16. bis 18. Oktober 2014 – Twisted-Chords-Labeltour

In diesem Jahr durften wir wieder ein Wochenende mit unserem Label Twisted Chords auf Tour. Stuttgart, München und Nürnberg standen auf dem Programm. Mit dabei die tollen Bands Start a Fire, Amen 81, Todeskommando Atomstrom, Kaput Krauts und Special-K. Den Termin in München mussten wir leider absagen. Hier nun also ein kleiner Einblick in das Chaos, was wir Touren nennen.

Spiegel

Immer wieder gibt es diese Momente auf Tour, wo du tolle Menschen kennenlernst, und du weißt nicht, ob du sie jemals wiedersehen wirst. In Stuttgart passiert uns das gleich mehrfach. Es ist ein melancholisches Gefühl, aber auch sehr schön. Und solche Nasen, wie unsere Freunde von Kaputt Krauts oder von unserem Label Twisted Chords, sehen wir ja dann doch immer wieder an den unterschiedlichsten Orten auf diesem Planeten. Und dann schaut man sich an, macht ein, zwei kindische Witze, umarmt sich und ist sofort wieder auf einer Wellenlänge.

Zuglektüre

Eine weitere Konstante auf Tour ist das frühe Aufstehen. Das Taxifahren durch morgendliche Städte, in denen noch keine Bahn oder Bus fährt, um den ersten Zug nach irgendwo zu nehmen. Und so gleiten wir wieder durch die Dunkel, das sich Deutschlan nennt. Draußen schimmern die Straßen unter dem ersten richtigen Herbstregen. Es ist kalt geworden. Egges Zugfahrt endet in Hannover, meine geht weiter nach Berlin. Eines der schönsten Feste feiern, die es gibt: die Hochzeit eines sehr sehr guten Freundes.

Kluge Worte

Eine kurze Pause von der Tour. Eine Unterbrechung, wie im vergangenen Jahr. Nur damals war es die Beerdigung eines Onkels, das den Ablauf von Feiern, Tanzen, Spielen unterbrach und mich wieder daran erinnerte, was im Leben wichtig ist: Liebe, Freundschaft, Gefühle. Es ist eine tolle Reise durch das Leben.

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Kumpel

In Nürnberg vergnügte sich Egge mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt, während ich in den vollen Zügen neue Freundschaften schlosst. Abends standen wir dann gemeinsam zum ersten Mal in dieser Stadt auf der Bühne. Das Zentralcafé sah so aus, als hätte die Punks ein Oktoberfest-Bierzelt übernommen. An den Wänden Fotos von der Internetseite München kotzt, die investigativ das größte Drogenfest der Welt – das Oktoberfest – dokumentiert. Dazu Stoiber als Pappfigur und natürlich blau-weißes Karo. Der Sound war super, der Schnaps lecker und die Meute lebendig. Tolle Stadt, tolles Konzert. Und nach uns kletterten noch viele Freunde auf die Bühne und lieferten den passenden Sound für den Beginn des Herbstes. Da vergaßen wir schnell, dass wir an dem Wochenende rund 20 Stunden im Zug saßen. Es lohnt sich halt doch immer wieder.

Und jetzt Egges Tourisfotos.

Der Bahnstreik.
Das Dürer-Haus.
Kunst und so.
Dürer.
Irgendwas mit gold.
Eine katholische Kirche.
Die Lorenz-Kirche.
Kirche fürn Frieden. Oder so.
Für Costa.
Der Stadtmauerturm.
Der touristische Handwerkerhof.
Die Burg und das Tor.
Ein Hommie.
Vorsicht, bissige Musik.
Kritik.
Hund spielt Slayer.
Protest gegen Armut.
Nochmal die Burg.
Nürnberg halt.
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4. und 5. Mai 2012 – Bremen und Leipzig

Kalt ist es auf dem Oberdeck der MS Stubnitz im Bremer Hafen. Das Partyschiff liegt normalerweise in Rostock. Aber für wenige Wochen ist Bremen sein neuer Hafen und für uns die erste Station an diesem Wochenende, an dem wir unser neues Album „Man müsste Klavier spielen können“ präsentieren dürfen. Im Bauch des Schiffs ist nämlich eine Disko untergebracht, die manchen Großstadtklub fast nebenbei verblassen lässt.

Die Crew nordet uns sofort ein: „Nein, ihr seid noch nicht betrunken, der Boden ist schräg.“ Bordhund Krause nutzt seine großen Augen schamlos aus, um zu gieren. Und Hauptact Hasenscheisse macht uns eifersüchtig, weil sie besser riechen, besser aussehen, richtige Instrumente spielen und richtige Witze machen können. Tolle Jungs!
Wir werden am nächsten Morgen wach, als ein Ausflugsdampfer die Weser entlang schippert. Die Wellen bewegen das Schiff sanft. Von der Koje aus sieht man das Wasser und ein Segelboot. Draußen riecht es nach See und nach dem Hopfen der Brauerei gegenüber.

