Egges Rückblick zum Jahr 2016

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Ein Ausflug in die alte Heimat: Sommer in Neubrandenburg.

Meine Fresse, was war das denn?! Wir waren euphorisch im Frühjahr, im Sommer einfach drauf, im Herbst in einer Art Jahreszeit gewordenem Sauerstoffzelt & im Winter ordentlich bei der Inventur. Das Jahr 2016 war eines der intensivsten Jahre der Bandgeschichte – passend zum zehnjährigen Bestehen der Band mit dem komischen Namen. Vielleicht sind wir alt geworden? Vielleicht kosten Jobs, Ideen & Projekte außerhalb des Banduniversums doch mehr Kraft, als man es für möglich hält? Oder sind es die gesellschaftlichen Umbrüche, die einen nicht richtig schlafen lassen? Privates & Politisches. Gehörte für uns als Band immer zusammen. Gehört es immernoch. & manchmal möchte man die ganze Welt einfach gegen die Wand schmeißen und mit den Scherben nochmal neuanfangen & basteln. Geht nur nicht. Also zurück ins Werk.

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Beatpoeten auf der Bühne zum Internationalen 1. Mai Fest.

Da hilft es tatsächlich, ein wenig in den Fotos, Flyern und Erinnerungsfetzen zu kramen. Was war da eigentlich los, 2016? Waren wir viel unterwegs? Zu viel? Zu wenig? Gab es was zu entdecken? Haben wir etwas vergessen? Bestimmt. Mehr als ein Handy und eine Bahncard auf jeden Fall. Ein Versuch der Bestandsaufnahme.

Wir fangen einfach an. Die zehn besten Konzerte 2016

1. FCKR – Release-Show Soundso, Leipzig

2. Blixa Bargeld & Teho Teardo, Lissabon

3. Die NervenFaust, Hannover

4. The Incredible Herrengedeck, SO36, Berlin

5. Art Garfunkel, L’Olympia, Paris

6. Isolation Berlin – Faust, Hannover

7. Feine Sahne Fischfilet – Festival Täuchental, Leipzig

8. Hyäne Fischer, Fête de la Musique & Alt-H

9. NOFX & Pennywise, Faust, Hannover

10. KIZ, Swiss Life Hall, Hannover

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Posterboy in Leipzig mitm Monchi.

FCKR war eine Band, die mich dieses Jahr sehr begleitet hat. Immer druff. Ironisch. Klar. Irgendwie auch nicht. Da passen die verzweifelten Isolation Berlin-Schreie, der Postindiekram von Die Nerven, die Ansagen von NOFX bis FSF.

Die zehn Neuentdeckungen für mich 2017

 

1. Meute, Kulturarena, Jena

2. Gruppa Karl-Marx-Start, NBL, Leipzig

3. Das Flug, blank, Berlin

4. Oi of the Tiger, Heinz, Hannover

5. Coca Candy, Fährmann, Hannover

6. Argies, Störfaktor, Zwickau

7. Aktiv Passiv, Chekov, Cottbus

8. Rabaukendisko, Glocksee, Hannover

9. Klostein, Störfaktor, Zwickau

10. The Black Madonna, Fuchsbau-Festival

https://dasflug.bandcamp.com/track/deutlich-unterbewaffnet-in-hellersdorf

Ich merke immer mehr, dass die schönsten Konzerte vor allem mit Leuten zu tun haben, die man ins Herz geschlossen hat. Da mag nicht jede Note richtig sitzen, mit den richtigen Menschen im Publikum, an den Instrumenten oder an den Reglern passt das alles schon. Meute sind mittlerweile quasi berühmt, die Argies hab ich Jahrzehnte zu spät entdeckt, und Rabaukendisko sind vermutlich schon wieder durch. Egal. War schön. Und Das Flug trifft bald Coca Candy und Beatpoeten beim Wutzrock. Harhar.

Für die Vollständigkeit: nicht neu, aber noch immer spannend & großartig

1. Messer, Glocksee, Hannover

2. The Hirsch Effekt, Reeperbahn-Festival

3. Lumpenpack, Fährmann, Hannover

4. Kasimir Effekt, Fuchsbau-Festival

5. Beatbar, Fährmann, Hannover

Messer hab ich sehr gemocht. Haben mich überrascht in ihrer Dringlichkeit. Die anderen Bands sind wie kleine Schätze, die man in der Brusttasche trägt. Und wenn wieder jemand nach kleinen Tipps fragt: Bäm!

