Egge zieht Bilanz: Ein halbes Jahr in Listen (und Costa?)

Achtung Halbzeit:

Zeit innezuhalten und sich an die schönsten Momente des Jahres 2010/2 zu erinnern. Es beginnt harmlos. Die Top-10-Konzerte:

  • Jan Delay in der Color-Line-Arena in Hamburg (mit Bo und Udo als Special-Gäste): Ganz große Nummer mit mehr als 12000 Gästen.
  • Jan Plewka singt Rio Reiser in Oldenburg: Spontan hingefahren und auch wenn mal jede Geste langsam auswendig kennt, immer wieder Gänsehaut. Unvergessliche Nacht.
  • Scorpions in Leipzig Arena und der Tui-Arena in Hannover: Ja gleich zweimal und ja, weils einfach gerockt hat. Keine Balladenband nimmt da Abschied, sondern echte Rock’n’Roller.
  • Dyse im Hamburger Hafenklang: Meine Herren können die Gas geben. Selten so mitgerissen worden.
  • Le Truc im Störtebecker Hamburg: Das Seitenprojekt von Antitainment stellte sich vor und hinterließ 30 Minuten Schredderschneise im Publikum. Wahnsinnige Show.
  • Gladbeck City Bombing in irgendeinem Backstageclub auf der Hamburger Reeperbahn: Sie wickeln sich mit Gaffa ein und behängen sich mit Tape-Bändern und spielen dazu rüden Elektro. Oha, die kriegen den Verrücktenbonus. Sehr geil.
  • Chumbawamba in der hannoverschen Glocksee: Weils einfach schön ist. Die Leute von der Insel haben schon jetzt Songs zum Tod von Maggie Thatcher.
  • Active Minds in der Hamburger Lobusch: Rüder Punk von zwei Urgesteinen des Punk. Und wenn die alten Säcke auch noch ihre Shirts lüften und nur Fett und Schweiß wabert, ists eklig, aber auch irgendwie schön.
  • Images in der hannoverschen Korn: Weil de Genossen mal richtig rocken!
  • Uiuiui auf der WG-Party in Lüneburg: Weils kruder Elektropunk ist und ein gelungenes Seitenprojekt von Naomi Go! Go! Wenn ich mich nicht täusche. Sehr lustig.

Die Top-10-Kultur-Ereignisse:

  • Die Deichkind-Operette im Hamburger Kampnagel: Noch nie habe ich gesehen, wie sich eine erfolgreiche Band so schonungslos ehrlich selbst entzaubert hat. Danke für diesen Abend!
  • „Mohammed TV“ in der hannoverschen Glocksee: Packendes, verstörendes Theaterstück über Ängste und Panik. Großartig!
  • „Auto! Auto!“ im hannoverschen Pavillon: Zwei Percussionisten zertrümmern einen Opel und spielen mit Vorschlaghammer Tschaikowski drauf. Hatte ich noch nicht gesehen und habe nur gelacht.
  • Galerie-Entdeckung für mich: die Hamburger Urban-Art-Galerie „auf halbacht“
  • „Hören 2010“: Was als Eurovision Song Contest für hannoverschen Musikhochschüler gedacht war, entpuppte sich als echte Talentschmiede.
  • Jason Dodge im Künstlerhaus in Hannover: Ja, der Typ hat ne Macke. Er wirft Silberbarren durchs Fenster und nennt das Kunst. Super Ideen.
  • „Nipple Jesus“ in der Cumberlandschen Galerie in Hannover: Weils einfach ein richtig guter, unterhaltsamer und nicht blöder Abend war. Sehr geil.
  • „Anders Festival“ im Hamburger Haus 73: Weil ich zu spät zu diesem sehr schönen Festival kam, gabs nur noch Getränke und tolle Gespräche. Leider waren zu wenige Gäste da, das Programm war der Hammer!
  • Subway to Sally im Capitol Hannover: Weils skurril war und nicht wirklich in die Top-Ten-Konzerte gepasst hätte
  • Sin Nombre: Weil zumindest ein Kinofilm in dieser Rubrik auftauchen sollte.

