08. Oktober 2010 – Magdeburg – LIZ

Mehr als fünf Jahre ist es schon her, dass Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle verbrannt ist. Die Umstände sind bis heute ungeklärt, aber die Faktenlage höchst brisant. Damit sein Tod nicht in Vergessenheit gerät, hatte das Libertäre Zentrum in Magdeburg zu einem Infoabend mit anschließendem Konzert eingeladen. Wir durften dort spielen, gemeinsam mit den coolen Boys von Meier und Erdmann.

Es war das erste Konzert seit anderthalb Monaten, während unserer Spielpause hatte der Herbst die Bäume gefärbt und unsere Lebensmittelpunkte ein paar hundert Kilometer auseinander gerissen. Umso mehr freuten wir uns, dass vor der Bühne noch eine Menge Leute standen, die uns beim Quatschmachen zusehen wollten.

Das Libertäre Zentrum ist seit ein paar Monaten legal, die circa zwanzig Bewohner Besitzer ihres tollen Hauses. Draußen wachten zwei kräftige Jungs, weil der letzte Nazi-Angriff keine zwei Wochen her ist. Im Hof stand schon das Holz bereit, mit dem im Winter die Kessel beheizt werden. Einer erzählte von einem Besuch des SEKs bei ihm auf dem Bauwagenplatz und in der Küche brutzelten leckere Veggie-Burger in der Pfanne. Zwei Skins machten Pogo auf dem Perserteppich und hauten einen um, dem vor ein paar Tagen der Hund weggenommen wurde, und eine junge Dame war extra aus Leipzig gekommen und verbrachte die Nacht auf dem Bahnhof Magdeburg , wenige hundert Meter von der Truppe großer, kurzhaariger Männer, die auf ihren schwarzen Jacken dick „Sicherheit“ stehen haben. Nach dem Konzerten entschwanden wir in die Nacht, hörten laut alte Punk- und Technohits und landeten irgendwann in einer Kneipe, in der es nach vier Uhr noch Pommes gibt und der Besitzer weiß, was er bringen soll, wenn man „Lütje Lage“ bestellt.

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08. August 2010 – Sankt Pauli – Hafenklang

Was sind das eigentlich für Läden, in denen wir spielen dürfen? Punkkeller, Elektroklubs, Hippiecafés, Bauwagenplätze, illegale Raves in Fabriketagen, Literaturhäuser, Theater, Studentenläden, Do-It-Yourself-Festivals, WG-Küchen, Schrebergärten, Fensterrahmen, ehemalige Flugzeughangars, Stadtteilzentren, alte Kinos, Zirkuszelte, Stadtfeste, Wohnzimmer, Wäldchen, VW-Bullis, Turnhallen, Ausflugslokale, Seminarräume, Metzgerkeller, Bibliotheken, besetzte Häuser, auf der Straße – immer dort, wo es eine Anlage und zwei Mikrofone gibt.

Entweder sind wir nicht wählerisch genug oder wir haben ein klares Problem, uns irgendwo zugehörig zu fühlen. Denn schließlich passt zu jeder Art von Musik meist auch eine bestimmte Umgebung. Es passiert ja nicht jeden Tag, dass beispielsweise Klassik im Technoklub läuft. Nur scheint es, dass wir unsere noch nicht gefunden haben oder es gibt einfach keine. Auf jeden Fall ist es immer wieder toll, in einem komplett anderen Umfeld aufzutreten, anstatt das übliche Dreierlei Backstage – Bühne – Bar zu haben. Und wenn wir es nicht genießen würden, ins kalte Wasser zu springen, hätten wir wohl schon längst aufgehört.

Überraschungen gehören eben dazu. Für uns, wie für die Gäste: Im Goldenen Salon des Hafenklangs erlebten wir wieder einmal die typische Reaktion eines Publikums, das gekommen ist, um eine bestimmte Art von Band zu sehen: Die eine Hälfte verließ mit dem ersten Ton, den wir spielten, angewidert den Raum. Die andere hingegen blieb, teils skeptisch, teils interessiert. Würde mir aber auch so gehen, wenn ich zwei Hardcorepunkbands sehen wollen würde und so Elektrohippies deutsche Texte sprechsingen.

Auf dem nächtlichen Heimweg nach mehr als 24 Stunden auf den Beinen versuchten wir dann noch Egges Stimme mit Ingwer, Mate und Wasser wiederherzustellen. Am nächsten Tag sollte er vor Kindern moderieren, und da passt eine Stimme wie Lemmy eben auch nicht. Die meisten Dinge haben eben doch ihren Platz.

ps. Wenn jemand ein Boot, eine Gefängnisaula, einen Strandkorb oder irgendeine andere abgefahrene Location kennt, wo wir spielen können, bitte melden!

Teil Drei von Drei – Teil Eins und Teil Zwei.