Tacheless: Voll auf die Band gefreut, dann mit angezogener Handbremse zugeschaut

1. Beginner, Swiss Life Hall, Hannover

2. Milliarden, Heinz, Hannover

3. Alin Coen Band, Täubchental, Leipzig

4. Dirty Honkers, Ballhof, Hannover

5. Zugezogen Maskulin, FCLR, Hannover

Natürlich liegt es an den Umständen. Aber bei Alin Coen musste ich weg, die Honkers haben das Gaspedal verfehlt, und Zugezogen Maskulin? Ich mag die Musik, live hab ich keine einzige Zeile verstanden. Mhh. Ach so: die Beginner waren mit ihrem Set nach 45 Minuten durch. Am Rest der Show rätsel ich noch. Warum sollten wir für ein Video nochmal zu Samy Deluxe tanzen?

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Fusion-Konzert für zehnjährige Edelklos. Danke, HCWC!

So. Achtung, ernsthafte Kategorie: die zehn besten Beatpoeten-Auftritte

 

1. Fusion – Landebahn-HCWC (Eine Musik gewordene Liebeserklärung)

2. Ende Gelände-Abschluss-Rave (Danke, Herrengedeck!)

3. Hafenklang-Exil, HH (mit DiskoCrunch) (Heiß, mit DJ Costa)

4. Burg Herzberg Festival (Literaturrave)

5. Punx Picnic Neubrandenburg (Heimspielcharakter)

6. Bahnrave zum Open Flair (Grüße gen Renato, Felix und Tilman)

7. Lesung in Glocksee mit Leo Fischer (Grüße gen Malte & Indiego-Team)

8. SO 36, Berlin (mit Herrengedeck)

9. about.blank, Berlin (mit Das Flug)

10. KuZe, Potsdam

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Auf gehts, ab gehts, Ende Gelände.

Ganz wunderbar war es natürlich auch in Ravensburg, Witzenhausen, Cottbus & Zwickau, im Klapperfeld Frankfurt und vor allem herzlich in Norderstedt & Nordhausen. Vergesst diese Aufzählungen. Dieses Jahr war ein einziges Geballer & ihr habt uns trotzdem selig gemacht.

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Stillleben mit neuer Platte „Geheul“.

Zehn besondere Beatpoeten-Momente

1. Das dritte Album ist tatsächlich erschienen (Danke, Tobi!)

2. Neue Lesung „Unterwegs – das Elend“ läuft ausgerechnet beim A Summer’s Tale

3. Das neue Enterpreneur-Duell bei KreHtiv

4. Punker-Lesung endlich in der Køpi

5. Die letzte Mal Pegida-Lesung, Eisfabrik

6. Soundtrack zu „Traum.Ruine.Zukunft“ – dem Film zum Ihmezentrum

7. Video zu „19“ – kaum Reaktion – vielleicht stellen wir doch auf Youtube um

8. Erstes Plastic Bomb-Interview überhaupt

9. Doppelseiten-Text im Human Parasit

10. Release-Party läuft bei Onkel Olli – ohne Musik

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Start-Up-Familienduell in der Cumberlandschen Galerie beim KreHtiv-Geburtstag.

Zehn schräge Beatpoeten-Momente

1. Arbeitermedley zum 1. Mai in Braunschweig geht völlig schief 

2. Kaputter Nachmittags-Rave in Doksy

3. Kabelschnitt in Cottbus

4. Vinyl-Songliste passt nicht zur Pressung (ahh!)

5. Einkaufswagen auf der Bühne in Zwickau

6. Naziangriffe bei Ende Gelände

7. Mehrwertsteuer-Gau im Dezember

8. Textsicherheit der blank-Besucher bei Battlerap-Lesung

9. Schüler im Kunstverein Ravensburg

10. Wir haben laut Linus Volkmann eines der besten Punkalben im Herbst veröffentlicht

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Arbeiter, Bauern, Fahnenträger. Braunschweig 2016. Dem Morgenrot entgegen.

