12. Januar 2013 – Itzehoe – Lauschbar

Die Sonne geht unter. Sonne!

„Kommt ihr mit nach Heide? Wir wollen da alles wegtreten.“ Sie hat sich für den Abend die Haare noch schön gelb gefärbt, in der Hand trägt sie einen Pappbecher, den sie dem armen Im-Zug-Verkäufer geklaut hat. Da drin: selbst gemachte Wodka-Saure-Mischung. „Von euch im Abteil hat niemand was dagegen, wenn wir rauchen, oder?“ Zwei ihrer Freundinnen verschwinden immer wieder mit anderen Kerlen auf dem Klo.
Die beiden Teenagermädchen hinter uns, die den Tag in Hamburg beim Shoppen verbracht haben, zucken zusammen und rufen sofort zu Hause an: „Papa, holst du uns vom Bahnhof ab? Hier sind so viele Chaoten.“

Endstation Meer
Drei Jungs in schwarz, mit Trommel und uneindeutigen Aufnähern singen irgendwas zwischen Fußballschlachtgesängen und politischen Parolen, und das Vollalkoholikerpärchen vor uns beschwert sich über die Jugend: „Immer ein Grund zum Saufen brauchen die.“ „Ja, gut das wir keinen brauchen.“ Ihr Lachen geht direkt in ein rasselndes Husten über. Aus Schreck tritt sie einen der Hunde, der den anderen beißt und dann wieder zur Disziplinierung getreten wird.
Die Frau neben uns dreht ihren Jutebeutel mit dem Schriftzug „Familien-Wohlfahrt der Bundeswehr“ um. Willkommen in der Nord-Ostseebahn am Samstagnachmittag.

Wahrheit, die

In der angesagten Bar am Hamburger Hafen schwitzt niemand. Alle sehen wahnsinnig gut aus. Es gibt kalte, klare Getränke. Der DJ legt das neueste aus Afrika oder Asien oder London oder Leipzig auf. Alle tanzen irgendwie. Aber niemand schwitzt. Und niemand kleckert. Und niemand benimmt sich daneben. Schade. Im anderen ehemals angesagten Laden, „in dem jetzt nur noch Touristen rumstehen“ läuft Elektro, irgendeine angesagte Spielart. Böse Blicke und warmes Bier. Hamburg hat sich sehr verändert. Aber der Hafen ist immer noch schön.

Frau auf dem Sofa

Im Sommer 2012 wurden wir von der Kunstgruppe Secession nach Itzehoe eingeladen. Ein unglaublich wilder und netter Abend: Erst fiel die Anlage aus, dann ersetzten wir die Beats mit Klatschen und schließlich wurde es wieder laut und ganz toll. Anscheinend haben genügend Besucher Steffen von der Lauschbar angesprochen, jedenfalls fanden wir uns zum Jahresauftakt dort wieder. Es wurden Wunderkerzen angezündet, Blitzlichter funkelten, und Costa durfte sogar ans Klavier. Wir kommen wieder. Danke!

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10. Februar 2011 – Witzenhausen – Uniklub

Die Legende sagt, dass er nur kommen wollte, wenn er seinen eigenen privaten Tennisplatz an der Uni bekäme. Man erfüllte ihm seinen Wunsch – trotzdem hat man weder den Professor noch irgendwen anders je Tennisspielen spielen sehen. Und nun verrottet der Platz zwischen Gewächshaus und altem Klostergebäude vor sich hin.

Witzenhausen liegt an der Werra, fast auf halbem Weg zwischen Kassel und Göttingen. Es ist bekannt für seine Kirschen, die frühere Tropenschule, die Deutsche auf das Leben in den Kolonien vorbereitet hat und die Erfindung der Biotonne in Carlos‘ Geburtsjahr – und natürlich für eine der wenigen Unis Europas, an der man ökologische Agrarwissenschaft studieren kann. Und die, die das machen, sind ausnahmslos nette Menschen, wie wir an dem lauen Donnerstagabend im Februar erfahren durften.

Es passiert nicht oft, dass man einen tollen Auftritt macht, nett bewirtet wird und später dann halb auf Kopfsteinpflaster und halb im Matsch zwischen Fachwerkhäusern zur Schlafstatt geht und dabei von so vielen lieben Menschen begleitet wird. Wir kommen wieder wenn die Kirschen blühen.

18. Juli 2010 – Norddeutschland – Regionalbahn

„Veluxfenster, Vaillaint-Verteter, Designer-Straßenlaternen aus EU-Fördermittel, Gaststätten mit Plastestühlen und Industriesoßen – oder aber eckigen Glastellern und trotzdem Industriesoßen“ (via FAS)

Reisen durch die deutsche Provinz sind immer wieder erstaunlich. Nicht nur wegen der romantischen Betrachtung der Wälder, Wiesen und Seen (Zumindest dort, wo die Natur nicht offensichtlich einer menschlichen Optimierung zum Opfer gefallen ist). Nein, es zeigt uns auch ein Bild dieses diffusen Zusammenhangs namens Deutschland. Denn irgendwie scheint die niedersächsische Heide wenig mit der Seenlandschaft Mecklenburg-Vorpommerns, den waldigen Hügeln Hessens oder unendlichen Dörfchen Ostwestfalens gemein zu haben. Vom Schwarzwald, den Alpen oder den bayrischen Hügeln ganz zu schweigen.

Doch zwischen diesem ganzen Chaos, den wahnsinnig unterschiedlichen Lebenssichtweisen und Gesichtern, Namen und Geschichten gibt es immer wieder kleine Kleckse des Wiederkehrenden. Und diese sind nicht immer nur gut. Wie ein Mantra begegnet man immer wieder den gleichen Läden: Das Dänische Bettenhaus, Lidl, Family, Kik, Aldi – es sind immer die gleichen aseptischen, mit einer Backecke ausgestatteten Supermärkte, die für die Versorgung im ländlichen Raum sorgen. Alle Häuser mit Solarzellen vollgepackt, dem grünen Gewissen geschuldet. Einzige schöne Ausnahme: die selbst organisierten Dorfladen, die Bürger betreiben, weil in ihren Kleinstädten und Dörfern zu wenig Profit steckt, wie die großen Firmen meinen.

Neben den Einkaufsmöglichkeiten sind es aber auch die Lokale, die als Gleichmacher das Leben in der Provinz bestimmen: Was vor Jahrzehnten noch die Akropolis, das Dionysos, das Athena, ist heute das Wang Village, Ming Palace oder die May Flower. Angewidert scheinen sich die Deutschen in den vergangenen Jahren nicht nur emotional und politisch von den Griechen abgewandt zu haben, sondern auch kulinarisch. Souflaki, Tsatsiki und Gyros zählen nichts mehr in unserem globalisierten Land. All-you-can-eat-Buffets mit zweimal gebratenem Schweinefleisch, süß-sauren Saucen und Reisberge dominieren die Weltläufigkeit in der Provinz.

Da freut man sich über jeden Hofladen, jedes Jugendzentrum, jede Land-WG, jeden Menschen, der den Ruf der großen Stadt widersteht und gegen die kulturelle und menschliche Verödung antritt. Wir fahren deshalb immer wieder gerne raus aufs Land!