April 2015 – Wermelskirchen und Buchhagen

Selfie Boys in Remscheid

Das Leben auf Tour fordert eine Einstellung, die der Personalmanager unseres Vertrauens sicher als Soft Skills bezeichnen würde. Es ist eine Melange aus Spontaneität, Flexibilität und Offenheit. Der Blick aus dem Fenster der Züge und Busse, die wir immer zu den Auftritten nehmen, und ein Blick in die Zeitungen und Zeitschriften, in die Social Networks und die zahlreichen Nachrichten, SMS, Messages, Tweets setzt eine unfassbar hohe Verarbeitungskraft voraus. Ganz ehrlich, uns glüht der Kopf und das Herz, wenn wir sonntags von unseren kleinen Abenteuerurlauben nach Hause kommen. Post-Tour-Loch nennen das manche unserer Kollegen, und sie haben recht. Das Geballer wird ja tendenziell auch nicht weniger. Nur die Namen ändern sich, die Memes, die Überraschungen, positiv und negativ. Hier unser Bericht aus dem Wahnsinn, den manch einer Deutschland nennt.

Wuppertal City

Wuppertal ist eine kaputte Stadt. Direkt am Hauptbahnhof klafft eine riesige offene Wunde, als habe jemand einen Teil der Innenstadt einfach ausgestochen. Auf dem Bahnsteig werden wir von einem Crystal-Meth-Süchtigen angesprochen. Freundlich, siezend, aber bestimmt: „Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“ Wir reichen ihm sofort ein paar Münzen. Angebot und Nachfrage halt. Am Süßigkeitautomaten kauft eine rauchende Frau ihrem vierjährigen Sohn eine Cola. „Danach bist du aber ruhig.“ Uns treffen die Blicke der Kleinstadtfaschos und Männer mit zu viel Testosteron. Egge berauscht sich am Bild der Schwebebahn, für die diese spannende Stadt neben Wim Wenders und Pina Bausch so bekannt ist.

Achtsamkeit, diesdas

Bis wir im AJZ Wermelskirchen ankommen, durchqueren wir mit einem Linienbus das Bergische Land. Die Häuser tragen dunkle Schieferplatten. Fast alle. Die Menschen sind freundlich und helfen uns, den richtigen Bus oder unseren Auftrittsort zu finden. Ein junger Mann begleitet uns sogar vom Busbahnhof bis zum AJZ. Er mache sogar selbst Musik und habe als Billy-Talent-Coverband angefangen. Auf der Skateboardrampe vor dem Klub schwingen sich drei Teenager mit ihren Trittbrettern in die Höhe, die Sonne geht am Horizont über Remscheid unter. Es ist endlich Frühling, und dieser Laden scheint eine dieser Perlen zu sein, auf die wir nie vorbereitet sind: Engagierte, humorvolle und super freundliche Menschen, die an Kultur glauben, an Freiräume, an Musik. Die daran glauben, dass Punk nicht nur Drei Akkorde, schlechte Laune und Populismus bedeutet, sondern eine Offenheit im Miteinander und mit der Kunst. Deswegen stehen mit uns auf der Bühne die tollen Bands naive und Static Me aus Köln, die jeweils ganz eigene, mitreißende und tanzbare Gitarrenmusik bringen. (Unbedingt buchen, ihr Booker da draußen.) Der Headliner The Guilt aus Schweden zeigen dann auch, wie frei man ist, wenn man das macht, worauf man Lust hat. Das Duo macht eine aerobic-fähige Mischung aus Punk, Hip-Hop und Elektro. Die beiden schwitzen und brüllen und tanzen wie wild, und nach ihrem Auftritt kann man sich schön entspannt mit ihnen über Kultur, Bildung und Infrastruktur unterhalten. Eine tolle Begegnung.