An dieser Stellte sollten die schönsten Alben folgen, FCKR ist genauso dabei wie Stereo Total oder die wunderbare Sammlung „Falscher Ort, Falsche Zeit Vol. 2“. Aber so recht komme ich in diesem Jahr nicht mit. Gerade noch Bowie gekauft, stirbt er. Bei Isolation Berlin komm ich kaum nach und kann die Alben nicht auseinanderhalten. Gerade läuft das Album  „Der Spielmacher“ mit Rösinger, Spechtl, Türen & Jens Friebe. Alle großartig. Das schönste Lied kam aber spät und ist von Jetzt! – uralt.

Achtung, Emotionen

Meine Mutter ist tatsächlich endlich im Ruhestand und ich feiere das sehr

Ausflüge gen Amrum, Paris, Lissabon, Prag & Rügen
Gründung des Büro für Popkultur & Zukunftswerkstatt
Freundeskreis-Abende & kreHtive Ausflüge
Die Arbeit ruft von Slam 2017 bis zur Goldenen Fanfare

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Rückzugsort Rügen.


Sommereinsätze & Weihnachtshilfe-Rekord
Süntelbuchen, Feldstern & Märchenwälder
Freunde & Menschen voller Liebe
Gegen jede Angst & Rassismus
Ein sprechendes Patenkind
Hochzeiten & Todesfälle
Familie neu entdecken

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Sehr selten: Süntelbuchen.

Das kommentiere ich hier alles weniger. An jedem Stichwort hängen Erinnerungen, Gefühle & Eindrücke, mal schmerzhaft, mal voller Herzlichkeit. Ich danke allen Menschen für ihre Liebe, Geduld & oft auch: für ihr Verständnis.

Lumix Festival: HAZ-Talk im Container (oder:
HAZ-Fotocontainer beim Lumix-Festival in Hannover.

Wieder was gelernt

1. Das erste Mal Eisstockschießen

2. Jurymitglied bei Jugend spielt für Jugend

3. Foto-Container beim Lumix-Festival für Fotojournalismus

4. Mitglied einer Bulli-Schau-Jury

5. Freier Fall im Hochseilgarten

6. Hexenschuss

7. Schwarzlichtminigolf

8. Endlich Lammbock

9. Ihmezentrums-Picknick

10. Xylophonsolo
11. Das erste Mal Off-Sprecher in einem Film
12. Arbeitsplatten-Ausschnitt für Küchen
13. Das erste Einstecktuch
14. Sturmglocken-Halloween
15. Suppenverkauf für den guten Zweck

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Beatpoeten in Prag.

Dieses Jahr war geprägt von neuen Erfahrungen und Sprünge ins kalte Wasser. Manchmal merkt man das erst hinterher. Soll ja jung halten. Aber insgesamt war ich doch öfter bei Ärzten als nötig. Danke, 2016!

Die schrägsten und schönsten Kulturmomente 2016

1. Der Film Lobster – alles daran ist genial
2. Die Gründung der Hörregion & die Gala im HCC & die Dadüdada-Performance dazu
3. Annadigiding – Stell dir vor, Rainald Grebe macht was – und keiner geht hin
4. Cheerleader in Finnland – ein Film, den ich nicht verstehe
5. Hörspielsommer Leipzig – weil die Idee nach Hannover muss

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Musik und Mousse T bei „Digital Sounds“.

Die schönsten Moderationen 2016

1. Der Konferenz „Digital Sounds“ im Anzeiger-Hochhaus. Hatte ich unterschätzt, bin nach Vorträgen von Sennheiser und Hochschulprofessoren und Gesprächsrunden mit Mousse T. bis Toshifumi Kunimoto von Yamaha sehr klüger rausgegangen.
2. Verleihung des Niedersächsischen Wirtschaftspreis mit Stephan Weil und Olaf Lies. Spannende Preisträger & schöne Geschichten. Und vor allem: munterer als 2015.

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Klimaretter der Region Hannover.


