7. Juni 2014 – Wilwarin-Festival

Auf dem Weg zur Arbeit

Durch den Elbtunnel, immer Richtung Norden. Kurz bin ich eingeschlafen, die CD von Lisa Luv & the No-Go’s läuft, und draußen zieht die Container-Stadt vorbei. Wir sind auf dem Weg zum Wilwarin-Festival in Schleswig-Holstein. Samstags, 19 Uhr auf dem zweiten Floor eines Festivals spielen. Das ist neu für uns. Der Headliner an dem Tag ist Terrorgruppe. Da werden Erinnerungen an die Wochenenden in der Vorstadt wach. Punkrock im Walkman und Skateboard unter den Füßen. Es ist erst morgens, doch die Sonne brüllt schon.

Sonne, Wasser, Schilf

Wir parken Egges Bulli, holen uns die Bändchen, treffen den Techniker, lassen uns den Ablauf erklären und gehen dann zum nächsten Badesee. Hunderte Festivalgäste sind schon unterwegs. Die Stimmung schwankt zwischen Abiparty und Homecoming. Unsere Freunde aus Hamburg, Itzehoe, Kiel, Lübeck, Eckernförde kommen selbst seit ihrer Jugend zum Wilwarin. Es ist das wohl angenehmste alternative Festival im Bundesland. Am Badesee springt und turnt und flirtet Deutschlands Jugend. Körper vor dem Kulturwissenschaftsstudium in Berlin. Noch mit wenigen Tattoos und Piercings. Blass, unsicher, der Speck der Kindheit noch auf manchen Wangen. Aber Rückwärtssaltos von der Badeinsel kriegen sie geil hin. Mädchen werden geärgert, wenn man sie mag. Geile, einfache Jugend. Ich hole mir einen Sonnenstich.

Himmel über Ellerdorf

Seit anderthalb Jahren nehmen wir Gesangsunterricht. Vor allem, damit die Stimme einen ganzen Auftritt durchhält. Und es hat den gleichen Effekt wie das barfuss spielen. Man spürt sich und seine Umgebung viel besser. Vor Auftritten singen wir uns daher zusammen ein. Tönen nennt sich das. Dabei suchen wir gemeinsam die gleiche Frequenz von bestimmten Tönen, bis wir auf einer Wellenlänge sind. Zusammen mit dem Warmmachen ist das der Startschuss zum Auftritt. Danach wird nur noch aufgebaut und gespielt.

Costa und die Terrorgruppe

Wir sitzen auf dem Campingplatz mit Freunden aus I. Die Getränke werden geteilt, es gibt Tee. Egge springt auf. „Schau mal, komm mal mit.“ Ich drehe mich um und gehe mit ihm ein Stück. Die Sonne geht gerade unter. Ich blinzel, umarme Egge.
Es war ein toller Tag. Wenig später sitze ich am Lagerfeuer mit einem Tee und schlafe einfach ein.

Oktober 2013 – Twisted Chords Labeltour Norden

Punks mit Zeitung, 2013

Bei den original Beat Poets, denen wir den Namen geklaut haben, war das Unterwegssein das Gemeinsame, Verbindene. Jack Kerouac nahm es wörtlich und war: unterwegs. Auf der Straße, auf den Schienen, zu Fuß. In den 1950er Jahren durchquerte er die USA mehrmals und traf auf ein Land, das gerade einen Krieg gewonnen hatte. Das „Fuck yeah Murica“ war zu dem Zeitpunkt das vorherrschende Gefühl, aber nicht für Frauen, Nichtchristen oder Nichtweiße. So wurde Kerouacs Buch „On The Road“ („Unterwegs“ im Deutschen) einerseits zur Dokumentation einer wilden Reise von Lebensverrückten, aber auch eine Sammlung von Blitzlichtern auf Nordamerika.

