03. Oktober 2010 – 20 Jahre Wiedervereinigung

Komisch, so ne Wiedervereinigungsfeier. Die einen demonstrieren, die anderen demonstrieren zumindest patriotische gefühle. Und die Beatpoeten? Die Stellen fest, dass der eine aus dem OSten nun im Westen wohnt, und der aus dem Westen im osten. und beide schauen sich den 3. Oktober an. Gemeinsam. Hui!

Leipzig

Die Sonne hängt warm über den Bäumen. Einige Väter lassen mit ihren Kindern Drachen steigen, andere versuchen, ein paar Tiere aus dem Zoo hinter den Büschen zu erblicken. Die Polizei fährt Streife in Kampfuniform und am Hauptbahnhof steht ein Mann und spielt amerikanischen Blues auf seiner Gitarre. 20 Jahre Wiedervereinigung und die meisten Menschen in Leipzig gehen ihrem eigenen Sonntagsalltag nach. Opa geht mit Enkelin und einem riesigen Teddy spazieren. Ein paar Jugendliche zählen die Kotzepfützen vor der Kleinmesse. Und irgendwie sind die Kastanien auf dem Boden und die bunten Blätter an den Bäumen interessanter als Politik. (Costa)

Hamburg & Bremen

Eigentlich wollte ich am Sonnabend und Sonntag in Bremen demonstrieren. Eben Flagge zeigen gegen Gr0ßstaatereianspruch, Deutschtümmelei, Staatshörigkeit und Nationalismus, der nebenbei die deutsche Abschiebepraxis genauso rechtfertig wie die Kriege, die im Namen der Freiheit gerade geführt werden. „Deutschland muss sterben!“, sangen einst Slime, „damit wir leben können.“ Und ich hätte sicher auch zum Lautisoundtrack mitgesungen, denn vieles was in Deutschlands Namen läuft, hat mit meiner Meinung wenig zu tun. Ich regiere mich gern selbst.

Nun komm ich aus dem Osten (und suche parallel nach einem Text zum Mauerfall) und verbinde mit dem 3. Oktober tatsächlich das Ergebnis einer friedlichen Revolution, auch wenn die gar nicht am 3. Oktober stattfand. Ich verbinde damit den Kampf gegen ein Unrechtssystem und nicht den Untergang der DDR. Ich verbinde mit dem 3. Oktober nicht Deutschland, sondern den Wunsch nach Freiheit. Mir geht es nicht um staatliche Fragen, nicht um den Unterschied und Übergang von DDR zu BRD, mir geht es um das Aufbegehren gegen Unterdrückung und Unrecht! Mir geht es um die Menschenrechte! Und mir geht es um den süßen Duft der Freiheit! Mir bedeutet der Fall dieser verdammten Mauer so verdammt viel. Da können Politiker & Medien noch so versuchen den historischen Akt als Staatsbekenntnis zu vereinnahmen, den 3. Oktober zur Deutschlandhuldigung benutzen.

Das alles hätte ich in Bremen erklären können, die Bullen anschreien, Passanten vollquatschen. Und vielleicht hätte ich auch Krawall schlagen können, wie es mancher Politiker und Polizeichef sicher gern als Rechtfertigung für den massiven Einsatz gesehen hätten. Aber ich wollte nicht mitspielen, wie die Demonstranten vor Ort auch nicht. Die Demo blieb friedlich, die Polizeipräsenz präsentierte den Staat am Feiertag deutlich genug. Mehr brauchte es nicht – schon gar nicht nach den Bildern der Stuttgart-21–Schülerdemo. Ich drehte um und schaute mit die Wiedervereinigungsrevue auf 3 SAT an.

Und? Man kann viel über mediale Ausbeutung von Geschichte schreiben, gegen Jan-Josef Liefers Betroffenheitsmiene lästern, wie über komische Auftritte von Karat und dem beschissenen Scherben-Cover von Ben Becker. Am Ende wurde aber an Schauspieler (Paul 6 Paula, Spur der Steine) erinnert, an Künstler (Dresdner Schauspieler und ihre Proklamation & Leipziger Pfeffermühle) und Mucker wie Klaus Renft; allesamt Menschen, die sich mutig dem Staatsdruck entgegenstellten. Und man wurde wütend und am Ende ziemlich traurig. Und ich schenkte mir nen Sekt ein, auf alle, die sich gegen Unrecht wehren: in Bremen, in Dresden, in Leipzig! (Egge)

Gibt es ein Land auf der Erde,
wo der Traum Wirklichkeit ist?
Ich weiß es wirklich nicht.
Ich weiß nur eins und da bin ich sicher,
dieses Land ist es nicht. Dieses Land ist es nicht.
Dieses Land ist es nicht. Dieses Land ist es nicht.