3. Klimaschutzkuratorium der Region Hannover mit Kammerchefs, Klimarettern und Experten wie Karsten Schwanke. Ein kurzweiliger Ritt durch gefühlt 15 Talkrunden.
4. Hauptbühnen beim Entdeckertag, Autofreier Sonntag & Aktion Sicherer Schulweg: ich mag die hannoverschen Großveranstaltungen, wenn sie so abwechslungsreich vom Programm ausfallen wie diese.
5. NOFX & Pennywise auf der Faust-Wiese: fürs Herz
6. Metropolversammlung in Osterode mit OBs, Uni-Präsidenten, Kammerchefs, …
7. Tag des demokratischen Engagements mit Konstanze Beckedorf im Neuen Rathaus

Tag des demokratischen Engagements
Spax fordert gelebte Demokratie.


8. Ihmezentrums-Diskussionen im Capitol und im Zentrum mit Stefan Schostok, Verwalter Torsten Jaskulski und dem Bund Deutscher Architekten
9. Festival-Talks beim Fuchsbau-Festival, Fährmannsfest & Lumix-Fotojournalismus
10. Das neue Start Up-Slam
-Format mit VOXR-Technik an der Leibniz-Universität

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Start Up-Slam an der Leibniz Universität.

11. Ehrenamtsgala des Freundeskreis Hannover
12. HAZ-Foren zu Hannover 96 mit Bader & Stendel, Hebammen, A2, Image & Inklusion
13. Studentenw
erkspreis & „Von Leibniz zu Bahlsen“-Gala
14. Suchthilfelauf & Helmfest, Weihnachtsmarktfeten, Expertenforen & HAZ-Aktionen

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Spendensammlung in der Neustädter Hof- und Stadtkirche.

15. Poetry Slams, Science Slams & der Fanfarenzug-Slam zum Schützenfest, im Gartentheater Herrenhausen, Audimax Göttingen, Opernhaus, Lessing-Theater Wolfenbüttel, Stadthalle Holzminden, Schloss Bevern, Oldenburger Exerzierhalle, Kulturmühle Buchhagen, Empore Buchholz, Kirche Seelze, Salon Hansen Lüneburg

Insgesamt komme ich auf mehr als 80 Moderationen für 2016. Mal kleine Ansagen, mal ganze Tagesprogramm. Es ist immernoch sehr vielfältig von Punkrock bis Preisgala. Und ein wenig hoffe ich, dass es so bleibt. 2017 stehen Klostertage an, die deutschsprachigen Slammeisterschaften & Medienkonferenzen. Der Science Slam zieht ins Schloss Herrenhausen und auf die IdeenExpo 2017. Und der Leinestern wird vergeben.

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Fertig in Hamburg.

Und nun? Ein neues Jahr liegt vor uns und mir. Am Anfang dieser Aufzählung dachte ich, so viel war 2016 doch gar nicht los, warum bin ich so müde? Ach ja. Darum. & trotzdem kann ich es gar nicht abwarten, den Kalender zu füllen, Pläne mit wunderbaren Menschen zu schmieden & treff gleich einen wie Herrn Costa, um Unfug und Umstürze zu planen. Das Übliche also. Kommt gut ins Jahr 2017. Weitermachen & munter bleiben.

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Lesung zu 10 Jahre Beatpoeten beim A Summer’s Tale in Luhmühlen.

April 2015 – Wermelskirchen und Buchhagen

Selfie Boys in Remscheid

Das Leben auf Tour fordert eine Einstellung, die der Personalmanager unseres Vertrauens sicher als Soft Skills bezeichnen würde. Es ist eine Melange aus Spontaneität, Flexibilität und Offenheit. Der Blick aus dem Fenster der Züge und Busse, die wir immer zu den Auftritten nehmen, und ein Blick in die Zeitungen und Zeitschriften, in die Social Networks und die zahlreichen Nachrichten, SMS, Messages, Tweets setzt eine unfassbar hohe Verarbeitungskraft voraus. Ganz ehrlich, uns glüht der Kopf und das Herz, wenn wir sonntags von unseren kleinen Abenteuerurlauben nach Hause kommen. Post-Tour-Loch nennen das manche unserer Kollegen, und sie haben recht. Das Geballer wird ja tendenziell auch nicht weniger. Nur die Namen ändern sich, die Memes, die Überraschungen, positiv und negativ. Hier unser Bericht aus dem Wahnsinn, den manch einer Deutschland nennt.