Punks in Landschaft, 2013


Blitzlichter von Mitteleuropa sammeln – das war für uns immer auch das Wichtigste beim Touren, beim Unterwegssein. 80 Jahre später sitze ich mit Egge in einem VW Campingbus und fahre durch die niedersächsische Pampa: Acker, Reiterhof, Hühnermastbetriebe. Wir haben uns verfahren, und es ist Tag der Einheit. Feiertag für manche. Wir beide sind schon ein wenig froh, schließlich kommt einer von uns aus dem Westen, der andere aus dem Osten. Und an diesem schönen Tag fahren wir von meiner Heimat Hannover in Egges alte Heimat Mecklenburg-Vorpommern. Sollten es zumindest, denn wir bewegen uns nur langsam. Als die Straße plötzlich zuende ist, macht sich Verzweiflung in der Gruppe breit. Großes Gelächter, ein wenig hysterisch, weil wir heute Abend ja alle noch spielen wollen im Peter Weiss Haus. Ein Reh springt auf. „Endlich Natur.“ „Scheiß drauf, ich will lieber Autobahn.“

Egge und ich sind seit Ende 2006 unterwegs, rund 300 Auftritte werden es gewesen sein. Aber wir waren noch nie auf einer Tour mit einer ganzen Crew: Jetzt sind wir 19 Leute, verteilt auf vier Autos. Dazu noch Gepäck, Instrumente, ein ganzen Sack voller dummer Sprüche und schlechter Witze. Eine Art Punkrockpraktikum, das wir hier bekommen. Und dazu gehört auch, sich in eine so große Gruppe reinzufühlen, Feelgood-Management machen, Rücken kraulen oder auch mal gepflegt anschreien. Dit is Punk, dat raffste nie. Als wir in einem Wohnprojekt in der Rostocker Innenstadt die Kellerbar mit schlechtem Schlager, Fußballliedern und Punkrockklassikern füllen, lernen wir die wichtigste Regel: Gegrölt wird nicht auf Tour – die Stimme muss geschont werden. Zu spät!

2012 haben wir mit „Man müsste Klavier spielen können“ unser zweites Album herausgebracht. Tobi von Twisted Chords hatte damals den Mut, die Lieder auf CD und Vinyl zu pressen. Dafür sind wir ihm dankbar – es gehört schon ein Risiko dazu, eine so unbekannte Band wie uns herauszubringen. Im Frühjahr 2013 sprach er uns dann an, ob wir uns vorstellen könnten, mit auf Tour zu gehen. Amen 81, Kaput Krauts und Todeskommando Atomstrom würden auch mitkommen. Wir würden zum Aufwärmen unsere Punkrocklesung machen und dann zum Abschluss den Elektro-Rausschmeißer spielen. Na klar hatten wir Lust darauf! Die Hinrunde war im Norden: Hannover, eben Rostock, Hamburg und Kiel. Eine Klassenfahrt also und wir als einzige nicht Punkrocker dazwischen.

Der Hafen, 2013

„Schiffe gucken“, flüstere ich Egge zu, als er mich im Bus fragt, worauf ich mich vor allem freue: Rostock, Hamburg, Kiel – alle drei Städte haben zauberhafte Häfen. In allen drei Städten gibt es eine obligatorische Tour zum Wasser und das seufzende Aha, das sich an diesen Orten immer einstellt. Schöne weite Welt. Und wenn man morgens dann im Blauen an der Waterkant steht, den kalten Wind in der Nase, den Kopf unter der Mütze versteckt – dann möchte man einfach weiter fahren, immer weiter. Eine Tour, die nie aufhört.

Ende eines Abends, 2013
Während außerhalb des Autos die Welt an einem vorbei fliegt und das wirkliche Leben nicht im Backstage abläuft sind das diese kleinen Momente, die die Strapazen auf Tour vergessen lassen: Das ewige Warten, die Kälte, die Angst, keiner könnte kommen. Egge und ich haben nicht vor, alleine von der Musik zu leben. Und 2013 ist dies auch nahezu unmöglich geworden – aber gemeinsam mit Gleichgesinnten an der Theke zu stehen, schlechte Lieder zu „singen“, dann aber auch wieder über Zukunft, Familie, Politik, das schöne Leben zu sprechen, sich Tipps abzuholen, austauschen – das könnte ewig weitergehen. Geht es auch.

Twisted Chords Südtour
30. Oktober 2013 – Leipzig – Bermudadreieck Plagwitz
31. Oktober 2013 – München – kafe marat
1. November 2013 – Tübingen – Epplehaus
2. November 2013 – Basel – Hirscheneck

08. Juni 2012 – Neubrandenburg – Punx Picnic

Es dauert ein Lied, dann brennen schon die Bengalos. Die großartige Band Feine Sahne Fischfilet hat anscheinend einige „Problemfans“ mitgebracht, die später auch noch nur halb angezogen die Bühne stürmen. Super! Der Sänger haut sich später beim Punkrockkaraoke Dosenbier ins Gesicht. Egges Stimme ist da schon weg. Aber von Anfang.

