Beatpoeten empfehlen: Saul Williams

Wir müssen an dieser Stelle zugeben: Wir sind dreckige Diebe. Die Idee, moderne Musik mit gesprochenem Wort zu mischen, haben wir uns nicht ausgedacht. Klar, keine Überraschung! Dass wir uns aber einerseits mit unserer Herangehensweise und auch durch den Namen direkt auf die amerikanischen Beatpoeten beziehen, ist vielleicht manchem nicht so bewusst gewesen.

Die Einflüsse dieser Generation der wilden und experimentierfreudigen Literatur reichen bis heute. Einer der größten Vertreter des modernen Spoken Words in den USA ist Saul Williams. 1972 im Bundesstaat New York geboren, hat es Williams in seiner Heimat zu einem der besten Künstler in diesem lebendigen, jeweils von allen Schubladen stattfindenden Kulturbereich gebracht. Er trat mit seinem Sprechgesang gemeinsam mit Rappern und Bands wie The Fugees, De La Soul, NAS, Nine Inch Nails oder Zach de la Rocha auf. Seine Texte erschienen unter anderem in der New York Times. Sein Auftritt im Poetry-Slam-Film „SlamNation“ von 1996 gehört zu einem der Meilensteine der Slam-Geschichte. Inzwischen lebt er in Paris und arbeitet weiterhin wie ein Besessener an der Verschmelzung von Poesie, Musik und Kunst.

Am 16. Juni stellt dieser Tausendsassa sein Programm „NGH WHT“ im Rahmen der Kunstfestspiele Herrenhausen in unserer Heimatstadt Hannover vor.  Unterstützt vom Arditti String Quartett bringt dieser Held des amerikanischen Untergrund-Hip-Hops seine Worte in eine außergewöhnliche Performance. Klassik trifft auf Hip-Hop, Lyrik auf Musik, Spoken Word auf die atmosphärische Tiefe der Musik.  Für uns eine logische und wundervolle Verschmelzung. Wir freuen uns, das Konzert von Saul Williams und dem Arditti String Quartett am 16. Juni in Hannover als Paten begleiten zu dürfen. Wir sehen uns in der ersten Reihe!

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#occupywallstreet

Sie schreiben, die Demonstranten hätten gar keine richtigen Forderungen. Sie würden den Protest nicht ernst nehmen und suchten nur nach Spaß. Ihre Empörung sei nur ein weiteres Zeichen von verdorbenem Hedonismus. Die Menschen, die in New York, Boston, Los Angeles und anderen US-amerikanischen Großstädten auf die Straße gehen und sich friedlich empören wurden wochenlang von ihrer Gesellschaft und den amerikanischen Medien ignoriert. Nicht aber von der Welt. Al-Jazeera, Russia Today, taz und einige andere Medien in Europa, Arabien, Asien und Südamerika haben vom ersten Moment genau hingeschaut, was da passiert bei #occupywallstreet. Jetzt ist der Protest soweit, dass er auch Menschen anzieht, die sich und ihm am Anfang nicht getraut haben. Das so etwas noch in den USA passieren kann, ist ein kleines Wunder.

Als ich 1999 in New York State auf die Highschool ging, standen die USA weit weg von den zwei Kriegen, die sie in den vergangenen zehn Jahren gestartet haben. Bush war noch nicht Präsident, und die Kultur und das Leben rund um Punkrock, Skateboarding, Hip-Hop und diesem neuen Ding Internet war lebendig und offen. Aber es gab schon diese Momente, in denen ich mir zum ersten Mal bewusst wurde, dass ich aus einem anderen Teil der Erde komme. Mein Skateboard wurde mir von Polizisten einfach weggenommen, nachdem ich auf der Straße gefahren war. Meine Freunde sagten nur, ich solle bloß nicht mit dem Officer diskutieren. Er selbst drohte mir mit einem Entzug meines Schülervisums. Noch nie hatte ich erlebt, dass man mit Polizisten nicht wenigstens diskutieren durfte.

Meine Mitschüler bekamen in der Schule und auch außerhalb immer wieder zu spüren, dass sie schwarz, uramerikanisch, asiatisch, muslimisch waren oder einfach nur kritische Gedanken machten. Die Lehrer, die ich bis dahin hatte, machten kritisches Denken, eine eigene Meinung und Toleranz gegenüber anderen zu wichtigen Inhalten ihres Unterrichts.

Die Jugend meiner amerikanischen Freunde war besetzt von der Angst, später kein gutes College besuchen zu dürfen, keinen guten Job zu bekommen, allein zu sein, arm und ohne Zugang zur Gesellschaft. In Deutschland hatten sie uns bis dahin immer gesagt, macht, was euch Spaß macht und der Erfolg kommt von selbst. Genießt eure Jugend, spielt draußen, schaut euch die Welt an.

Das alles hat sich geändert. Die diversen Wirtschaftskrisen, die Kriege, die Angst vor Terrorismus, der unbegrenzte Kapitalismus, die Angst vor Fremden ist globalisiert worden. Meine amerikanischen Freunde haben inzwischen alle die USA verlassen und leben entweder in Kanada, in Europa oder in Südamerika. Wie Exilanten haben sie ihr Land verlassen, das es ihnen nicht ermöglicht, ein liberales, umweltbewusstes und pazifistisches Leben zu führen. Selbst meine Gasteltern, sehr bürgerlich und strebsam, sagen nur noch „Das gehört sich nicht“. Ende September schickte mir mein Gastbruder einen Link zu den Protesten in New York. Er fragte mich, ob das so ein Zeichen sei, wieder zurückzufahren. Ob das #occupywallstreet der amerikanische Tahir-Platz sei. Ob es sich lohnt, seine Blase in Barcelona zu verlassen und die Risiken auf sich zu nehmen und beim richtigen Change mitzumachen. Keine Ahnung, sagte ich. Aber ich hoffe es.

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