17. September 2012 – Kiev

Es ist kurz vor 4 Uhr, als wir in der bayrischen Provinz ins Taxi steigen. Die Burg, auf dem die Undjetzt!-Konferenz stattfand, liegt nur wenige Meter von der tschechischen Grenze entfernt. Der Taxifahrer ist ein Bayer, wie man ihn sich vorstellt. Dazu noch ein Schnauzer. Als wir ihn fragen, warum um diese Uhrzeit so viele Polizeistreifen unterwegs sind, packt er seine Lebensgeschichte aus. Sein Stiefsohn war jahrelang süchtig nach Chrystal Meth. Eine der beschissensten Drogen, die man seinem Körper antun kann. Der Junge hatte alle Eskapaden einer typischen Suchtgeschichte hinter sich. Das Zeug billig in Tschechien auf illegalen Märkten geholt. Gestohlen. Ersatzbefriedigung durch Alkohol etc. „Und diese Musik. Immer hat er dieses Schranz gehört. Das ist noch nicht einmal richtiger Techno. Das ist Krieg,“ So ging das weiter, bis er dann zu Jesus fand. Eine freichristliche Gruppe geht direkt in die von Crystal betroffenen Gebiete in der Nähe der tschechischen Grenze und holt die Leute von der Straße in so eine Art Kloster. Jetzt wird er Erzieher. Der Stiefpapa fährt trotzdem immer wieder Dealer und Süchtige über die Grenze. Nachts. „Hier ist ja auch keine Industrie mehr. Keine Arbeitsplätze. Die Jugend haut entweder ab oder ballert sich zu.“ 4 Uhr morgens, irgendwo in Bayern.

„Dawai, dawai!“ Autofahren in Kiev ist Krieg. Kein Wunder, dass die Muttis, Oligarchen und Biznismen hier gerne Jeep fahren. Wir brausen an Hochhäusermeeren mit Zwiebeltürmchen vorbei. An riesigen Fabrikanlagen. Es riecht nach Braunkohle, verbleitem Benzin. Irgendwer verbrennt hier Plastik. Aus dem Radio pumpt Großraumdiskotechno und Houseversionen von alten Rocksongs. 14 Stunden bin ich da schon unterwegs.

Schon wieder Techno. Rund um das Kriegsdenkmal für die Bruderschaft zwischen Russland und der Ukraine ist ein Kirmes aufgebaut. Autoscooter, Bierstand, Wettschießen. Mit Blick auf den Dnepr. Riesige, waldige Inseln ragen liegen im Fluss zwischen den beiden Stadtseiten. Im Hintergrund Satellitenstädte aus Platte. Kraftwerke. Industriegebiete. Ein Kind turnt auf den eisernen Helden der untergegangenen Sowjetunion herum. Wir trinken Kwas und genießen die Sonne.

Mein Gastgeber arbeitet an einer der Universitäten in Kiev. Eine Universität, die sehr international ausgerichtet ist. Seit anderthalb Jahren unterrichtet und organisiert er dort ohne Vertrag. Für den braucht er unter anderem eine Arbeitserlaubnis, ein Gesundheitszeugnis und diverse weitere Formulare, die er nach und nach besorgen muss. Monatelang. Mit Gebühren im dreistelligen Eurobereich. Er weigert sich, Beschleunigung zu bezahlen. Also wartet er. Sein Arbeitgeber will aber alles immer gleich gestern haben.

Die Ukraine ist ein freies Land. Du kannst vieles machen, viel improvisieren, Dinge ausprobieren. Erstmal kümmert sich keiner darum. Die Infrastruktur wirkt deswegen manchmal arg improvisiert – in Kiev gibt es keinen richtigen Plan, wie die Marschrutki, die Busse, fahren. Aber es funktioniert. Auch der Staat funktioniert, obwohl das Land eine der schlechtesten Steuerzahlungsmoral der Welt hat. Die Menschen haben wegen der Vergangenheit Angst, dem Staat oder irgendeiner großen Organisation ihr Geld zu geben. Sie müssen so schon die ganze Zeit fürchten, es durch Raub, Inflation, Bestechung etc zu verlieren. Das führt natürlich zu viel Gemauschel. Trotzdem ist es für viele Menschen – zum Beispiel in der IT-Branche – ein Paradies der Freiheit, für das sie gerne die Unannehmlichkeiten auf sich nehmen.