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10.–12. Februar 2012 – Denzlingen/Freiburg/Offenburg

„Charlie, Omega, Martha, Bertha, Alpha, Tengo“. Der freiweillige Wehrdienstleistende gibt noch schnell die genaue Schreibweise von Combat durch. Kamerad Schmidt will sich ein T-Shirt designen, in Nato-oliv. Zwischen drei vier Schlücken Biermitcola erklärt er, dass Schmidt Janine mit Vornamen heißt und in der Kompanie am besten schießen und am meisten trinken würde. „Ihr seid Musiker? Seid ihr unterwegs zu dieser Springbreak-Party?“ Wir nicken und gehen weiter.

Eigentlich sei er ja Blueser. Ist mit seiner Band schon überall aufgetreten. Doch natürlich, das Geld. Es zwingt ihn dazu, einen doofen Job als Ingenieur beim bösen BASF zu machen. Dafür kann er sich aber Gitarren leisten, die nur für ihn gebaut werden. Sonst würde er das Leben der Freiheit genießen. „Allein schon wegen der Bräute.“ Wir führen ihn in das Testen von Discounter-Champagner ein, bis der Schaffner reinkommt. „Sie wissen schon, dass das hier ein Kleinkinderabteil ist?“ „Steht ja drauf.“ Einen zweiten Schluck Champagner lehnt unser Gast ab, er muss vom Karlsruher Bahnhof noch ein paar Kilometer raus fahren, in die Vorstadt. Da haben sie damals ein super günstiges Baugründstück bekommen, und im Keller trifft er sich immer mit seinen Freunden zum Proben. „Da können wir so laut sein, wie wir wollen.“

Die Jecken treffen sich um 19.33 Uhr. Ist ja auch ein lustiges Jahr gewesen, damals. Die fünfte Jahreszeit neigt sich ihrem Höhepunkt zu. In der Zeitung stand, dass eine Frau so hart gestolpert ist, dass sie nicht mehr von selbst hochkommen konnte. Sie fror am Boden fest und konnte nur von der Feuerwehr losgeeist werden. An der Kasse des Discounters werden wir nach dem Alter gefragt, als wir drei Flaschen Champagner und ein riesiges Stück Ingwer auf das Fließband legen.

Im Backstagebereich des JUZE Denzlingen – ein schwarzer Vorhang – wird über Bands gesprochen, die es geschafft haben und solche, die es noch schaffen wollen. Von der Musik leben, erfolgreich sein, Miete zahlen mit Auftritten, T-Shirt-Verkäufen und MP3-Downloads. Es fallen die Wörter Delivern, Identity und Performance. Dann fallen die Bassboxen auf, die Mikros sind übersteuert und jemand hat vergessen, zu heizen. Heiser und kaputt klettern wir von der Bühne. Das war schon wieder nicht der Durchbruch.

Von der Bergspitze aus kann man die Schweiz sehen, theoretisch. Jemand hat in den Neuschnee Obszönes geschrieben. Ein Anderer hat es jeweils mit „deine Mutter“ ergänzt. Es ist still und kalt und hell und sonnig und weiß, und man möchte an keinem anderen Ort der Welt sein, jetzt in diesem Moment. Auch wenn das Feuerzeug nicht funktioniert. Später im Ausflugslokal gibt es Grog und Tote Tannte und Schwarzwaldkuchen.

Die kleine Holzhütte schmiegt sich zwischen die Mietkasernen. Hier in Freiburg, wo Schwarz-Grün schon erfolgreich getestet wurde und Plakate nur Reggae-Partys oder Bachblütentherapien ankündigen. Wo es scheinbar jeden Tag eine Demonstration gibt und die Polizistinnen sich wie zum Date schminken. Die kleine Hausherrin schiebt uns an einen Tisch und schmeißt die Speisekarten auf den Tisch. „Jetzt bestellen, schnell essen. Alles reserviert.“ Während zuckersüßer asiatischer Technopop uns benebelt, essen wir eines der besten asiatischen Essen unseres Lebens. Als die gebackene Banane kommt, wirft die Hausherrin auch schon die Rechnung auf den Tisch. „Geht, alles reserviert. Raus.“