Die Top-10 der skurrilen Ereignisse:

  • „Zeiten ändern dich“-Vorabpremiere in Hamburg: Gott, Bushido!
  • Das „Supertalent“ in der hannoverschen AWD-Hall: Sorry, Carlotta
  • Karneval in Hannover: Alaaf!
  • Ben Becker liest in der hannoverschen AWD-Hall die Bibel: Gott!
  • De Höhner im hannoverschen Aegi: Kölsches Schunkelchaos an der Leine
  • Das Theatererlebnis des Graffitimuseum in der Cumberlandschen: war leider keins.
  • Corvus Corvan oder so im Musikzentrum Hannover: Mittelalterlangeweile mit hübschem Drummer.
  • Schiffrundfahrt an der Autostadt Wolfsburg: Bitte!
  • Der Beatpoeten-Auftritt in Lüneburg, als ein DJ uns von der Bühne drängen wollte
  • Die Wailers im Musikzentrum – ganz düster

Die Top-10-Geschichten für die Zeitung

  • Die Lena Meyer-Landrut-Geschichte: Weils mich nach Köln und Oslo gebracht hat, weil ich ein wenig zuschauen durfte, wie Stars geboren und gemacht werden, weils traurig macht und ein wenig auf einen selbst zurückwirft. Die wichtigste Frage für mich: Warum brauchen wir eine Lena? Welche Bedürfnisse spricht sie an, was projizieren wir alles in sie hinein, wie soll sie alle Wünsche befriedigen? Und warum nehmen wir uns nicht einfach, was wir in ihr vielleicht suchen? Darum Platz eins.
  • Wetten, dass..?: Weils für mich Anlass war, über den neuen Samstagabend-Moderator nachzudenken. Wird Raab der neue Gottschalk und was heißt das? Spannend.
  • John-Raabe-Porträt: spannender Mensch, der Enkel vom Schindler in China. Film mit Tukur schauen und dann mal den Raabe-Enkel im Netz googeln. Sehr interessant.
  • Die Cyril-Krueger-schaut-zurück-Geschichte: Der Mucker schaut auf die drei Monate „Unser Star für Oslo“ zurück und reflektiert den ganzen Hype um Castingshow, die TV-Auftritte und die Werbemühle.
  • DJ-Bobo-Interview: Weil der Typ seit vier Jahren für die UN-Hungerhilfe malocht und gern im Iran spielen würde – die Jugend stehe dort auf ihn. Er verpackt seine Botschaften („respect yourself“) in den Lieder und ist selbst angepisst, dass er immer nur als Gute-Laune-Bobo wahrgenommen wird.
  • Jeanette-Biedermann-Interview: Weil sie eine Stunde darüber reden kann, dass sie wirklich macht was sie will. Und dann gabs eine persönliche Geschichte und sie sagt die Tour ab. Interview erschien nicht.
  • Die vielen kleinen Begegnungen, die einen mehr prägen als man anfänglich denkt: der Tänzer und Choreograph Felix Landerer, Tobias Schlegl, Wüstenforscher Michael Martin, Schauspieler Kai Wiesinger und Autor Wolfgang Hohlbein.
  • Rio Reiser soll umgebettet werden! Die Möbius-Brüder haben keine Kohle mehr für Fresenhagen, also soll der Ton Steine Scherben-Hof verkauft werden. Weil Rio mit Ausnahmegenehmigung im Boden liegt, müsste er bei Verkauf raus! Wahnsinn!
  • Für den 7.-Tag hab ich die Geschichte der Drückerstuben aufgeschrieben, habe mit Abhängigen gesprochen, mir Druckstuben angeschaut und mit den politischen Kämpfern dafür geredet. Wahnsinnig interessant. In Hamburg sind noch heute Spritzenautomaten verboten, obwohl es viele Leute vor Infektionen schützen könnte. Schill hatte die damals verboten. Mittlerweile regiert in HH schwarzgrün. Keine Änderung.
  • Ich durfte über die Peter-Lorenz-Entführung genauso schwadronieren, wie über die Bierkrawalle im Vormärz, Pacman und Deep Throat. Ich mag die Rückspiegel-Rubrik. Danke für jede Rückmeldung von Euch zu meinem Broterwerb!

