13. Juni 2014 – Hannover – Festival contre le racisme

Wir gehen zu Fuß zum Konzert. Es dauert fünf Minuten – von Costas Balkon bis zur Bühne. Denn das Festival contre le racisme ist im hannoverschen Georgengarten, direkt hinter dem Hauptgebäude der Universität. Das ist quasi Costas Vorgarten. Hier wird abgehangen, gegrillt und in die Sonne geschaut. Normalerweise. Costas alte WG hat hier irgendwann mal einen Baum gepflanzt. Ob der noch steht, weiß niemand mehr. Schließlich war es damals dunkel. Und keiner weiß mehr wirklich, wo er stand.

Die Sonne geht unter. gerade spielt das tolle Duo The Colder Sea aus Hannover entspannten Elektropop. The Shitlers aus dem Ruhrgebiet mischen Auszüge aus deutschsprachigem Gangster-Rap mit Auszügen aus deutschsprachigem Punk. Wir holen uns Döner an der Hauptstraße und schauen Fußball in dem riesigen Flatscreen. Man kann schon richtig barfuss laufen.

Auf dem Balkon wird diskutiert. Über Poetry Slam. Über Enttäuschung. Über das Loch nach einem Tourwochenende. Und über die Disziplin, dann am Montagmorgen doch aufzustehen und zur Uni oder zur Arbeit gehen. Work hard, play hard. Bullshit.

Morgens um 5 Uhr ist kein Mensch in Hannover-Limmer an der Schleuse. Die Leine plätschert unten kräftig durch die Rohre und Ableitungen. Die Vögel teilen sich regsam mit. Das Laub in den Bäumen rauscht angenehm gleichmäßig-beruhigend.
Hier ist Entspanntung. hier ist Ruhe.

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01. Dezember 2012 – Hannoversche Aids-Hilfe-Soliparty

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In Hannover gibt es die Schwule Sau, ein Laden, der vor Jahrzehnten besetzt wurde, als es noch keine Freiräume für Schwule und Lesben gab und sie auch nicht unbedingt auf den Straßen von Nordstadt und Linden Händchen halten konnten. Seitdem hat sich viel verändert. Aids ist aber immer noch ein Thema in der Szene. Ein Thema, mit dem sich anscheinend auch Geld und Ruhm verdienen lässt – wenn man selbst nicht infiziert ist. So gibt es immer wieder Kritik an offiziellen Aids-Galen, die zwar Prominente und allerlei Politiker einladen, die sich dann einen Abend lang mit Schwulen zeigen, spätestens bei der Frage noch Gleichberechtigung zum Beispiel bei der Ehe oder Adoption rumdrucksen.

Wir durften dagegen gemeinsam mit den Jungs von Subcancer und den zauberhaften Schneewittchen eine Soli-Party für die Hannoversche Aids-Hilfe spielen, die eine der Veranstalterinnen augenzwinkernd als „die Party fürs Fußvolk“ bezeichnete. Neben einem Hassprediger, einer Burlesque-Show, einer emotionalen Gedenkminute für die, die es in diesem Jahr nicht geschafft haben, war vor allem das ungeplante, gemeinsame Finale ein Grund für uns, vorbeizukommen. Alle Beteiligten sangen zusammen mit dem Publikum den Schlager „Ti amo“. Kann man sich nicht ausdenken. War aber wunderschön. Danke dafür.

Wie wir „Man müsste Klavier spielen können“ aufgenommen haben (Teil I)

Die ersten Lieder „Auf meinem Profil wird immer nur Werbung gepostet“ und „Der Sachzwang (Kommerziell)“ haben wir bereits im Herbst 2009 aufgenommen. Die Idee zum ersteren kam uns an einem Abend während der Intergalaktischen Schnauzbarttage, einem besonderen Feiertag in Hannover, an dem jede und jeder einen Schnauzbart trägt, aber nicht drüber redet. Egge wohnte zu der Zeit in Hamburg, war also nur zu Besuch bei mir. Es gab vegetarischen Strammen Max, Tee und Bier.

Wir wollten um das Mantra „Ich möchte so gerne dazugehören“ ein ganzes Lied bauen und zählten alle möglichen Situationen auf, in denen eine Person irgendwo dazugehören möchte. Es sollte das Gegenteil zu vielen Popliedern sein, in denen immer ein Abspalten oder Individualisieren gefordert wird. Das Aufnahmegerät lief mit, mehr als eine Stunde lang. Am Ende schafften es nur ein paar Varianten in die endgültige Version. Bei den richtigen Aufnahmen wenige Tage später half uns Matias Oepen, der gerade von seinem Tontechniker-Studium am Liverpool Institute of Performing Arts zurückgekehrt war.

