Der Text

PaulHardcastle_19_Single

Im ersten Teil hat Kollege Carlos die Genese einer Basslinie anschaulich beschrieben. Da war was mit Fusion-Zelt, Schnaps und Abwärts.  Schön. Der „Grautöne“ liegt mittlerweile in der digitalen Ecke für „Endabnahme“, das ist eine Art geheimer Tresor für fast fertige Songs. Ich könnte jetzt über die unglaublichen Zeilen schreiben, erklären, warum Emotionen manchmal in starre Formen gegossen werden müssen, um sich genau darüber hinwegzusetzen, und darüber sinieren, dass ein Grölpart manchmal ganz befreiend wirken kann. Heute aber nicht. Es soll eher um einen weiteren neues Lied mit Arbeitstitel „19“ gehen.

Dazu muss man wissen, dass wir ein Zweitprojekt betreiben. Ja, wir treten unter falschen Namen auf. Zumindest drei Konzerte haben wir unter dem Knallertitel namens Meatproleten schon gegeben. Und weil das vollkommen bescheuert ist, können wir es ja nun verraten. Einmal traten wir so bei der Fete de la Musique an, zweimal beim Cover-Festival im hannoverschen Kellerklub Béi Chéz Heinz. Dort bekommt man im Vorfeld jeweils zum Festival drei Titel gestellt und macht daraus passende Eigeninterpretationen. Wir haben dabei schon Tocotronic, Deichkind und diesen blöden Tequila-Song kaputt gemacht. Aus der Tocotronic-Version ist der „Hipster“ entstanden, der es vermutlich auch auf das neue Album schafft. Aber darum soll’s jetzt nicht gehen. Denn einer der zugelosten Songs war tatsächlich Paul Hardcastles „19“. Kennt ihr nicht? Der hier:

Der Legende nach hat Hardcastle in den achtziger Jahren eine Doku über den Vietnam-Krieg gesehen, hat sich vermutlich einen eingeklinkt und hat das kritische Filmchen mit Klängen seines neuen Synthies unterlegt. Als es hieß, dass die amerikanischen GIs im Schnitt 19 Jahre alt waren, ist er fast durchgedreht. Er nahm das Wort „Nineteen“ auf, legte das Wort auf eine Synthietaste und flippte aus, als die Taste hängenblieb: „N-n-n-n-nineteen“ hieß es plötzlich. Er schraubte den Song samt LSD-19-Zucken zusammen, bastelte ein paar Nachrichtensprecher als Zitate rein, die über die Gräuel in Vietnam berichteten, und machte die Sprecher zu Co-Autoren. Zum zehnjährigen Vietnam-Ende 1985 erschien die Single, die in 13 Länder auf Position 1 ging. Wow. Elektrofunk in seinen Ursprüngen.

Die kritische Note wurde weltweit gefeiert, auch wenn einige Experten Hardcastle vorwarfen, den Krieg nicht in seiner Gänze abzulehnen. Wenn das Alter der GIs ein Problem wäre, könnte man ja ältere Soldaten nehmen. Geschenkt. Auch Mike Oldfield blies sich auf, erkannte ein paar Soundschnipsel aus seinem Kreativuniversum wieder, klagte und kassierte. Auch geschenkt. Viel wichtiger: In manchen Ländern übersetzten namenhafte Nachrichtensprecher die Dokutexte. In Deutschland war das Werner Veigel. Der Tagesschau-Sprecher kommentierte nicht nur den Eurovision Song Contest, er war auch einer der ersten TV-Leute, der sich als homosexuell outete. Er spielte im Lindenberg-Film „Panische Zeiten“ mit und galt als kritischer Kopf im Staatsfernsehen. Die deutsche Version sah nun so aus:

Lange Rede: Wir waren und sind bis heute von diesem Lied fasziniert – auch weil die INTRO mal eines unserer Lieder mit dem Hardcastle-Ansatz verglich und wir mächtig rot wurden. Spoken Word trifft Elektroschnipsel. Dazu der kritisch-künstlerische Anspruch. Yeah. Also überlegten wir. Das Lied auf Afghanistan runterbrechen? Nö. Das käme einer Wiederholung gleich. Und Hardcastle hat das ja nun sogar selbst übernommen. Das Lied einfach covern? Langweilig. Wir skizzierten also die Probleme der 19-Jährigen von heute.

