08. Februar 2014 – Itzehoe – Lauschbar

Gemalt von saskia m. de kleijn

Der Koch im Café zeigt seinem Kumpel in der Pause ein Video, in dem eine Berliner Mädchengang eine Gleichaltrige zusammenschlägt. „Schlimm“, sagt er und schaut weiter auf das Handydisplay. Er lacht immer wieder kurz auf. „Schick mir mal den Link“, sagt sein Kumpel. Dann wischt sich der Koch die Hände ab und geht zurück in die Küche. „Ich muss jetzt noch das Geschnetzelte machen.“

Die Setliste des Abends

Am Hamburger Hauptbahnhof stehen sich zwei Gruppen gegnerischer Fußballfans gegenüber. Keine zehn Meter voneinander entfernt singen sich die HSV- und Hertha-Anhänger gegenseitig vor, wer von ihnen der geilste ist, und was sie mit den Müttern der anderen machen werden. Die Polizei steht in Kampfausrüstung ein paar Meter daneben. Ein Beamter isst eine Bratwurst und spricht ins Mikrofon. Am Ende des Abends hat der HSV wieder verloren, und die Fans greifen nicht die gegnerischen Anhänger an, sondern die eigenen Spieler.

Aufwärmen, Beatboys-style

Das Zimmer im Künstlerbereich ist über und über mit alten Kinoplakaten beklebt. „Kids“, „Ein Schweinchen namens Babe“, „Pulp Fiction“. Es sind die großen Hits des Arthouse-Kinos der vergangenen Jahrzehnte, aber auch Popknüller. Und beim Zählen fällt uns auf: Wir haben fast alle gesehen. „Die Poster sind super, oder?“, fragt unser Gastgeber Steffen. „Da hat man sofort ein Gesprächsthema beim Warten auf den Auftritt. Wir sitzen im ersten Stock eines alten Fachwerkhauses in der Itzehoer Innenstadt. Im Erdgeschoss ist die Lauschbar, ein Laden, der uns am Herzen liegt, bringt er doch Musik, Kunst, Zusammenkommen und gepflegtes Trinken in die Stadt. Itzehoe hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Ort entwickelt, wo wir Freunde wiedertreffen und sehr viel Spaß haben. So kümmerte sich die Künstlerin Saskia M. de Kleijn von der von uns gefeierten Kunstgruppe Secession! auch sofort um ein passendes Konzertplakat. Merci!

DJ MP3 und seine Hitz

„Hey, ich will jetzt ab und zu nach Konzerten auflegen. So wie das der geile Ole aus Berlin auf unserer Twisted-Chords-Tour immer gemacht hat.“ „Okay, Egge. Aber ich habe da keine Lust zu.“ „Aber ich muss doch Mixen lernen.“ „Ne, spiel einfach die Hits.“ „Ja, das ist geil. Ich mache einfach einen USB-Stick mit Hits, und dann feiern wir zu Rock, Pop, Hip-Hop, Techno – und Trash.“ „Vor allem Trash!“ „Ja!“ „Aber nicht, dass sich jemand dann noch Blümchen wünscht oder Scooter.“ „Geil, Blümchen und Scooter sind auf jeden Fall fest eingeplant.“
(Egge legt jetzt wirklich ab und zu nach Konzerten auf. Mit einem Laptop. Aber bitte nicht unseren DJ-Ultra-Freunden sagen, sonst sind wir durch in der Szene.)

Montag, 10. Februar 2014
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1. Februar 2014 – Hamburg

Samstag im HBF ist Selbstmord

„Der Rave war richtig geil.“ Die SMS verlässt mich gen Egge irgendwo zwischen Hamburg und Hannover in der niedersächsischen Pampa. Draußen Acker, Windkraftanlagen, die müden Restflecken eines Winters, der erst in ein paar Wochen in seine schmutzige, graue Hohephase steigt und uns wieder in die Bars, Saunen und Betten zwingt.