„Der Sachzwang (Kommerziell)“ basiert auf der Idee, auf einer Party nur den Satz „Das ist mir zu kommerziell“ zu sagen. Egal, um welches Thema es sich handelt. Die ursprüngliche Wette, einen typischen Hipsterspruch zu klauen, wurde dann schnell zu einem politischen Statement. Wir trafen Menschen, die es bei Demonstrationen wie gegen Stuttgart 21 benutzten, und wir veränderten es zu „Das ist mir zu kriminell“ bei der Auftaktkundgebung des Castorprotestes im Winter 2011.

Beide Lieder wurden in eins, also One-Take, in meinem damaligen Zimmer in Hannover aufgenommen. Neben einer Roland Groovebox D2 und einem Korg Kaoss Pad 2 nutzten wir noch Ableton Live für die Aufnahmen. Es wurden keine zusätzlichen Synthies eingebaut. Matias nahm alle Daten mit nach Indonesien, wohin er kurz darauf auswanderte und mischte die Spuren dort ab. Frühe Versionen der Lieder fanden ihren Weg auch auf unsere Vinyl-EP „Früher fand ich die auch schon cool, inzwischen sind die mir aber zu kommerziell“, die 2010 beim Sprechstation-Verlag herauskam. Für das neue Album haben wir beide Lieder nochmal neu abmischen lassen.

Es waren zwei unserer ersten Stücke, die wir wie richtige Poplieder arrangieren wollten. Nach unserem ersten Album „Unterwegs“ von 2008 wollten wir auch außerhalb der Literaturszene auf die Bühnen und Menschen zum Tanzen bringen und uns auch selbst mehr bewegen.

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Mehr zur Geschichte von „Man müsste Klavier spielen können“ gibt’s in Teil II.

31. August 2011 – Hannover – Bürgerschule Nordstadt

Die Bürgerschule im hannoverschen Stadtteil Nordstadt liegt direkt am Sprengel-Gelände, dass während der Chaos-Tage besonderen Ruhm erhielt. Hier spürt man die krassen Veränderungen in der Stadt sehr deutlich. In den achtzigern als „Problemstadtteil“ gebrandmarkt, ist die Nordstadt inzwischen familienfreundlich, ökologisch und so weiter.  Aus einem Supermarkt, der während der Chaos-Tage geplündert wurde, ist inzwischen ein klimaneutrales Haus mit Lofts und Hotelzimmern geworden.

Die Bürgerschule war wirklich mal eine Schule, beherbergt inzwischen aber viele kleine Seminarräume, eine Fahrradwerkstatt und einen Theatersaal. Dort standen wir auf der Bühne, eingeladen von Amnesty International Hannover zum „Internationalen Tag der Verschwundenen“. Gemeinsam mit Angela Laub und Robert Kayser durften wir das Publikum mal lustig, mal nachdenklich auf die Tatsache hinweisen, dass die relative Sicherheit und Freiheit in unserer Gesellschaft keine Selbstverständlichkeiten sind.  „In deiner Stadt verschwindet vielleicht mal ein Autoschlüssel, in ihrer Stadt verschwinden ganze Familien.“

13. Juli 2011 – Hannover – Wenn Kerzen leuchten

Mit einem Knall ist alles dunkel. Auch das Handynetz geht aus. Wie auf einem Festival suche ich mein Kurbellicht und schaue nach draußen. Die ganze Straße ist dunkel, sogar die Lichtverschmutzung am Himmel ist weg. „Das ist das Ende der Welt.“ „Quatsch, die Atomindustrie will uns nur weißmachen, dass der Ausstieg ein Fehler war.“ Egal, wir gehen raus, bewaffnet mit Taschenlampe.

Die Kellnerin in einer Kneipe brüllt laut „Feierabend“, doch die Gäste zünden einfach ihre Kerzen und Zigaretten an. Bei so viel Dunkelheit stört sich niemand über das Rauchverbot.

Das Feuerwerk in den Herrenhäuser Gärten wirkt noch viel kräftiger als sonst. Gerade ist das „Kleine Fest im Großen Garten“ vorbei. Bunt scheint der Himmel, ein paar Leute auf der Straße haben schnell noch Knaller und Raketen von Silvester rausgekramt und machen mit.

Auf der Limmer Straße bricht ein spontaner Z0mbie-Walk los. Mit lauten „Gehirn“-Rufen troten ein paar in Richtung rollender Autos. Die Bierflasche aber immer noch fest in der Hand.

Irgendwo heulen die Sirenen, ein paar Jugendliche haben wohl einen Kiosk oder Supermarkt geplündert.

Wir gehen auf unseren Balkon und rücken zusammen, machen eine Kerze an und erzählen uns Gruselgeschichten.