Juni 2015 – Braunschweig und Potsdam

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Diese Menschen immer. Die so nett sind, dass wir uns immer wieder freuen, sie irgendwo in der Weltgeschichte zu treffen. Zum Beispiel diese eine Band aus München, mit dem abgefahrenen Namen: Todeskommando Atomsturm. Münchens heißester Punkscheiß, korrekte Kerle und eine korrekte Frau. Auf der Bühne wie wilde Derwische. Und gute Haare haben die auch alle. Und gesundeHaut. Unfair ist das. Im Braunschweiger Nexus durften wir nach langer Zeit mal wieder die Bühne mit unseren Label-KollegInnen teilen. War geil. Im Oktober spielen wir mit denen beim diesjährigen Twisted Chords-Label-Festival in Leverkusen. Sehr sehr geil.

Und dann diese anderen Menschen, die man kennen- und sofort liebenlernt. Mit ebenfalls abgefahrenen Namen für ihre Band: Ich meine, wer kommt denn auf Kackschlacht? Für uns Hannoveraner ist die Sache klar: Die müssen aus Braunschweig sein. Sind sie auch und standen ebenfalls im Nexus mit uns auf der Bühne. Und haben gerockt, alterverfalter. Neue EP, diesdas. Jungs und Mädchen, schaut sie euch an, bevor sie wegen des Ruhms durchdrehen und auf Youtube eine eigene Sendung bekommen. Jetzt wo der Raab weg ist.

Noch ein Satz zum Nexus: ja, das war dieser wunderbare Laden in Braunschweig, der uns schon 2008 eingeladen hatte. Damals hat Egge seine Texte noch abgelesen und wir liefen als Hörspiel. Egge hatte da auch vorher mal mit Steven Gedichte gelesen und traf Leute wie Axel Klingenberg und Daniel Terek, die alte Bumsdorfer Gerüchteküche-Bande halt. Damals wurde noch viel saniert. Heute gibt es Bandwohnungen und ein Dachstuhl mit Sonnenbänken, also Bänke mit echter Sonne. Da ist mächtig was entstanden. Schön! Danke L. fürs Vertrauen!

Ein paar Tage später sitzen wir brav auf einem Sofa in Potsdam und rezitieren vor dem vollen Saal des Kuze mal wieder die gesammelten Werke der Punkerlyrik. Seit zwei Jahren machen wir den immer gleich schlechten Witz, dass diese Texte ja eigentlich der beste Lernstoff für die Schule wären. Und zack, sitzt da eine 11. Klasse im Publikum und freut sich, dass wir ihnen die prüfungsrelevanten Inhalte so zielgruppenorientiert verabreichen. Hat das Studium ja doch was gebracht. Nur mit dem Schnaps, das war dem Lehrer vielleicht doch nicht so geheuer. Dafür war sogar die Presse da, soff und analysierte den Auftritt fachgerecht. Wahnsinn! Was bleibt? Noch ein paar Grüße gen AStA, Uhlandstraße, Spartacus & Freiland. Ihr wisst schon, wer alles gemeint ist. Ganz MV in Brandenburg eben.

PS: Wer den Text von Knochenfabriks „Filmriss“ nicht mehr, ähem, zusammenbekommt, kann ihn in Potsdam aufm Klo nachlesen. Bildung, ey.

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9. Januar 2015 – Neubrandenburg – Alternative Hochschulparty

Nicht unkommerziell genug

Sie haben die Türsteher ausgetauscht. Wo früher bei den regulären Semesterfeten Mitglieder einer Rockerbande am Empfang Studierende kontrollierten, stehen nun Vertreter aus dem Rostocker Antifa-Umfeld. Menschen, die Erfahrung mit Gewalt haben, aber auch wissen, dass eine Studierendenparty schützenswert ist. Weil es eben ein Treffen von Menschen in einem experimentierfreudigen Alter ist – und das Sexismus, Rassismus, Homophobie dort nichts zu suchen haben. Die alternative Studierendenparty der Hochschule Neubrandenburg ist genau so ein Freiraum. Eine Feier, auf der sich jede(r) wohlfühlen soll. Und auch tut. Dafür sorgen die Kollegen von Kkorpus DeliKti und Tapete, die mit Hip-Hop aus ihrem Alltag erzählen.