Egge habe ich auf dem Weg zwischen Gefahrengebiet Schanzenviertel, Großraumdisko Reeperbahn und Technoparty auf dem ehemaligen DDR-Schiff MS Stubnitz am Rande des Hamburger Eliteghettos Hafencity verloren. Er sitzt wahrscheinlich immer noch irgendwo in diesem Hafenbabylon Hamburg, hoffentlich warm, mit Tee oder so.

Die vergangenen Stunden rasen mal kurz durch meinen Kopf, während die medienschaffende Platznachbarin im ICE schon wieder Analysen liest, während sie eine NDR-Talkshow anschaut und SMS schreibt. Willkommen zurück im Neuen Preuszen. Adieu Wochenende.

Freund schaut zu

Hinter uns liegt eine Reise durch den kleinen Kosmos, den wir uns in den vergangenen Jahren erkämpft haben, dessen Freiräume immer wieder verteidigt werden müssen. Mit diesen Menschen, mit denen wir gerne Seite an Seite stehen für ein buntes, ein faires, ein spaßiges Leben. Am Samstagnachmittag ging alles in Hannovers Nordstadt los bei der Eröffnung einer Einkaufsgemeinschaft, einer Art Lebensmittelkooperative, die in anderthalbjähriger Anstrengung ertrotzt und erkämpft wurde und die jetzt mehr Nachbarschafts- und Gleichgesinntentreff zu sein, als nur ein Laden für ökologisch und fair erzeugte und gehandelte Lebensmittel. In dem Moment, in dem mich Egge dort abholte, begann wieder dieses nervöse Gefühl des Tourens, des Unterwegsseins, das doch irgendwie immer noch im Zentrum jeglichen Handels innerhalb dieser Band, dieser Freundschaft, dieser Partnerschaft steht. Dieses Gefühl, dass wir uns direkt aus den Büchern der Namensvorbilder Kerouac, Ginsberg oder Burroughs geklaut haben und das wir jetzt in diesem Teil Mitteleuropas erleben dürfen, der sich Deutschland nennt.

Nach der Zugreise nach Hamburg und dem Gefühl wieder mitten im ehemaligen eigenen Kiez zu stehen – beide lebten wir eine zeitlang in der Hafenstadt, die es Neuankömmlingen nie wirklich leicht macht – feierten wir den zweijährigen Einstand unserer Freunde A. und F. in ihrer Kneipe Feldstern, der letzte Rest schmutziger Punkerehre und Gerader-Rücken-Renitenz im Wellness-Einkaufszentrum Schanzenviertel. Bei veganem Stroganoff, Mexikaner-Schnäpsen und Punkrocklyrik feierten wir die beiden und ihr Team – standesgemäß, wie meine Großmutter sagen würde.

Am Ende hilft immer ein Kuchen

Eine Odyssee durch das Konzept Wochenende in der Hansestadt folgte, mit dem Ausweichen von Kotzflecken, Vollidioten, Abipartygangs auf St. Pauli, dem glücklosen Rubbeln von Ein-Euro-Losen, dem Genuss straßentauglichen Fastfoods, dem Belächeln von Kneipenweisheiten 21-jähriger Surfer-BWL-Studenten-Barkeepern und der anschließenden versöhnenden Verbrüderung mit diesen, dem Blick auf den Hafen mit seiner Geschäftigkeit, mit seinem Hang zum Pulsschlagen für das, was wir nur vage als Globalisierung aufgedrückt bekommen.

„Schau mal, ein Polizeikessel.“ „Ach, wieder nur die Touristen, die nicht wissen, dass sie am Samstag keine Glasflaschen auf den Kiez bringen dürfen.“ „Warum?“ „Weil das Waffen sind.“ „Gegen wen? Sich selbst?“

Ein kurzer Besuch bei einer Abschiedsparty von Jungjournalisten brachte nur wieder die Enttäuschung über zu hohe Preise für zu schlechte Drinks, über die Borniertheit von MP3-„DJs“ mit Bravo-Hits-Auswahl, über die fehlende Bereitschaft der sogenannten Leistungsträger, außerhalb der Fitnessstudios zu schwitzen, und selbst beim Tanzen gut auszusehen. Auch Spaß hat seinen angestammten Platz.