Hinweis zu den Autoren: Egge ist in Crivitz in Mecklenburg Vorpommern geboren und wuchs in Sukow bei Schwerin, Finsterwalde und in Eggesin auf. 1996 zog er in den Westen. Seine Heimatstadt Eggesin war eine der erste „national befreiten Zonen“, wie die Schweine schreiben. Zwei Vietnamesen wurden dort fast totgeschlagen. Die NDP ist dort eine der stärksten Parteien bis heute. Trotzdem hält Egge Nordost-Mecklenburg immer noch für seine Heimat und grüßt die Genossen in Neubrandenburg, Greifswald, Rostock, Ueckermünde und Pasewalk. Haltet durch*

Costa ist in Hannover geboren, hatte eine richtige Westkindheit mit Nimm-2-Oma und Reihenhaus und erlebte Ostdeutschland zum ersten Mal im Winter 1990. Dem folgten Austausche mit einer Schule Halle, Urlaube in Dresden, Dessau, Leipzig und zahlreiche Festivalbesuche. Seit Oktober 2010 studiert er in Leipzig.

PS: Egges Mauerfalltext folgt hier.

29. September 2010 – Bei Politikorange

Politikorange ist ein unabhängiges Magazin von Jungjournalisten. Im September 2010 erschien eine Sonderausgabe zu den Jugendmedientagen Ende August in Niedersachsen. Wir durften dort für das Rahmenprogramm sorgen, und als wir, durchnässt und leicht verwirrt, von der Bühne stiegen hielt uns Len Sander für ein Interview ein Mikrofon vor die Nase. Das Ergebnis liest sich dementsprechend abenteuerlich. Man stelle sich uns einfach wie zwei schnaufende Fußballer vor, die direkt nach dem Spiel die eigene Leistung beurteilen sollen.

„Ich  will die Atzen nicht verurteilen“

Die Beatpoeten, das sind Egge, 29, bekannter Poetry Slammer und Costa, 27, DJ. Die Beatpoeten haben sich 2006 gegründet. Aber „so richtig Spaß“ macht das Ganze erst seit zweieinhalb Jahren, nachdem sie aufgehört haben, „einen hohen Anspruch“ an sich zu haben und zehnminütige Kurzgeschichten in Liederform zu schreiben.

Frage: Hat kritischer Journalismus etwas mit kritischer Musik zu tun?
Costa: Ja, ganz ehrlich, wenn man mal vom Zeitungssterben absieht, wenn es keine kritischen Journalisten mehr gibt, dann wüssten wir nicht mehr, was in der Welt passiert. Und deswegen ist es etwas Richtiges, Wenn man klischee-mäßig von der „vierten Gewalt im Staat“ redet. Darauf sind wir angewiesen. Auch als Musiker.

Frage: Passen elektronische Musik und sozialkritische Texte zusammen?
Costa: Wir haben mit dem Projekt angefangen als Mischung aus Poetry Slam, aus Gedichten und Kurzgeschichten und wollten, wie die Beatpoeten, daher der Name, aus den 1950er Jahren, das mit moderner Musik verbinden. Und heutzutage ist elektronische Musik zwar nicht das Frischeste, aber das, was die meisten Leute anspricht. Andererseits muss man auch beachten, wo elektronische Musik herkommt: In den 1980er Jahren war es gerade in den USA die Musik der Schwarzen und der Homosexuellen und dadurch eigentlich auch Randgruppenmusik. Jetzt ohne das allzu böse zu meinen. Und was Die Atzen mache, ist halt Volksmusik, aber da gibt es auch verschiedene Facetten. So richtiger Goa oder Drum’n’Bass, die wirst du wohl auch nicht im Radio laufen hören, also im normalen bürgerlichen Radio, Deswegen bleibt da immer ein bestimmter Anteil an Kritik über.

Frage: Wollt ihr mit eurer Musik etwas verändern, und wo sind die Grenzen der Musik?
Costa: Niemand geht aus einem Konzert raus und denkt: „Jetzt änder’ ich die etwas!“ Aber, im Grunde genommen reicht es ja, wenn Menschen irgendwo hingehen, sich etwas anschauen, sich etwas anhören und ein gutes Gefühl haben. Als Spaß hatten. Und deswegen will ich solche Musik wie Die Atzen oder andere elektronische Musik nicht verurteilen, weil, wenn Menschen Spaß haben, eine gute Zeit, nicht auf Kosten anderer, ist doch ne super Sache.

Frage: Bringt ihr auf die Schnelle einen Vierzeiler zum Thema „Kritisch sein“?
Egge: Um verkrustete Gedanken zum Tanzen zu bringen, reicht es einfach schon, mit der Stirn zu runzeln.

Zum Autoren: Len Sander ist 13 Jahre, kommt aus Hannover, ist im Vorstand der Jungen Presse Niedersachsen und hat die Jugendmedientage 2010 mitorganisiert.