– Kein Jobangebot
– Diskussionen im Fachschaftsrat
– Zu viele Praktika
– Der Freund ist doof
– Am Wochenende sind immer nur die gleichen Leute unterwegs, die zur gleichen Musik in den gleichen Klubs feiern
– Frisur
– Arbeit nervt
– Zu wenig Gin im Gin Tonic

Wir stutzten. In Vietman starben naive Jugendliche. Heute ergehen sich Gleichaltrige in Befindlichkeiten. Das wollten wir ironisch brechen, die Verhältnismäßigkeit des Jammerns auf hohem Niveau klarmachen. Aber wie? Wir schickten die 19-Jährigen Karrieristen, die Weltverbesserer, Zukunftsplaner und Selbstoptimierer in ihre Krise. Kein Dschungel, kein Kriegsherd, kein Elend – ein Punkerkeller. Die Musik, die Energie, der Sog der Text soll ihre Zukunft in Scherben schlagen. Der Karriereplan wird bei Toxoplasma zerfetzt, die Selbstoptimierung gestört, die so löbliche Rettung der Welt auf eine Probe gestellt. Die 19-Jährigen verlieren ihre Unschuld und ihren kapitalistisch verinnerlichten Verwertungsanspruch in der Bierdusche zu drei Akkorden, der Blutpogo. Das klingt alles reichlich martialisch, soll es auch. Man muss Ironie heute ja mit Ausrufezeichen kennzeichnen, sonst kommt wirklich noch jemand auf die Idee, dass wir das Leiden der Soldaten – bei aller Kritik am Militarismus – mit Komatrinkern im Kellerklub gleichsetzen. Nee. Es geht eher um einen Beitrag zur Verhältnismäßigkeit jammernder Mittelschichtsproblemkinder.

Dann wurde gebastelt, Robert, der Karriereplaner, muss in die Scherben. Tine, die Weltretterin, muss in die Scherben.
Gemeinsam müssen sie die Jugend verschwenden…
Und es folgt an dieser Stelle der Text.
PS: Musik ist aufgenommen, Text auch, abgemischt. Wir lieben diesen Song sehr. An einer Videoidee wird gearbeitet. Danke für die Aufmerksamkeit.

19

robert hatte sein leben genau geplant
gute noten, gutes abi, praktikant
dann auf ins ausland, jobben, kontakte pflegen
freunde fürs leben finden; für die akte ein segen
dann freiwilliges jahr im sozialen bereich
behinderte, junkies, so abwechslungsreich
robert mag kinda, denn die sind so niedlich
kinda lachen & schlafen so friedlich

doch dann stieg robert die treppe runter
ein räudiger klubkeller voller bunter
punker, die im blutpogo sterben
scheiße, die zukunft in scherben

19, 19, 19, 19, robert war 19, 19
zu jung, um aus dem alter raus zu sein

tine war im fachschaftsrat recht angesehen
politisch engagiert, hörte herman van veen
schrieb petitionen, gedichte, eu-anträge
sortierte zeitungs-pdfs & kneipenbelege
ihr größte gegner: der studiendekan
homophober autofahrer, nicht im ansatz vegan
tine würd gern seinen briefkasten sprengen
aber gewalt? wehret den anfängen!

doch dann stieg tine die treppe runter
ein räudiger klubkeller voller bunter
punker, die im blutpogo sterben
scheiße, die zukunft in scherben
19, 19, 19, 19 tine war 19, 19
zu jung, um aus dem alter raus zu sein

tine wollt so gern in afrika wohnen
jetzt vergießt sie bier zu den gold’nen zitronen
robert ringt um luft, vielleicht ist es asthma?
„schwarz! rot! braun!“ brüllt toxoplasma
tine kreitscht nun robert an, sie brauche sein geld
sie möchte gerne weitertrinken auf die rettung der welt
tine wird zu treibsand, die vergangenheit endet
von heute an wird die jugend verschwendet

19, 19! 19, 19! sie waren 19! 19!
zu jung, um aus dem alter raus zu sein

als lena meyer-landrut den eurovision song contest gewann war sie 19
klaus doldinger gründet seine erste band mit 19
als maria antoinette königin wurde, war sie gerade mal 19
das durchschnittsalter der soldaten in afghanistan ist 19

all jene werden nie vergessen was sie gesehen haben
die zerstörung junger menschen in der blüte ihres lebens
zerstört mit 19

 

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Der Adel ist ein Verdienst für solche, die sonst keinen haben (aus China)

Wir freuen uns, ab sofort Ingolf Ahlers, Politikprofessor im Ruhestand an der Universität Hannover, als unregelmäßigen Gastschreiber der Kolumne „Anmerkungen zum Zeitgeist“ begrüßen zu dürfen. Seine Interessensgebiete umfassen unter anderem Internationale Beziehungen, Europäische Kolonialgeschichte, Kulturen des Schamanentums und  Mentalitätsgeschichte. Der Text und alle Rechte daran bleiben bei ihm.