Sensible Künstler und so

Zurück in Hannover an einem Samstag mit Fußballheimspiel schaut uns der Arbeitsalltag kurz ins Gesicht, es ist aber ein freundlicher Blick. Die wenigen freien Stunden nutzen wir für das, womit wir unsere Miete zahlen, bevor wir uns abends in einem Auto auf der Fahrt in die niedersächsische Provinz wieder finden. Es geht in die Kulturmühle in Buchhagen, zu einem Poetry Slam. Das Kulturzentrum ist Teil einer kleinen Kommune mitten in einer wunderschönen Wald- und Berglandschaft. Verträumt schauen wir auf die Bäume und planen unseren nächsten Wanderurlaub hier. Dann dürfen wir das musikalische Rahmenprogramm eines sehr intimen, wundervollen und nachdenklich machenenden Slams geben. Es ist der schöne Abschluss einer wilden Tour. Wieder in Hannover angekommen, schauen wir uns die Horden an Feiernden an, die durch unseren Stadtteil ziehen. Wir legen uns lieber hin. Der Kopf ist voll, das Herz ist müde, das Bett ruft. Vielen Dank!

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6. und 7. Februar 2015 – Itzehoe/Zwickau

Konfetti-Kasten

Es ist nach unserem Auftritt in Neubrandenburg das erste richtige Tourwochenende in diesem Jahr. Zweieinhalb Monate haben wir Pause gemacht und den Winterschlaf genossen. Aber natürlich hat unsere Bookerin Ayse sich nicht an die Abmachung gehalten und uns 15 Stunden Zugfahrt für das Wochenende reingedrückt. Dabei hatten wir mit ihr auf dem Achtsamkeitsworkshop noch darüber gesprochen. Naja. Kann ich wenigstens für die Uni lernen und Egge schlafen.

Wilde Tiere, nachts

In Itzehoe lächeln uns tolle Menschen an. Man hat gar nicht so viel Zeit, um mit allen die Gespräche zu führen, die man sich wünscht. Das ist generell ein Problem auf Tour: Denn neben den Auftritten selbst und dem Entdecken neuer Städte sind es ja die Menschen, die einem begegnen und die einen erfüllen mit Freude, Liebe und Inspiration. Und wenn man dann müde ist oder aufgeregt oder einfach mit den Gedanken woanders, fällt es schwer, sich auf alle einzustellen. Das ist schade. Denn es lohnt sich immer, zu sprechen. Immer. Deshalb einen lieben Gruß an dieser Stelle an all die Menschen, denen wir nur auf der Durchreise eine Umarmung, einen High-Five oder einen schlechten Witz schenken können. Ihr seid in unserem Herzen.

Gesunde Ernährung ist das Wichtigste auf Tour

In unserer Facebook-Timeline wird ein Zeitungsartikel gehyped, in dem sich eine Akademikerin darüber beschwert, dass die Gesellschaft ihr keinen job und kein Respekt zumutet. Mir fallen diverse ähnliche Geschichten aus eben dieser „kritischen“ Zeitung ein, in denen Mitarbeiter wie Dreck behandelt und beschissen bezahlt werden. Aber für die Klicks der Empörten ist auch diesem Medium alles recht. Mir wir schlecht.

Unser Label-Babo Toby Unser Label-Babo Toby(Das Interview mit unserem Twisted-Chords-Label-Babo Toby lief in der Trust.)

In Zwickau gibt es den antirassistischen und antifaschistischen Fußballverein Marienthal United 08. In diesem Jahr organisieren die Menschen ein Turnier, bei dem sie andere, ähnliche Vereine einladen und auch Refugees, um gemeinsam einen schönen Tag zu haben. Wir durften dort die After-Show spielen. Und so kamen wir an dem Samstag doch noch zu unserem Fußballgenuss. Keine Angst: Wir haben nicht mitgespielt. Dafür endlich geduscht.

Zwickau, nachts

Mein Laptop liegt im Lutherkeller auf dem Boden, nachdem ein Vollbetrunkener gegen den Tisch geknallt ist. Er wollte nicht akzeptieren, dass ich ihm mein Mikrofon nicht geben wollte. Egge blutet an den Händen. Im Backstage riecht es nach Rauch. Draußen fällt Schneeregen. Es ist kalt, wir sind müde. Grinsen uns kurz an und verschwinden dann in unseren Schlafsack.

