12. Februar 2011 – Arpke – Jugendzentrum Hinterhof

(Jugendzentrum Hinterhof im Sommer. Quelle: lehrte.de)

Als Egge vor einem halben Jahr mit der Idee kam, in den Jugendzentren unserer Teenagerjahre aufzutreten, war Carlos sofort überzeugt. Seins hat leider bis heute nicht auf die Anfrage geantwortet, Egges schrieb sofort zurück. Und so suchten wir an dem dunklen Sonnabend im Februar unseren Weg durch den Schneesturm der Ländereien um Lehrte und fanden im kleinen beschaulichen Dorf Arpke das Jugendzentrum Hinterhof, in dem wir herzlich empfangen wurden und folgendes gelernt haben:

1.18-Jährige haben mehr Energie und Kraft als man denkt. Da muss man echt vorsichtig sein, wenn man zum Pogo aufruft. Auch Stagediven muss geübt werden. Beim zweiten Mal klappt alles besser.

2. Rosa Rauschen ist ein super Klavierspieler, für seine guten Texte war das Publikum aber manchmal wohl nicht „konzentriert“ genug. Weitermachen! Wir sehen uns in Frankfurt!

3. Wenn man auf das letzte Shuttle zum Lehrter Bahnhof hinweist, hauen fast alle ab. Die, die bleiben, wohnen aber nicht im gleichen Dorf, sondern stärken sich für die kilometerlange Wanderung durch Kälte und Schnee mit dem letzten Rest Musik. Von wegen Generation Internet.

4. In jedem Dorf in Niedersachsen gibt es mindestens einen schönen Ort, an dem eine Bank steht und man das Treiben beobachten kann. Außerdem gehört zu Grundversorgung in der Provinz: eine Gastwirtschaft „Zur Eiche“, ein chinesisches Restaurant „Mayflower“ ein Grieche „Akropolis“, ein Einkaufszentrum mit Discounter, Bäcker und Getränkemarkt, das obligatorische Erster-Weltkriegs-Denkmal, ein Weiher, der Dorfverrückte, der immer genau weiß, wo etwas los ist.

5. Este und March vom Elektrischen Widerstand schaffen es locker, die Energie eines stundenlangen Sets innerhalb weniger Minuten abzufeuern und sind dann noch nicht mal sauer, wenn es um 23.30 Uhr heißt: Feierabend.

6. In Arpke arbeiten und am Deister wohnen kann sehr erholsam und trotzdem Punk sein: Hinterhof-Cheffe Tobi ist das beste Beispiel.

7. Nach Auskunft der örtlichen Jugend gibt es auch in Arpke nie genug Bass. Überall auf der Welt ist das Problem bekannt. Wir erwarten, dass sich die UN Generalversammlung damit auseinander setzt.

8. Bei alten VWs kann man alles reparieren. Alles! Und wenn sie rot sind, dann treffen sie sogar den aktuellen Trend.

9. Im Spandau in Hannover kann man wahnsinnig gut versacken und sich mit dem Cheffe beim Wein lange Diskussionen über die richtige Schulform, Musik und Architektur liefern. Und die Djanes spielen dazu Take That.

10. Winter nervt.

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08. Dezember 2010 – Leipzig – Besser Leben

Heute Morgen kletterten bestimmt drei Typen auf diesem Dach in der Innenstadt herum und fegten den Schnee runter. Unten war alles vorschriftsmäßig abgesperrt, die Eisklumpen waren ja auch inzwischen so groß wie Fußbälle.

Zum Mittagessen gab es einen Flyer von Greenpeace zum fleischfreien Donnerstag. Meine Frage, ob das Flugblatt auch garantiert auf chlorfrei gebleichtem und zu hundert Prozent recyceltem Papier gedruckt wurde, konnte der Verteiler nicht beantworten. Er mache die Arbeit sowieso nur, um in seinen Lebenslauf humanitäre Freiwilligenarbeit zu schreiben. Mit sowas stiegen die Chancen auf einen Studienkredit bei einer politischen Stiftung.

Abends dann der Schneesturm im tiefsten Westen Leipzigs, der sich inzwischen so schick gemacht hat und doch mehr Osten ist als die Innenstadt. Am Nachbartisch unterhielten sich zwei ebenfalls Zugezogene darüber, dass man Ostdeutschland in Zone und Neufünfland einteilen könne. Zone seien die kaputten Teile, in denen Menschen Thor Steinar trügen und der Vietnamese Döner verkaufe. Neufünfland seien so tolle Oasen wie Leipzig, oder auch Erfurt, Jena, Dresden und Teile von Schwerin und Rostock. Dort könne man unter Kultivierten guten Rotwein trinken, und dabei sei alles viel günstiger als  in Hamburg oder Berlin.

Und gerade als mir das alles zu viel wird, sagt mein toller Gesprächspartner folgenden Satz: „Gute Kunst hat immer Defizite, an denen man sich reiben kann und muss. Einer, der darum kämpfen muss, dass etwas gut aussieht, dem sieht man die Anstrengung in seinen Figuren an. Das ganze Werk hat dann einfach eine Aura.“

Epilog:
Auf dem Rückweg ins Bett rutsche ich auf dem Eis aus und falle hin. Keiner ist da, der klatsch oder mir wieder hoch hilft.