Sommer 2015

Kennen Sie diese Pinguine?

In Deutschland brennen wieder Heime. „Besorgte“ Bürger zeigen ihre hasserfüllte Fratzen in die Kameras und brüllen die Stimmen der Vernuft nieder. Während der Klimawandel das Wetter heiß und trocken macht und die Medien die besten Tipps gegen Wespen sammeln, schleichen durch die Städte Gestalten, die mit Schaum im Mund ihre vermeintliche Überlegenheit zelebrieren. Doch es gibt auch die vielen positiven Meldungen und Fotos von Menschen, die Geflüchtete versorgen, aufnehmen, mit ihnen ihr Essen, Wohnung und Zeit teilen.

Und wir stehen irgendwo auf einer Bühne, machen unsere Musik, ein paar Witze, tanzen, lachen. Steigen in München nackt in die Isar, gehen immer wieder in der Ostsee baden, feiern auf dem Platzprojekt in Hannover das bunte Leben im Container, machen Freestyle-Rap auf dem Bauwagenplatz in Erfurt mit unseren Braunschweiger Freunden von Kackschlacht, trotzen dem Sommersturm im Nexus bei der Punk-Lesung und machen Emo-Selfies mit Mülheim Asozial, erklären beim Geburtstag des AJZ Neubrandenburg, wie die Jugend dank Texten von Kollegah oder Haftbefehl besser mit Konflikten bei der Arbeit, in der Uni oder im Plenum umgehen, gehen im Tollensersee baden (immer wieder toll!), machen beim Openflair Teenie-Trinkspiele mit dem Lumpenpack und Rainervonvielen, lernen viele tolle neue schlechte Witze beim Sommerfest des SZ Norderstedt und schaffen es endlich in die schöne Stadt Schwerin zum Sommerfest des Komplex.

Dazwischen turnen wir auf dem Ajuca herum und bringen jungen Menschen Nachhaltigkeit bei, fahren durch Südeuropa, jagen Wellen hinterher und treffen immer wieder die tollsten Menschen. Während in den Medien Europa totgeschrieben wird, erfahren wir Hilfsbereitschaft, Liebe, menschliche Wärme, tolle Ideen und Kultur, die einen morgens aus dem Bett aufstehen lässt. Der Sommer ging viel zu schnell vorbei. Wir sind unendlich dankbar. Immer noch. Mit so einem aufgefüllten Herz kann uns der Herbst nichts!

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Juni 2015 – Braunschweig und Potsdam

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Diese Menschen immer. Die so nett sind, dass wir uns immer wieder freuen, sie irgendwo in der Weltgeschichte zu treffen. Zum Beispiel diese eine Band aus München, mit dem abgefahrenen Namen: Todeskommando Atomsturm. Münchens heißester Punkscheiß, korrekte Kerle und eine korrekte Frau. Auf der Bühne wie wilde Derwische. Und gute Haare haben die auch alle. Und gesundeHaut. Unfair ist das. Im Braunschweiger Nexus durften wir nach langer Zeit mal wieder die Bühne mit unseren Label-KollegInnen teilen. War geil. Im Oktober spielen wir mit denen beim diesjährigen Twisted Chords-Label-Festival in Leverkusen. Sehr sehr geil.

Und dann diese anderen Menschen, die man kennen- und sofort liebenlernt. Mit ebenfalls abgefahrenen Namen für ihre Band: Ich meine, wer kommt denn auf Kackschlacht? Für uns Hannoveraner ist die Sache klar: Die müssen aus Braunschweig sein. Sind sie auch und standen ebenfalls im Nexus mit uns auf der Bühne. Und haben gerockt, alterverfalter. Neue EP, diesdas. Jungs und Mädchen, schaut sie euch an, bevor sie wegen des Ruhms durchdrehen und auf Youtube eine eigene Sendung bekommen. Jetzt wo der Raab weg ist.

Noch ein Satz zum Nexus: ja, das war dieser wunderbare Laden in Braunschweig, der uns schon 2008 eingeladen hatte. Damals hat Egge seine Texte noch abgelesen und wir liefen als Hörspiel. Egge hatte da auch vorher mal mit Steven Gedichte gelesen und traf Leute wie Axel Klingenberg und Daniel Terek, die alte Bumsdorfer Gerüchteküche-Bande halt. Damals wurde noch viel saniert. Heute gibt es Bandwohnungen und ein Dachstuhl mit Sonnenbänken, also Bänke mit echter Sonne. Da ist mächtig was entstanden. Schön! Danke L. fürs Vertrauen!

