4. und 5. Mai 2012 – Bremen und Leipzig

Kalt ist es auf dem Oberdeck der MS Stubnitz im Bremer Hafen. Das Partyschiff liegt normalerweise in Rostock. Aber für wenige Wochen ist Bremen sein neuer Hafen und für uns die erste Station an diesem Wochenende, an dem wir unser neues Album „Man müsste Klavier spielen können“ präsentieren dürfen. Im Bauch des Schiffs ist nämlich eine Disko untergebracht, die manchen Großstadtklub fast nebenbei verblassen lässt.

Die Crew nordet uns sofort ein: „Nein, ihr seid noch nicht betrunken, der Boden ist schräg.“ Bordhund Krause nutzt seine großen Augen schamlos aus, um zu gieren. Und Hauptact Hasenscheisse macht uns eifersüchtig, weil sie besser riechen, besser aussehen, richtige Instrumente spielen und richtige Witze machen können. Tolle Jungs!
Wir werden am nächsten Morgen wach, als ein Ausflugsdampfer die Weser entlang schippert. Die Wellen bewegen das Schiff sanft. Von der Koje aus sieht man das Wasser und ein Segelboot. Draußen riecht es nach See und nach dem Hopfen der Brauerei gegenüber.

Es ist Samstag. Die Deutschen verbringen diesen am liebsten im Stadion, im Baumarkt und in irren Gangs mit abgestimmter Kleidung als Junggesellen(innen)abschied. Acht dieser volltrunkenen und zwangslustigen Rudel begegnen uns auf dem Weg vom Bremer Hafen bis zum Atari in Leipzig. Sie tragen grüne Perücken, Wikingerhelme, Elfenantennen, gleiche T-Shirts auf denen „Was, Tino heiratet? Ich bin nur zum Saufen hier“ steht oder auch mal Fantasieuniformen. Die Kleidung der Junggesellen und Jungesellinnen schwanken zwischen Dorftrash und germanischem Prolltum. Eine Folter für die Tragenden und uns sind sie immer. An dieser Stelle soll das Phänomen noch einmal gesondert betrachtet werden.

In Leipzig-Reudnitz kann man schonmal auf die Fresse kriegen. Von Nazis oder Prolls. Oder Prollnazis. Der Stadtteil wurde weltberühmt durch Clemens Meyers „Als wir träumten“ – meine Einstiegsdroge, als ich 2010 nach Leipzig zog. Knapp zwanzig Jahre nach der Wende taten sich hier einige Menschen zusammen, um mit dem Atari ein eigenes, autonomes Wohnprojekt zu starten. Wir durften bei der Vierjahresfeier am Samstag zwischen Punkbands und DJs aus Tel Aviv die Brücke schlagen. Eine riesige Bambule im Keller und in der Wohnung darüber. Für Vierjährige war das Atari ganz schön frech zu uns. Dafür gibt’s das nächste Mal Wunderkerzen und Kuchen.

sta

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08. Oktober 2010 – Magdeburg – LIZ

Mehr als fünf Jahre ist es schon her, dass Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle verbrannt ist. Die Umstände sind bis heute ungeklärt, aber die Faktenlage höchst brisant. Damit sein Tod nicht in Vergessenheit gerät, hatte das Libertäre Zentrum in Magdeburg zu einem Infoabend mit anschließendem Konzert eingeladen. Wir durften dort spielen, gemeinsam mit den coolen Boys von Meier und Erdmann.

Es war das erste Konzert seit anderthalb Monaten, während unserer Spielpause hatte der Herbst die Bäume gefärbt und unsere Lebensmittelpunkte ein paar hundert Kilometer auseinander gerissen. Umso mehr freuten wir uns, dass vor der Bühne noch eine Menge Leute standen, die uns beim Quatschmachen zusehen wollten.

Das Libertäre Zentrum ist seit ein paar Monaten legal, die circa zwanzig Bewohner Besitzer ihres tollen Hauses. Draußen wachten zwei kräftige Jungs, weil der letzte Nazi-Angriff keine zwei Wochen her ist. Im Hof stand schon das Holz bereit, mit dem im Winter die Kessel beheizt werden. Einer erzählte von einem Besuch des SEKs bei ihm auf dem Bauwagenplatz und in der Küche brutzelten leckere Veggie-Burger in der Pfanne. Zwei Skins machten Pogo auf dem Perserteppich und hauten einen um, dem vor ein paar Tagen der Hund weggenommen wurde, und eine junge Dame war extra aus Leipzig gekommen und verbrachte die Nacht auf dem Bahnhof Magdeburg , wenige hundert Meter von der Truppe großer, kurzhaariger Männer, die auf ihren schwarzen Jacken dick „Sicherheit“ stehen haben. Nach dem Konzerten entschwanden wir in die Nacht, hörten laut alte Punk- und Technohits und landeten irgendwann in einer Kneipe, in der es nach vier Uhr noch Pommes gibt und der Besitzer weiß, was er bringen soll, wenn man „Lütje Lage“ bestellt.