Wuppertal City

Wuppertal ist eine kaputte Stadt. Direkt am Hauptbahnhof klafft eine riesige offene Wunde, als habe jemand einen Teil der Innenstadt einfach ausgestochen. Auf dem Bahnsteig werden wir von einem Crystal-Meth-Süchtigen angesprochen. Freundlich, siezend, aber bestimmt: „Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“ Wir reichen ihm sofort ein paar Münzen. Angebot und Nachfrage halt. Am Süßigkeitautomaten kauft eine rauchende Frau ihrem vierjährigen Sohn eine Cola. „Danach bist du aber ruhig.“ Uns treffen die Blicke der Kleinstadtfaschos und Männer mit zu viel Testosteron. Egge berauscht sich am Bild der Schwebebahn, für die diese spannende Stadt neben Wim Wenders und Pina Bausch so bekannt ist.

Achtsamkeit, diesdas

Bis wir im AJZ Wermelskirchen ankommen, durchqueren wir mit einem Linienbus das Bergische Land. Die Häuser tragen dunkle Schieferplatten. Fast alle. Die Menschen sind freundlich und helfen uns, den richtigen Bus oder unseren Auftrittsort zu finden. Ein junger Mann begleitet uns sogar vom Busbahnhof bis zum AJZ. Er mache sogar selbst Musik und habe als Billy-Talent-Coverband angefangen. Auf der Skateboardrampe vor dem Klub schwingen sich drei Teenager mit ihren Trittbrettern in die Höhe, die Sonne geht am Horizont über Remscheid unter. Es ist endlich Frühling, und dieser Laden scheint eine dieser Perlen zu sein, auf die wir nie vorbereitet sind: Engagierte, humorvolle und super freundliche Menschen, die an Kultur glauben, an Freiräume, an Musik. Die daran glauben, dass Punk nicht nur Drei Akkorde, schlechte Laune und Populismus bedeutet, sondern eine Offenheit im Miteinander und mit der Kunst. Deswegen stehen mit uns auf der Bühne die tollen Bands naive und Static Me aus Köln, die jeweils ganz eigene, mitreißende und tanzbare Gitarrenmusik bringen. (Unbedingt buchen, ihr Booker da draußen.) Der Headliner The Guilt aus Schweden zeigen dann auch, wie frei man ist, wenn man das macht, worauf man Lust hat. Das Duo macht eine aerobic-fähige Mischung aus Punk, Hip-Hop und Elektro. Die beiden schwitzen und brüllen und tanzen wie wild, und nach ihrem Auftritt kann man sich schön entspannt mit ihnen über Kultur, Bildung und Infrastruktur unterhalten. Eine tolle Begegnung.

Sensible Künstler und so

Zurück in Hannover an einem Samstag mit Fußballheimspiel schaut uns der Arbeitsalltag kurz ins Gesicht, es ist aber ein freundlicher Blick. Die wenigen freien Stunden nutzen wir für das, womit wir unsere Miete zahlen, bevor wir uns abends in einem Auto auf der Fahrt in die niedersächsische Provinz wieder finden. Es geht in die Kulturmühle in Buchhagen, zu einem Poetry Slam. Das Kulturzentrum ist Teil einer kleinen Kommune mitten in einer wunderschönen Wald- und Berglandschaft. Verträumt schauen wir auf die Bäume und planen unseren nächsten Wanderurlaub hier. Dann dürfen wir das musikalische Rahmenprogramm eines sehr intimen, wundervollen und nachdenklich machenenden Slams geben. Es ist der schöne Abschluss einer wilden Tour. Wieder in Hannover angekommen, schauen wir uns die Horden an Feiernden an, die durch unseren Stadtteil ziehen. Wir legen uns lieber hin. Der Kopf ist voll, das Herz ist müde, das Bett ruft. Vielen Dank!