Oliver Polak

Am Magdeburger Hauptbahnhof wird der Zug von der Polizei geräumt. Ein Rollkoffer lag in unserem Abteil, niemand fühlte sich zuständig. Die Frau im Pelzmantel ein paar Reihen vor uns vermutete eine „islamistische Bombe“ darin. Doch der Besitzer meldet sich kurz nach der Evakuierung. Er ist auf dem Klo eingeschlafen und hat seinen Koffer vergessen. Nach anderthalb Stunden geht es weiter.

Scheiß drauf, Malle ist nur einmal im Jahr

Der Hauptbahnhof in Hannover ist sonntags die Hölle. Die größte Geste des Widerstandes wäre es, einfach mitten im Weg stehen zu bleiben. Nur im Teeladen ist Ruhe. Ich kaufe grünen Tee und freue mich über die Freundlichkeit der Verkäuferin. Müde schleppen wir uns zurück in den Alltag. Es war ein krasser Ritt. Danke!

9. Januar 2015 – Neubrandenburg – Alternative Hochschulparty

Nicht unkommerziell genug

Sie haben die Türsteher ausgetauscht. Wo früher bei den regulären Semesterfeten Mitglieder einer Rockerbande am Empfang Studierende kontrollierten, stehen nun Vertreter aus dem Rostocker Antifa-Umfeld. Menschen, die Erfahrung mit Gewalt haben, aber auch wissen, dass eine Studierendenparty schützenswert ist. Weil es eben ein Treffen von Menschen in einem experimentierfreudigen Alter ist – und das Sexismus, Rassismus, Homophobie dort nichts zu suchen haben. Die alternative Studierendenparty der Hochschule Neubrandenburg ist genau so ein Freiraum. Eine Feier, auf der sich jede(r) wohlfühlen soll. Und auch tut. Dafür sorgen die Kollegen von Kkorpus DeliKti und Tapete, die mit Hip-Hop aus ihrem Alltag erzählen.

Zickereien nerven

Nach unserem Auftritt wird dann noch zu den Hits einer globalen Kultur gefeiert. Für ein paar Stunden ist Pegida vergessen und der Anschlag von vermeintlichen Islamisten-Faschisten in Paris. Und es wird vergessen, dass solche Abende eben nicht selbstverständlich sind. Denn solche bunten, wilden Orte, Stunden oder Räume müssen immer wieder erkämpft werden. Das wissen die Menschen in Neubrandenburg nur zu gut. Schließlich waren die 1990er-Jahre auch dadurch geprägt, dass man sich gegen Neonazis behaupten musste. Die Zeiten sind glücklicherweise nicht mehr so extrem. Und es ist auch ein gutes Zeichen, dass das AJZ am See inzwischen dem Verein gehört. Aber es ist auch nichts, worauf man sich ausruhen sollte.

Hallo, guten Morgen!

Dass dieses bunte Leben immer wieder in Gefahr gerät, wurde uns in dieser Woche wieder einmal schmerzlich bewusst gemacht. Und die Menschen, die sich darüber wunderten, dass die Attentäter von Paris doch im Westen geboren und aufgewachsen sind, haben sich sicherlich auch damals darüber gewundert, dass es den rechtsextremen Terrorismus des NSU gibt. Das Attentat auf die Journalisten von „Charlie Hebdo“ und die Zivilisten in einem koscheren Supermarkt sowie die Polizisten auf der Straße sind auch Angriffe auf unsere Demokratie und Wertvorstellung. In solchen Momenten tut es gut, diese tollen Menschen in Neubrandenburg zu treffen und zu sehen, was mit dem richtigen Engagement möglich ist. Deshalb gehen wir immer noch gerne auf Tour. Danke!

06. September 2014 – Cottbus – MuCheZe-Festival

Gurke.

