25. Mai 2012 – Hannover – Arbeitszimmer

High German

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Wie wir “Man müsste Klavier spielen können” aufgenommen haben (Teil II)

„Mehr Kneipenatmosphäre! Wir brauchen mehr Kneipenatmosphäre.“ Zugegeben, wir waren sicherlich schon betrunken, als uns die Idee kam, bei ein paar der Lieder Kneipenatmosphäre einzubauen, wie wir sie aus der Destille kannten. Egge wollte unbedingt eine Art Shantichor einbauen, also kippten wir den Ramazotti nach und grölten ins Mikrofon.

Meine Eltern hatten uns ihr Haus für die Tage zwischen Weihnachten und Silvester 2010 in der niedersächsischen suburbanen Pampa überlassen. Im Wohnzimmer räumten wir alle zerbrechlichen Gegenstände weg, bauten auf dem Tisch alles Equipment auf, zuppelten die Mikrofone fest und öffneten die Hausbar. Manuel meinte noch, ob wir wenigstens so tun wollten, als gäbe es eine Gesangskabine. Wir lachten ihn aus und stelltem ihm ein Eierlikör in der Schokowaffel hin.

Auch bei dieser Aufnahme wollten wir alles in eins aufnahmen, also One-Take. Für jedes Lied sollten maximal drei Versuche gelten. Die beste Version würde dann auf das Album kommen. Draußen lag der schmutzige Schnee, und vom Panoramafenster des Wohnzimmers konnte man das Gewächshaus meines Vaters sehen, in dem er immer sein Gemüse züchtete. „Besser als dein überteuerter Biofrass.“

Einen Tag vorher hatten die Kollegen vom Lieber Klub aufgelegt. Bevor wir überhaupt an die Reise in die Vorstadt denken konnten, mussten wir uns  erstmal sammeln: Also fuhren wir in einen typischen Riesensupermarkt, kauften Quatsch, mit dem wir unbedingt Geräusche machen wollten. Zu Hause gab es dann erstmal Tee. Mein Bruder kam rum und erzählte Ärztewitze à la „Wenn die Urologen Weihnachtsfeier machen…“. Gut, dass uns niemand Geld für die Aufnahmen gegeben hatte.

Wir fingen gegen 15 Uhr mit den Aufnahmen an und waren so um circa 2 Uhr fertig. Zwölf Lieder, wovon es am Ende neun auf das Album schafften. Einen Tag später feierten wir Silvester. Egge haute nach Hamburg ab, ich fuhr zurück nach Leipzig, und Manuel flog nach Florida, um die Spuren abzumischen. Wir sprachen alle mehrere Wochen nicht miteinander und hatten keine Ahnung, was wir zu erwarten hatten…

sta

Teil I kann man hier nachlesen.

Wie wir „Man müsste Klavier spielen können“ aufgenommen haben (Teil I)

Die ersten Lieder „Auf meinem Profil wird immer nur Werbung gepostet“ und „Der Sachzwang (Kommerziell)“ haben wir bereits im Herbst 2009 aufgenommen. Die Idee zum ersteren kam uns an einem Abend während der Intergalaktischen Schnauzbarttage, einem besonderen Feiertag in Hannover, an dem jede und jeder einen Schnauzbart trägt, aber nicht drüber redet. Egge wohnte zu der Zeit in Hamburg, war also nur zu Besuch bei mir. Es gab vegetarischen Strammen Max, Tee und Bier.

Wir wollten um das Mantra „Ich möchte so gerne dazugehören“ ein ganzes Lied bauen und zählten alle möglichen Situationen auf, in denen eine Person irgendwo dazugehören möchte. Es sollte das Gegenteil zu vielen Popliedern sein, in denen immer ein Abspalten oder Individualisieren gefordert wird. Das Aufnahmegerät lief mit, mehr als eine Stunde lang. Am Ende schafften es nur ein paar Varianten in die endgültige Version. Bei den richtigen Aufnahmen wenige Tage später half uns Matias Oepen, der gerade von seinem Tontechniker-Studium am Liverpool Institute of Performing Arts zurückgekehrt war.

„Der Sachzwang (Kommerziell)“ basiert auf der Idee, auf einer Party nur den Satz „Das ist mir zu kommerziell“ zu sagen. Egal, um welches Thema es sich handelt. Die ursprüngliche Wette, einen typischen Hipsterspruch zu klauen, wurde dann schnell zu einem politischen Statement. Wir trafen Menschen, die es bei Demonstrationen wie gegen Stuttgart 21 benutzten, und wir veränderten es zu „Das ist mir zu kriminell“ bei der Auftaktkundgebung des Castorprotestes im Winter 2011.

Beide Lieder wurden in eins, also One-Take, in meinem damaligen Zimmer in Hannover aufgenommen. Neben einer Roland Groovebox D2 und einem Korg Kaoss Pad 2 nutzten wir noch Ableton Live für die Aufnahmen. Es wurden keine zusätzlichen Synthies eingebaut. Matias nahm alle Daten mit nach Indonesien, wohin er kurz darauf auswanderte und mischte die Spuren dort ab. Frühe Versionen der Lieder fanden ihren Weg auch auf unsere Vinyl-EP „Früher fand ich die auch schon cool, inzwischen sind die mir aber zu kommerziell“, die 2010 beim Sprechstation-Verlag herauskam. Für das neue Album haben wir beide Lieder nochmal neu abmischen lassen.

Es waren zwei unserer ersten Stücke, die wir wie richtige Poplieder arrangieren wollten. Nach unserem ersten Album „Unterwegs“ von 2008 wollten wir auch außerhalb der Literaturszene auf die Bühnen und Menschen zum Tanzen bringen und uns auch selbst mehr bewegen.

sta

Mehr zur Geschichte von „Man müsste Klavier spielen können“ gibt’s in Teil II.