Zickereien nerven

Nach unserem Auftritt wird dann noch zu den Hits einer globalen Kultur gefeiert. Für ein paar Stunden ist Pegida vergessen und der Anschlag von vermeintlichen Islamisten-Faschisten in Paris. Und es wird vergessen, dass solche Abende eben nicht selbstverständlich sind. Denn solche bunten, wilden Orte, Stunden oder Räume müssen immer wieder erkämpft werden. Das wissen die Menschen in Neubrandenburg nur zu gut. Schließlich waren die 1990er-Jahre auch dadurch geprägt, dass man sich gegen Neonazis behaupten musste. Die Zeiten sind glücklicherweise nicht mehr so extrem. Und es ist auch ein gutes Zeichen, dass das AJZ am See inzwischen dem Verein gehört. Aber es ist auch nichts, worauf man sich ausruhen sollte.

Hallo, guten Morgen!

Dass dieses bunte Leben immer wieder in Gefahr gerät, wurde uns in dieser Woche wieder einmal schmerzlich bewusst gemacht. Und die Menschen, die sich darüber wunderten, dass die Attentäter von Paris doch im Westen geboren und aufgewachsen sind, haben sich sicherlich auch damals darüber gewundert, dass es den rechtsextremen Terrorismus des NSU gibt. Das Attentat auf die Journalisten von „Charlie Hebdo“ und die Zivilisten in einem koscheren Supermarkt sowie die Polizisten auf der Straße sind auch Angriffe auf unsere Demokratie und Wertvorstellung. In solchen Momenten tut es gut, diese tollen Menschen in Neubrandenburg zu treffen und zu sehen, was mit dem richtigen Engagement möglich ist. Deshalb gehen wir immer noch gerne auf Tour. Danke!

23. und 24. Juni 2012 – Witzenhausen und Kassel

Die Uni in Witzenhausen sieht aus wie ein Schultrakt bei Harry Potter. Alte Steine, Efeu, erwürdige Türmchen. Dazu noch der Hof mit den Fachwerkbauten, oben dann der Balkon. Jetzt Minnesänger sein… Doch wir sind hier, um die Sommerfete der Uni zu bespielen.

Es gibt selbst gemachte Pommes, Kinderprogram und viel Bumbum. Mit Sequensiaz, Tanker und Bureaumaschine haben wir auch gleich vier tolle Musikkolleginnen mit der auf der Bühne, das es es eine Freude ist. Und der Kollege Bureaumaschine aus Dresden haut nur so wild auf seinen Tasten rum, dass keiner ruhig bleiben kann. Sogar ein Theremin hat er mitgebracht. Rock’n’Roll!

Wenige Stunden später stehen wir in Kassel in der Ausstellungshalle des Künstlerkollektivs and and and und liegen fast am Boden vor Lachen: Wir sind noch nie vorher auf einem Lastenfahrrad aufgetreten. Bitte, was? Ein Lastenfahrrad?! Was die Leute von der Antikriegsinitiative hier aber auf die Beine stellen, sprengt unsere Erwartungen: Egge und ich stehen während der Fahrraddemo auf einem Holzbalkon, der auf einem Lastenfahrrad fährt. Die Musik wird per Funk auf Anlage übertragen, dass solarbetrieben auf einem anderen Anhänger steht.

So geht es im Fahrradkorso durch die Innenstadt zu den – immer noch sehr aktiven – Rüstungsfabriken in Kassel. Die Menge ist ausgelassen und klingelt und tanzt. Sehr schön. Abschlusskundgebung ist dann im Nordstadtpark, bevor wir zur documenta verschwinden. Die Stadt glüht: Ein Haus wurde besetzt, vor dem Theater steht ein Zeltdort von Occupy. Wie aus einem Dornröschenschlaf erwacht, beschreiben unsere Gastgeber die Situation. Das wollen wir hautnah spüren.