Ein paar Tage später sitzen wir brav auf einem Sofa in Potsdam und rezitieren vor dem vollen Saal des Kuze mal wieder die gesammelten Werke der Punkerlyrik. Seit zwei Jahren machen wir den immer gleich schlechten Witz, dass diese Texte ja eigentlich der beste Lernstoff für die Schule wären. Und zack, sitzt da eine 11. Klasse im Publikum und freut sich, dass wir ihnen die prüfungsrelevanten Inhalte so zielgruppenorientiert verabreichen. Hat das Studium ja doch was gebracht. Nur mit dem Schnaps, das war dem Lehrer vielleicht doch nicht so geheuer. Dafür war sogar die Presse da, soff und analysierte den Auftritt fachgerecht. Wahnsinn! Was bleibt? Noch ein paar Grüße gen AStA, Uhlandstraße, Spartacus & Freiland. Ihr wisst schon, wer alles gemeint ist. Ganz MV in Brandenburg eben.

PS: Wer den Text von Knochenfabriks „Filmriss“ nicht mehr, ähem, zusammenbekommt, kann ihn in Potsdam aufm Klo nachlesen. Bildung, ey.

13. und 14. Februar – Hamburg und Leipzig

Hamburg darf sich für Olympia bewerben. Das bedeutet mehr Stadtentwicklung. Das bedeutet für uns ein paar Abschiedstränen, weil wir die schöne Stadt an der Elbe immer weniger erkennen. Es war schön mit dir. Gut, dass es noch Projekte wie die Villa Dunkelbunt gibt, die die Stadt lebendig halten. Schön, dass es euch gibt!

In der "Zeit"
„Weißt du Egge, mit deiner Frisur und der neuen Brille siehst du aus wie der neue Deutschlehrer am Gymnasium, in den sich alle verlieben.“ „Ich und Deutschlehrer?“ „Ja, der heiße neue Deutschlehrer.“

Obama und der Soli…

Im Zug nach Leipzig sitzen sonnabends nur Menschen, die arbeiten. Oder schlafen. Oder im Schlaf arbeiten. Wir gehören dazu.

Teddybär!

Folgende bekannte Menschen haben wir in Leipzig gesehen, und das hatten sie an: Clemens Meyer (beigefarbene Übergangsjacke, blaues, eng anliegendes Jeanshemd, Gesamteindruck: ehemaliger Sportlehrer, der in Leipzig hängen geblieben ist). Thomas Meinecke (nato-olives Hemd, ernstes Gesicht). Flake (Felljacke, Jogginghose mit goldenen Adidas-Streifen, Handtasche mit Puscheln). Jens Friebe (wie Egge, nur ohne Brille und Bart und anderer Nase). Jürgen Elsässer (Gesamteindruck: verwirrt, hat mindestens zwei Weltkriege verloren).

Jeder Briefmarkenautomat in deutschen Innenstädten ist kaputt. Gut, dass es nirgendwo Filialen gibt. Ohne die Post wären wir noch nicht so weit bei der Digitalisierung.

27. und 28. Februar – Leipzig und Hamburg

Dem Klaus sein Haus…

Reudnitz, Perle von Leipzig. An der Bushaltestelle sitzen die Jungs mit den Deutschland-Cappies und der Thor-Steinar-Jacke und machen Spuckefützen. Ein paar Meter weiter exen zwei Jugendliche gerade eine Flasche Pfeffi. Das Klaushaus ist direkt voll. Zahlreiche kritische Menschen lauschen andächtig unserer neuen Lesung „Opfer lesen Battle-Rap“. Besonders bei der Zurschaustellung vermeintlicher maskuliner Stärke wird gekichert. Eine tolle Premiere. Dann verlieren sich die Erinnerungen. Wir waren wohl zu aufgeregt. Kultur in Reudnitz kommt. Wir bekennen uns schuldig als Teil der Gentrifizierung und essen zur Nachtruhe noch schnell Veggie-Bratwürste.

Egge und Essen

Hauptbahnhof Bitterfeld, leerer Himmel, blühende Landschaften. Eine bayerische Frau empört sich, dass nicht angezeigt wird, wo sich die erste Klasse des Zugs nach Hamburg befindet. Sie motzt und gibt gerne die arrogante Wessi. Der freundliche Sachse mit der Baskenmütze neben ihr nimmt ihr erst die Wut und erklärt ihr dann in wenigen Sätzen den Strukturwandel seit den 1950er-Jahren. Ein Gleis weiter stehen die Polizisten in Kampfanzügen. Hansa Rostock spielt heute in Halle. Ein typischer Samstag halt.