Es ist Samstag. Die Deutschen verbringen diesen am liebsten im Stadion, im Baumarkt und in irren Gangs mit abgestimmter Kleidung als Junggesellen(innen)abschied. Acht dieser volltrunkenen und zwangslustigen Rudel begegnen uns auf dem Weg vom Bremer Hafen bis zum Atari in Leipzig. Sie tragen grüne Perücken, Wikingerhelme, Elfenantennen, gleiche T-Shirts auf denen „Was, Tino heiratet? Ich bin nur zum Saufen hier“ steht oder auch mal Fantasieuniformen. Die Kleidung der Junggesellen und Jungesellinnen schwanken zwischen Dorftrash und germanischem Prolltum. Eine Folter für die Tragenden und uns sind sie immer. An dieser Stelle soll das Phänomen noch einmal gesondert betrachtet werden.

In Leipzig-Reudnitz kann man schonmal auf die Fresse kriegen. Von Nazis oder Prolls. Oder Prollnazis. Der Stadtteil wurde weltberühmt durch Clemens Meyers „Als wir träumten“ – meine Einstiegsdroge, als ich 2010 nach Leipzig zog. Knapp zwanzig Jahre nach der Wende taten sich hier einige Menschen zusammen, um mit dem Atari ein eigenes, autonomes Wohnprojekt zu starten. Wir durften bei der Vierjahresfeier am Samstag zwischen Punkbands und DJs aus Tel Aviv die Brücke schlagen. Eine riesige Bambule im Keller und in der Wohnung darüber. Für Vierjährige war das Atari ganz schön frech zu uns. Dafür gibt’s das nächste Mal Wunderkerzen und Kuchen.

sta

14. Januar 2012 – München – Hansa 39

Er braucht einen Schlag, dann liegt der andere blutend auf dem Boden. Mitten im dreckigen, vollgeklebten und vollgemalten Klo, hier im Münchner Kellerklub. Draußen pumpt der Bass, hier drinnen liegt er und bedankt sich bei einem, der ihm helfen will, mit Blut und Beleidigungen. Der Gewinner drückt seinen Rücken durch und verschwindet, aufgebaut durch Mackerpose, zu viele Stunden im Fitnessstudio und sicherlich auch Chemie. Ein Werbemann erklärt mir seine Idee, einen Blog zu machen, auf dem er nur Fotos von Urinflecken auf Straße und Bürgersteig bringt. Die würden so schön unvorhergesehene Wege fließen. „Wie ein neuer Fluss in einer neuen Welt.“

Er trägt mindestens zehn Piercings, hat die Haare stachelig aufgerichtet, und seine Kleidung ist komplett schwarz. Für die CSU ist er sicherlich das perfekte Bild eines Punks. Jemand, der alte Omas schubst und Kindern die Zigaretten klaut. Er erklärt, welche Haarsprays vegan sind, wo es sich in München günstig wohnen lässt und warum er unbedingt nach Berlin ziehen will.

Seine Haut ist orange. Ein tiefes Orange, das man sonst eher von italienischen Sportwagen kennt. Dazu sein makelloses Haar, mittelscheitelig aus dem Gesicht betoniert. Lässig trägt er eine Weste über dem Corporate-Identity-Look der Deutschen Bahn. Hier in der DB-Lounge am Münchner Hauptbahnhof ist er mit seinen geschätzten 21 Jahren der König. Super höflich, absolut professionell unterhält er sich flüssig über Sport, das Wetter und irgendwas im Fernsehen. Er begrüßt Stammgäste mit Namen und Handschlag und weiß, wo es im Hauptbahnhof die besten Butterbrezn gibt. So einen wünscht man sich als Tourmanager.

„Hoffentlich gibt’s nicht schon wieder Nudeln mit Pampe.“ Ja, das Leben als Postrockstar ist hart. (Carlos Lieblingswort des Wochenendes ist übrigens Postakademiker). Und als Band, die für alternative Lebensweise, Toleranz und Do-it-yourself steht, darf man doch erwarten, dass Menschen, die ein riesiges Festival mit vielen Bands, günstigem Preis und guten Infoständen organisieren, auch Luxusessen liefern. Er hat sich schon in Rage geredet, als das Essen kommt. Eingelegtes Gemüse, Mercimek-Bällchen, Salat, Suppe, Antipasti, Fladenbrot. „Hier ihr Norddeutschen, etwas gegen euren Kulturprotestantismus“, grinst der Überkoch uns an. Wir schwelgen im Gastrohimmel. Der mäklige Indiependent-Kollege ist jedoch nicht zufrieden. „Warum ist das Tsatsiki nicht vegan?“

Vor dem Klub in einem ehemaligen Industriegebiet steht ein Einsatzfahrzeug der bayrischen Polizei. Nein, es habe keine Beschwerden oder Übergriffe gegeben. Aber bei so „Alternative Konzert“ wisse man ja nicht, ob nicht doch jemand nur zum Steineschmeißen, Graffitisprühen oder Bürgererschrecken gekommen sei. Vielleicht schubsen sich die Besucher ja auch vor der Bühne und verletzten sich dabei. Die Zuschauer des Indiekonzerts nebenan fühlen sich aber schon ein Stück sicherer. Der eine große Punk ext ja gerade schon sein zweites Bier. Nicht vorzustellen, wenn er wirklich Rock’n’Roll leben könnte. Da ist es schon besser, wenn die Einsatzkräfte bereits an der U-Bahnstation Menschen aussortieren und wegen ihrer bunten Haare, Piercings und Tattoos kontrollieren.