Einfach 10 Dinge, die ich gelernt oder die mich bewegt haben – die Reihenfolge entspricht dem Zufall

  • Ich habe einen Steuerberater
  • Ich kann Mexikaner trinken ohne zu kotzen
  • Die Ostsee lässt mich nicht los. Ich muss da oben dringend was klären. Solange findet ihr mich dort, immer wenn ihr lange nichts von mir gehört habt
  • Reality Bites wird immer mehr und mehr zu meinem Lieblingsfilm
  • Es ist höllisch schwer über Freunde und Bekannte zu schreiben. Sorry Enzo. Ich mach sowas in Zukunft einfach nicht mehr.
  • Es ist großartig, gute Freunde zu haben – auch wenn man manche sehr selten trifft. Danke! Und danke dir, Herr Costa!!
  • Die schönsten Dinge 2010: Wunderkerzen, Sonne und Hotelfrühstück
  • Es ist wirklich so, dass das Leben funktioniert wie ein komliziertes Stück Kunst. Manchmal reicht ein Schritt zurück, um den Maßstab zu verändern. Und dann zählt nur das Bauchgefühl.
  • Es macht Spaß zu Hause zu sein, wie es Spaß macht, unterwegs zu sein. Und ich mag Hamburg.
  • Manchmal ist weniger mehr.

Die Top-10 der Eggeauftritte – ohne zwingende Reihenfolge

  • Ich schreib einfach mal pauschal alle Slams mit Henning in der Faust. Weils einfach auch nach sechs Jahren Spaß macht. Auch wenn wir viel lästern, wir mögen die Auftretenden wie die Zuschauer. Es bleibt eine Leidenschaft bei aller Routine. Gilt auch für Bad Münder und Celle.
  • Einziger Ausnahmeslam: die Nummer in der Oper Hannover. Vor 1200 Leuten moderieren ist schon geil.
  • Und noch ein Slam: diesmal Jena. Weils ne Ausnahme war, aber für Martin und die DB-Schlafwagen mach ich immer wieder eine. Das gilt auch für den Slam von Felix Römer in Kassel.
  • Die Moderation vom Projekt „Yes, we can“ – eine Podiumsdiskussion mit ner Menge Politiker zum Thema Integration
  • Die Moderation der Reihe Cinema Global zum Thema Graswurzeljournalismus mit Graswurzel.tv und Kanak.tv. Sehr spannend.
  • Die Moderation vom ZiSH-Schreibwettbewerb. Weils mir tatsächlich immer noch Spaß macht.
  • Die Lesung in der Hinterbühne in Hannovers Südstadt. Sehr intim.
  • Die Lesung beim Kulturkiosk. Thema: Lena & ich. Das war wirklich schön und hat mich ziemlich berührt.
  • Die Moderation des 1. Mai-Fest bei Faust in Hannover. Immer wieder schön. Bühnenanarchos tanzen zu Pipi Langstrumpf. Das findet nicht jeder gut.
  • Die Moderation des Autofreien Sonntag in Hannover. Boh, macht das Laune!

Soweit. Die Auftritte der Beatpoeten machen wir mal extra.
Danke für das erste halbe Jahr!
Danke Euch!!