Du bist, was du isst.

Im Zug setzt sich keiner neben uns, weil Costa die ganze Zeit seine vergoldete Panzerkette von der Hip-Hop-Lesung trägt. Die hat als Meterware im Baumarkt immerhin 1,56 Euro gekostet. Draußen scheint die Sonne. Wir holen uns die praktischen Lebenstipps wieder einmal von Donald Duck.

Bekennende Donaldisten

In Hamburg scheint immer noch die Sonne. In Hamburg! Also schnell Veggie-Schnitzel in unserer Lieblingskneipe, dem Feldstern auf der Schanze, dann ab an den Hafen. Doof auf Schiffe gucken, sonnen, nachdenken, sich freuen über so ein anstrengendes Tourwochenende. Läuft bei uns.

Poet vor Flusslandschaft

Im Centro Sociale ist Geburtstagsparty, und wir dürfen den Opener machen. Viel Bumbum, einige wirbeln ihre Haare durch die Luft. Dann ist wieder alles vorbei, und wir trinken Cocktails mit Radieschen und Basilikum. Ein tolles DJane-Duo legt Hip-Hop auf. Samstagabend in Hamburg. Eine krasse Woche geht mal wieder vorbei, und wir planen die Aufnahmen der letzten Lieder fürs neue Album. Arbeit, ne?!

27. Februar 2015 – Leipzig – Die neue Lesung

 Am Freitag feiert unsere neue Lesung in Leipzig (Klaushaus) Premiere. Hier alle Infos.

Achtsamkeit, Selbstbehauptung und Perfomance-Enhancing – das literarische Motivationsseminar mit Texten von Haftbefehl, Massiv bis Torch

Harte Typen

Die Menschen der Generation Y haben viele Fragen: Wie lässt sich das eigene Potencial im härtesten Business steigern? Wie funktionieren Innovation und Kreativität unter konstantem Stress und trotz Anfeindungen der Mitbewerber? Wie schafft man es, mittels Rhetorik den besten Benefit für sich herauszuholen? Wie gelingt die Performance trotz atemraubendem Konkurrenzdruck? Und wie lässt sich die eigene Persönlichkeit raumfordernd am besten platzieren?

Die Antworten dazu haben die Achtsamkeitstrainer der Beatpoeten in den Texten der großen Poeten des sogenannten Gangster-Raps gefunden. Am Beispiel von Liedern und „Punch-Lines“ werden neue Trends und alte Weisheiten im Bereich motivierende Kommunikation, innovative Vertriebstechnik und Hardselling à la Martin Limbeck gebündelt und realitätsnah präsentiert. Vergesst Neurolinguistisches Programmieren, das Achtsamkeittraining von Kabat-Zinn oder die Kampftherie von Sun Tzu: Schnellsprecherschlüsselcodes von Kollegah oder Haftbefehl-Haikus versorgen den zweifelnden High Potencial von heute mit den passenden Soft Skills.

Sie stellen den Kunden 3.0 vor, der gut informiert gekonntes Storytelling einfordert. Der Business-Punk von heute verkauft Lehrern Spaziergänge statt Hundeleinen und Dose, Döner und Delle billiges Bier als (Sterni-)Statussymbol. Die Vokü läuft scheiße? Wie wäre es mit einer Front Cooking-Station als Highlight der lokalen Eventgastronomie? Das Plenum zu lahm? Vielleicht kann ein High-Performer-Panel neue Fields of Action aufzeigen? Die Autonomen immer älter? Zeit für ne vitale Incentive-Lustreise!

Marketing-Experte Jan Egge von Sedelies und Nachhaltigkeitsberater Costa Carlos Alexander entschlüsseln den Kern dieser bislang unterschätzten Philosophie und zeigen die Anwendung beim alltäglichen „Hustle“ mit Staat, Stress und Steuerabrechnungen. Taucht mit ab in eine Welt der harten Typen und tighten Girlz. Eine Welt des Posing und Fronting, wo Wackness keinen Platz hat und Toys gnadenlos abgehängt werden.

Die Texte werden mit modernsten Performance-Techniken näher gebracht. Dazu gibt es grünen Tee und glutenfreie Kekse. Um die passende Abendgarderobe wird gebeten. Im Anschluss an den Front-Workshop wird es die Möglichkeit zum Netzwerken geben.

Hier die Termine. Anfragen an Ayse Hogefeld unter beatpoeten(ät)googlemail(punkt)com

25. Oktober 2014 – Oer-Erkenschwick – Allende-Haus

Nie wieder Krieg!