Sie lässt ihn einfach sitzen. Dabei hat er doch so liebevoll seine Zunge immer wieder in ihr Gesicht gepresst, während sie mit ihrem Freund gesprochen hat. Also muss sich der Aufmerksamkeitdefizitäre ein neues Opfer bringen. Schließlich kann es ja nicht sein, dass er in seiner ganzen Hip-Hop-Realness, dem Testosteronproblem und der Flasche Lidl-Wodka für 2,99 Euro intus ignoriert wird. Also stellt er sich neben dem Rapper von vorhin und erzählt ihm, er wolle ihn jetzt batteln. Keine zwei Lines hält er durch und gibt zwischendurch immer wieder ein „Schnauze, du Opfa!“ von sich. Sein Gegner nutzt die Gunst der Stunde und battelt ihn auf dem Niveau eines 11. Klässlers von Anfang der Neunziger zurück und beansprucht natürlich im letzten Reim, an dem Abend seine „Alte flachzulegen wie ein Champ.“ Die sogenannte Alte steht neben ihm und guckt jetzt böse. Ein „Sorry, Schatz!“ reicht nicht aus. Ihre Laune ist dahin und beide gehen nach Hause: die Alte und der Rapper. Im Schlepptau haben sie ihren Prolltroll. Ein tolles Team.

Wir wachen viel zu spät auf, in einem Jugendzimmer irgendwo zwischen Stuttgart und Freiburg. Draußen liegt Schnee und es ist kalt. Von den Wänden grinsen uns Metallice, Slayer und noch ein paar andere Metalbands an. Die Lieblingsfarbe dieses Mittelkindes in diesem Einfamilienhaus ist schwarz. Im Bücherregal steht „Das Mädchenbuch“, „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, eine Auswahl Deutsch-LK-Literatur und etwas über Marilyn Manson. Wir sind am Ende der Tour angekommen.

Beatpoeten treffen: Rammstein

Jaja, es ist zwei Jahre her, als Rammstein ihr Album „Liebe ist für alle da“ im Berliner Universal-Hauptquartier Journalisten zur Hörprobe anboten. Aber weil das Album nun freigegeben wurde, das neue Video zu „Mein Land“ einfach mal krass ist, & das Gespräch mit Schlagzeuger Christoph Schneider lange nachgewirkt hat: das Interview. Ein Gespräch über Liebe, Pornos und den Kannibalen von Rotenburg.

„Privat sind wir anders“

Herr Schneider, vier Jahre ist das letzte Rammstein-Album her. Da überlegt man sich als Band sicher, wie man sich eindrucksvoll zurückmeldet. Musste es zur Single „Pussy“ unbedingt ein Porno als Videoclip sein?
So etwas kann man nicht planen. Einige Bandmitglieder wollten „Pussy“ nicht mal auf dem Album haben. Aber es wurden Stimmen laut, unter anderem die Plattenfirma, die einen Hit vermuteten, ein renommierter Regisseur wollte einen Porno dazu drehen, und wir haben als Band dann gesagt: Jawoll, wir machen das.

Eine Band, die gern provoziert …
Eine Band, die auch provoziert. Das gehört bei Rammstein dazu.

Es funktioniert ja auch. Zudem ist es auch eine gelungene PR-Aktion.
Es gibt die Welt der Pornografie. Bisher hatte nur noch keine Band Pornos in Zusammenhang mit Videoclips gebracht. Dabei haben die meisten Clips längst softpornografischen Charakter. Wir sind nur noch einen Schritt weitergegangen, und die Single landete auf Platz eins der Charts – auch wenn es musikalisch aus meiner Sicht nicht unser bester Song ist. Aber er kommt gut an.

Wäre es für Rammstein nicht eine besondere Provokation, einmal auf Provokationen zu verzichten?
Möglicherweise. Vielleicht kommen wir irgendwann mal in das Alter, in dem wir uns nur noch auf unsere musikalischen Stärken verlassen. Aber bis dahin wollen wir unseren Fans etwas Besonderes bieten.