Es war der letzte Auftritt vor der Sommerpause. Egge kam aus Chemnitz, Costa aus Hannover. Wir trafen uns dann in Cottbus, denn dort sollte 20 Jahre Subkultur gefeiert werden. Das Protokoll einer Anreise – kommuniziert via SMS.

Erster Akt – Freitag, 5. September 2014
Egge befindet sich auf einem Poetry-Slam in Chemnitz und liest dort seine politische Lyrik. Costa arbeitet in Hannover.

Egge
Wir sollen um 17 Uhr spielen, Soundcheck davor, also 16 Uhr vor Ort sein. Ich fahre über leipzig hin. Schaffste?

Costa
dann lass uns am hbf treffen.ich geh nicht alleine in die zone.c

E
Dann warte ich in Cottbus aufm Hbf 🙂 Geile Stadt, sag ich dir. Straßen wie Stadienzufahrten!

C
ich war da damals im schüleraustausch.c

E
Biste angefasst worden? Yolo! Trinke was & bereite mich aufs Tourwochenende vor 🙂

C
es ist ja nur ein tag.#crystalpfeffiostdeutschland.c

E
Mit Hinfahrt über Chemnitz und Rückfahrt über Leipzig ist das eine Woche!

C
du und dein langweiliges privatleben.c

E
Jenau! Pfeffi! Gruß aus Bitterfeld 🙂 Sieht aus, wie man es sich vorstellt.

C
ich muss ja um 11.30h schon los.wie asozial.ich mache durch.c

E
Mach druck! Muss auch um 11.20 Uhr los. Dafür ham wa nen ganzen Abend frei 🙂

Getränke.

Zweiter Akt – Samstag, 6. September 2014
Egge fährt von Chemnitz nach Cottbus. Costa steigt in Hannover in den Zug nach Berlin.

Egge
Ich hab den Slam mit ner Berlinerin gewonnen. olé! 🙂
Ich halte dich für einen spaßten! 🙂 ich fahre dann ma los.

Costa
hier ist wegen streik schön ausfall und verspätung.man sollte diese gewerkschaften gleichschalten.deshalb wähle ich nur noch afd.c

E
Geiler Typ. Richtige Führungsqualitäten! Ich Sauf allein!

C
lappen. c
der zug ist da!ja.c

E
Du bist mir zu Leistungsorientiert. Das schreib ich groś!

C
folgende situation:zwei züge nach berlin am gleis, keiner fährt.dazwischen läuft das panische deutschland hin und her.ich höre hiphop,esse humus und grinse.urlaub!c

E
Ja geil. Ich bin gleich in leipzig und teile mir das Anteil mit einem Junggesellinnenabschied. Yolo!

C
es geht endlich los.ich muss da mal mit siggi drüber reden.das ist wirklich würdelos am letzten tourtag des sommers.c

E
Ich war aufm Klo, komme wieder & find meine halbvolle Wasserflasche nicht mehr. Pfandpiraten, alter. Dieser Osten.

C
ich feier ronny trettmann und lese faz feuilleton.geiles leben. https://m.youtube.com/watch?v=PtGZDdo8GSU

E
Jawoll. Hab gerade beschlossen morgen Abend in Jena Slam zu machen. Die Anwältin macht Tresen & Essen. Ein Hornisschen moderiert. 🙂

C
geil.ich komme mit.urlaub und so.c

E
Wie geil! Schön pennen in der Reichsbahn. Brauche nur ne Bestätigung von Christian M. Crythl & Unanbeatbar basteln schon an Cocktails.
Fährt dein Zug eigentlich? Is ja alles voll Streik. Öde 🙂

C
über die elbe bin ich schon.endlich blühende landschaften.gerade läuft george michael.c

E
Hab in leipzig den Zug bekommen & bin tatsächlich pünktlich in Cottbus. Gerade ist hier ein zweimeter-Typ mit Lila Fingernägeln, Lila Pulli, Lila buxe, Langhans-Frisur und Potterbrille. Der prüft seit zehn Minuten die Lüftung. Gegenüber n turbo. Gerade hat der Hippie dem Turbo seinen Arsch ins Gesicht gehalten, weil er im stehen was im Beutel gesucht hat. Der Turbo dreht fast durch – weiß aber nicht, wie er auf sowas reagieren soll. Leben, Diggi, geil.
PS: „aufgrund mutwilliger Zerstörung sind beide Toiletten verstopft“ Sachsen rockt.