April 2015 – Berlin, Erfurt, überall

Hände hoch, Beat-Überfall

Das polnische Wort für Reisefieber ist Rajzefiber, es kommt aus dem Jiddischen. Rajzefiber könnte auch unser Leitthema heißen. Denn auch wenn der April was Touren angeht ruhiger war als manch anderer Monat, sind wir trotzdem gefühlt nie zu Hause in Hannover. Aber wir haben es uns ja so ausgesucht.

Das Tommy-Weisbecker-Haus ist eine Institution in Berlin. Es steht seit Jahrzehnten an der gleichen Stelle, und doch hat sich die Stadt um sie herum, ja, das ganze Land grundlegend geändert. Aus der wilden Kreuzberger-Zeit mit den Besetzungen, den Kämpfen und der klaren Einteilung in Gut und Böse ist ein mäanderndes, nicht greifbares Berlin geworden. Willy-Brandt-Haus trifft auf Plattenbau, trifft auf Hipster-Architektur-Café trifft auf selbst verwaltetes Wohnen trifft auf Touristen aus der ganzen Welt. Und mitten drin eben das Tommyhaus, wie es liebevoll genannt wird.

Wir machen unsere Bumbum-Musik und verlieren uns darauf in tiefen Gesprächen mit tollen Menschen, die wir viel zu selten sehen. Ich bin wenige Stunden vor dem Auftritt aus meinen Urlaub gekommen, und Egge fährt irgendwohin. Es ist ein liebevolles Abklatschen, ein freundliches Zusammenspiel, das unser Reservoir im Herzen immer wieder erfüllt und von dem wir zehren. Dann ist es nachts. Ich bin alleine im Bundesregierungsviertel unterwegs, weil ich nicht schlafen kann, und irgendwie ist auch Ostern. Zivilpolizistenautos mit Blaulicht rasen an mir vorbei, das Kanzleramt liegt ruhig da. Der Hauptbahnhof lockt mit seinem Licht und sein Versprechen auf Wärme. Bring mich nach Hause, flüstere ich mir selbst zu, als ich übermüdet in die Bahn steige. Als ich aufwache, scheint die Sonne. Ich bin nach mehreren Wochen endlich wieder in meiner Heimatstadt Hannover.

Erfurt Auftritt und so Der Alltag verschluckt uns und spuckt uns irgendwann wieder aus. Wir stehen in einer Aula wie aus einem Roman von Erich Kästner und spielen kein wildes Konzert, sondern eine Gala. Es ist Poetry-Slam in Erfurt. Im Backstage gibt’s Pfeffi und Knusperflocken und mit unserem Hochdeutsch wirken wir ein wenig deplatziert. Wir werden aber nett und freundlich angenommen. Es ist das erste Mal seit langer Zeit, dass wir wieder im Rahmen eines Slams spielen, und es macht Spaß. Und der tolle Florian Wintels gewinnt auch noch!

Am nächsten Tag entscheiden wir uns einmal, zur Abwechslung nicht den ersten Zug zu nehmen, sondern auszuschlafen im tollen Hostel, etwas zu frühstücken und generell den Tag zu genießen. Die Sonne scheint. Das Leben ist wild, schön, herzerwärmend. Es geht immer weiter.

Einschub Egge:
Ich habe Comics entdeckt. Dagobert & Donald. Niemand braucht diese Maus, die zwischendurch Fälle löst. Vor allem brauch ich Entenhausen in der Badewanne. & dazu Musik.

Ich hab Wodka Revolte in Berlin kennengelernt und musste an Eggesin denken, als sie erzählten, wie schwer es doch ist, im eher ländlich geprägten Raum alternative Kultur zu bieten. Stralsund. Und ich denke an diese Brücke, über die man nach Rügen, raus zu den Kranichen & Donnerkeilen kommt. Nun standen sie in Berlin und covern Slimes Deutschland und animieren: und der Bundesadler stürzt bald ab. Immer noch. Und ich denk an Dirks Rückzug nach Holstein. Für Interviews muss man sich mittlere verabreden. Dann kann er auf den Berg mit Handyempfang. Zumindest sagt er noch Sätze wie: Punk ist nicht aufm Kopf, sondern im Kopf. Und nun Punk in Berlin. Gut.
Wir reden über Werdegänge und Abgänge, Möglichkeiten, sich kritisch durch den Alltag zu bewegen. Jeder nach seinen Möglichkeiten. Wir stoßen an. Und fragen uns, warum wir nicht Jura studiert haben? Egal.