Irgendwo dahinten steht die Zukunft

Der nächste freie Blick dann auf die entstehende Hafencity von einem Kai aus gesehen, der in wenigen Jahren das neue Zentrum Hamburgs sein wird und dem nur noch die Zugbrücken fehlen. An dem an diesem Samstag ein ehemaliges Fischerboot angelegt hat, in dessen Bauch Deutschlands kultureller Exportschlager Techno in den unterschiedlichsten Facetten gottesdienstgleich zelebriert wird. Ein kurzer Seufzer über die Vitalität der Jugend, die da neben einem tanzt und um diese Uhrzeit viel fitter zu sein scheint, auch sicherlich mit der Unterstützung von IG-Farben-Nachfolgern.

Hamburg ist lange Zeit eine erstrebenswerte Idee gewesen, ein Ort, an dem wir einmal leben und arbeiten wollten. Jetzt habe ich das Gefühl, während das Gefängnis von Celle an mir vorbeirauscht, dass dieses Gefühl des Ankommens noch lange Zeit braucht und nicht an der Elbe sein kann und wird.

„Mir hat der Gin Tonic das Hirn geklaut, und meine Jacke habe ich auch verloren“, schickt Egge per SMS zurück. Alles wie immer also. Ich schalte die Musik in meinem Smartphone an und setze die Kopfhörer auf.

22./23 Mai 2013 – Fulda und Witzenhausen

Jäger gesucht

Der Hof der Hochschule in Fulda sieht aus wie eine Art Marktplatz: Roter Backstein, moderne Platzkunst, ein paar Bäume, am Ende der Glasbau der Mensa, mit eigenem Döner-Spieß, wie uns einer der Studenten stolz erklärt. Es sind Hochschultage, also strömen Hunderte Stundenten und Nicht-Studenten auf diesen Hof. Essen Knödel, Pommes, Wurst, afrikanische und indische Spezialitäten, vegane Burger, Schokolade. Dazu gibt es Shisha, Bier, Kümmel-Schnapps, Mexikaner und ein Wodka-Glücksrad. Egge gewinnt gleich erstmal drei Shots. Toll.

Reinigen, sich selbst

Die Hessen sind immer sehr freundlich zu uns. Ob eine Einladung, richtig einen drauf zu machen, in einem Klub, der Underground heißt. Tomatensuppe anbieten, die sehr lecker ist. Uns mit Kümmel abfüllen, während die DJs draußen den gewagtesten Mix der 80er, 90er und dem „Besten“ von Heute bringen. Uns mit wie Thee Infedels mit Ska-Core versorgen. Während des Auftritts auf die Bühne steigen, angeleitet Stagediven, uns anschreien, wir sollten nur ein Lied spielen, uns anschreien wir sollten lauter, schneller, mehr Bass spielen. Hach, die Hessen sind wirklich immer sehr freundlich zu uns. Doch bevor wir uns auf die Bühne stellen, schauen wir uns den „Zurück in die Zukunft“-Marathon im Café Chaos, dem selbst verwalteten Studentencafé an. Wir können fast alles mitsprechen, fühlen uns sehr alt und freuen uns auf den nächsten Besuch in diesem Fulda. Danke sehr!

Rasen, mähend

Witzenhausen ist wie Freiburg, nur mit schlechtem Wetter. Die Stadt ist gelebte Ökologie. Dank der Studenten, die hier unter anderem ökologischen Landbau studieren, hat sich hier ein kleines, grünes Zentrum gebildet – Experimente mit solidarischer Landwirschaft, der Transition-Town-Bewegung, Nachhaltigkeit, Ökologie inklusive. Dadurch ist eine entspannte, offene Stimmung entstanden.

Alles raus müssen

Gleichzeitig brauchen die Studenten vor Ort immer mal wieder Kultur, oder wie in unserem Fall, Beats, Bass, Gelaber. Im örtlichen Studentenklub machen wir die Einführung in die Elektrolyrik. Im Anschluss zerlegen dann Tokamak Reaktor den Laden. Tolle Jungs, geile Musik.

Alle Fotos zeigen Kleininserate in einem Supermarkt in Witzenhausen.