Die Adelstitel „von und zu“ des fränkischen Freiherrn und Plagiator G. erhalten jetzt eine völlig neue Bedeutung: VON anderen Textanalysen klauen und ZU eigenen Aufstiegen nutzen – und das jenseits jeglicher Gedanken über wissenschaftlichen Anstand und entsprechendes Benehmen, also total unadelig. Und nun dämmert diesem Schnösel, Streber und Schleimer, dass man seinen „Doktorvater“ weder zum verantwortlichen Sündenbock, noch ihn in die Wüste schicken kann, wie das in Dienstherrenmanier im Verteidigungsministerium bisher möglich gewesen und als schneidig gelobt worden ist. Ganz schön bitter. Ob da ein schnelles Abhauen in den Krieg am Hindukusch – und dies mal ganz ohne journalistischen Tross, geschweige denn mit Frau (in diesen Kreisen meist als Gemahlin oder Gattin bezeichnet) – noch hilft, bleibt ungewiss, doch der Schrecken ist Karl-Theodor sichtlich in die Knochen gefahren. Und auch eine Kommission, die die Vorwürfe nach Politikerart „untersucht“ und dann vernebelt, wird deswegen schwierig sein, weil ja alles schriftlich auf dem Tisch liegt und gut dokumentiert ist. Da gibt es gar nichts mehr zu untersuchen.

Richtig und voll daneben sind die Abkupferungen, die in der Einleitung seiner Doktorarbeit auftauchen. Denn schließlich ist die Einleitung einer Dissertation sozusagen die Visitenkarte. Hier legt man sein wissenschaftliches Selbstverständnis, seine theoretische Perspektive, sein Erkenntnisinteresse und seine analytisch-methodische Zugangsweise offen oder sollte es zumindest. Und wenn man da von anderen abschreibt, dann hat man nichts von diesen großen Vier noch beieinander. Das lateinische plagium bedeutet ursprünglich „Seelenverkauf“ und das hat Karl-Theodor getan, nämlich seine wissenschaftliche Seele/Ethik an die Dämonen des Lug und Trugs zwecks Karrierebeschleunigung verkauft, und da gibt es weder etwas zu „prüfen“ noch in adliger Kavaliersart zu verharmlosen. „Eine Dissertation ist eine höchstpersönliche Angelegenheit, und es gibt bei Täuschung keine Möglichkeit zum Ausflüchten.“ (F. Hanschmann, ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesverfassungsgericht mit dem juristischen Schwerpunkt Plagiatsfälle).

Die Plagiatsvorwürfe weist Freiherr von und zu Guttenberg als „abstrus“ zurück. Das hätte er lieber nicht tun sollen, denn das lateinische abstrusus bedeutet schlicht und einfach „dunkel, heimlich und verborgen“. Alle drei Eigenheiten treffen auf jeden Dieb, auch auf diejenigen von geistigem Eigentum zu. Und im Übrigen: Die Techniken wissenschaftlichen Arbeitens, zu denen auch richtiges Zitieren, einwandfreie Fußnoten und nachvollziehbarer Anmerkungsapparat gehören, sind Pflichtprogramm im ersten Semester. Die ganze Geschichte ist auch ein erhellendes Beispiel über die Mikrophysik der Macht. Im wissenschaftlichen Ökotop der fränkischen Idylle Bayreuth kennt man sich und den Freiherrn, weiß natürliche um das Prestige des Doktortitels und schmückt ihn für ihn mit der Bestnote. Man glaubt sich das deswegen erlauben zu können, weil im bundesdeutschen, spätmodernen und verwaisten Herdenbewusstsein nicht nur das einfache Volk angesichts aristokratischer Überbleibsel glänzende Augen bekommt und stramm steht, vor allem dann, wenn einer ständig von Ehre, Anstand und Moral spricht. Außerdem drängt sich allmählich durch die Vielzahl der aufgenommenen und nicht deklarierten Fremdtexte die Vermutung auf, dass da eventuell ganz andere am Schreiben waren. Die Geilheit auf den Doktortitel treibt sowieso seltsame Blüten. Hier ist ein anschauliches Beispiel die Schmalspurdissertation von Familienministerin Schröder. Die hat sich die „Analyse“ der Werteunterschiede bei CDU-Funktionären und einfachen CDU-Mitgliedern zum wissenschaftlichen Thema gewählt. Wenn jemand mit solch einem Vorschlag zu mir gekommen wäre, dann hätte ich der- oder demjenigen wohl eine Vogel gezeigt.

Ziemlich irrwitzig find ich auch die Vorstellung des fränkischen Freiherrn, dass man seinen Doktortitel eine Zeitlang „ruhen“ lassen kann. Sei es wie es sei: Die politische Marke Guttenberg, deren Botschaft Glaubwürdigkeit sein sollte, ist hin. Der Mann ist entzaubert, hat sich verirrt und verlaufen. Hinter dem adligen Schein der Eitelkeit und des Größenwahns zeigt sich ein Sein ohne Substanz, ohne Bestand, denn der Gestus aus Herablassung und Anmaßung kennzeichnet weiterhin seine öffentlichen Auftritte.

Fazit:  Lügen sind „entweder ein Produkt der Bosheit, der Feigheit oder der Eitelkeit“, so schrieb schon der englische Adlige Graf Chesterfield im 18. Jahrhundert in seinen „Briefen an den Sohn“.