Ihr Album trägt den Titel „Liebe ist für alle da“. Was nach versöhnlichem Aufruf für kollektive Herzwärme klingt, wird auf der Platte zur harten Extremistenschau. Es geht um den Kannibalen von Rotenburg und abseitige Sexvorlieben. Keine Lust auf richtige Liebeslieder?
Wir erzählen Geschichten extremer Form von Liebe. Es geht um die Gefühle von Menschen wie Josef Fritzl, wenn er in seinen Keller hinabsteigt. Er empfand ja auch etwas dabei. Genau wie der Menschenfresser, der durch sein Tun ja auf seine Weise erregt wurde.

Was fasziniert Sie so an den düsteren Leidenschaften?
Manchmal die Komik, die die Extreme offenbaren.

Bitte? Komik?
Na ja, es ist doch schon sehr komisch, wenn sich Menschen dazu verabreden, einander zu fressen. Das ist grotesk, auch wenn es im Kern eine sehr ernste Sache ist. Wir erzählen davon, weil es Spaß macht. Es ist ein märchenhaftes Gruseln.

Sie sind Märchenerzähler?
Ja, moderne Brüder Grimm. Früher haben Märchen ja auch eine schaurige Stimmung erzeugt, wenn man mit der richtigen Stimme im Kerzenlicht erzählt hat.

Das klingt harmlos. Aber Till Lindemann besingt Stacheldraht in Harnleitern?
Als ich das zum ersten Mal gehört habe, bin ich auch ziemlich zusammengezuckt. Aber die Band wurde nicht gegründet, um Heimatlieder zu singen. Wir sind Rammstein. Till schreibt und singt auf seine Weise. Er ist wie ein alter Marshall-Verstärker, der nur laut gut klingt.

Ausschnitt aus „Ich tu dir weh“:
„Bei dir hab ich die Wahl der Qual,
Stacheldraht im Harnkanal,
Leg’ dein Fleisch in Salz und Eiter,
Erst stirbst du doch, dann lebst du weiter,
Bisse, Tritte, harte Schläge,
Nagelzangen, stumpfe Säge,
Wünsch’ dir was ich sag’ nicht nein,
Und führ’ dir Nagetiere ein.“

Bleiben wir im Märchenbild. In „Mehr“ geht es um Gier und das Gefühl, nie satt zu werden. Moralische Prosa zur Wirtschaftskrise?
Nein. Wir äußern uns nicht zu aktuellen Themen. Aber die Metapher passt natürlich.

Sie bleiben fast immer eindeutig mehrdeutig in ihren künstlerischen Aussagen.
Ja. Vielleicht liegt das an unserer Ostvergangenheit. Wir konnten die Dinge früher nie konkret ansprechen und blieben textlich daher immer im Unbestimmten.

Aber selbst wenn es verklausuliert um die Krise, Missstände oder das Böse geht, warum zeigen Sie nie Alternativen auf?
Wir sind eben Rammstein.

Was bedeutet denn für Sie selbst
Liebe?
Für mich persönlich ist Liebe die helle Kraft im Leben. Liebe lässt uns hoffen. Sie ist die Macht, die uns anführt.

Aber warum spürt man davon so wenig bei Rammstein?
Man muss das einfach unterscheiden. Viele glauben, die Bandmitglieder sind in jedem Moment ihres Lebens Teil der Band. Aber Rammstein ist für uns nur ein Teil der Persönlichkeit. Niemand würde auf die Idee kommen, einen Schauspieler mit seiner Rolle zu verwechseln. Rammstein macht uns Spaß. Privat sind wir anders.

Weil die Links in Deutschland dank Urheberrechtsverwirrungen lustig wechseln, folgt an dieser Stelle ein ambitionierter Versuch. Das neue Video:

16. September 2011 – Weingarten – U&D Festival

Man muss sich das so vorstellen: Da kommen zwei abgerockte Typen nach acht Stunden im Zug im beschaulichen Ravensburg (ja, das mit den Puzzles) an, suchen nach einem Taxi zum Festival und werden mal eben von einer jungen Familie eingeladen, einfach mitzufahren. Man wolle da sowieso hin. Bedankt haben wir es, indem der Sohnemann jetzt unser Ausleih-Drummer ist, immer wenn wir in der Gegend sind.