06. Oktober 2012 – Hamburg – Freigeistern

Vier Wochen Spielpause: Ich war im Urlaub, Egge hatte Geburtstag, viel ist passiert, das wir uns bei einer Weinprobe auf dem Galaostrich in Hamburg St. Georg zu erzählen haben. Markus Lanz macht nebenbei den Gottschalk. Auf der Straße schlängeln sich die Vollverschleiterten, die Bodybuildingschwule, die spanischen Gigolos und die Provinztouristen in Funktionskleidung hin und her. Scheiß Wetter.

Ein paar liebe Menschen haben in der Soul-Kitchen-Halle in Wilhelmsburg ein riesiges Eintagesfestival an den Start gebracht. Es ist voll, die Stimmung ist super, alles ist liebevoll dekoriert, ein Live-VJ verziert die Wände, die ein Live-Street-Artist übrig gelassen hat. Toll. Wir trinken Wein mit Genossen Andy Strauß (gemeinsame Musik wird geplant) und freuen uns, an diesem Abend an diesem Ort zu sein. Und dann Station 17, eine sogenannte integrative Band, bei der Musiker mit und ohne Behinderung zusammenspielen. Derbe erfolgreich, super nette Leute, die sich gegenseitig auf und in den Arm nehmen. Die elf Musiker klettern auf die enge Bühne und legen sofort los. Groove, Beat, Melodie – alles fließt. Das Publikum wartete scheinbar nur auf das Los, auf den durchgängigen Beat. Kissen werden zerrissen, es endet in einer riesigen Kissenschlacht, während die Band wirklich eines der besten Konzerte gibt, das wir in diesem Jahr gesehen haben.

Wir sollen den Zuschauern Sackhüpfen Schmackhaft machen, also auf den Beat alte NDW-Hits krakelt und ab geht’s. Ein besonders Frecher aus der zweiten Reihe ruft die ganze Zeit „Fickt euch!“, wir holen ihn auf die Bühne, lassen ihn stagediven. Er bedankt sich danach brav. Egge fällt von der Bühne, ich haue die Stromkabel raus, der Bass brettert – endlich wieder auftreten.

Der Feldstern im Schanzenviertel ist unsere Stammkneipe in Hamburg. Dort arbeiten viele Freunde, es gibt leckeres Essen und den besten Mexikaner. Den wir auch gleich netten niederländischen Touristen näher bringen, die auf Dienstreise („Irgendein Ministerium dort“) den Feldstern für sich entdeckt haben. Das kalte „Iz zis ze real stuff?“ der lockigen Fachreferentin wird mit zwei Schnäpsen gekontert, wenig später verschwindet sie für den Rest des Abends auf dem Klo. Ihre Kollegin bittet freundlich um ein Wasser, der Mexikaner hätte sie zerlegt. Mission in Hamburg Touristen abfüllen wieder einmal erfolgreich beendet. Wir gehen schlafen.

Am Ende stehen wir wieder im Zug. Es ist voll, Rentner beschimpfen junge Hip-Hoper, sie sollten Platz machen für richtige Deutsche, eine Frau fragt panisch jeden um sie herum, ob das ihr richtiger Zug ist, bevor sie ihren Freund zusammenstaucht. Babys kreischen, Hunde bellen, Pendler unterhalten sich über gesellschaftlich akzeptierte Methoden des Selbstmordes („Es gibt ja nichts aoszialeres als sich vor einen Zug zu schmeißen. Neulich musste ich schon wieder zwei Stunden warten.“).

26. Januar 2012 – Hamburg – Übel & Gefährlich

Falsch eingestiegen. Der Zug fährt nicht nach Hamburg, sondern nach Bremen. Weißte, klar. Am Nachbartisch im Bistro ballern sie sich jetzt schon die Weizenbiere. „Ist ja Feierabend, ne?!“ Und reden sonst über diese eine Tabledancebar. „Weißte noch, letztes Jahr Weihnachtsfeier. Sogar die eine Spießige war dabei.“ Schräg daneben geht’s um Krebs, immer wieder Krebs. Und dieses Fett in der Innenseite des Arms, das echt schlecht weggeht. Der einsame Typ an der Theke sieht aus wie ein ehemaliger Regierungssprecher, holt sich schon wieder eine Cola und löst Sudoku. Wir planen, das Dschungelcamp zu retten und im nächsten Jahr viel bessere Kandidaten einzuladen. „Wenn die Deutschen eins gelernt haben, dann Camps zu betreiben“, mischt sich der Sudoku-Nachbar ein.

