Oktober 2013 – Das Leben im Klischee

Jeden Sonntag brennt unsere Facebook- und Twitter-Timeline, weil sich wieder Hunderte, Tausende über vermeintliche Plattheiten und schlechtes Storytelling beim „Tatort“ beschweren. „Unglaubwürdig.“ „Konstruiert.“ „Unrealistisch.“ Das sind so die Grundaussagen über die Kriminalfälle aus Münster, München, Hannover. Es geht dabei immer darum, wer wen warum umgebracht hat. Die Niederträchtigkeit der Menschen scheint unbegrenzt. Die Art, wie dies präsentiert wird, ist für viele zweifelhaft.

Gleichzeitig tritt jeden Tag mehr und mehr politische Gülle aus den Kanalisationen, die wir parlamentarische Demokratie, globale Gesellschaft oder auch einfach Leben nennen, die einem dazu zwingt, seinen eigenen Zynismus und das Kopfschütteln à la „Haben wir es nicht schon immer gesagt“ mit Menschlichkeit zu bekämpfen: Überwachung, Rassismus, Sexismus, Umweltverschmutzung, Krieg, Gewalt – es scheint, als ob die bösen Geschichten von Rosemunde Pilcher geschrieben würden. Kein Klischee wird ausgelassen. Jedes Fettnäpfchen bereitwillig bestiegen. Lebensläufe werden wie Affären nach einer Art Stereotyp gestrickt. Und jedes Mal reißen sich alle Experten (oft die gleichen, die auch den Tatort schlimm finden) um eine intellektuelle Einordnung.

Dabei reichte es doch eigentlich schon aus, das Alltagsgeschehen so zu erklären, wie man einem Vierjährigen erklärt, warum Polizisten in Hamburg Menschen schlecht behandeln, weil sie eine andere Hautfarbe haben als die Menschen im Rathaus, und eben diese Beamten Bürgern ins Gesicht schlagen, weil diese das kritisieren. Etwas, dass Wissenschaftler gerne auch mal abschätzig „Einfache Sprache“ nennen und das nicht nur für die Sätze und Wörter selbst gilt, sondern auch für Gefühle wie: „Etwas läuft hier schief.“ oder „Mir macht das Angst, wenn die Bundeswehr im Innern eingesetzt werden kann und mir Unbekannte wissen, wo ich mit wem wann bin und was ich lese.“ In dieser Woche musste sich der britische Schauspieler Russel Brand vor der BBC rechtfertigen, warum gerade er die politische Klasse kritisiert, habe er doch ohne ein solches Studium und als Nichtwähler gar kein Recht, dies zu tun. Weil er nicht einsieht, jemanden nach der Erlaubnis dafür zu fragen, kontert er.

Etwas, dass wir mit Beatpoeten immer versucht haben in unserer Musik und in den Texten zu transportieren, indem wir einfach nur Zitieren. (Und das wir uns von tollen Künstlern wie Rainald Grebe abgeschaut haben): „Man darf seine Politik nicht daran ausrichten, wie viele Menschen gerade auf der Straße demonstrieren.“ „Wir verteidigen dort die Demokratie.“ „Gerade unter Freunden geht das gar nicht.“ „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.“ Schlagerlied oder politisches Statement – die Grenzen sind fließend. Willkommen im Klischee.

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10. Juli 2010 – Münster – Elektropunkdiskodisaster

Irgendwo hinter Bielefeld mussten wir unseren Verstand verloren haben. Während die Cosplay-Mädchen neben uns ihre Gesichter in Fritten und Burger tunkten und der Zugführer immer wieder außerplanmäßig hielt, um aufs Klo zu flüchten, versuchten wir zu schlafen und die Hitze nicht noch den letzten Rest Nüchternheit erobern lassen. In Bielefeld hatte man uns bereits aus dem ICE aus Berlin geschmissen, bei tropischen Temperaturen und kaputter Klimaanlage ging gar nichts mehr. Menschen schwitzten mehr, als sie trinken konnten, manche fielen einfach um und wir gaben uns die komischsten Spitznamen in ausgedachten Sprachen.

Doch irgendwie schafften wir es zur Clubschiene in Münster, nur um eine weitere Überraschung geboten zu bekommen. Anstatt Soundcheck zu machen und uns auf den tollen Abend mit den Jungs von Elektropunkdiskodisaster zu freuen, empfing uns ein Public Viewing. Stimmt ja, Krake Paul hatte für den Abend ja einen Sieg für die deutsche Fußballnationalmannschaft vorhergesagt. Nachdem die deutsche Mannschaft dann wieder einmal bewiesen hatte, warum sie sich zu Recht Weltmeister der Herzen nennen darf, anstatt klobbige Goldtrophäen in den Himmel zu recken, durften wir die Bühne erklimmen und mitten im Raum Anheizer spielen. Doch bei diesen Temperaturen fiel es einigen Menschen sichtlich schwer, ihre Gurken aus dem Gin-Tonic-Glas zu fischen, uns zuzuhören und gleichzeitig noch die Beine rhythmisch zu bewegen. Naja, Tobi und ein großer Teil der Partygang hatte damit eindeutig keine Probleme.

Nach dem schwitzigen Start in den Abend wurde die Anlage von den Kollegen Yesyesyo übernommen und bis in den frühen Morgen ausgereizt. Während wir schon längst wieder auf dem Weg zum Bahnhof waren, den ersten Zug in die Heimat nehmen. Die lange Fahrt durch das aufkommende Unwetter verbrachten wir im total überfüllten ICE auf dem Boden, zwischen schnarchenden Fahrgästen und betrunkenen Schweden, die über die nationalen Unterschiede von Bier, Frauen und Fast-Food unterhielten. Aber selbst der wurde uns irgendwann von zwei panischen Rentnern weggenommen, mit dem Hinweise, sie würden unbedingt in 30 Minuten aussteigen und bräuchten bis dahin den nicht vorhandenen Platz im Gang. Unsere Bitte, uns doch noch ein wenig schlafen zu lassen, beantworteten sie mit einem schnippischen „Wir haben auch gearbeitet„, worauf Costa anfing, mit seinem Taschenmesser sehr langsam Ingwer zu schälen und zu schneiden. Wir hatten echt Urlaub nötig!