„Ich habe dir doch gesagt, das Werk ist nicht neu, das stand schon bei der letzten documenta hier.“ Die anderen Kunstinteressierten schauen nur kurz in ihren Plan, finden aber keine Beschreibung zu dem Müllcontainer, den wir seit Minuten interessiert begutachten. In der einen Hand Erdbeeren, in der anderen ein Bier schlendern wir durch die Karls-Aue und laben uns an der Kunst. Besonders empfehlenswert: Omer Fasts Kurzfilm Continuity, der Obststand unserer Freunde von and and and, die Klanginstallation von Janet Cardiff & George Bures Miller, die eine Art Schnelldurchlauf von 1000 Jahren im Wald gibt, inklusive Besiedlung, Krieg und reinigenden Regen. Wir machen Notizen, mit welchen Projekten wir uns bei der kommenden documenta bewerben wollen. Läuft.

Außerdem haben wir gelernt an diesem Wochenende:
„Habt Respekt vor den Menschen, die Postkarten verkaufen.“
„Polizisten, die Windbeutel heißen, wollen eigentlich nur mal in Ruhe mit einem reden.“
„Lieder von Tracy Chapman funktionieren immer noch als Soundcheck-Test.“
„Nachts um vier keine Witze mehr.“
„Ketchupflecken gehen ganz schlecht wieder aus Ed-Hardy-Shirts raus.“
„Eine Straße, viele Bäume, das ist eine Allee!“

Der Adel ist ein Verdienst für solche, die sonst keinen haben (aus China)

Wir freuen uns, ab sofort Ingolf Ahlers, Politikprofessor im Ruhestand an der Universität Hannover, als unregelmäßigen Gastschreiber der Kolumne „Anmerkungen zum Zeitgeist“ begrüßen zu dürfen. Seine Interessensgebiete umfassen unter anderem Internationale Beziehungen, Europäische Kolonialgeschichte, Kulturen des Schamanentums und  Mentalitätsgeschichte. Der Text und alle Rechte daran bleiben bei ihm.

Die Adelstitel „von und zu“ des fränkischen Freiherrn und Plagiator G. erhalten jetzt eine völlig neue Bedeutung: VON anderen Textanalysen klauen und ZU eigenen Aufstiegen nutzen – und das jenseits jeglicher Gedanken über wissenschaftlichen Anstand und entsprechendes Benehmen, also total unadelig. Und nun dämmert diesem Schnösel, Streber und Schleimer, dass man seinen „Doktorvater“ weder zum verantwortlichen Sündenbock, noch ihn in die Wüste schicken kann, wie das in Dienstherrenmanier im Verteidigungsministerium bisher möglich gewesen und als schneidig gelobt worden ist. Ganz schön bitter. Ob da ein schnelles Abhauen in den Krieg am Hindukusch – und dies mal ganz ohne journalistischen Tross, geschweige denn mit Frau (in diesen Kreisen meist als Gemahlin oder Gattin bezeichnet) – noch hilft, bleibt ungewiss, doch der Schrecken ist Karl-Theodor sichtlich in die Knochen gefahren. Und auch eine Kommission, die die Vorwürfe nach Politikerart „untersucht“ und dann vernebelt, wird deswegen schwierig sein, weil ja alles schriftlich auf dem Tisch liegt und gut dokumentiert ist. Da gibt es gar nichts mehr zu untersuchen.

Richtig und voll daneben sind die Abkupferungen, die in der Einleitung seiner Doktorarbeit auftauchen. Denn schließlich ist die Einleitung einer Dissertation sozusagen die Visitenkarte. Hier legt man sein wissenschaftliches Selbstverständnis, seine theoretische Perspektive, sein Erkenntnisinteresse und seine analytisch-methodische Zugangsweise offen oder sollte es zumindest. Und wenn man da von anderen abschreibt, dann hat man nichts von diesen großen Vier noch beieinander. Das lateinische plagium bedeutet ursprünglich „Seelenverkauf“ und das hat Karl-Theodor getan, nämlich seine wissenschaftliche Seele/Ethik an die Dämonen des Lug und Trugs zwecks Karrierebeschleunigung verkauft, und da gibt es weder etwas zu „prüfen“ noch in adliger Kavaliersart zu verharmlosen. „Eine Dissertation ist eine höchstpersönliche Angelegenheit, und es gibt bei Täuschung keine Möglichkeit zum Ausflüchten.“ (F. Hanschmann, ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesverfassungsgericht mit dem juristischen Schwerpunkt Plagiatsfälle).