Am Bremer Hauptbahnhof stehen die Menschen Schlange am Lottostand. Dicke Ziehung. Drei Jungs versuchen, Tabak zu kaufen und eine Bong. Scheitern. Die Rubbellose werden immer noch föderalistisch verkauft. „Nein, aus Berlin kann ich keine annehmen. Da müssen sie schon selbst wieder hinfahren.“ In der Lounge der Deutschen Bahn klaut wieder die gleiche Art von Geschäftsmann den Sportteil und verschwindet auf dem Klo. Legt den Zeitungsteil danach wieder zurück ins Regal und trinkt noch zwei, drei Gläser Cola. Ist ja im Preis mit drin.

In Hamburg-Harbug steigen die Vorstadtmuttis aus und die Flaschensammler ein. Man grüßt die Schaffner mit einem Nicken, greift locker in die Müllkörbe, langt hier und da nach halbausgetrunkenen Pfandflaschen und läuft schnurstracks ins nächste Abteil in der ersten Klasse. Ein Werbemann erklärt für den Rest des Bistros am Telefon sein kommendes Wochenende und mit welcher Frau und sowieso. Der Hauptbahnhof liegt hinter uns. Am Dammtor stehen die üblichen Studenten, gerade frisch aus dem Gender-Seminar. Theoriegestählt für die Dienstleistungsgesellschaft. Eine Station später erbricht man sich in die Schanze, die Großraumdiskothek mit Szeneschutz. Jungs mit vom Anwaltpapa geliehenen Bentley besuchen Deutschlands bekanntesten Burnoutgastronomen auf ein paar Fleischlappen. Der Mexikaner ist natürlich selbst gemacht und kostet auch nur stadtteilübliche drei Euro. Arschlochsteuer nennt sich das auf deutsch. „Donnerstag ist ja der einzige Tag, an dem man hier ohne die Vorstadtprinzessinen und die Bauern aus Niedersachsen feiern kann.“ Sagt es und verschwindet mit dem Aluminium im Haar wieder im Frisör. Ein Schwall Haarspray, fruchtiges Parfüm und Deephouse erbricht sich kurz durch die offene Tür auf die kalte Straße. Riecht und hört unsere Sophistication.

Egge schreit die erste Reihe an. Eine Frau greift ihre Handtasche ein wenig fester. Drei, vier in schwarz gekleidete Kunstinteressierte finden es verrückt. Nach acht Minuten geht es zurück hinter die Bühne. Ein riesiges Bild mit Bergpanorama, daneben das Fenster über der bekanntesten Jet-Tanktstelle Hamburgs. In der Ferne sieht man die Flugzeuge landen.

Wieder Mexikaner und Rotwein, den Psychologiestudentinnen nicht mal ihren Feinden anbieten würden. Ich lasse mir Bikram-Yoga erklären und antizyklische Zukunfsplanung in Fernbeziehungen. Der DJ arbeitet sich währenddessen durch die Jugendkulturen des zynischen Zeitalters: Dubstep, 80ies Pop, Schunkel-Hip-Hop. Irgendwer kennt irgendwen, der Menschen mit Methadonproblemen betreut hat. Die Geschichte über Neonazis geht um, die Stolpersteine klauen. „Ich starte jetzt ein Kunstprojekt. Jeder schenkt mir einen Euro und davon kaufe ich das ganze Stadtviertel. Dann lasse ich hier nur noch nette Leute wohnen und die ganze Gentrifizierungsdebatte ist vorbei.“ Als wir auf die Straße gehen, fängt es an zu schneien. Endlich Winter.

