18. Februar 2012 – Ein Wochenende in D.

Eine richtige Fußballfanrandale wurde angekündigt. Medien und Polizei hatten sich jedoch vorbereitet, auch um die Gefahr für all die friedlebenden Menschen zu gewährleisten, die Angst vor randalierenden, pöbelnde Gewaltfans haben. Sogar zwei Wasserwerfer wurden in der Innenstadt positioniert. Die Fotos in der Boulevardpresse zeigten dann auch das ganze Ausmaß der Gewalt: Berittene Polizei mit Schlagstöcken, eine lange Kette an Mannschaftsbussen, dessen Insassen sicherlich auch mehr Lust hatten, das Spiel zu sehen, als die leeren Straßen, und zwei Fans, die auf der Straße stehen, während sie mit Pfefferspray besprüht werden. Ja, der deutsche Fußball hat sicherlich ein Gewaltproblem …

Er ist zurückgetreten. Die Parteien suchen jetzt einen würdigen Nachfolger. Diverse Kandidaten lehnen schon wenige Stunden später ab. Deutschland habe ein Elitenproblem, analysiert ein Politikexperte.

Er hat Angst, den Flug zu verpassen. Jetzt, wo doch in Frankfurt gestreikt wird. Nur 200 Menschen legen den Betrieb lahm. Wo gibt’s denn so etwas, das ist ja egoistisch von denen. Dass das ihre Rechte sind, ist ihm egal: Auf dem Weg in seinen Backpackerjahr nach Australien kann er es nicht ab, jetzt warten zu müssen. Er hat keine Zeit für so einen Gewerkschaftsscheiß, schon die Bahn hatte fünf Minuten Verspätung. Er will doch so schnell wie möglich ins Abenteur. Ins wilde Land Australien. Mürrisch schnürt er seinen Jack-Wolfskin-Rucksack wieder über seiner Jack-Wolfskin-Jacke fest, prüft den Reißverschluss seiner Aktivhose und schiebt den Brustbeutel wieder unter den Pullover.

„Das darf ja nicht sein: Die deutsche Eiche einfach so mit der Kettensäge kaputtmachen!“ Er redet schnell und ohne zu atmen. Schon seit einer Viertelstunde beobachtet er die Arbeiten im Nachbarsgarten. Drei morsche Bäume werden dort gefällt. Die Eiche muss noch nicht einmal richtig gesägt werden, so kaputt ist sie schon von innen. „Verhaften sollte man Sie, Sie machen die ganze Natur kaputt.“ Er kann sich jetzt nicht mehr beruhigen und droht, die Polizei zu rufen. Wir zeigen ihm die Genehmigung der Stadt, erklären ihm ruhig und sachlich die Notwendigkeit und präsentieren ihm die neuen Baumsetzlinge, die als Ersatz eingepflanzt werden. Es reicht ihm nicht. „Naturschutz ist Heimatschutz. Sie sind Vaterlandsverräter.“ Die Kettensäge wird wieder angeworfen, und grinsend singt einer das berühmteste Slime-Lied. „Die Eiche muss sterben, damit wir leben können.“

„Hoch das Bein.“ Sie ist dreizehn Jahre alt und für fünf Minuten der Star, hier in der Mehrzweckhalle des Freizeitheims. Die Narren tagen vor den Toren der Landeshauptstadt. Ein Landesminister macht sich in seiner Rede über Politiker lustig, über Korruption und über den ehemaligen Landesvater, der jetzt wieder in der reichen Gemeinde im Norden der Region im Klinkerbau sitzt und bestimmt irgendwelchen Hobbys nachgeht. Sein Nachfolger als Ehrensenator spricht dann über Griechenland, den Euro, das Bruttosozialprodukt und wie geil doch die Landeshauptstadt ist. Wir diskutieren kurz die Frauenquote, sind die Frauen auf der Bühne doch allesamt jung, kurzberockt und Staffage. Dann kommt Inge und wirbelt mit dem Alleinunterhalter die Halle auf. Das Schunkeln wird ekstatischer, die Narren klatschen, johlen und tröten wie im Rausch.Die 75-Jährige singt ein Medley aus den größten Faschingshits. Ich will mich als ihr Manager andienen und sie groß rausbringen. Der Bohlen hat so etwas bestimmt noch nie gesehen. Doch Egge winkt ab und schiebt mich raus. Als wir die Halle verlassen, steht die Ehefrau eines ehemaligen Kanzlers am Buffet, lobt die Hackbällchen und den Kartoffelsalat. Vor ein paar Monaten hat sie angekündigt, für diesen Wahlkreis in den Landtag zu wollen. Jetzt steht sie hier und gibt sich bürgernah. Ein Jecke stellt sich in hörbarer Entfernung und fängt an, über Hartz IV zu lästern. Die „deutsche Hillary Clinton“ indess zückt ihre Handtasche und zahlt brav das Geld für das Essen. „Die hat wohl Angst, dass sie als Politikerin über ein paar geschenkte Hackbällchen stolpert.“