Auf der Bühne, den Menschen stecken schon diverse geile Punkbands in den Knochen. Carlos schließt seinen Synthie an, Egge richtet sein Crashbecken. Kurzer Soundcheck, alle gucken. Spätestens bei „Hipster bedrohen unser Leben“ oder „Reihenhäuser bauen und das Carport dekorieren“ stürzt der erste bayuwarische Nietenträger auf die Bühne, ruft sein Lieblingslied ins Mikro und versucht ein Stagediven. Es ist Samstagabend in München, im Fernsehen streiten sich gerade Daniel und Rocco um Bohnen und Reis und wir dürfen Musik machen. Bei tollen Menschen, in einer verrückten Stadt. Danke!

07. Januar 2012 – Arpke – Hinterhof

Alle regen sich auf. Über das Wetter. Über Politiker, die gelogen haben sollen oder über Berühmtheiten, die gar nicht so nett und freundlich sind, wie alle immer gedacht haben. Über Fußballer, die sich verletzen und gar nicht so geil spielen, wie sie sollten.

Und immer wieder über die Jugend. Über diese rotzfrechen Gören, die sich anmaßen, auf Elektro zu rappen. Eskalation zu schreien, anstatt nur Whoop,whoop! Die die Band nicht kennen und die andere auch nicht. Obwohl die doch so wichtig waren für die Entwicklung der gesamten Popkultur. Wie können die nur!

Und genau an dem Punkt wird es scheiße. Wir spielen immer wieder in Kontexten, wo das Durchschnittsalter unseres Publikums weit unter unserem liegt. Mit Bands, die im Grundschulalter waren, als der Euro eingeführt wurde. Und die alle keine Ahnung haben, wie sich das anfühlte, damals in den 90ern oder Anfang des Jahrtausends. Und ganz ehrlich: Es nervt, wenn Menschen ihnen daraus einen Vorwurf machen. Unbedingt versuchen durch ihr Alter reifer, weiter und irgendwie cooler zu sein, weil sie At the Drive-In noch live gesehen haben, oder Rage Against The Machine vor der Auflösung vorm Comeback. Dabei vergessen zu viele Leute, dass sie selbst mal in dem Alter waren.

Wir zumindest habe keine Lust, altersmäßig abgeschottet unterwegs zu sein und nur mit Gleichaltrigen zu hängen. Neben dem Rassismus und Sexismus ist die Altersdiskriminierung eine echte Herausforderung für unsere Gesellschaft! Deshalb war es auch wieder erfrischend im Jugendzentrum Hinterhof in Arpke mit lauter Musik vollgeschallert zu werden und sich beim Bier über die Vorteile von Jung- und Altsein zu unterhalten. Danke dafür!

08. Mai 2010 – Lüneburg – Kunterbuntes WG-Haus

(via Herm und Nerdcore)

Es schließt sich der Kreis. Wir haben den Keller besucht, in dem wir 2006 unseren ersten Auftritt gemacht haben. Der schöne Partyraum gehört zu einer wunderbaren WG in Lüneburg, die uns lieberweise bereits zum dritten Mal eingeladen hat, auf ihren wahnsinnigen Partys zu spielen. Und glaubt uns, diese Partys sind wahnsinnig. Hätten wir ein Haus, wie würden es nicht mal eben 500 Feierwütigen zur Verfügung stellen. Die Schlafzimmer zu Cocktailbars und Kunstistallationen umbauen und Bier und Essen kostenlos hinstellen.

Während in einem Schlafzimmer im Erdgeschoss die großartigen Bands Robinson Krause, Findus, uiuihiui (?) auf dem zur Bühne umgebauten Hochbett rocken durften, gingen wir also wieder in den Untergrund und bereiteten den Rave für einen doch recht undankbaren, sogenannten Minimal-DJ vor. Dessen Mißachtung unseres Auftritts sollte uns aber nicht weiter stören: Egge war morgens in Leipzig noch auf der Kriegsende-Demo trotz „Ihr habt den Krieg verloren“-Gesänge gesund an den Jungnationalen vorbeigekommen – da war man froh, nebeneinander zu stehen und Musik zu machen. Danke nochmal an dieser Stelle an alle Tanzenden, den Technikern und natürlich den Bewohnern und Veranstaltern der Party. Hoffentlich war das Aufräumen genauso spaßig wie die Feier.

Auf dem nächtlichen Heimweg hat Costa dann seine interne Beatpoeten-Rock’n’Roll-Highscore leicht verbessert, indem er sich erst blitzen ließ und dann einer Radkappe auf der Straße auswich und dafür einen Bordstein mitnahm.Er liegt aber immer noch weit hinter Egge. Und mit der Festivalsaison vor der Tür, wird sich das wohl so schnell auch nicht ändern…

ps. Nein, wir verraten nicht, wo die WG ist.