Das Umsonst & Draußen in Weingarten in der Nähe von Ravensburg empfing uns mit Sonnenschein, die madige Aufgabe in den noch ruhigen Abend als erste Band so etwas wie eine Festivalstimmung zu bringen, wurde uns aber sehr leicht gemacht. Sogar ein Ständchen für Egge gab’s, der an diesem Tag seinen Geburtstag feierte. Danke ans Publikum!

Neben der Musik, den netten Menschen, den abefahrenen Diskussionen spätnachts unter einem Trecker, bleiben vor allem die Splitter hängen nach so einem Tag: Costa, der mit einer Art Perücke zu Christiane Rösinger tanzt, die moralische Instanz von 18-Jährigen Türstehern, wie klein die Welt der Elektro-Musiker ist, und warum Freiburg doch nicht nur Ökofaschismus hat. Das Foto zeigt uns nach der Show mit einem Mitglied der unglaublich sympathischen und auf der Bühne alles kaputt machenden Band Infight aus Freiburg. Gute Jungs!

05. Mai 2011 – Beatpoeten treffen: Matthias Reim

Zeit für eine neue Rubrik. Ihr wisst, dass wir vom Schreiben & Musizieren leben. Und dabei treffen wir regelmäßig interessante Menschen. Davon berichten wir meistens in Zeitungen. Aber was eigentlich dabei passiert, steht dort meistens nicht. Ändern wir jetzt. In der neuen Rubrik „Beatpoeten treffen“. Und los.

Heute: Matthias Reim


Ja, wir haben das Lied mitgegrölt. Ja, wir hatten einen „Bravo“-Starschnitt von ihm. Ja, wir finden Herrn Reim spannend. Ende April war er in Hannover zu Gast. Im Hinterhof des Pressezentrums posierte er mit Rockerlederbändern an beiden Armen für die Fotografen. Was er nicht weiß: vor einer Stunde stand der Sänger von Sunrise Avenue auch an der Stelle – und etwa 20 Fotografen mehr. Macht nichts. „Auch einer“, sagt Herr Reim zu Egge und tippt auf Egges Lederband. „Ja, klar“, sagt Egge. Dann geht’s ins Büro.

Reim ist sonnengebräunt, etwas kleiner und dünner, als auf den Starschnitten, trinkt Wasser. Zu viel Kaffee auf der PR-Tour. Er lächelt viel, die Augen wirken entschlossen. Alles was er braucht, ist eine Steckdose für sein Handy.

Herr Reim, vor genau 20 Jahren haben Sie Ihr erstes Konzert in Hannover gespielt. Können Sie sich daran noch erinnern?
Das war in dieser Eilenriedehalle und richtig voll. Es war mitten im „Verdammt, ich lieb’ dich“-Rausch. Großartig.

Das Lied ist bis heute Ihr größter Hit. Dabei wollte es erst keiner haben …
Stimmt. Niemand wollte es veröffentlichen. Die Plattenfirmen und Radioanstalten lehnten ab. Jemand sagte zu mir, ich soll die Platte an die Wand schmeißen – vielleicht bleibt sie ja kleben.

Das Lied blieb kleben. Sie verkauften innerhalb von sieben Monaten zweieinhalb Millionen Alben. Der Song hielt sich 16 Wochen lang auf dem ersten Platz der Charts. Hatten Sie damit gerechnet?
Nein. Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon einige Flops veröffentlicht und den Traum begraben, mit Musik erfolgreich zu sein. Als der Erfolg dann kam, war ich 32. Und plötzlich gab es „Bravo“-Starschnitte. Erstaunlich. Dabei ist viel erstaunlicher, dass ich 20 Jahre später noch da bin.

Und immer noch mit „Verdammt, ich lieb’ dich“. Können Sie das Lied noch hören?
Früher ging mir das Lied auf den Sack. Aber heute finde ich es geil. 65 Prozent meines Publikums sind unter 35 Jahre alt, und die flippen aus, wenn ich das Lied singe. Es hat Generationen vereint.

Warum kommen denn auf einmal so viele junge Leute zu Ihren Konzerten?
Keine Ahnung. Ich hab’ die mal gefragt, und weißt du, was die gesagt haben? Weil ich eine geile Sau bin! Die finden es toll, dass ich mit drei Messern im Rücken immer noch auftrete. Die mögen meine Texte. Es geht um die Liebe, die uns angreifbar macht, und um das Glück, das man sich nicht kaufen kann.