Zu Hause läuft die Split der Krauts mit Das Flug. Ein Kinderchor. Sehr schön. Ich schau aus dem Fenster & denk an eine Dreckfrese oder wie das Ding heißt. Mein Balkon sei zu zugewuchert. Meint der Vermieter. Ich schalte auf Ätzer 81 um & stelle mir Tobis Grinsen dabei vor. Stuttgart kaputtgart.

In Erfurt scheint die Sonne. & wir können Kunst probieren. Wie gut, wenn man Texte mal nicht brüllt, sondern vorträgt. Manch einer hört dann sogar zu. Machen wir wieder häufiger. Denn draußen läuft Tügida, in Hannover Pegida, die Kommentare so den ertrunkenen Flüchtlingen machen mich fertig. Ich hatte mal Gedichte dazu geschrieben. Zum Mittelmeer, zu Melilla. Genau zehn Jahre her. Nicht viel hat sich verändert. Es ist wieder deutsch in Kaltland. & ich danke jedem Punker, der seine Wut noch artikuliert.

20. Januar 2013 – Stuttgart – Kellerklub


Während in Hannover gewählt wird, sitzen wir im Kellergewölbe von Deutschlands bekanntestem Kopfbahnhof und essen Spätzle. Mit Curryketchup. Das sind die einzigen vegetarischen Gerichte, des uns als tollen Schwabenexpress angepriesenem Imbiss. Kiezmutti muss uns also wegen ihrer falschen Versprechen Sekt ausgeben. In der Neuen Staatsgalerie gibt es aber keinen Sekt. Nur den Beweis, dass es wirklich so etwas wie einen Brain-Drain in Schwaben gibt: Wenn alle kreativen, Kunstmenschen aus den Vorstädten von Stuttgart nach Berlin ziehen, bleiben nur noch wenig Menschen vor Ort, die eine Ausstellung und das ganze Drumherum schön machen. Junge Menschen jedenfalls sehen wir fast keine. Dafür eine bemühte Ausstellung zum Thema Galerie. Und der Weißwein schmeckt nach Apfelwein. Naja.

Der Kellerklub ist komplett ausverkauft. Die Stuttgarter haben noch lange nicht genug vom Poetry Slam. Kein Wunder, bei dem was Thomas da auf die Beine stellt. Wir dürfen zweimal zwei Lieder als Feature des Abends machen, werden sehr freundlich empfangen und dürfen tollen Slammern zuhören. Ein nostalgischer Ausflug, und am Ende feiert einer der liebsten Menschen noch seinen 40. Geburtstag. Yeah.

Der ICE soll um 8 Uhr losfahren. Um 9.30 Uhr und nach mehrfacher Gleisänderung kommt er in Stuttgart an. Draußen ist Blitzeis, Schneechaos, Baustelle. Im Zug herrscht Frust. Mehr als die Hälfte will zum Frankfurter Flughafen, hat Zeitstress. Als kurz vor Mannheim die Durchsage kommt, dass der Zug diesen Stopp heute nicht anfährt, stehen die Leute kurz vorm Aufstand. Nach Mannheim ist alles entspannt und leer. Wir holen unser Gratis-Softdrink im Bistro ab und lachen über Politiker. Mit drei Stunden Verspätung kommen wir irgendwann in Hannover an. Es ist kalt. In Niedersachsen wurde die CDU abgewählt, die Grünen haben auf der Wahlparty „Schünemann ist arbeitslos“ gesungen. Wir müssen immer weiter.

Egges 2012 in Bildern

Es war ein wildes Jahr, dieses 2012.
Da kann man auch im Januar zurückschauen.
Am besten in Bildern.
Ein Blick ins Fotohandyarchiv von irren zwölf Monaten.

Januar: München (My first radical Moshpit-Party)

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Februar: Kunst, Hamburg

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Februar: Auf dem Weg nach Lüneburg

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Februar: Freiburg

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Februar: Von den Profis lernen: Florian, Hannover.

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März: Die beste Kneipe in Stuttgart.