16. März 2011 – Jeder Stadt seinen Kurzen

In jedem Dorf, in jeder Stadt gibt es ein Getränk, das Kult ist, das jeder trinken muss, um dazuzugehören. Hier eine kleine Auswahl:

Polnische Rakete / Leipzig
Himbeersirup, Tabasco, Wodka

Mexikaner / Hamburg
Tabasco / Korn / Tomatensaft / Extras

Ölfelder / Hannover
Das Ferkel: „Erst 1/3 43er, dann 1/3 Sambuca und dann 1/3 Jägermeister. Es ist zudem wichtig, sie sehr vorsichtig einzugießen, und alle Zutaten sollten eiskalt sein, damit sie sich nicht vermischen.“

Gisela / Leipzig
x

Trümmerling / Dresden
Kümmerling im Februar

Kaffee Kairo / in Jena erfunden
Egge: „Kaffee mit Schnaps und das Ganze anzünden.“

Welche kennt ihr?

Egge zieht Bilanz: Ein halbes Jahr in Listen (und Costa?)

Achtung Halbzeit:

Zeit innezuhalten und sich an die schönsten Momente des Jahres 2010/2 zu erinnern. Es beginnt harmlos. Die Top-10-Konzerte:

  • Jan Delay in der Color-Line-Arena in Hamburg (mit Bo und Udo als Special-Gäste): Ganz große Nummer mit mehr als 12000 Gästen.
  • Jan Plewka singt Rio Reiser in Oldenburg: Spontan hingefahren und auch wenn mal jede Geste langsam auswendig kennt, immer wieder Gänsehaut. Unvergessliche Nacht.
  • Scorpions in Leipzig Arena und der Tui-Arena in Hannover: Ja gleich zweimal und ja, weils einfach gerockt hat. Keine Balladenband nimmt da Abschied, sondern echte Rock’n’Roller.
  • Dyse im Hamburger Hafenklang: Meine Herren können die Gas geben. Selten so mitgerissen worden.
  • Le Truc im Störtebecker Hamburg: Das Seitenprojekt von Antitainment stellte sich vor und hinterließ 30 Minuten Schredderschneise im Publikum. Wahnsinnige Show.
  • Gladbeck City Bombing in irgendeinem Backstageclub auf der Hamburger Reeperbahn: Sie wickeln sich mit Gaffa ein und behängen sich mit Tape-Bändern und spielen dazu rüden Elektro. Oha, die kriegen den Verrücktenbonus. Sehr geil.
  • Chumbawamba in der hannoverschen Glocksee: Weils einfach schön ist. Die Leute von der Insel haben schon jetzt Songs zum Tod von Maggie Thatcher.
  • Active Minds in der Hamburger Lobusch: Rüder Punk von zwei Urgesteinen des Punk. Und wenn die alten Säcke auch noch ihre Shirts lüften und nur Fett und Schweiß wabert, ists eklig, aber auch irgendwie schön.
  • Images in der hannoverschen Korn: Weil de Genossen mal richtig rocken!
  • Uiuiui auf der WG-Party in Lüneburg: Weils kruder Elektropunk ist und ein gelungenes Seitenprojekt von Naomi Go! Go! Wenn ich mich nicht täusche. Sehr lustig.

Die Top-10-Kultur-Ereignisse:

  • Die Deichkind-Operette im Hamburger Kampnagel: Noch nie habe ich gesehen, wie sich eine erfolgreiche Band so schonungslos ehrlich selbst entzaubert hat. Danke für diesen Abend!
  • „Mohammed TV“ in der hannoverschen Glocksee: Packendes, verstörendes Theaterstück über Ängste und Panik. Großartig!
  • „Auto! Auto!“ im hannoverschen Pavillon: Zwei Percussionisten zertrümmern einen Opel und spielen mit Vorschlaghammer Tschaikowski drauf. Hatte ich noch nicht gesehen und habe nur gelacht.
  • Galerie-Entdeckung für mich: die Hamburger Urban-Art-Galerie „auf halbacht“
  • „Hören 2010“: Was als Eurovision Song Contest für hannoverschen Musikhochschüler gedacht war, entpuppte sich als echte Talentschmiede.
  • Jason Dodge im Künstlerhaus in Hannover: Ja, der Typ hat ne Macke. Er wirft Silberbarren durchs Fenster und nennt das Kunst. Super Ideen.
  • „Nipple Jesus“ in der Cumberlandschen Galerie in Hannover: Weils einfach ein richtig guter, unterhaltsamer und nicht blöder Abend war. Sehr geil.
  • „Anders Festival“ im Hamburger Haus 73: Weil ich zu spät zu diesem sehr schönen Festival kam, gabs nur noch Getränke und tolle Gespräche. Leider waren zu wenige Gäste da, das Programm war der Hammer!
  • Subway to Sally im Capitol Hannover: Weils skurril war und nicht wirklich in die Top-Ten-Konzerte gepasst hätte
  • Sin Nombre: Weil zumindest ein Kinofilm in dieser Rubrik auftauchen sollte.