C
erstmal in berlin gestrandet.keine infos zu meinem zug.vor dem hauptbahnhof ist ein zeltdorf aufgebaut.sieht nach mittelaltermarkt aus.c

E
Vielleicht ist Krieg & wir ziehen ins Flüchtlingsdorf. Ich drück die Daumen für den Tripp! In leipzig fuhren zumindest die regionalbahnen.

C
der re fährt ein.c

E
Geil! Nicht wundern: irgendwo ist fussball, alle drehen durch. Wochenende.

C
ich fahre jetzt mit der „ostdeutschen eisenbahn“.c

E
Die Gegend ist ein Traum. Fahre gleich durch Finsterwalde, da bin ich im Kindergarten gewesen, meine Schwester wurde hier geboren. Die Menschen sehen aus wie bei RTL II die Zombiefilme. Der Hippie kämmt sich sein Brusthaar, der Turbo ist geflüchtet/

C
hier in berlin steigen punks ein und zitieren schonmal mühlheim asozial.c https://www.youtube.com/watch?v=Uqs3yIe5p28

E
Der Hippie rasiert sich gerade im Zug!

C
die punks haben mich erkannt. „du bist doch einer von den beatpoeten!“ c

E
Muhahahha.

C
hier ist krieg im abteil. „wenn jetzt noch energie cottbus fans kommen, ist der samstag perfekt!“c

E
Das klingt richtig gut. Ich bin echt im Nirgendwo gestrandet.

C
Das Klo hier macht Ansagen „WC ist jetzt besetzt.“ Das ist ein einziger großer Serdar Somuncu Sketch hier.c

E
Alter. Das ist es. Hier ist gleich der Akku leer. Komm heil an. Ich warte am Bahnhof 🙂

C
Wir beherrschen unsere Instrumente nicht, doch das ist uns egal… c

E
Singste dich schon ein. Das wird heute ne üble Fete! Yeah!

C
das wird wieder so ein Auf die fresse ding.schön verzerrer an.c

E
So will ich dich hören! Schön mit’m Pfeffi ins Gesicht!

C
ich will heute lieber schampus trinken. Kein Handynetz mehr.c

Bühne.

Dritter Akt – Samstag, 6. September 2014
Die beiden Herren Beatpoeten treffen sich am Cottbusser Hauptbahnhof. Es gibt ein großes Hallo, Freunde aus Stendal sind da und tragen wilde Frisuren. In dem Geschäft für regionale Produkte kaufen die beiden Sanddorn-Saft, Pfeffi und Spreewälder Gurken. Mit einem Taxi geht es zum Gelände des Festivals. Es wird ein ganz toller Abend, der in einer versoffenen Kneipe namens Seitensprung irgendwo in Cottbuss endet. Am nächsten Tag fahren die beiden nach Jena. Schönes Wanderleben.

PS: Wir grüßen Käptn Blauschimmel und Lena Stöhrfaktor, die Zellen, Chekovs und Muggufugs in Cottbus, das Arthur in Chemnitz, die Livelyrix, das Haus.

29./30. August 2014 – Hämerten und Aschaffenburg

Die Elbe

Am Bahnhof in Stendal wirbt eine private Agentur für Jobs für Tagelöhner. Die Linden auf dem Platz schimmern orange im wunderschönen Licht. Es sieht nach Sommer am Mittelmeer aus, nur es riecht nicht so. „Stell dir vor, hinter dem Bahnhof liegt das Meer.“ „Ja, aber dann bitte nicht so kalt“, sagt Egge.

Unsere Shuttlefahrerin kommt mit einem tiefer gelegten Opel, hinten zwei Kindersitze. Sie fährt 100 km/h durch den Ort und ist nicht angeschnallt. Wir fahren fünzehn Minuten durch einen Wald, ohne einmal an einem Licht vorbeizukommen.