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März: Von den Profis lernen: Roland, Hannover.

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März: Auszeit, Steinhude.

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April: Von den besten Lernen: Who, Leipzig.

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April: Neue Zielgruppen erreichen, Leipzig.

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April: Von den besten Lernen: Osterhase, Hannover.

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April: Auszeit, Berlin.

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April: Hamburg.

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April: Nähe Karlsruhe.

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April: Béi Chéz Heinz.

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April: Oldenburg.

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Mai: Kunst, Hannover.

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Mai: Hannover.

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Mai: Kunst, Langenhagen.

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Mai: Von den Profis lernen: Alex Pfeifer & Brandstifter, Mainz.

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Mai: Leipzig.

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Juni: Von den Profis lernen: Laing, Potsdam.

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Juni: Kunst, Leipzig.

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Juni: Von den Profis lernen: Feine Sahne, Neubrandenburg.

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Juni: Neubrandenburg.

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Juni: Béi Chéz Rainer

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Juni: Kunst, Pampa.

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Juni: Von den Profis lernen, Saul Williams, Hannover.

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Juni: Kunst, Hannover.

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Juni: Hannover.

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Juni: Kassel.

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Juni: Von den Profis lernen: Sommerfest der
niedersächsischen Landesvertretung, Berlin.

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Juni: Kunst, Lärz.

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Juli: Von den Profis lernen: Spanische Fußballfans, Hannover.

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Juli: Von den Profis lernen: Schützen, Hannover.

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Juli: Kunst, Bethanien.

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Juli: Kunst, Auerworld.

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August: Von den Profis lernen: Liedfett, Hannover.

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August: Auszeit, immer wieder Ostsee.

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August: Jena.

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August: Kunst, Berlin.

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August: Von den Profis lernen: Shaun das Schaf, Hannover.

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September: Auszeit, Leipzig.

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September: Auszeit, Rostock.

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September: Von den Profis lernen: Lady, Hannover.

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September: Kunst, Hannover.

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Oktober: Von den Profis lernen: Oktoberfest, Hannover.

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Oktober: Hamburg-Harburg.

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Oktober: Auszeit, Weimar.

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Oktober: Kunst, Sofatage, Hannover.

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November, Kunst in Bahnhöfen, Lüneburg bis Göttingen.

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Dezember: Von den Profis lernen: Santas, Hannover.

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Dezember:  Hannover.

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Dezember: Auszeit, Thüringer Wald.

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Dezember: Auszeit, Eisenach.IMG_2509

Mehr in Bälde.

Beatpoeten treffen Mirco Buchwitz

Es gibt Menschen in diesem Universum voller Bühnen, Backstageräumen und Hinterhofbänken, die sind immer genau dann da, wenn man sie braucht. Einer davon ist für uns der Künstler Mirco Buchwitz aus Hannover. Ein Wort dazu.

Es war Ende der neunziger Jahre als Egge das Kulturzentrum Faust betrat und ein Kerl in Jeansjacke Gummierdbeeren an sein Publikum verteilte, während er mit Stimmen aus dem Off redete. Die Texte waren mal urkomisch, mal melancholisch, immer nah am Leben. Mirco verband Musik schon mit Texten, als Egge noch an eine Lyrikkarriere glaubte. Nur, dass er sich nach fast jedem Song umzog, war irgendwie merkwürdig.

Die Jeansjacke trägt er manchmal immer noch, aber gut getarnt unter einer Lederjacke. Nach etlichen Hörspiel-CDs, Auftritten in ganz Europa mit eigenem Programm, Kabarettpreisen und Auszeichnungen für seine Hörspielminiaturen, hat er sich hingesetzt und einen großen Roman geschrieben. „Nachtleben“ erschien bei Aufbau und ist eines der besten Bücher 2011 gewesen. Wir freuen uns, dass Mirco Zeit fand, um uns ein kleines Video zu basteln.

Wir danken dir und sehen uns in der Glocksee, auf deinem Sofa, unterwegs. Und wenn wir dran denken, bringen wir dir eines dieser schwarz-weißen Flohmarktbilder mit. Am besten einen Kindergartencowboy mit großem Hut. „Just Cruisin'“.

www.mircobuchwitz.de