Am Strand von Odessa plärt zwischen Modern Talking und die Scorpions. Ein erfülltes Klischee. Egal, es gibt Varenyky, frisch gezapftes Bier, und wir können den reichen Mafiatypen auf die Plautzen gucken. Das Schwarze Meer ist warm, und die Sonne knallt. Schönes Leben.

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September 2012 – Paderborn, Berlin-Festival, Undjetzt!-Konferenz

Paderborn, Hannover, Berlin, Burg Hohenberg in Nordbayern, Kiew – die vergangenen Tage waren sehr intensiv, sehr schön, aber auch zwischendurch sehr anstrengend. Wir verabschieden uns jetzt erstmal in den Urlaub und damit die Spielpause. Der nächste Termin: 5. Oktober im Soulkitchen Hamburg (oder, wenn die Stadt Hamburg den Laden wirklich zumacht, woanders). Bis dahin unsere September-Liste:

– Das Sputnik in Paderborn ist die wohl schönste Kneipe in der Stadt. Tolle Leute, tolles Publikum. Vielen Dank!
– Autobahnraststätten haben wirklich etwas Altertümliches. An den modernen Oasen bekommt man alles, was man braucht. Auch mal ein Kreischkonzert von Schweinen, die gerade abtransportiert werden.
– Danke auch an die alte Truppe Literaten aus Ostwestfalen. Weitermachen!
– In Hannover brennen ganz schön häufig Mülldeponien oder Chemiefabriken oder so. „Es hängt ein Grauschleier über der Stadt…“
– Das Berlin-Festival besticht durch seine Kulisse und die vielen engagierten Künstler. Viele Menschen stehen aber dann doch lieber im Backstagebereich und schauen gelangweilt. Schade eigentlich. Und das nächste Mal bitte mehr Toiletten aufbauen. Das ging gar nicht.
– Autoscooter macht doch noch Spaß.
Broca Areal sollte man sich merken. Und Sebastian 23 bringt als Klon 23 jetzt auch Texte zu Techno.
Mieze Medusa hat den schönsten Akzent, das nächste Mal ist sie aber mit Getränke holen dran.
Sulaiman Massoumi kann nicht nur mit dem Schellenkranz den Takt halten, er hat auch als Rapper einen derben Flow. Vielen Dank für den spontanen Auftritt.
– In Neukölln machen Freunde jetzt eine Kneipe in der Richardstraße auf. Erst dachten wir, wie irre müssen die sein. Dann waren wir da: ein Traum! Unsere neue Stammkneipe in Berlin.
– Wenn Designer Preise verleihen, dann stehen mehr Leute auf dem Podest, als Zuschauer da sind. Und alle filmen.
– Der Undjetzt!-Kongress zeigte mal wieder, wie viele kreative, motivierte und kluge Menschen auf dieser Erde leben. Mit euch haben wir keine Angst vor der Zukunft. Danke!
– Und wie viele tolle Ideen in unserem Workshopseminar zu kreativer Kulturkritik und gesellschaftlichem Protest herausgekommen sind, zeigt, wie wichtig das Thema ist. Wir sind gespannt, was dann später realisiert wird.
– Uns gibt es in diesem Jahr übrigens auch auf der Frankfurter Buchmesse: Die tolle Designerin Sima Niroumand hat uns für ihr Buchprojekt „Freunde – ein Sammelwerk“ gefragt, ob wir nicht über unse Verhältnis als Bandkollegen und Freunde schreiben wollen. Das Ergebnis findet ihr hier.