„Hau ihn um. In die Fresse!“ Es läuft Boxen in der Kneipe, doch so richtig schaut niemand hin. Außer das Ehepaar, das immer an der Theke sitzt. Sie ist ganz aufgeregt. Der Vitali sei ja ein richtig eleganter Typ. So staatsmännisch. Wenn der nicht Ukrainer wäre, sie würde ihn zum Bundespräsidenten wählen. Der Kampf geht durch Punkte an den Staatsmann. In der Pressekonfernez gerät dann sein Gegner mit einem anderen Boxer aneinander. Eine Schlägerei abseits des Rings, die Polizei muss gerufen werden. Alle starren auf den Bildschirm. Die Vitalie-Anhängerin wendet sich ab. „Eklig, diese Gewalt.“

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09. Juli 2011 – Breminale

Er war sicherlich wütend, weil die Frauen bei der Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land im Viertelfinale gegen Japan ausgeschieden waren. Anders ließ sich nicht erklären, warum der testosterongeschwängerte Typ Flaschen auf die Polizei werfen musste. Und Straßenschilder. Und Baugerüste. Anders ließ sich nicht erklären, warum aus einer harmlosen Sitzdemo eine der krassesten Straßenschlachten der letzten Jahre in Bremen werden konnte.

Rückblick: Wir fahren gerne nach Bremen. Weil die Leute sehr nett sind, die wir da treffen. Weil jeder Auftritt bis jetzt immer sehr viel Spaß gemacht hat. Weil die Stadt schön ist und am Wasser liegt. Also haben wir uns auch gefreut, als die Breminale uns auf eine Bühne mit Flo Mega (der beim Bundesvision Song Contest für Bremen an den Start geht), The Young Punx (eine der knalligsten Maximal-Elektro-Banden und unglaublich nett!) und dem Super-8-Abend (tolle Band improvisiert live Soundtracks zu Kurzfilmen) stellte. Nach einem tollen Konzert und lecker Veggie-Lasagne wollten wir den Samstagabend genießen und ließen uns ins Viertel fahren.

Der Taxifahrer hatte ein „Moscheen, nein danke!“-Aufkleber auf dem Amaturenbrett, fuhr etwa 100 kmh und fluchte unentwegt. Wir gaben ihm kein Trinkgeld. Als er uns an der Ecke Sielwall-Ostertorsteinweg rausließ, brannte dort schon die Luft. Mehrere hundert Jugendliche kabbelten sich mit Polizisten, was genau der Auslöser war, wissen wir bis jetzt nicht. „Das geht hier fast jede Woche so im Sommer“, klärte uns ein Passant auf.

Die Jugendlichen saßen auf der Kreuzung und nur die blitzblanken Limousinen ließen sie durch. Vor der Polizei hatten sie indes keine Angst. Die Situation schien eigentlich ruhig, bis dieser Typ aus dem Nichts erschien. Braungebrannt, trainiert, die Haare abrasiert, ganz im Großraumdiskooutfit fing er erst an, Flaschen zu schmeißen, und, als er merkte, dass die Polizei an dem Abend definitiv deeskalieren wollte, griff er zu größeren Gegenständen. Auch der nackte Flitzer konnte die Situation nur kurz entspannen. Denn der Vollidiot wollte einfach Dampf ablassen.

Auch Bitten von Anwohnern und vernünftigen Menschen hielten ihn nicht davon ab, Flaschen, Metallgerüste und Straßenschilder gegen Menschen zu schmeißen. Für eine Stunde sah es im Viertel aus wie auf einer Anti-G8-Demo. Feuerwerk und Böller, Wurfgeschosse und Signalleuchten, Jagdszenen und Schmährufe.

Erst nachdem sie ihn komplett mit Pfefferspray vollgesrüht hatte und ihn zu zehnt festhielt, hörte der Vollhonk auf, Kleinkrieg zu spielen. Passanten applaudierten, Anwohner bedankten sich und die zahlreichen Schulferienrowdies hauten sofort ab. „Von denen wohnt doch niemand hier im Viertel“, beschwerte sich ein Kioskbesitzer. Die unzählige Getränke, die er an Schaulustige verkauft hat, waren für ihn wohl nur ein kleiner Trost.

Wir setzten uns weit ab in eine Kneipe und ließen uns über die Gentrifizierung und Gewalt der Krawalltouristen im Viertel aufklären und tranken noch ein Bier: auf die wilde Stadt Bremen!