Unser Auftritt hat einen der Securitys genervt. „Das war so Musik für einen Herzinfarkt. Aber Stimmung haben die beiden Popper ja jemacht.“

Der Dackel

„Das Wasser ging bis hier, kurz vor’s Haus.“ Vor uns erstreckt sich das Elbufer mit seinem ökologisch so wertvollen Strand, einem Paradies für Pflanzen und Tiere. Vor knapp einem Jahr war dieses Gebiet ein Meer. Nahezu endlos erstreckte sich das Hochwasser, überspülte Straßen, Häuser, ganze Dörfer. Hier in Hämerten kamen die Menschen noch einigermaßen glimpflich davon. Doch die Folgen spüren die Menschen bis heute.

Es ist ein besonders schöner Nebeneffekt, dass wir auf unseren Reisen durch das deutschsprachige Europa immer wieder mit der Zeitgeschichte in Berührung kommen. So führte uns die Einladung zur ersten Ausgabe des Hin und Wech Festivals in die Nähe von Stendal aufs Land. Wir würden uns freuen, wenn wir mit unserem Konzert und der Lesung dabei geholfen haben, das Festival in der Region zu etablieren. Es sollte definitiv wieder gemacht werden!

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Das Wolfsburg

Wir sitzen irgendwann in einem Pick-up-Truck, der kurzgeschlossen wurde. Die Vorderamatur fehlt. Ein Dackel sitzt in der Mitte und schaut aus dem Frontfenster. „Das ist Amok“, sagt der Beifahrer. „Oder Ludwig-Amok von Beckenschneider.“ Es geht wieder mit 100 km/h über die Landstraße. Wir singen 90ies-Techno-Lieder.

Auf dem Wolfsburger Bahnhof fährt kein Zug mehr Richtung Süden. Der Grund dafür, wie es in der politisch korrekten Sprache der Bahn heißt: erst Personen im Gleis, dann wenig später polizeiliche Ermittlungen. Samstag ist Selbstmord, singt Tocotronic.

Die Verpflegung

Nach sieben Stunden in verspäteten Zügen kommen wir in Aschaffenburg an. Das Stadtfest schauen wir uns durchs Autofenster an. Es läuft The XX, ruhigstellend. Draußen laufen die Menschen mit Fantasietrachten herum. Das Stern ist wohl die einzige alternative Kneipe in Aschaffenburg. Hier werden Konzerte, Lesungen, tolle Partys gefeiert. Die Menschen hier schaffen sich ihr buntes Aschaffenburg selbst. Toll! Es ist unser zweiter Besuch in der Stadt in diesem Jahr. Wir möchten gerne immer wieder kommen.

Im Zug nach Hannover lese ich ein Zitat von Eric Hobsbawm: „(Historische) Veränderungen ergeben sich nicht aus ihrer objektiven Wünschbarkeit oder Notwendigkeit, sondern nur nach langem, zähem Kampf.“ Ich schaue mir die Kratzer und blauen Flecken auf meinen Armen an. Die Spuren eines Umzugs. Egge und ich schauen uns an: „Urlaub wäre mal geil.“ „Ja, ein paar Tage mal gar nichts tun.“

23. August 2014 – Fuchsbau-Festival

Vorsicht

Das Fuchsbau-Festival in der Region Hannover ist für uns eine Mischung aus Klassentreffen und Sommerabschluss geworden. Hier treffen wir inzwischen unsere Freunde aus Niedersachsen, die wir an den unzähligen Tour-Wochenenden nicht sehen können. Sie legen auf, spielen mit ihren Bands, organisieren Teile des Festivals mit oder hängen wie wir am Kaffeestand. Das Festival muss sich dabei vehement gegen die Auflagen der Gemeinde wehren. Der Bürgermeister, ein ehemaliger Polizist, bezeichnet die Besucher gerne mal als Menschen, die sich mit „Alkohol und Drogen zuknallen“. Gut, dass die Schützenfeste in seiner Gemeinde so viel protestantischer sind.