Die Top-10 der skurrilen Ereignisse:

  • „Zeiten ändern dich“-Vorabpremiere in Hamburg: Gott, Bushido!
  • Das „Supertalent“ in der hannoverschen AWD-Hall: Sorry, Carlotta
  • Karneval in Hannover: Alaaf!
  • Ben Becker liest in der hannoverschen AWD-Hall die Bibel: Gott!
  • De Höhner im hannoverschen Aegi: Kölsches Schunkelchaos an der Leine
  • Das Theatererlebnis des Graffitimuseum in der Cumberlandschen: war leider keins.
  • Corvus Corvan oder so im Musikzentrum Hannover: Mittelalterlangeweile mit hübschem Drummer.
  • Schiffrundfahrt an der Autostadt Wolfsburg: Bitte!
  • Der Beatpoeten-Auftritt in Lüneburg, als ein DJ uns von der Bühne drängen wollte
  • Die Wailers im Musikzentrum – ganz düster

Die Top-10-Geschichten für die Zeitung

  • Die Lena Meyer-Landrut-Geschichte: Weils mich nach Köln und Oslo gebracht hat, weil ich ein wenig zuschauen durfte, wie Stars geboren und gemacht werden, weils traurig macht und ein wenig auf einen selbst zurückwirft. Die wichtigste Frage für mich: Warum brauchen wir eine Lena? Welche Bedürfnisse spricht sie an, was projizieren wir alles in sie hinein, wie soll sie alle Wünsche befriedigen? Und warum nehmen wir uns nicht einfach, was wir in ihr vielleicht suchen? Darum Platz eins.
  • Wetten, dass..?: Weils für mich Anlass war, über den neuen Samstagabend-Moderator nachzudenken. Wird Raab der neue Gottschalk und was heißt das? Spannend.
  • John-Raabe-Porträt: spannender Mensch, der Enkel vom Schindler in China. Film mit Tukur schauen und dann mal den Raabe-Enkel im Netz googeln. Sehr interessant.
  • Die Cyril-Krueger-schaut-zurück-Geschichte: Der Mucker schaut auf die drei Monate „Unser Star für Oslo“ zurück und reflektiert den ganzen Hype um Castingshow, die TV-Auftritte und die Werbemühle.
  • DJ-Bobo-Interview: Weil der Typ seit vier Jahren für die UN-Hungerhilfe malocht und gern im Iran spielen würde – die Jugend stehe dort auf ihn. Er verpackt seine Botschaften („respect yourself“) in den Lieder und ist selbst angepisst, dass er immer nur als Gute-Laune-Bobo wahrgenommen wird.
  • Jeanette-Biedermann-Interview: Weil sie eine Stunde darüber reden kann, dass sie wirklich macht was sie will. Und dann gabs eine persönliche Geschichte und sie sagt die Tour ab. Interview erschien nicht.
  • Die vielen kleinen Begegnungen, die einen mehr prägen als man anfänglich denkt: der Tänzer und Choreograph Felix Landerer, Tobias Schlegl, Wüstenforscher Michael Martin, Schauspieler Kai Wiesinger und Autor Wolfgang Hohlbein.
  • Rio Reiser soll umgebettet werden! Die Möbius-Brüder haben keine Kohle mehr für Fresenhagen, also soll der Ton Steine Scherben-Hof verkauft werden. Weil Rio mit Ausnahmegenehmigung im Boden liegt, müsste er bei Verkauf raus! Wahnsinn!
  • Für den 7.-Tag hab ich die Geschichte der Drückerstuben aufgeschrieben, habe mit Abhängigen gesprochen, mir Druckstuben angeschaut und mit den politischen Kämpfern dafür geredet. Wahnsinnig interessant. In Hamburg sind noch heute Spritzenautomaten verboten, obwohl es viele Leute vor Infektionen schützen könnte. Schill hatte die damals verboten. Mittlerweile regiert in HH schwarzgrün. Keine Änderung.
  • Ich durfte über die Peter-Lorenz-Entführung genauso schwadronieren, wie über die Bierkrawalle im Vormärz, Pacman und Deep Throat. Ich mag die Rückspiegel-Rubrik. Danke für jede Rückmeldung von Euch zu meinem Broterwerb!