Die Plagiatsvorwürfe weist Freiherr von und zu Guttenberg als „abstrus“ zurück. Das hätte er lieber nicht tun sollen, denn das lateinische abstrusus bedeutet schlicht und einfach „dunkel, heimlich und verborgen“. Alle drei Eigenheiten treffen auf jeden Dieb, auch auf diejenigen von geistigem Eigentum zu. Und im Übrigen: Die Techniken wissenschaftlichen Arbeitens, zu denen auch richtiges Zitieren, einwandfreie Fußnoten und nachvollziehbarer Anmerkungsapparat gehören, sind Pflichtprogramm im ersten Semester. Die ganze Geschichte ist auch ein erhellendes Beispiel über die Mikrophysik der Macht. Im wissenschaftlichen Ökotop der fränkischen Idylle Bayreuth kennt man sich und den Freiherrn, weiß natürliche um das Prestige des Doktortitels und schmückt ihn für ihn mit der Bestnote. Man glaubt sich das deswegen erlauben zu können, weil im bundesdeutschen, spätmodernen und verwaisten Herdenbewusstsein nicht nur das einfache Volk angesichts aristokratischer Überbleibsel glänzende Augen bekommt und stramm steht, vor allem dann, wenn einer ständig von Ehre, Anstand und Moral spricht. Außerdem drängt sich allmählich durch die Vielzahl der aufgenommenen und nicht deklarierten Fremdtexte die Vermutung auf, dass da eventuell ganz andere am Schreiben waren. Die Geilheit auf den Doktortitel treibt sowieso seltsame Blüten. Hier ist ein anschauliches Beispiel die Schmalspurdissertation von Familienministerin Schröder. Die hat sich die „Analyse“ der Werteunterschiede bei CDU-Funktionären und einfachen CDU-Mitgliedern zum wissenschaftlichen Thema gewählt. Wenn jemand mit solch einem Vorschlag zu mir gekommen wäre, dann hätte ich der- oder demjenigen wohl eine Vogel gezeigt.

Ziemlich irrwitzig find ich auch die Vorstellung des fränkischen Freiherrn, dass man seinen Doktortitel eine Zeitlang „ruhen“ lassen kann. Sei es wie es sei: Die politische Marke Guttenberg, deren Botschaft Glaubwürdigkeit sein sollte, ist hin. Der Mann ist entzaubert, hat sich verirrt und verlaufen. Hinter dem adligen Schein der Eitelkeit und des Größenwahns zeigt sich ein Sein ohne Substanz, ohne Bestand, denn der Gestus aus Herablassung und Anmaßung kennzeichnet weiterhin seine öffentlichen Auftritte.

Fazit:  Lügen sind „entweder ein Produkt der Bosheit, der Feigheit oder der Eitelkeit“, so schrieb schon der englische Adlige Graf Chesterfield im 18. Jahrhundert in seinen „Briefen an den Sohn“.

10. Februar 2011 – Witzenhausen – Uniklub

Die Legende sagt, dass er nur kommen wollte, wenn er seinen eigenen privaten Tennisplatz an der Uni bekäme. Man erfüllte ihm seinen Wunsch – trotzdem hat man weder den Professor noch irgendwen anders je Tennisspielen spielen sehen. Und nun verrottet der Platz zwischen Gewächshaus und altem Klostergebäude vor sich hin.

Witzenhausen liegt an der Werra, fast auf halbem Weg zwischen Kassel und Göttingen. Es ist bekannt für seine Kirschen, die frühere Tropenschule, die Deutsche auf das Leben in den Kolonien vorbereitet hat und die Erfindung der Biotonne in Carlos‘ Geburtsjahr – und natürlich für eine der wenigen Unis Europas, an der man ökologische Agrarwissenschaft studieren kann. Und die, die das machen, sind ausnahmslos nette Menschen, wie wir an dem lauen Donnerstagabend im Februar erfahren durften.

Es passiert nicht oft, dass man einen tollen Auftritt macht, nett bewirtet wird und später dann halb auf Kopfsteinpflaster und halb im Matsch zwischen Fachwerkhäusern zur Schlafstatt geht und dabei von so vielen lieben Menschen begleitet wird. Wir kommen wieder wenn die Kirschen blühen.