Sie spielen auf Ihre Schulden an, die sich Mitte der neunziger Jahre angesammelt haben. Ihre Karriere ging den Bach runter, Sie mussten Insolvenz anmelden. Wie ging es Ihnen damals?
Mehr Elend als acht Millionen Mark Schulden kann man nicht haben. Ich habe weitergemacht und bin vor zwölf Leuten aufgetreten. Ich war am Ende. Aber dann kam plötzlich das Publikum zurück.

Das Publikum hat Sie gerettet?
Ja, ich hätte nicht mehr weitergewusst. Mir drohte die Arbeitslosigkeit. Und plötzlich kam mein Lebenstraum zurück, die Alben gingen in die Charts, und ich wusste, es gibt wieder eine Zukunft.

Komisch, dieser Herr Reim. Er erzählt einfach drauf los. Wenn er geil sagt, meint er geil. Wenn er von Krise spricht, formt er seine Hände zu Fäustchen. Er gibt sich nicht die Mühe eine Rolle zu spielen. Er war der zu alte Teenie-Star, der seine Kohle verloren hat, weil er sich die Verträge nie richtig durchgelesen hat, die er unterschrieben hat. Man hat ihm böse mitgespielt. Er war kaputt. Und hat sich doch rausgekämpft. Dafür braucht es keine Rolle. Seine Managerin tippt auf ihrem Handy rum. Sie kann ihn eh nicht zügeln.

Warum hört man von all diesen Erfahrungen so wenig auf Ihrem Album „Sieben Leben“?
Doch, das ist da alles drin. In „Du bist mein Glück“ zum Beispiel.

Da singen Sie doch von einer Frau.
Die Lovestory ist doch nur der Träger. Es geht um Gefühle und eine positive Message: Es geht immer weiter!

Sie haben während der Insolvenz vor allem für Banken gespielt. Nun sind Sie seit einem Jahr aus der Insolvenz raus. Spielt es sich leichter ohne den Druck?
Ich bin entspannter. Ich genieße das Familienleben intensiver. Ich werde mein Haus ab- und meinem Bruder Geld zurückzahlen. Es läuft gut.

Sie könnten nach all dem Stress auch einfach aufhören?
Ich muss arbeiten. Und ich brauche den Druck. Ich werde das noch viele Jahre machen.

Gibt es denn noch einen Traum, den Sie sich als Musiker erfüllen wollen?
Ich will mit Ozzy Osbourne auftreten, ich bin der größte Fan der Welt.

Reim fällt wieder in seine Lieblingspose. Hände zur Faust. Muskeln anspannen. Die Lederbänder beben. Rock’n’Roll.

Ein Rockstarduett also. Ist es eigentlich schlimm, dass Sie immer noch als Schlagersänger gelten?
Ich liefere eine Rockshow. Das hat nichts mit den Flippers und Bernd Clüver zu tun. Irgendwann bekam ich das Schlagermal auf die Stirn. Das hat mich einst geärgert, heute ist es mir egal.

Auch Tom Astor und Peter Kraus sagen, dass sie keinen Schlager machen. Gibt es den Schlager eigentlich noch?
Der Schlager löst sich auf, seitdem die ganzen Shows aus dem Fernsehen verschwunden sind – und das ist gut. Früher mussten wir uns entscheiden. Wenn wir in der „Hitparade“ waren, wurden wir nicht mehr von „Wetten, dass …?“ eingeladen. Aber heute ist das anders. Keiner würde Peter Maffay mehr Schlagersänger nennen.

Aber die Fans in Hannover bekommen trotz Rockshow Ihre alten Hits zu hören?
Ja, auch „Verdammt, ich lieb’ dich“. Eine Reise durch 20 Jahre Matthias Reim.

Mit Botschaft?
Klar. Das Leben ist nicht immer nur Lust, aber es ist eine Party. Und ich werde immer wieder rausgehen, um sie zu feiern.

Reim strahlt, ganz zuversichtlich. Drückt Egges Hand, als würde er sich von einem Freund verabschieden. Dann geht er raus und fährt nach Braunschweig, der nächste PR-Termin. Nach fünf Minuten klingelt es im Büro. Die Managerin. Reim hat sein Handy vergessen. Im Hof strahlt er noch immer. „Danke, Kumpel.“