Das Allende-Haus steht irgendwo am Rande des Ruhrgebiets. Der Ort heißt Oer-Erkenschwick. Wenn man aus dem Fenster schaut, sieht man Hügel, Wälder, herbstlicher Nebel. Dick, wabernd, grau. Kalte Wassertröpfchen, die unter den Pulli kriechen.

Der Beginn

Drinnen strahlen einen fremde Menschen an. Lächeln, klopfen auf die Schulter, stoßen mit ihrem Bier unsere Gläser an. Erzählen vom Rennen gegen Mauern, von Kämpfen, von Engagement in Regionen, die von der Politik aufgegeben wurden. Von Alternativen zum Leben, zum Lieben, zum Arbeiten. Die Falken haben sich zu einem Herbsttreffen verabredet, und ein Freund feiert Geburtstag. Aus den Boxen kommt ein Lied, dessen Refrain sich immer wiederholt: „Arbeit, Leben, Zukunft“.
Ein wenig später wird die Uhr zurückgestellt. Wir bekommen eine Stunde geschenkt, heißt es. Aber die verlieren wir in ein paar Monaten wieder. Das Archiv im Haus ist die größte Sammlung der deutschen Arbeiterjugend. Ich verliere mich in den Fotos aus den 1920er-Jahren. Lauter lächelnde, aber auch ernste Menschen. Wenige Jahre später sind viele von ihnen tot, geflohen oder vom Nazi-Terror verschluckt. Das tut weh. Gerade weil am Sonntag dann Tausende Neonazis in Köln aufmarschieren und zeigen, wie groß die Bedrohung durch Faschismus immer noch ist.

Das Ende

Für einen Moment müssen wir die ernsten Hintergründe vergessen. Unser Job ist es, Menschen zum Lachen zu bringen an diesem Abend. Also ziehen wir uns zurück und machen unsere Atem- und Gesangsübungen. Konzentriert und mit freiem Kopf und offenem Herzen gehen wir dann zu dem, was heute Abend die Bühne sein soll. Wir ordnen unsere Papiere, trinken einen Schluck. Dann grinst Egge mich an. Wir setzen uns hin, machen die Mikrofone an, schauen auf unsere Zettel und lesen. Und es ist schön. Eine schöne, kleine Flucht aus dem Herbst.

19. Juli 2014 – Berlin – Brunnenstraßenfest

Brunnenstraße, Berlin, Juli 2014.

„Und jetzt alle mitmachen. Einmal antifaschistisches Mitklatschen und Mitschunkeln.“ Die Menschen auf den Bierbänken vor der Bühne schauen uns irritiert an. Nein, wir wollen sie nicht verarschen. Aber ein Konzert, bei dem die meisten Menschen einfach gemütlich beim Bier zuschauen und nach jedem Lied brav jubeln, das macht einfach keinen Spaß. „Wenn ich blute, müssen die anderen auch bluten“, raunt mir Egge zu, und ich drehe die Lautstärke höher und lege einen Effekt auf den Bass, der ihn verzerrter und tiefer macht. Geheimwaffe, denke ich. Die Menschen vor der Bühne stehen auf und tanzen mit. Die Sonne geht gerade über den Dächern von Berlins Mitte unter. Der ganze Hof ist voll und alle sind gut drauf. Ich muss lächeln.

Das Hausprojekt in der Brunnenstraße in Berlin-Mitte ist eines der letzten Überbleibsel aus der Zeit, als Berlin noch nicht der feucht gewordene Traum sämtlicher sogenannter Immobilien-Entwickler war. Als hier die Kellerklubs, Hinterhof-Ateliers und spontanen Ausbrüche des kreativen Chaos den Ruf begründeten, auf den heute Arte-Dokumentationen und Zeit-Magazin-Bilderreihen aufbauen. Das Hausprojekt mit seinen Hunderten BewohnerInnen ist eine letzte Insel in Mitte. Und das Heim vieler unserer Freunde. Und einmal im Jahr wird dort ein Hoffest gefeiert. Mit Theater, Musik, geilem Essen, tollen Leuten. Wir durften lesen und Musik spielen.

Und zum Schluß sitzen wir mit Gin-Tonic am Rosenthaler Platz. Um uns die Hipster und Touristen auf der Suche nach The-Berlin-Experience. Der Fernsehturm leuchtet. An einer Fassade steht: „Dieses Haus stand früher in einem anderen Land.“ Wir lächeln uns kurz an. Die Zeit bleibt für einen kurzen Moment stehen, und alles ist an seinem Platz.