Uns hat’s nicht gestört. Das Festival ist ein Spielplatz, auf dem sich unzählige kreative Menschen austoben und ausprobieren. Nach unserem Auftritt in der komplett abgedunkelten Scheune feierten wir noch bis in den frühen Morgen mit unseren Freunden. Klassentreffen halt. Wir sind gespannt, wo die Reise des Festivals im kommenden Jahr hingeht. Aber eins ist klar: Wir sind dabei.

 

1. August 2014 – Sommerfühl-Festival

Sommerfühl

Wir biegen um die Kurve des dunklen Wegs im Wald. Links und rechts stehen wie Zahnstocher die Nadelbäume dieses Nutzwaldes irgendwo in Mittelfranken. Wir sind zehn Minuten mit einem Taxi gefahren. Nachdem wir bis Feuchtwangen rund vierzig Minuten mit einem Bus gefahren sind. In Ansbach kam uns Günther Oettinger am Bahnhof entgegen. Dort stiegen wir aus der S-Bahn aus Nürnberg, mit ihr waren wir ebenfalls vierzig Minuten gefahren. In Nürnberg trafen wir uns, Egge aus dem Norden, ich aus dem Süden. Es läuft Antilopen Gang, KIZ und Savas – wir arbeiten ja gerade am Nachfolger unserer Lesereihe „Popper lesen Punk“. Sie wird „Opfer lesen Battlerap“ heißen und eine Analyse des Kriegsmotivs innerhalb des deutschsprachigen Sprechgesangs sein.

Um die Kurve – und wir stehen auf einer Lichtung mitten in diesem Wald, irgendwo in Mittelfranken. Zelte, Autos, Busse stehen am Rand zum Wald. Eine Gruppe junger Männer spielt Hackysack. Irgendwo hinten sehen wir Menschen beim Frisbee-Spielen. Am anderen Ende der Lichtung stehen die Bühnen, die Buden, das riesige Lagerfeuer. Wir bekommen Brezeln und Humus, Obst und leckeres Bier, lernen ein, zwei neue Witze, bekommen Mittelfranken erklärt, lernen tolle Menschen kennen.

Friedemann Weise spielt sein Set professionell runter, wir lachen viel. Geiler Typ, mit dem Bier trinken lohnt. Wir spielen inzwischen die Hälfte des Sets nicht mehr mit der Groovebox, sondern mit Ableton Live und Controller. Alle Instrumente wurden bei Ulli3000 zu Loops gebastelt, sodass jedes Element eines Lieds von uns mit jedem anderen zu jeder gewünschten Geschwindigkeit kombiniert werden kann. Am Ende des Sommers soll das Set komplett vom Laptop kommen. Die Kids auf dem Sommerfühl wollen tiefe Bässe, verzerrte Synthies und entweder sehr schnelle oder Beats auf Hip-Hop-Geschwindigkeit. Bumm.

Nach dem Konzert wird uns erzählt, dass es völlig normal ist, dass auf Festivals Zivilpolizisten rumlaufen. Die Gäste werden auch gerne mal nach dem Besuch einfach auf Verdacht kontrolliert. Manches in Bayern ist noch nicht so gelungen und liebenswert wie das Sommerfühl-Festival. Das ist wohl so etwas wie unser Fazit, das wir uns überlegen, als wir nach einer Stunde Schlaf ins Taxi steigen, bis Feuchtwangen fahren. Dort in den Bus steigen, eine Stunde bis Dinkelsbühl fahren, dort in den Zug nach Würzburg steigen und ab da nur noch stehen müssen – weil es wieder einmal so voll ist in einem Fernzug der Deutschen Bahn zwischen Norden und Süden. In Würzburg geht es dann ausnahmsweise ohne eine Kontrolle durch Beamte vom Bundesgrenzschutz zum nächsten Zug nach Hannover. Egge geht zum Fährmannsfest, moderieren. Ich gehe in den Wald, bäume zeichnen.