Einfach 10 Dinge, die ich gelernt oder die mich bewegt haben – die Reihenfolge entspricht dem Zufall

  • Ich habe einen Steuerberater
  • Ich kann Mexikaner trinken ohne zu kotzen
  • Die Ostsee lässt mich nicht los. Ich muss da oben dringend was klären. Solange findet ihr mich dort, immer wenn ihr lange nichts von mir gehört habt
  • Reality Bites wird immer mehr und mehr zu meinem Lieblingsfilm
  • Es ist höllisch schwer über Freunde und Bekannte zu schreiben. Sorry Enzo. Ich mach sowas in Zukunft einfach nicht mehr.
  • Es ist großartig, gute Freunde zu haben – auch wenn man manche sehr selten trifft. Danke! Und danke dir, Herr Costa!!
  • Die schönsten Dinge 2010: Wunderkerzen, Sonne und Hotelfrühstück
  • Es ist wirklich so, dass das Leben funktioniert wie ein komliziertes Stück Kunst. Manchmal reicht ein Schritt zurück, um den Maßstab zu verändern. Und dann zählt nur das Bauchgefühl.
  • Es macht Spaß zu Hause zu sein, wie es Spaß macht, unterwegs zu sein. Und ich mag Hamburg.
  • Manchmal ist weniger mehr.

Die Top-10 der Eggeauftritte – ohne zwingende Reihenfolge

  • Ich schreib einfach mal pauschal alle Slams mit Henning in der Faust. Weils einfach auch nach sechs Jahren Spaß macht. Auch wenn wir viel lästern, wir mögen die Auftretenden wie die Zuschauer. Es bleibt eine Leidenschaft bei aller Routine. Gilt auch für Bad Münder und Celle.
  • Einziger Ausnahmeslam: die Nummer in der Oper Hannover. Vor 1200 Leuten moderieren ist schon geil.
  • Und noch ein Slam: diesmal Jena. Weils ne Ausnahme war, aber für Martin und die DB-Schlafwagen mach ich immer wieder eine. Das gilt auch für den Slam von Felix Römer in Kassel.
  • Die Moderation vom Projekt „Yes, we can“ – eine Podiumsdiskussion mit ner Menge Politiker zum Thema Integration
  • Die Moderation der Reihe Cinema Global zum Thema Graswurzeljournalismus mit Graswurzel.tv und Kanak.tv. Sehr spannend.
  • Die Moderation vom ZiSH-Schreibwettbewerb. Weils mir tatsächlich immer noch Spaß macht.
  • Die Lesung in der Hinterbühne in Hannovers Südstadt. Sehr intim.
  • Die Lesung beim Kulturkiosk. Thema: Lena & ich. Das war wirklich schön und hat mich ziemlich berührt.
  • Die Moderation des 1. Mai-Fest bei Faust in Hannover. Immer wieder schön. Bühnenanarchos tanzen zu Pipi Langstrumpf. Das findet nicht jeder gut.
  • Die Moderation des Autofreien Sonntag in Hannover. Boh, macht das Laune!

Soweit. Die Auftritte der Beatpoeten machen wir mal extra.
Danke für das erste halbe Jahr!
Danke Euch!!