egge hört Anschiss-Alben zur Expo, entdeckt Canalterror und Toxoplasma wieder und kauft The Clash-Platten nach. Ein Jan Delay macht auf Nena, Deichkind auf Hip-Hop. Und von seiner Wohnung in Linden aus träumt er sich einmal um die Welt.

2001: Zurück im realen Leben. So funktioniert also Zivildienst. Aha. Egge arbeitet und beginnt Lesungen zu organisieren und zu geben. Mit Lars sitzt er beim unkommerziellen Lokalradio Flora und das letzte Lied muss da immer von Ton Steine Scherben sein. Als Klassiker wird Fee gespielt, aus der aktuellen Playlist: No Respect aus Göttingen.

2002: Berufsschule und Anzeigen bauen: das Leben als Verlagskaufmann ist schon spannend.  Und musikalisch geht es 2002 mal zu ganz anderen Ufern. Danke, 17 Hippies für „Halbe Treppe“.

2003: In Hamburg herrscht Bambule und Egge zieht sich Songs aus dem Internet. „Tanzverbot“ von Fettes Brot passt da super zum Ende seiner Verlagskaufmannsausbildung und dem Einzug an den Schneiderberg in Hannover. Hallo, Soziologie!

2004: Das Studium macht Spaß. Man trifft sich im Elchkeller, bei Demos, bei Maulwurfversammlungen – und man hört das Album der Libertines rauf und runter.

2005: Egge entdeckt Adam Green, Oma Hans mit „Apachen über Hamburg“ und „Kreisverkehr“ und die Melancholie. „Mittelpunkt der Welt“ ist das vielleicht schönste Album der Welt – damit endet auch Egges aktiver Versuch Soziologie bis zum Ende zu studieren. Er besucht die Uni nur noch zu Protesten und Streikaktionen. Stattdessen wird sein Gedichtband „niemals so ganz“ veröffentlicht.

2006: Man liest vor, tourt, trifft sicht vor allem auf Konzerten, wie in der Glocksee zum Beispiel bei einem der schönsten Goldie-Auftritt. „Lenin“ war das Album des Jahres – entschuldigt die Qualität. Und immer wieder das mediengruppenwirksame „Sprengkörper“ und „Klar“ von Herrn Delay! Da fängt Egge mit Costa doch gleich selbst an, Musik zu machen. Hallo, Betpoeten.

2007: Ein Sommer voller Protest und Festivals. Heiligendamm, Open Flair, Mera Luna, Dockville, Zytanien, Weadbeat. Ein Ritt durch Deutschland. Egge bekommt ein Volontariat bei einer Tageszeitung. Darauf entspannte Musik von Radiohead und The Whitest Boy Alive in Hamburg.

2008: Ruhe finden zwischen Job, Musik, Literatur. The Notwist lieferte den besten Beitrag dazu. Und große Seen in Schweden. Und eine unglaubliche Band aus Island (Danke für diesen Tipp, Herr Costa).

2009: Das Jahr von Selig. Wiedervereint und wunderbar. Kein einfaches Jahr für Egge, aber mit dem Album ging es durch alle Höhen und Tiefen. Umzug nach Hamburg passt da ganz gut.

2010: Egge fühlt sich wohl, fährt immer noch zwischen Konzerten, Zeitungsarbeit und Lesungen hin und her und denkt nicht wirklich daran, damit aufzuhören – auch wenns anstrengt. Und die Musik? Kann da auch etwas von Schlagerchansons haben, Hauptsache es macht Spaß. Danke, Superpunk! Hurra, Egge wird endlich 30!

PS: Was Egge verschweigt: seine 2 Unlimited-Maxi-CDs,die kurze aber nachhaltige Scooter- und Marc O-Phase, seine Tanzperformance als Mikrofonprofessor in der fünften Klasse, sein Playbackvortrag von Johnny Hills „Die Tauchonadel jagd die Uhr“ und Lindenbergs „Hinterm Horizont gehts weiter“ und schließlich alle betrunkenen Heimwege mit JBOs „Heut ist ein guter Tag zu sterben“. Und ja, er hat auch Lokalmatadore und Dimple Minds gesungen. An dieser Stelle gilt es nun Abstand zu nehmen vor so einem Menschen. Es hat mich gefreut. Und so kann ich am 16.9. nun allein mit mir anstoßen. Darauf ein Whigfield-Video.