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27. Mai 2010 – Lenastheniker Egge in Oslo

Dies ist die Geschichte von Egge & Lena. Weil viele fragen, warum Egge bitte gerade in Oslo ist, statt mit Costa Mucke zu machen. Und ja, wir spielen in einer finnischen Deathmetalband. Das haben wir zumindest Frauke Ludowig so erzählt. Meine Mutter spielt Bass. Aber das ist privat! Und nu ma los:

Anfang Februar: Egge kommt in Hanover bei seinem Arbeitsgeber an, der regionalen Tageszeitung. Sein Auftrag: Er soll mal die beiden Hannoveraner checken, die er gestern bei Raab in dieser neuen Castingshow gesehen hat. Man ist etwas aufgeregt. Die eine fand man echt ganz gut, tatsächlich auch die Älteren. Nun ja: Egge telefoniert, hat diese Lena bald aufm Handy. Aha, war super, Riesenchance, Wow! Auch der andere, Cyril Krueger ruft zurück: auch alles super! Und vor allem Rock ’n ‚Roll. Man trifft sich im Brauhaus, beim Klamottenkaufen, in der Glocksee. Egge schreibt brav jeden Dienstag übers Public Viewing in der Faust, rockt mit Cyril im Glockseeprobenkeller mit Fury-C. und Terry-Hoax-Muckern und nervt jeden Tag Lena, die ihm von Eierkuchenunfällen berichtet, von der Faust (Stammgast bei Maximal – da schließt sich der Kreis), ach von allem möglichen.

Einiges davon landet dann auch in der Zeitung. Cyril fliegt aus der Show, Lena erreicht das Finale. Mit Imre Grimm fahren wir zu zweit nach Köln zum Finale, treffen Freundinnen, Raab, ja, und auch Dursti und Jennifer Braun (DAS war knapp, ihr Lieben!! Das vergisst man sehr schnell!!). Lena begrüßt uns mit Umarmungen, die Medienmeute schaut etwas erstaunt. Oha. Uns Lena wird zum Star, hoppla.

Wochen später, viele Anrufe zu Abi, Album und Auftritten im Trash-TV sieht man sich in Oslo bei der ersten Pressekonferenz nach den ersten Proben wieder. Lena: „Jan, schön, dass wir uns hier wiedersehen.“ Oha, böse Blicke der Kollegen. Wer ist dieser Typ? Man lernt sich kennen: Feddersen, Niggemeier, Heinser, Wolther – und trinkt Bier für 10 Euro. Egge fährt mit Lena Segelschiff, latscht zum Empfang im Osloer Rathaus, in dem Obama neulich noch den Friedensnobelpreis bekommen hat, und haut – hoppla, der Sekt – nem Kellner versehentlich ein Tablett aus der Hand. Als Raab keine große Lust aufn Interview hat, sagt Lena „Das ist ein Kumpel“ und man bekommt seine O-Töne. Das ist schon großes Arbeiten.

Die Geschichten landen in Leipzig, Ulm, Kiel, Lübeck, Berlin, Hannover, Visselhövede. Die Einnahmen decken die Kosten nicht im geringsten. Pizza? 40 Euro. Zum Vergleich: ein Taxifahrer verdient 18000 Euro im Monat!

Und Lena? Sieht müde aus. Drückt uns immernoch. Und wir drücken ihr die Daumen. Manchmal, sagt sie uns, will sie einfach zurück in die Faust und als Lena einfach lostanzen, ohne große Aufregung. Kann man ihr nicht verübeln. Bis Samstag muss sie noch durchhalten, dann noch ein paar Interviews, dann macht ganz Brainpool Urlaub.

Lena halt durch! Und das Geschenk bekommste auch noch. Und dann rocken wir zusammen zu „Das ist mir zu kommerziell„! Und an alle anderen: Bei aller Schreiberdistanz, ich steh auf Lena, weil sie weiß, wo und wie in Hannover gefeiert wird, weil sie genau in den gleichen Schuppen mindestens genauso eigenartig wie Costa tanzt, wenn der 14. Gin Tonic drin hat, und auch drauf scheißt, weil ihr Song geil ist, weil sie The Cure gecovert hat, ohne, dass es dämlich klang, weil ich dank ihr Fjordwandern kann, weil sie ab und an auch ne SMS zurückschreibt und weil sie ein Rockstar ist!! Und das tut dem Good-old-fucking Songcontest verdammt gut. Rocken!!